Der schwarze Kater – Olas Sommerflucht aus dem lauten Berliner Großstadttrubel in das stille brandenburgische Dorf, seltsame Nächte im Haus der verstorbenen Kräuterfrau und die rätselhafte Freundschaft, die alles verändert

Schwarz.

Der Lärm der Großstadt war einfach nicht mehr auszuhalten. Ich wohne mitten in München, im zehnten Stockwerk eines alten Mehrfamilienhauses. Das Dröhnen der Autos unten auf der Leopoldstraße, das Surren der Nachbarklimaanlagen, die Stimmen von Menschen Und dazu noch diese unerträgliche Sommerhitze, die es unmöglich machte, wenigstens die Fenster zu schließen. Mein Urlaub dauert nur zwei Wochen, aber ich hatte gehofft, zumindest ein bisschen Abstand vom eintönigen Alltag im Büro zu gewinnen dieser absurd lauten Bienenstock, wo alle wild durcheinanderlaufen, quatschen, tratschen, um Aufmerksamkeit buhlen und sich ihren Platz an der Sonne erkämpfen. Alles, was ich mir wünschte, waren Ruhe und Frieden. Mit meinen sechsundvierzig Jahren lebe ich allein in einer großzügigen Wohnung, aber das Getöse der Stadt wurde mir in letzter Zeit einfach zu viel.

Deshalb fasste ich den Entschluss, ein Haus auf dem Land zu mieten irgendwo richtig raus aufs Dorf, weg von der Zivilisation, für ein paar Tage wenigstens. Die Suche gestaltete sich länger als gedacht, doch endlich fand ich etwas: ein kleines Dorf in Oberbayern, gut 150 Kilometer von München entfernt. Der Preis in Euro war erschwinglich, das Haus auf den Fotos sah ganz charmant aus. Nach einem Telefonat mit den Eigentümern stand für mich fest: Ich fahre hin.

***

Das Dorf empfing mich mit dem Duft von Wiesenkräutern, dem Summen der Bienen, dem Bellen von Hunden und dem neugierigen Blick der wenigen Bewohner. Das Häuschen selbst war klein, aber sehr gemütlich. Die Besitzerin, eine freundliche Dame um die sechzig, zeigte mir alles, erzählte mir das Nötigste und übergab mir die Schlüssel.

Genieß deine Zeit bei uns, es ist herrlich hier, meinte sie.

Danke, genau das habe ich gebraucht.

Die meisten Bewohner waren ältere Leute; das Dorf wirkte verschlafen. Im Garten des Hauses stand ein alter Kirschbaum, ein paar Blumenbeete lagen verwildert im Schatten. Der hölzerne Gartenzaun hatte schon bessere Tage gesehen, was dem Ganzen aber einen besonderen Charme verlieh.

Ich machte einen ersten Rundgang durchs Dorf. Nur wenige Menschen begegneten mir, sie sahen mich zwar neugierig an, waren jedoch ganz freundlich, ohne jede Spur von Abneigung. Im Ortskern entdeckte ich einen kleinen Laden und beschloss hineinzuschauen. Hinter der Theke stand eine etwa fünfzigjährige Verkäuferin, der Vorrat war überschaubar: Milch, Brot, Wurst, das Nötigste für den Alltag.

Was darfs denn sein?, fragte die Verkäuferin.

Ich überlege, was ich fürs Frühstück brauche. Vielleicht 300 Gramm von der Lyoner und ein frisches Bauernbrot bitte.

Sie wechselte ungefragt zum Du: Wo kommst du denn her?

Ich habe hier ein Ferienhäuschen gemietet, nur für eine Woche. Ich heiße Thea.

Gisela. Welches Haus hast du denn?

Nummer dreiundzwanzig, gleich da drüben.

Ah, sie überlegte kurz, das ist doch das alte Haus von Frau Margarethe. Da bist du aber mutig.

Warum? Wer ist Margarethe? Ich habe es über ihre Tochter Anna gemietet.

Anna wohnt in der Stadt, stimmt. Margarethe ist letztes Jahr gestorben. Die Leute hier fanden immer, sie sei naja, ein bisschen unheimlich. Sie war eine Hexe, sagen manche. Hast du keine Angst, in ihrem Haus zu wohnen?

Eine Hexe? Was hat sie denn gemacht? War sie eine Kräuterfrau?

