Ich glaube, die Liebe ist vorbei – Du bist die schönste Frau auf diesem Campus, – sagte er einst und überreichte ihr einen Strauß frischer Margeriten vom Wochenmarkt am U-Bahnhof. Anna lachte, als sie die Blumen entgegennahm. Die Margeriten dufteten nach Sommer und etwas Unfassbar-Richtigem. Dima stand vor ihr mit dem Blick eines Mannes, der genau weiß, was er will. Und er wollte sie. Ihr erstes Date fand im Englischen Garten statt. Dima hatte eine Decke, eine Thermoskanne mit Tee und selbstgemachte belegte Brote dabei, die seine Mutter vorbereitet hatte. Sie saßen bis in die Dunkelheit hinein auf dem Rasen. Anna erinnert sich an sein Lachen, an die Berührungen, so zufällig sie auch sein mochten. Er sah sie an, als sei sie der einzige Mensch in ganz München. Drei Monate später ging er mit ihr ins Kino zu einer französischen Komödie, die sie nicht ganz verstand, aber über die sie gemeinsam lachten. Nach einem halben Jahr stellte er sie seinen Eltern vor. Nach einem Jahr bat er sie, bei ihm einzuziehen. – Wir verbringen doch sowieso jede Nacht miteinander, – meinte Dima, während er ihren Haaren spielte. – Warum für zwei Wohnungen zahlen? Anna stimmte zu. Nicht wegen des Geldes. In seiner Nähe ergab alles einen Sinn. Ihre gemietete Einzimmerwohnung roch sonntags nach Rinderrouladen und frisch gebügelter Bettwäsche. Anna lernte Dimas Lieblingsfrikadellen mit Knoblauch und Dill zuzubereiten, genauso wie seine Mutter. Dima las ihr abends Artikel aus Wirtschafts- und Finanzmagazinen vor und schwärmte vom eigenen Unternehmen. Anna hörte zu, gestützt auf ihre Hand, und glaubte ihm jedes Wort. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne. Erst das Eigenkapital ansparen, dann eine eigene Wohnung, dann ein Auto. Kinder, natürlich. Ein Junge und ein Mädchen. – Wir schaffen das alles, – sagte Dima und küsste sie auf den Kopf. Anna nickte. Neben ihm fühlte sie sich unbesiegbar. …Fünfzehn Jahre gemeinsames Leben brachten Dinge, Gewohnheiten, Rituale. Eine Wohnung in Schwabing mit Blick auf den Park. Ein Immobilienkredit über zwanzig Jahre, den sie durch Verzicht auf Urlaube und Restaurantbesuche früher tilgten. Ein silberner Volkswagen auf dem Hof – Dima hatte ihn selbst ausgesucht, den Preis ausgehandelt und jeden Samstag das polierte Blech bewundert. Stolz durchströmte sie. Sie hatten alles allein erreicht. Ohne elterliche Hilfe, ohne Beziehungen, nur durch Arbeit, Sparsamkeit und Geduld. Sie jammerte nie. Auch nicht, wenn sie so müde war, dass sie in der U-Bahn einschlief und erst an der Endstation aufwachte. Auch nicht, wenn sie alles hinschmeißen und irgendwo ans Meer fliegen wollte. Sie waren ein Team – das sagte Dima, und Anna glaubte ihm. Sein Wohlergehen war immer das Wichtigste. Anna lernte diese Regel auswendig und schrieb sie in ihr eigenes Herz. Schlechter Tag im Büro? Sie kochte Abendessen, schenkte Tee ein, hörte zu. Streit mit dem Chef? Sie streichelte seinen Kopf und flüsterte, es würde wieder besser. Selbstzweifel? Sie fand die richtigen Worte, holte ihn aus dem Loch. – Du bist mein Anker, mein Rückhalt, meine Stütze, – sagte Dima in solchen Momenten. Anna lächelte. Jemandes Anker zu sein – das ist doch Glück? Es gab schwere Zeiten. Das erste Mal nach fünf Jahren. Dimas Firma ging pleite. Drei Monate lang saß er zu Hause, sichtete Stellenangebote und wurde immer bedrückter. Das zweite Mal war noch schlimmer. Die Kollegen schoben ihm Dokumente unter, er verlor nicht nur den Job, sondern musste auch eine hohe Geldsumme zahlen. Sie verkauften das Auto, um die Schulden zu begleichen. Nie machte Anna ihm Vorwürfe. Nicht mit Worten, nicht mit Blicken. Sie übernahm Zusatzprojekte, arbeitete nachts, sparte an sich selbst. Sie sorgte sich nur darum, wie es ihm ging. Ob er durchhalten würde, ob er den Glauben an sich selbst nicht verliert. …Dima kämpfte sich durch. Fand einen neuen Job, sogar einen besseren. Bald kauften sie wieder ein silbernes Auto. Ihr Leben ging weiter. Vor einem Jahr saßen sie in der Küche und Anna sprach endlich das aus, was sie schon lange dachte: – Vielleicht ist es jetzt soweit? Ich bin schon längst nicht mehr zwanzig. Wenn wir weiter warten… Dima nickte – ernst und überlegt. – Lass uns es versuchen. Anna hielt den Atem an. So viele Jahre hatte sie gewartet, verschoben, auf den richtigen Moment gehofft. Nun war er da. Sie hatte ihn sich tausendmal vorgestellt: kleine Finger, die ihre Hand umklammern. Der Duft von Baby-Puder. Die ersten Schritte durch ihr Wohnzimmer. Dima, wie er Gute-Nacht-Geschichten vorliest. Ihr Kind. Endlich. Die Veränderungen begannen sofort. Anna stellte alles um – Ernährung, Rhythmus, Belastungen. Meldete