ZEIT, DIE FLÜGEL AUSZUSPANNEN
Mama, wir bringen dir die kleine Anni vorbei, sie wollte noch draußen spielen, pass auf sie auf, ja?, rief Thomas ins Handy, während er schon in Mantel und Schuhe hüpfte. Meine Frau und ich sind zu Horsts Sechzigstem eingeladen.
Und was ist mit Anni? Die muss doch morgen in den Kindergarten!, rief Helga, die gerade versuchte, den Plan fürs Wochenende zu sortieren. Außerdem wollte ich doch mit Gisela an den Tegernsee. Wir habens abgesprochen!
Mama, bitte! Sollen wir etwa absagen, nur weil du naja, bitte! Wir haben das Geschenk schon gekauft. Und Anni muss morgen eh nicht in den Kindergarten. Bleib mit ihr lieber daheim, schaut zusammen was Lustiges. Obwohl, was red ich morgen ist Samstag! Du bringst mich ganz durcheinander! Wir holen sie Sonntagabend wieder. Bis dann!
Bevor Helga erwähnen konnte, dass sie am Sonntag eigentlich mit Birgit ins Ballett wollte, hatte Thomas längst aufgelegt.
Mamaaa, hast du Geld?, lugte die jüngere Tochter, Katrin, durch die Tür. Wir wollen einen Escape Room machen!
Katrin, ich hab grad nicht so viel übrig, murmelte Helga, während sie im Geiste rechnete, wie viel Bargeld noch im Portemonnaie schlummerte, was die Sparkassenkarte hergab und wann endlich der Gehaltseingang kam. Ich hab das Geld eigentlich für Tabletten zur Seite gelegt.
Toll! Wie immer! Alle gehen hin, nur ich darf daheim verschimmeln!, schnaubte Katrin beleidigt.
Also gut Helga rappelte sich auf und dann fiel ihr wieder die kleine Enkelin draußen ein. Kind, schau doch schnell aus dem Fenster, ob Anni noch brav spielt.
Was soll ich denn da sehen? Die kennt den Weg doch, kommt schon von allein!, motzte Katrin zurück.
Sei doch nicht so! Sie ist noch klein Na dann rechne ich mal nach, wie viel ich dir geben kann. Sag, wie viel brauchst du?
Katrin nannte eine Summe, die Helga den Rest ihrer Vorräte an Ibuprofen für diesen Monat kosten würde. Na gut, dann tun halt die Knie mal wieder ein bisschen weh. Hauptsache, die Tochter ist glücklich.
Hast du nach Anni gesehen?, rief Helga ins Wohnzimmer.
Ja doch, sie spielt da!, kam es träge zurück.
In Wirklichkeit stieg Anni gerade auf die rostige Rutsche, rutschte ab und knallte unsanft zu Boden.
Oh je, sie ist gefallen, stellte Katrin nüchtern fest, während sie zusah, wie Anni unter Tränen ihr Ärmchen hielt.
Helga stürmte im Bademantel und Hausschuhen auf die Straße. Diagnose nach kurzem Besuch im Notdienst am Stachus: Zum Glück nur eine Prellung.
Mama, wir sind in der Notaufnahme, aber zum Glück nur eine Prellung, berichtete Helga pflichtbewusst Thomas am Handy. Anni ist von der Rutsche gefallen nichts Schlimmes.
Ach Mama! Kannst du denn nicht wenigstens einmal aufpassen?!, keifte Thomas durchs Telefon, sodass der junge Arzt im Gang nur verständnislos den Kopf schüttelte. Wir gehen nie aus und dann sowas!
Ist doch alles gut, genießt euer Fest, murmelte Helga zerknirscht, als Thomas schon wieder aufgelegt hatte. War eh sinnlos, noch zu erwähnen, dass sie fürs Theater Karten hatte.
Zu Hause wartete die nächste Tirade: Du konntest mir das Geld nicht einfach lassen und dann gehen? Alle warten heute nur auf mich! Katrin streckte schon fordernd die Hand aus. Helga gab seufzend die letzten Scheine. Katrin zählte nach und verzog das Gesicht: Super, reicht auf den Cent. Na hoffentlich hab ich zumindest für einen Kaffee genug!
Mehr hab ich nicht, mein Schatz. Auf der Karte ist nur noch für meine Monatskarte drauf. Helga zuckte mit den Schultern.
Dann geh halt zu Fuß, murmelte Katrin grimmig, griff nach dem Geld und stürmte hinaus.
Oma, ich hab Hunger! machte Anni sich bemerkbar. Helga fing an, Essen zu machen und betrachtete währenddessen ihre Enkelin nachdenklich: So klein waren meine beiden auch mal Und jetzt?! Thomas, schon dreißig! Und Katrin bald achtzehn. Da müssten wir doch mal ein richtiges Fest organisieren!