Nee, sie hat niemanden behandelt, aber alle hatten Respekt. Ihre beste Freundin, Frau Klara, wohnt direkt gegenüber, die zwei waren unzertrennlich. Frag sie doch mal, vielleicht erzählt sie dir etwas. Das Haus gilt hier als na, du weißt schon, irgendwie unheimlich. Es gab Städter, die waren Gäste dort und sind nach zwei Tagen Hals über Kopf wieder gefahren. Die meinten, es sei einfach kein gutes Gefühl darin.

Also ich finde es ziemlich gemütlich, obwohl der Garten etwas aus der Form ist. Aber ich bin eh nur für eine Woche hier. Bin einfach der Stadt und dem Stress überdrüssig.

Verstehe. Pass trotzdem auf dich auf.

Danke. Ich nahm die Wurst und das Brot und machte mich auf den Weg zurück.

Und geh nachts besser nicht raus, ja? Hier laufen viele Hunde frei herum, und manchmal schleicht auch Wild durchs Dorf!

***

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Die erste Nacht allein in einem fremden Haus stand bevor. Ich schloss alle Fensterläden sorgfältig und verschloss die Tür ein mulmiges Gefühl überkam mich. Von draußen hörte ich gelegentlich das Gebell eines Hundes, das Zirpen der Grillen und ab und zu das Gezwitscher eines Vogels.

Zum Abendessen machte ich mir etwas Leichtes. Dann entdeckte ich auf einem Regal ein altes Buch, schlug es auf und setzte mich auf das Sofa. Nach einer Weile wurde ich angenehm schläfrig, löschte das Licht und kuschelte mich ins Bett. Doch ein richtiger Schlaf wollte nicht kommen. Plötzlich vernahm ich ein leises Klopfen. Mein Herz begann zu rasen, ich riß die Augen auf und lauschte in die Dunkelheit.

Wahrscheinlich Mäuse, dachte ich mir. Mit Nagetieren kann ich umgehen, auch wenn es nicht gerade angenehm ist. Auf dem Land sind Mäuse schließlich nichts Ungewöhnliches.

Das Klopfen wiederholte sich, ganz leise, kaum hörbar.

Oder ist da doch jemand im Haus?, flammte die Angst erneut auf. Ich blieb ganz still, regungslos. Dann polterte in der Küche etwas zu Boden. Mir stockte der Atem was tun, wenn tatsächlich jemand eingedrungen ist? Besser, ich halte mich zurück und lasse mich nicht blicken.

Das Geräusch blieb ein Einzelfall, aber ich bekam die ganze Nacht kein Auge zu. Erst als die Dämmerung anbrach, schlief ich ein.

Gegen elf Uhr am Vormittag wurde ich wach. Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster und tauchten den Raum in ein freundliches, harmloses Licht.

Langsam stand ich auf und ging vorsichtig in die Küche. Nichts war umgefallen, nichts fehlte. Doch eines schreckte mich auf: Auf dem Küchentisch lag ein vertrocknetes Gänseblümchen. Gestern war das sicher nicht da gewesen. Ich kontrollierte Fenster und Türen alles war noch verschlossen.

Wer ist da ins Haus gekommen? Wer hat die Blume dagelassen? Wie hätte das überhaupt passieren können?

Die Unruhe ließ mich nicht los. Vielleicht hatte das Gänseblümchen doch schon vorher dort gelegen, und ich war nur zu zerstreut gewesen, um es zu bemerken, versuchte ich mich zu beruhigen. Dann fiel mir Giselas Bemerkung über die verstorbene Margarethe ein: Sie war eine Hexe.

Quatsch, was für ein Unsinn, versuchte ich, rational zu bleiben. Ich glaubte weder an Spuk noch an Märchen.

Den Tag verbrachte ich mit Spaziergängen durch die wunderschöne Landschaft. Doch mit Einbruch der Dunkelheit kam die Beklommenheit zurück. Ich bereitete alles sorgfältig vor, schloss Türen und Fenster und legte mich ins Bett. Schlaf fand ich nicht stattdessen lag ich lauschend wach.

Wieder ein Geräusch, diesmal noch leiser, doch eindeutig aus der Küche. Ich hielt den Atem an. Sollte tatsächlich jemand hier sein? Oder vielleicht der Geist einer eigensinnigen alten Hexe? Unsinn beschwor ich mich selbst. Doch die Angst ließ nicht nach. Die ganze Nacht über blieb ich wach, erst mit dem ersten Sonnenstrahl schlief ich ein. Am nächsten Tag stand für mich fest: Es gibt zwei Möglichkeiten entweder matt und verängstigt abreisen, oder herausfinden, was hier los ist.