sich bei Ärzten, ließ Tests machen, nahm Vitamine. Die Karriere rückte zurück, obwohl sie gerade befördert werden sollte. – Bist du sicher? – fragte die Chefin über ihre Brille hinweg. – So eine Chance gibt es nur einmal im Leben. Anna war sicher. Die Beförderung hätte Geschäftsreisen, Überstunden, Stress bedeutet. Nicht die besten Bedingungen für eine Schwangerschaft. – Ich wechsle lieber ins Filialbüro, – erwiderte sie. Die Chefin zuckte die Schultern. Das Filialbüro lag 15 Minuten von Zuhause entfernt. Die Arbeit war eintönig, ohne Perspektive. Dafür konnte sie pünktlich Feierabend machen und am Wochenende abschalten. Anna gewöhnte sich schnell ein. Die neuen Kollegen waren nett, aber wenig ambitioniert. Sie kochte zuhause Mittagessen, ging in der Pause spazieren, schlief vor Mitternacht ein. Alles für das zukünftige Kind. Alles für ihre Familie. Die Kälte kam unauffällig. Anfangs schenkte Anna dem keine Aufmerksamkeit. Dima arbeitete viel, war erschöpft. Das passiert. Aber er hörte auf, zu fragen, wie ihr Tag war. Hörte auf, sie abends zu umarmen. Hörte auf, sie so anzusehen wie damals, am Anfang. Ihr Zuhause wurde still. Anders still als früher. Früher hatten sie stundenlang geplaudert – über Arbeit, Pläne, Unsinn. Jetzt hing Dima am Handy, antwortete knapp, drehte sich zum Schlafen zur Wand. Anna starrte die Decke an. Zwischen ihnen klaffte eine halbe Matratze breite Schlucht. Intimität verschwand. Zwei Wochen, drei, ein Monat. Anna hörte auf zu zählen. Dima hatte immer Ausreden: – Ich bin total müde. Morgen vielleicht. Doch morgen kam nie. Sie fragte direkt. Eines Abends stellte sie sich ihm in den Weg ins Bad: – Was ist los? Bitte ehrlich. Dima sah an ihr vorbei, in die Richtung des Türrahmens. – Alles gut. – Das stimmt nicht. – Du bildest dir was ein. Es geht vorbei. Er ging um sie herum, schloss die Badezimmertür. Wasser rauschte. Anna stand im Flur und drückte die Hand auf die Brust. Es tat weh. Dumpf, bohrend, immer. Einen Monat hielt sie noch durch. Dann fragte sie geradeheraus: – Liebst du mich? Pause. Längere, schlimme Pause. – Ich… weiß nicht, was ich für dich empfinde. Anna setzte sich aufs Sofa. – Du weißt es nicht? Dima sah ihr endlich in die Augen. Da war Leere. Verwirrung. Kein Funke des Feuers von früher. – Ich glaube, die Liebe ist vorbei. Schon lange. Ich habe geschwiegen, um dir nicht weh zu tun. Monatelang lebte Anna in dieser Hölle, wusste nicht, was los war. Sie deutete seine Blicke, analysierte jedes Wort, suchte Gründe. Vielleicht Probleme im Job. Vielleicht Midlife-Crisis. Vielleicht einfach anhaltend schlechte Laune. Dabei hatte er sie einfach nicht mehr geliebt. Und geschwiegen, während sie Pläne für die Zukunft schmiedete, auf Karriere verzichtete und sich auf Schwangerschaft vorbereitete. Die Entscheidung kam plötzlich. Kein “vielleicht”, kein “es wird schon”, keine Geduld mehr. Es reicht. – Ich lasse mich scheiden. Dima wurde blass. Anna sah, wie sein Kehlkopf zuckte. – Warte. Mach doch nicht gleich Schluss. Wir können es versuchen … – Versuchen? – Lass uns ein Kind bekommen, vielleicht bringt uns das wieder zusammen. Man sagt, Kinder verbinden. Anna lachte bitter und unschön. – Ein Kind würde alles nur schlimmer machen. Du liebst mich nicht. Warum sollen wir Kinder bekommen? Damit wir dann mit einem Baby auf den Arm die Scheidung durchziehen? Dima schwieg. Er wusste, sie hatte recht. Anna ging noch am selben Tag. Packte das Nötigste, mietete ein Zimmer bei einer Bekannten. Die Scheidung reichte sie eine Woche später ein – als ihre Hände aufhörten zu zittern. Die Aufteilung würde lange dauern. Wohnung, Auto, fünfzehn Jahre gemeinsames Leben – nun bewertet in Quadratmetern und PS. Der Anwalt redete von Teilung, von Bewertung, von Verhandlungen. Anna nickte, schrieb mit, versuchte nicht daran zu denken, wie ihr Leben nun in Zahlen passt. Bald fand sie eine eigene kleine Wohnung. Anna lernte, allein zu sein. Kochen für eine Person. Serien ohne Kommentar. Schlafen im ganzen Bett. Nachts kamen die Erinnerungen. Sie lag mit dem Gesicht im Kissen und dachte zurück. Margeriten vom Markt. Picknick im Englischen Garten. Sein Lachen, seine Hände, seine Stimme, die “Du bist mein Anker” flüsterte. Der Schmerz war unerträglich. Fünfzehn Jahre schmeißt man nicht einfach weg wie alte Sachen. Doch durch den Schmerz kam etwas anderes. Erleichterung. Richtigkeit. Sie hatte es rechtzeitig geschafft – bevor sie sich mit einem Kind an einen Mann band. Bevor sie aus falschen Gründen in einer leeren Ehe feststeckte. Zweiunddreißig Jahre. Noch das ganze Leben vor sich. Angst? Riesengroß. Aber sie wird es schaffen. Es gibt einfach keinen anderen Weg.