Dann fiel ihr das Telefonat mit Thomas wieder ein und je länger sie drüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde sie. Einmal in hundert Jahren gönnen sie sich was?! Jeden Samstag steht hier die Kleine auf der Matte! Nie wird vorher gefragt. Und sehen tun sie ihre Tochter sonst auch kaum
Ihr ganzes Leben hatte Helga den Kindern gewidmet. Immer alles zurückgesteckt, für jeden letzten Euro die Familie zusammengehalten. Der Mann war abgehauen, als der Große heiratete.
Um einen hab ich mich gekümmert, den Rest schaffst du schon alleine, hatte er einfach gesagt und war mit Koffer und Unterhaltsversprechen verschwunden. Heute noch rätselt Helga, warum eigentlich Streit gabs nie, sie hatte sich um die Kinder gekümmert, er um alles andere.
Am Samstag musste Helga bei Gisela absagen. Sorry, Enkelkind kam überraschend, da kann ich leider nicht zum See.
Was?! Einfach so? Und deine eigenen Pläne? Schon dreist, deine Kinder!
Sie haben schon ein Geschenk und alles, verteidigte sich Helga.
Ach hör auf. Ich hab extra Fleisch geholt und Prosecco! Was mach ich jetzt alleine? Nichts da, komm und bring die Kleine mit. Die spielt halt mit meinen Katzen! Ich ruf dir ein Taxi.
Und Gisela legte auf. Helga packte also in Windeseile Anni und rannte mit ihr herunter.
Die Zeit im Schrebergarten war goldig. Anni tobte mit Katze Miez und den vier tapsigen Kätzchen durch den Garten, sie flog den Schmetterlingen nach und band Kränzchen aus Löwenzahn.
Helga, ich sags dir, deine Kinder sind zu bequem geworden, seufzte Gisela, während sie Fleisch auf die Spieße schob. Katrin hat ja ganz schön Forderungen! Wann warst du eigentlich zuletzt beim Friseur?
Ach, das mach ich selbst, winkte Helga ab. Und Farbe hab ich eh daheim.
Gisela schlug die Hand vors Gesicht. Wann hast du dir das letzte Mal was gegönnt?
Och, ich hab genug zum Anziehen der Schrank ist voll, antwortete Helga treuherzig.
Ja, voll Sachen von vor fünf Ewigkeiten! Meine Liebe, du sollst mal über dich nachdenken! Zeit für einen Schlussstrich! Komm, lass uns anstoßen!
Abends legten die Freundinnen Anni schlafen, redeten und lachten über die Träume ihrer Jugend. Helga zählte für sich durch: Außer den Kindern war kaum ein Wunsch wahr geworden. Und von der Familie war eigentlich nur noch der Name geblieben.
Am nächsten Tag verabschiedete Gisela Helga mit einer Umarmung und flüsterte ihr ins Ohr: Vergiss nie deine Träume!
Daheim warteten schon Annis Eltern mit roten Köpfen.
Sag mal, bist du wahnsinnig? Ein krankes Kind irgendwo hinschleppen?!, brüllte Thomas.
Was heißt hier irgendwo? Wir waren bei Gisela am Garten!, verteidigte Helga sich.
Mama, da wars so schön!, rief Anni, doch ihre Eltern hörten gar nicht zu.
Frau Schneider, das ist verantwortungslos!, schalt die Schwiegertochter. Wir dachten schon, es ist was passiert!
Ach, warum denn? Ich hätte schon angerufen, wenn was gewesen wäre, meinte Helga sachlich.
Hätte aber keiner von dir erwartet! Die Eltern packten Anni und rauschten ab.
Seltsam!, murmelte Katrin, die jetzt aus ihrem Zimmer kam. Gestern wars ihnen egal, heute wieder Drama.
Helga musste grinsen Katrin sprach aus, was sie selbst sich nicht zu sagen traute.
Und, wie wars gestern?, fragte Helga vorsichtig.
Passte schon. Die anderen sind noch weitergezogen, ich kam nach Hause. Sag mal, Papa zahlt dir doch Unterhalt wo bleibt der eigentlich?
Kind, davon leben wir doch Nachhilfe, dein neues Handy, die coolen Klamotten! Ich wusste nicht mal, dass ein T-Shirt so viel kostet wie ein gebrauchtes Rad!
Du hast eh keine Ahnung von Mode!, fauchte Katrin und verschwand.
Als sie an ihrem Zimmer vorbei ging, hörte Helga unfreiwillig das Stichwort: Sie wurde beschrieben wie der Endgegner beim Mütterbingo. Meine Mutter sieht aus wie eine Obdachlose! Haare sehen schlimm aus, der Pony wie von nem Erstklässler, alles ausgeleiert. Peinlich, da mit ihr rumzulaufen! Kein Wunder, dass Papa abgehauen ist. Seine Neue sieht aus wie ein Model Und jetzt ist bald mein Geburtstag die wird sicher wieder rumnölen, dass sie kein Geld hat, alles für Medikamente.
Weiter wollte Helga nicht lauschen. Nur eines brannte sich ein: der Geburtstag. Ich kann sie doch nicht enttäuschen! Ich leih mir was, sie soll ein tolles Fest haben!