***

Zuerst ging ich in den Dorfladen und kaufte mir eine robuste Taschenlampe. Von meinen nächtlichen Erlebnissen erzählte ich Gisela nichts; ich wollte weder belächelt werden, noch in weitere Spukgeschichten verwickelt werden.

Bei Tageslicht schien alles harmlos. Nichts hatte sich bewegt, keine seltsamen Blumen mehr auf dem Tisch, alles an seinem Platz.

Am Abend beschloss ich, mich in der Küche auf die Lauer zu legen. Ich setzte mich in die dunkelste Ecke und wartete. Die Nacht senkte sich herab, mit zunehmender Dunkelheit wurde meine Furcht größer. Ich musste mich zwingen, sitzen zu bleiben, statt mich in mein Zimmer zu verkriechen. Die Neugier siegte.

Schließlich war es stockfinster. Plötzlich hörte ich es: Ein ganz leises Geräusch, eindeutig im Raum. Aber die Tür war nicht geöffnet worden, wie sollte hier etwas reinkommen?

Vom alten Schrank neben dem Herd fiel eine Tasse zu Boden. Ich schnappte nach Luft, schaltete den Strahl meiner Lampe ein und richtete ihn auf die Geräuschquelle.

Zwei Augen blickten mir entgegen. Es war eine Katze ein großer, schwarzer Kater mit fast leuchtend grünen Augen, der mich vorsichtig musterte. Nur eine Katze Mein Lachen klang nervöser als ich wollte.

Wo kommst du denn her, du Süßer?

Natürlich bekam ich keine Antwort. Nach kurzem Zögern sprang der Kater davon und verschwand.

Ich atmete tief durch. Etwas merkwürdig war das schon: Was sollte eine Katze mitten in einem vermeintlich leeren Haus? Und wo war sie hin?

Am nächsten Morgen fasste ich einen Entschluss: Ich würde die Nachbarn fragen, ob sie den Kater kennen. Also ging ich hinüber zum Haus gegenüber. Am Gartentor stand eine freundliche alte Dame und betrachtete mich neugierig.

Guten Tag, begrüsste ich sie. Ich wohne im Ferienhäuschen drüben

Ja, guten Tag, nickte sie.

Sagen Sie Bei mir taucht nachts ein schwarzer Kater auf. Wissen Sie, wem er gehört?

Das ist Max. Er gehörte Frau Margarethe. Die ist leider verstorben, der Max blieb allein zurück. Anna, ihre Tochter, kümmert sich nicht um ihn, also wandert er durchs Dorf. Ein kluger Kater. Der war immer ihr treuer Begleiter. Diesen Winter hat er irgendwie überstanden. Ich füttere ihn manchmal, aber ich glaube, er sucht seine alte Herrin. Dir scheint er zu vertrauen nimm ihn ruhig auf.

Ich? Oh, ich weiß nicht Haustiere waren eigentlich nie mein Plan, schon gar nicht ein fremder, alter Kater.

Die alte Dame zuckte mit den Schultern. Vielleicht bringt er dir Glück. Margarethe hat ihn sehr geliebt, und zu bösen Menschen ist er nie gegangen. Überleg es dir.

Nach dem Gespräch ging ich ins Haus zurück. Ein Haustier in meinem Leben? Ungeplant, aber vielleicht für diese Woche, solange ich noch da war. Ich kaufte im Laden schlichtes Katzenfutter die Auswahl war dürftig und stellte es in einer Schale auf die Küchenfensterbank. Nachts war das Futter ratzeputz weg.

***

Nun brach mein letzter Urlaubstag an, und ich fühlte mich wie neu. Das kleine Abenteuer hatte mir wirklich gutgetan, der Kontrast zur Großstadt wirkte wie eine Frischzellenkur.

Am letzten Abend stellte ich die Futterschale erneut in die Küche und machte mir eine Tasse Kräutertee. Da hörte ich ein leises Trappeln: Der schwarze Kater kam vorsichtig herein, musterte mich und das Futter. Nachdem er ein paar Happen gefressen hatte, kam er langsam näher, schmiegte sich schließlich an mein Bein und miaute leise.

Hallo, Max. Da bist du ja wieder, sagte ich leise. Morgen früh reise ich ab Der Kater miaute kläglich, sprang plötzlich auf meinen Schoß und machte es sich dort bequem.

Na du, und was fange ich jetzt mit dir an? Er rieb seinen Kopf an meiner Hand, schloss die Augen und fing wohlig an zu schnurren. So blieben wir lange sitzen. Irgendwann stand Max auf, streckte sich und verschwand in der Dunkelheit.