Ich denke, die Liebe ist vorüber.

Du bist die schönste Frau auf diesem ganzen Fachbereich, sagte ich damals und überreichte ihr einen Strauß Margeriten vom Markt am S-Bahnhof.

Katharina lachte, als sie die Blumen annahm. Die Margeriten rochen nach Sommer und irgendwie nach Richtigkeit. Ich stand vor ihr, mit dem Blick eines Mannes, der ganz genau weiß, was er will. Und ich wollte sie.

Unser erstes Date fand im Englischen Garten statt. Ich brachte eine Decke mit, eine Thermoskanne Tee und belegte Brote, die meine Mutter gemacht hatte. Wir saßen auf der Wiese, bis es ganz dunkel war. Ich erinnere mich daran, wie sie lachte und den Kopf zurückwarf. Wie ich ihre Hand wie zufällig berührte, wie ich sie ansah als wäre sie der einzige Mensch in ganz München.

Nach drei Monaten nahm ich sie mit ins Kino, zu einer französischen Komödie, die sie nicht wirklich verstand, aber sie lachte mit mir. Nach einem halben Jahr stellte ich sie meinen Eltern vor. Nach einem Jahr bat ich sie, zu mir zu ziehen.

Wir schlafen doch ohnehin jede Nacht zusammen, sagte ich, während ich ihr durchs Haar strich. Warum für zwei Wohnungen zahlen?

Katharina stimmte zu. Nicht wegen Geld, nein. Bei mir ergab die Welt einen Sinn.

Unsere gemietete Einzimmerwohnung roch sonntags nach Linsensuppe und nach frisch gebügelter Wäsche. Katharina lernte, meine Lieblingsfrikadellen zu machen mit Knoblauch und Dill, ganz wie meine Mutter. Abends las ich ihr Artikel aus Zeitschriften über Wirtschaft und Finanzen vor. Ich träumte von einem eigenen Unternehmen. Katharina hörte zu, stützte die Wange in die Hand und glaubte jedes meiner Worte.