Kurz vor dem großen Tag lieh sie sich Geld bei Gisela, ohne zu sagen, wofür. Helga bestellte Blumen, eine Torte, die fast ein kleines Vermögen kostete, zauberte Schüsseln voller Salate und Hähnchen aus dem Ofen. In den Umschlag legte sie 300 Euro.
Am Morgen trat Katrin in die Küche. Helga stand mit Blumen und dem Umschlag da.
Alles Gute, mein Schatz, ich
Oh danke, Umschlag! Wie viel?, Katrin schaute nach. Das ist doch alles? Wow. Naja, immerhin hat Papa was geschickt. Wär ja sonst peinlich im Café gewesen, wenn ich absagen müsste.
Katrin drückte die Blumen der Mutter in die Hand und verschwand. Stell das in die Vase. Ich geh dann mal!
Helga stand im Chaos der vorbereiteten Speisen und fühlte Wut in sich aufsteigen. Plötzlich dachte sie an all die Anrufe und Vorwürfe der letzten Zeit, die Telefonate mit Thomas und seiner Frau, die selbstverständlichen Ansprüche. Sie ging zum Spiegel.
Ich bin 52. Und für wen leb ich eigentlich?, fragte sie sich erschrocken. Die Figur ist eigentlich nicht schlecht, versteckt unter viel zu weiten Röcken und Pullis. Kein Make-up. Die Haare wie ein Strohballen. Da war Frau Holle ja noch modischer. Und wofür das alles? Für lauter Undank? Keiner hat je gefragt, was ICH will!
Helga lief in der Wohnung auf und ab. Immer nur für die Kinder und für den Mann war das auch nicht genug gewesen. Bei sich blieb alles auf der Strecke.
Eigentlich hätte auch ich abhauen sollen!, lachte sie halblaut, schnappte das Telefon.
Gisela, gibst du mir die Nummer von deinem Friseur? Und kommst du mit zum Shoppen? Aber bitte erstmal nur aus der Kreditlinie, ich schuld dir ja schon das Geburtstagsgeld, grinste Helga. Dann erzählte sie, wie Katrin auf den Umschlag reagiert hatte.
Siehs mal so der Umschlag war mein Geschenk an sie! Und jetzt komm, wir feiern DICH heute!
Kaum waren die beiden verabredet, klingelte Thomas: Mama, wir bringen dir gleich Anni, Katrin will ins Café.
Bin nicht da, heute nicht, und morgen auch nicht, sagte Helga ruhig und legte einfach auf. Tränen schossen ihr in die Augen.
Tja, für die Mutter reichts nur, wenn mal Not am Mann ist. Zum Mitfeiern taugt sie nicht!, murmelte sie und ließ den Tränen freien Lauf. Aber sie wusste auch: Selber schuld!
Wieder läutete das Handy. Noch einmal Thomas. Wo bist du? Wir sind schon vor der Tür!
Fahr halt hin, wohin ihr wollt! Und künftig gebt bitte zwei Tage vorher Bescheid, wenn ich Babysitter spielen soll. Ich hab auch ein eigenes Leben! Mit Anni hab ich kein Problem aber fragt mich. Und jetzt tschüss!
Thomas war völlig verdattert. Verstanden, Mama, nuschelte er nach langem Schweigen.
Am nächsten Morgen erkannte Katrin ihre Mutter kaum wieder. Sie kam spät in der Nacht zurück, als Helga schon schlief. Morgens entdeckte sie am Küchentisch eine schicke Frau in modischem Anzug mit flotter Frisur und Make-up.
Hallo, wer sind Sie denn? Wo ist Mama?, fragte Katrin und starrte.
Nirgends, konterte Helga trocken.
Mama?!, Katrins Augen wurden groß wie Bratpfannen.
Nein, eine Hologramm-Version. Und jetzt, sag ich mal: Alles Gute zur Volljährigkeit! Die Unterhaltszahlungen sind durch. Bis 18 war ich verpflichtet, jetzt helfe ich, wo es halt passt aber das Leben kommt nun in deine Regie. Du kannst sogar ausziehen. Zeit, selbstständig zu werden.
Katrin war völlig baff. Ihre sonst immer anpassungsbereite Mama saß plötzlich wie die Chefin heimischer Lebensfreude da. Cooler Schnitt, leichte Schminke, modischer Hosenanzug und sogar Ohrringe.
Ich geh zur Arbeit. In der Küche ist Essen für drei Tage, Torte steht auch da. Nach Feierabend fahr ich zu Gisela in den Garten ich hab was zu feiern: Endlich freie Flugbahn!
Katrin sah verdutzt aus dem Fenster. Draußen stieg eine attraktive Frau selbstbewusst auf die Straße, balancierte auf den hohen Schuhen elegant über eine Pfütze und verschwand um die Ecke wie eine Heldin. Katrin dachte noch, dass die Mutter sicher zurück in alte Muster fällt doch Helga gefiel das neue Leben als stolze Adlerdame, die nun endlich die Flügel ausbreitete.