Morgens packte ich meine Sachen. Noch eine Stunde bis zum Bus. Die Schlüssel sollte ich laut Anweisung der Vermieterin einfach in den Briefkasten werfen. Ich drehte mich noch ein letztes Mal im Haus um, ob ich auch nichts vergessen hatte, schloss die Tür hinter mir und trat ins Freie.

Am Gartentor wartete Max auf mich. Er blickte mich erwartungsvoll an.

Begleitest du mich, mein Freund?

Der Kater miaute und kam näher.

Ich blieb stehen. Plötzlich tat er mir leid der getreue Kamerad, der gezwungen war, allein durchs Dorf zu streunen. Ich zögerte, dann beugte ich mich zu ihm.

Weißt du was, ich bin eigentlich keine Katzenperson. Und in meine Münchner Wohnung darf ich offiziell keine Haustiere halten Aber vielleicht ist das genau das, was jetzt richtig ist. Magst du mitkommen?

Max sprang gleich an meine Beine, strich um mich herum als hätte er alles verstanden. Also nahm ich ihn auf den Arm, und er ließ sich ohne Murren tragen.

Die Heimreise war lang, mit einigen Umstiegen. Aber Max blieb ruhig und kuschelte sich in meine Arme. In München angekommen, ließ ich ihn in meiner Wohnung vorsichtig auf den Boden. Max schaute sich alles aufmerksam an und begann sofort, alles zu erkunden.

***

Max entpuppte sich als außergewöhnlich kluger und sauberer Kater. Nachts schlief er gern neben mir, tagsüber lag er oft schnurrend auf meinem Schoß. Die Einsamkeit verschwand denn ich hatte jetzt einen besonderen Begleiter bei mir, der mir jeden Tag ein Gefühl von Zuhause schenkte.

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Homy
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Der schwarze Kater – Olas Sommerflucht aus dem lauten Berliner Großstadttrubel in das stille brandenburgische Dorf, seltsame Nächte im Haus der verstorbenen Kräuterfrau und die rätselhafte Freundschaft, die alles verändert
Meine Freunde kaufen Wohnungen und stecken ihr Geld in Renovierungen, während meine Freundin all unsere Ersparnisse bei dem Versuch verzockt hat, unser Vermögen zu vermehren. Alle haben eine tolle Ehefrau, nur ich habe das Pech mit einer Dummen. Sie prahlte überall herum, dass wir nach der Hochzeit locker eine Eigentumswohnung kaufen können, schließlich haben die Hochzeitsgäste viel Geld geschenkt und ihre Familie wolle uns unterstützen – in Wahrheit aber erklärten ihre Eltern nur lachend, dass wir selbst für eine Wohnung sorgen müssen, wenn sie schon mit einem “wertlosen Immobilienmakler” ohne Studium heiratet. Am Ende musste ich meine Frau zu meinen Eltern mitnehmen. Mein Bruder wohnt schon dort mit seiner schwangeren Freundin, es ist sehr eng – und meine Eltern deuteten an, dass es schön wäre, wenn wir uns wenigstens eine Mietwohnung suchen. Aber ich beschloss, lieber weiter zu sparen, um später einen Kredit für eine eigene Immobilie aufzunehmen. Meine Frau wusste davon, sagte auch erst, sie wolle wirklich umziehen – und was machte sie? Sie investierte unsere gesamten Ersparnisse in Aktien. Warum? Um unseren Kontostand zu vermehren. Meine Mutter ist fast in Ohnmacht gefallen, als ich es erzählt habe. Mir zerreißt es das Herz, weil der Aktienkurs fällt, der Verkauf dauert Zeit, wir verlieren Geld oder müssen hoffen, dass es eines Tages wieder steigt. Und so haben alle Freunde Familie und Wohnung – und wir nur Aktien! Meine Frau weint, bereut, dass sie reingelegt wurde. Sie hat auch noch für teure Seminare bezahlt, damit ihr “Experten” das Investieren beibringen. Und ich denke immer öfter an Scheidung. Meine Liebe reicht wohl nicht, wenn ich das einfach nicht vergeben kann, und alles, woran ich denke, sind die jahrelang zusammengesparten Euros, die jetzt zu Staub werden. Wenn ich ehrlich bin, lief es von Anfang an schlecht – und diese Krise beweist es wieder: Ich stecke wohl in einer endlosen Pechsträhne, weil ich eine dumme Frau geheiratet habe.