Wir schmiedeten Pläne. Erst für die Anzahlung sparen. Dann eine eigene Wohnung. Dann Auto. Kinder, natürlich. Zwei, ein Junge und ein Mädchen.

Wir schaffen das alles, sagte ich und küsste sie auf den Scheitel.

Katharina nickte. Bei mir fühlte sie sich unbesiegbar.

…Fünfzehn Jahre gemeinsames Leben füllten sich mit Sachen, Gewohnheiten, Ritualen. Unsere Wohnung lag in einem guten Stadtteil, mit Blick auf einen kleinen Park. Zwanzig Jahre Hypothek, die wir beschleunigt abzahlten, indem wir auf Urlaub und Restaurants verzichteten. Ein silberner VW den suchte ich selbst aus, handelte mit dem Verkäufer um jeden Euro, polierte jeden Samstag die Motorhaube auf Hochglanz.

Stolz stieg wie eine warme Welle in meiner Brust auf. Wir hatten alles selbst geschafft. Ohne Geld von den Eltern, ohne Beziehungen, ohne Zufall. Einfach gearbeitet, gespart, durchgehalten.

Sie klagte nie. Selbst wenn sie so müde war, dass sie in der S-Bahn einschlief und erst am Endbahnhof wieder erwachte. Selbst wenn sie am liebsten einfach alles hingeworfen und ans Meer geflogen wäre. Wir waren ein Team. So sagte ich es, und sie glaubte daran.
Mein Wohl ging immer vor. Katharina lernte diese Regel auswendig, webte sie in ihre DNA ein. Schlechter Tag im Büro? Sie kochte Abendessen, schenkte Tee ein, hörte mir zu. Streit mit dem Chef? Sie streichelte meinen Kopf, flüsterte, dass alles in Ordnung komme. Selbstzweifel? Sie fand die richtigen Worte und zog mich aus jedem Loch.

Du bist mein Anker, mein Rückhalt und meine Stütze, sagte ich in solchen Momenten.

Katharina lächelte. Jemandes Anker zu sein ist das nicht Glück?

Schwere Zeiten kamen, natürlich. Das erste Mal nach fünf Jahren. Das Unternehmen, in dem ich arbeitete, ging pleite. Drei Monate saß ich zuhause, durchforstete Stellenanzeigen und wurde jeden Tag bedrückter.

Das zweite Mal noch schlimmer. Kollegen schoben mir mit den Dokumenten etwas unter, ich verlor nicht nur meinen Job sondern stand auf eine beträchtliche Summe. Das Auto mussten wir verkaufen, um die Schulden zu begleichen.

Nie ein Vorwurf von Katharina. Kein Wort, kein Blick. Sie übernahm Zusatzprojekte, arbeitete nachts, sparte an sich selbst. Sie sorgte sich nur um eins wie es mir ging. Ob ich durchhalte. Ob ich an mich selbst glaube.

…Ich fand wieder heraus. Einen Job, sogar besser bezahlt als zuvor. Wir kauften wieder ein Auto wieder einen silbernen VW. Das Leben wurde wieder ruhig.
Vor einem Jahr saßen wir in der Küche, und Katharina sprach endlich aus, was sie schon lange dachte:

Vielleicht ist es Zeit? Ich bin doch schon lange nicht mehr zwanzig. Wenn wir weiter warten…

Ich nickte. Ernst, nachdenklich.

Lass uns anfangen.

Katharina hielt den Atem an. So viele Jahre Träume, Warten, das richtige Timing abpassen. Und nun war es endlich soweit.

Sie stellte es sich tausendfach vor. Kleine Finger, die ihre Hand umfassen. Der Geruch von Babypuder. Die ersten Schritte im Wohnzimmer. Ich, der am Bett Märchen vorliest.

Ein Kind. Unser Kind. Endlich.

Die Veränderungen begannen sofort. Katharina überdachte alles Ernährung, Tagesablauf, Belastung. Meldete sich bei Ärzten an, machte Tests, begann mit Vitaminen. Der Beruf rückte in den Hintergrund, obwohl sie kurz vor einer Beförderung stand.

Sind Sie sicher?, fragte die Chefin und blickte über den Brillenrand. So eine Chance gibt es nur einmal.

Katharina war sicher. Die Beförderung hätte Reisen, Überstunden und Stress bedeutet. Keine idealen Bedingungen für eine Schwangerschaft.

Ich wechsle lieber in die Filiale, sagte sie.

Die Chefin zuckte die Schultern.

Die Filiale lag fünfzehn Minuten von zuhause entfernt. Die Arbeit langweilig, monoton, ohne Aufstiegschancen. Aber sie konnte pünktlich um sechs gehen und am Wochenende abschalten.

Katharina gewöhnte sich schnell ein. Die neuen Kollegen waren freundlich, wenn auch nicht besonders ehrgeizig. Sie bereitete sich ihr Mittagessen vor, machte Spaziergänge in der Pause, ging vor Mitternacht ins Bett. Alles für das zukünftige Kind. Für unsere Familie.

Die Kälte kam schleichend. Anfangs schenkte Katharina dem keine Bedeutung. Ich arbeitete viel, war oft müde. So etwas passiert.

Aber ich hörte auf, nach ihrem Tag zu fragen. Umarmte sie nicht mehr vorm Einschlafen. Schaute sie nicht mehr an wie früher, damals, als ich sie auf dem Fachbereich die schönste Frau genannt hatte.
Zu Hause wurde es still. Es war nicht die richtige Stille. Früher hatten wir stundenlang geplaudert über Arbeit, Pläne, Belangloses. Jetzt saß ich die Abende am Handy. Antwortete knapp. Legte mich ins Bett und drehte mich zur Wand.

Katharina lag neben mir und starrte an die Decke. Zwischen uns eine halbe Matratze voller Leere.

Die Nähe war ganz verschwunden. Zwei Wochen, drei, ein Monat. Katharina zählte nicht mehr. Ich fand immer Ausreden:

Bin total erledigt. Lass uns morgen.

Doch morgen kam nie.

Schließlich fragte sie mich direkt. Eines Abends, als sie sich überwunden hatte, stellte sie sich mir in den Weg ins Bad.

Was ist los? Bitte sei ehrlich.

Ich sah an ihr vorbei, irgendwo auf den Türrahmen.

Alles in Ordnung.
Nein.
Du bildest dir was ein. Es ist nur so eine Phase. Geht vorbei.

Ich umging sie und schloss mich im Bad ein. Das Wasser rauschte.

Katharina stand im Flur, hielt die Hand aufs Herz. Da tat es weh dumpf, brennend, anhaltend.

Sie hielt noch einen Monat durch. Dann fragte sie direkt:

Liebst du mich?

Pause. Eine lange, beängstigende Pause.

Ich… weiß nicht, was ich für dich empfinde.

Katharina setzte sich auf das Sofa.

Du weißt es nicht?

Ich sah ihr endlich in die Augen. Da war Leere. Ratlosigkeit. Kein Funke von dem Feuer, das vor fünfzehn Jahren glühte.

Ich glaube, die Liebe ist vorbei. Schon eine ganze Weile. Ich habe geschwiegen, weil ich dir nicht weh tun wollte.

Monate hatte Katharina in dieser Hölle verbracht, ohne die Wahrheit zu kennen. Sie beobachtete mich, analysierte jedes Wort, suchte Gründe. Vielleicht Stress im Job. Vielleicht Midlife-Crisis. Vielleicht nur schlechte Laune.
Dabei hatte ich sie einfach nicht mehr geliebt. Und geschwiegen, während sie unser gemeinsames Leben plante, auf Karriere verzichtete, ihren Körper aufs Muttersein vorbereitete.

Die Entscheidung kam plötzlich. Kein vielleicht, kein es wird schon, kein Warten mehr. Das reicht.

Ich lasse mich scheiden.

Mir wurde bleich, das spürte ich selbst. Der Adamsapfel sprang bei jedem Schlucken.

Warte. Nicht so schnell. Wir könnten doch
Versuchen?
Vielleicht bekommen wir ein Kind, ja? Es heißt doch, Kinder bringen einander näher.

Katharina lachte. Bitter und abgehackt.

Ein Kind würde alles nur verschlimmern. Du liebst mich nicht. Warum sollten wir dann Kinder bekommen? Damit wir dann mit einem Säugling im Scheidungsprozess sitzen?

Ich schwieg. Ich hatte nichts mehr zu sagen.

Katharina ging noch am selben Tag. Packte eine Tasche mit dem Wichtigsten, zog ins Zimmer einer Bekannten. Die Scheidungspapiere reichte sie eine Woche später ein, als die Hände endlich nicht mehr zitterten.

Die Teilung des Besitzes würde lange dauern. Wohnung, Auto, fünfzehn Jahre gemeinsame Einkäufe und Entscheidungen. Der Anwalt redete von Gutachten, Anteilen, Verhandlungen. Katharina nickte, schrieb mit, versuchte nicht zu denken, dass unser Leben nun in Quadratmeter und PS gerechnet wurde.

Bald fand sie eine kleine Wohnung zur Miete. Katharina lernte, allein zu sein. Für eine Person zu kochen. Serien ohne Kommentare zu schauen. Im ganzen Bett zu schlafen.

Nachts überkam es sie. Sie lag mit dem Gesicht im Kissen und erinnerte sich. Margeriten vom Markt. Picknickdecken im Englischen Garten. Mein Lachen, meine Hände, meine Stimme, die du bist mein Anker flüstert.

Der Schmerz war kaum auszuhalten. Fünfzehn Jahre schmeißt man nicht einfach aus dem Herzen wie alte Möbel.

Aber durch diesen Schmerz drang etwas anderes. Erleichterung. Richtigkeit. Sie hatte es geschafft. Sie war rechtzeitig gegangen, bevor sie sich über ein Kind an mich band. Bevor sie in einer toten Ehe gefangen blieb, nur um die Familie zu erhalten.

Zweiunddreißig Jahre. Das ganze Leben noch vor ihr.

Angst? Unendlich.

Aber sie würde es schaffen. Sie hat keine andere Wahl.

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Homy
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Ich glaube, die Liebe ist vorbei – Du bist die schönste Frau auf diesem Campus, – sagte er einst und überreichte ihr einen Strauß frischer Margeriten vom Wochenmarkt am U-Bahnhof. Anna lachte, als sie die Blumen entgegennahm. Die Margeriten dufteten nach Sommer und etwas Unfassbar-Richtigem. Dima stand vor ihr mit dem Blick eines Mannes, der genau weiß, was er will. Und er wollte sie. Ihr erstes Date fand im Englischen Garten statt. Dima hatte eine Decke, eine Thermoskanne mit Tee und selbstgemachte belegte Brote dabei, die seine Mutter vorbereitet hatte. Sie saßen bis in die Dunkelheit hinein auf dem Rasen. Anna erinnert sich an sein Lachen, an die Berührungen, so zufällig sie auch sein mochten. Er sah sie an, als sei sie der einzige Mensch in ganz München. Drei Monate später ging er mit ihr ins Kino zu einer französischen Komödie, die sie nicht ganz verstand, aber über die sie gemeinsam lachten. Nach einem halben Jahr stellte er sie seinen Eltern vor. Nach einem Jahr bat er sie, bei ihm einzuziehen. – Wir verbringen doch sowieso jede Nacht miteinander, – meinte Dima, während er ihren Haaren spielte. – Warum für zwei Wohnungen zahlen? Anna stimmte zu. Nicht wegen des Geldes. In seiner Nähe ergab alles einen Sinn. Ihre gemietete Einzimmerwohnung roch sonntags nach Rinderrouladen und frisch gebügelter Bettwäsche. Anna lernte Dimas Lieblingsfrikadellen mit Knoblauch und Dill zuzubereiten, genauso wie seine Mutter. Dima las ihr abends Artikel aus Wirtschafts- und Finanzmagazinen vor und schwärmte vom eigenen Unternehmen. Anna hörte zu, gestützt auf ihre Hand, und glaubte ihm jedes Wort. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne. Erst das Eigenkapital ansparen, dann eine eigene Wohnung, dann ein Auto. Kinder, natürlich. Ein Junge und ein Mädchen. – Wir schaffen das alles, – sagte Dima und küsste sie auf den Kopf. Anna nickte. Neben ihm fühlte sie sich unbesiegbar. …Fünfzehn Jahre gemeinsames Leben brachten Dinge, Gewohnheiten, Rituale. Eine Wohnung in Schwabing mit Blick auf den Park. Ein Immobilienkredit über zwanzig Jahre, den sie durch Verzicht auf Urlaube und Restaurantbesuche früher tilgten. Ein silberner Volkswagen auf dem Hof – Dima hatte ihn selbst ausgesucht, den Preis ausgehandelt und jeden Samstag das polierte Blech bewundert. Stolz durchströmte sie. Sie hatten alles allein erreicht. Ohne elterliche Hilfe, ohne Beziehungen, nur durch Arbeit, Sparsamkeit und Geduld. Sie jammerte nie. Auch nicht, wenn sie so müde war, dass sie in der U-Bahn einschlief und erst an der Endstation aufwachte. Auch nicht, wenn sie alles hinschmeißen und irgendwo ans Meer fliegen wollte. Sie waren ein Team – das sagte Dima, und Anna glaubte ihm. Sein Wohlergehen war immer das Wichtigste. Anna lernte diese Regel auswendig und schrieb sie in ihr eigenes Herz. Schlechter Tag im Büro? Sie kochte Abendessen, schenkte Tee ein, hörte zu. Streit mit dem Chef? Sie streichelte seinen Kopf und flüsterte, es würde wieder besser. Selbstzweifel? Sie fand die richtigen Worte, holte ihn aus dem Loch. – Du bist mein Anker, mein Rückhalt, meine Stütze, – sagte Dima in solchen Momenten. Anna lächelte. Jemandes Anker zu sein – das ist doch Glück? Es gab schwere Zeiten. Das erste Mal nach fünf Jahren. Dimas Firma ging pleite. Drei Monate lang saß er zu Hause, sichtete Stellenangebote und wurde immer bedrückter. Das zweite Mal war noch schlimmer. Die Kollegen schoben ihm Dokumente unter, er verlor nicht nur den Job, sondern musste auch eine hohe Geldsumme zahlen. Sie verkauften das Auto, um die Schulden zu begleichen. Nie machte Anna ihm Vorwürfe. Nicht mit Worten, nicht mit Blicken. Sie übernahm Zusatzprojekte, arbeitete nachts, sparte an sich selbst. Sie sorgte sich nur darum, wie es ihm ging. Ob er durchhalten würde, ob er den Glauben an sich selbst nicht verliert. …Dima kämpfte sich durch. Fand einen neuen Job, sogar einen besseren. Bald kauften sie wieder ein silbernes Auto. Ihr Leben ging weiter. Vor einem Jahr saßen sie in der Küche und Anna sprach endlich das aus, was sie schon lange dachte: – Vielleicht ist es jetzt soweit? Ich bin schon längst nicht mehr zwanzig. Wenn wir weiter warten… Dima nickte – ernst und überlegt. – Lass uns es versuchen. Anna hielt den Atem an. So viele Jahre hatte sie gewartet, verschoben, auf den richtigen Moment gehofft. Nun war er da. Sie hatte ihn sich tausendmal vorgestellt: kleine Finger, die ihre Hand umklammern. Der Duft von Baby-Puder. Die ersten Schritte durch ihr Wohnzimmer. Dima, wie er Gute-Nacht-Geschichten vorliest. Ihr Kind. Endlich. Die Veränderungen begannen sofort. Anna stellte alles um – Ernährung, Rhythmus, Belastungen. Meldete sich bei Ärzten, ließ Tests machen, nahm Vitamine. Die Karriere rückte zurück, obwohl sie gerade befördert werden sollte. – Bist du sicher? – fragte die Chefin über ihre Brille hinweg. – So eine Chance gibt es nur einmal im Leben. Anna war sicher. Die Beförderung hätte Geschäftsreisen, Überstunden, Stress bedeutet. Nicht die besten Bedingungen für eine Schwangerschaft. – Ich wechsle lieber ins Filialbüro, – erwiderte sie. Die Chefin zuckte die Schultern. Das Filialbüro lag 15 Minuten von Zuhause entfernt. Die Arbeit war eintönig, ohne Perspektive. Dafür konnte sie pünktlich Feierabend machen und am Wochenende abschalten. Anna gewöhnte sich schnell ein. Die neuen Kollegen waren nett, aber wenig ambitioniert. Sie kochte zuhause Mittagessen, ging in der Pause spazieren, schlief vor Mitternacht ein. Alles für das zukünftige Kind. Alles für ihre Familie. Die Kälte kam unauffällig. Anfangs schenkte Anna dem keine Aufmerksamkeit. Dima arbeitete viel, war erschöpft. Das passiert. Aber er hörte auf, zu fragen, wie ihr Tag war. Hörte auf, sie abends zu umarmen. Hörte auf, sie so anzusehen wie damals, am Anfang. Ihr Zuhause wurde still. Anders still als früher. Früher hatten sie stundenlang geplaudert – über Arbeit, Pläne, Unsinn. Jetzt hing Dima am Handy, antwortete knapp, drehte sich zum Schlafen zur Wand. Anna starrte die Decke an. Zwischen ihnen klaffte eine halbe Matratze breite Schlucht. Intimität verschwand. Zwei Wochen, drei, ein Monat. Anna hörte auf zu zählen. Dima hatte immer Ausreden: – Ich bin total müde. Morgen vielleicht. Doch morgen kam nie. Sie fragte direkt. Eines Abends stellte sie sich ihm in den Weg ins Bad: – Was ist los? Bitte ehrlich. Dima sah an ihr vorbei, in die Richtung des Türrahmens. – Alles gut. – Das stimmt nicht. – Du bildest dir was ein. Es geht vorbei. Er ging um sie herum, schloss die Badezimmertür. Wasser rauschte. Anna stand im Flur und drückte die Hand auf die Brust. Es tat weh. Dumpf, bohrend, immer. Einen Monat hielt sie noch durch. Dann fragte sie geradeheraus: – Liebst du mich? Pause. Längere, schlimme Pause. – Ich… weiß nicht, was ich für dich empfinde. Anna setzte sich aufs Sofa. – Du weißt es nicht? Dima sah ihr endlich in die Augen. Da war Leere. Verwirrung. Kein Funke des Feuers von früher. – Ich glaube, die Liebe ist vorbei. Schon lange. Ich habe geschwiegen, um dir nicht weh zu tun. Monatelang lebte Anna in dieser Hölle, wusste nicht, was los war. Sie deutete seine Blicke, analysierte jedes Wort, suchte Gründe. Vielleicht Probleme im Job. Vielleicht Midlife-Crisis. Vielleicht einfach anhaltend schlechte Laune. Dabei hatte er sie einfach nicht mehr geliebt. Und geschwiegen, während sie Pläne für die Zukunft schmiedete, auf Karriere verzichtete und sich auf Schwangerschaft vorbereitete. Die Entscheidung kam plötzlich. Kein “vielleicht”, kein “es wird schon”, keine Geduld mehr. Es reicht. – Ich lasse mich scheiden. Dima wurde blass. Anna sah, wie sein Kehlkopf zuckte. – Warte. Mach doch nicht gleich Schluss. Wir können es versuchen … – Versuchen? – Lass uns ein Kind bekommen, vielleicht bringt uns das wieder zusammen. Man sagt, Kinder verbinden. Anna lachte bitter und unschön. – Ein Kind würde alles nur schlimmer machen. Du liebst mich nicht. Warum sollen wir Kinder bekommen? Damit wir dann mit einem Baby auf den Arm die Scheidung durchziehen? Dima schwieg. Er wusste, sie hatte recht. Anna ging noch am selben Tag. Packte das Nötigste, mietete ein Zimmer bei einer Bekannten. Die Scheidung reichte sie eine Woche später ein – als ihre Hände aufhörten zu zittern. Die Aufteilung würde lange dauern. Wohnung, Auto, fünfzehn Jahre gemeinsames Leben – nun bewertet in Quadratmetern und PS. Der Anwalt redete von Teilung, von Bewertung, von Verhandlungen. Anna nickte, schrieb mit, versuchte nicht daran zu denken, wie ihr Leben nun in Zahlen passt. Bald fand sie eine eigene kleine Wohnung. Anna lernte, allein zu sein. Kochen für eine Person. Serien ohne Kommentar. Schlafen im ganzen Bett. Nachts kamen die Erinnerungen. Sie lag mit dem Gesicht im Kissen und dachte zurück. Margeriten vom Markt. Picknick im Englischen Garten. Sein Lachen, seine Hände, seine Stimme, die “Du bist mein Anker” flüsterte. Der Schmerz war unerträglich. Fünfzehn Jahre schmeißt man nicht einfach weg wie alte Sachen. Doch durch den Schmerz kam etwas anderes. Erleichterung. Richtigkeit. Sie hatte es rechtzeitig geschafft – bevor sie sich mit einem Kind an einen Mann band. Bevor sie aus falschen Gründen in einer leeren Ehe feststeckte. Zweiunddreißig Jahre. Noch das ganze Leben vor sich. Angst? Riesengroß. Aber sie wird es schaffen. Es gibt einfach keinen anderen Weg.
Mein Freund rettete das Leben eines kaukasischen Mädchens – doch er hätte nie ahnen können, was ihn in Zukunft erwartete.