Ich denke, die Liebe ist vorüber.
Du bist die schönste Frau auf diesem ganzen Fachbereich, sagte ich damals und überreichte ihr einen Strauß Margeriten vom Markt am S-Bahnhof.
Katharina lachte, als sie die Blumen annahm. Die Margeriten rochen nach Sommer und irgendwie nach Richtigkeit. Ich stand vor ihr, mit dem Blick eines Mannes, der ganz genau weiß, was er will. Und ich wollte sie.
Unser erstes Date fand im Englischen Garten statt. Ich brachte eine Decke mit, eine Thermoskanne Tee und belegte Brote, die meine Mutter gemacht hatte. Wir saßen auf der Wiese, bis es ganz dunkel war. Ich erinnere mich daran, wie sie lachte und den Kopf zurückwarf. Wie ich ihre Hand wie zufällig berührte, wie ich sie ansah als wäre sie der einzige Mensch in ganz München.
Nach drei Monaten nahm ich sie mit ins Kino, zu einer französischen Komödie, die sie nicht wirklich verstand, aber sie lachte mit mir. Nach einem halben Jahr stellte ich sie meinen Eltern vor. Nach einem Jahr bat ich sie, zu mir zu ziehen.
Wir schlafen doch ohnehin jede Nacht zusammen, sagte ich, während ich ihr durchs Haar strich. Warum für zwei Wohnungen zahlen?
Katharina stimmte zu. Nicht wegen Geld, nein. Bei mir ergab die Welt einen Sinn.
Unsere gemietete Einzimmerwohnung roch sonntags nach Linsensuppe und nach frisch gebügelter Wäsche. Katharina lernte, meine Lieblingsfrikadellen zu machen mit Knoblauch und Dill, ganz wie meine Mutter. Abends las ich ihr Artikel aus Zeitschriften über Wirtschaft und Finanzen vor. Ich träumte von einem eigenen Unternehmen. Katharina hörte zu, stützte die Wange in die Hand und glaubte jedes meiner Worte.
Wir schmiedeten Pläne. Erst für die Anzahlung sparen. Dann eine eigene Wohnung. Dann Auto. Kinder, natürlich. Zwei, ein Junge und ein Mädchen.
Wir schaffen das alles, sagte ich und küsste sie auf den Scheitel.
Katharina nickte. Bei mir fühlte sie sich unbesiegbar.
…Fünfzehn Jahre gemeinsames Leben füllten sich mit Sachen, Gewohnheiten, Ritualen. Unsere Wohnung lag in einem guten Stadtteil, mit Blick auf einen kleinen Park. Zwanzig Jahre Hypothek, die wir beschleunigt abzahlten, indem wir auf Urlaub und Restaurants verzichteten. Ein silberner VW den suchte ich selbst aus, handelte mit dem Verkäufer um jeden Euro, polierte jeden Samstag die Motorhaube auf Hochglanz.
Stolz stieg wie eine warme Welle in meiner Brust auf. Wir hatten alles selbst geschafft. Ohne Geld von den Eltern, ohne Beziehungen, ohne Zufall. Einfach gearbeitet, gespart, durchgehalten.
Sie klagte nie. Selbst wenn sie so müde war, dass sie in der S-Bahn einschlief und erst am Endbahnhof wieder erwachte. Selbst wenn sie am liebsten einfach alles hingeworfen und ans Meer geflogen wäre. Wir waren ein Team. So sagte ich es, und sie glaubte daran.
Mein Wohl ging immer vor. Katharina lernte diese Regel auswendig, webte sie in ihre DNA ein. Schlechter Tag im Büro? Sie kochte Abendessen, schenkte Tee ein, hörte mir zu. Streit mit dem Chef? Sie streichelte meinen Kopf, flüsterte, dass alles in Ordnung komme. Selbstzweifel? Sie fand die richtigen Worte und zog mich aus jedem Loch.
Du bist mein Anker, mein Rückhalt und meine Stütze, sagte ich in solchen Momenten.
Katharina lächelte. Jemandes Anker zu sein ist das nicht Glück?
Schwere Zeiten kamen, natürlich. Das erste Mal nach fünf Jahren. Das Unternehmen, in dem ich arbeitete, ging pleite. Drei Monate saß ich zuhause, durchforstete Stellenanzeigen und wurde jeden Tag bedrückter.
Das zweite Mal noch schlimmer. Kollegen schoben mir mit den Dokumenten etwas unter, ich verlor nicht nur meinen Job sondern stand auf eine beträchtliche Summe. Das Auto mussten wir verkaufen, um die Schulden zu begleichen.
Nie ein Vorwurf von Katharina. Kein Wort, kein Blick. Sie übernahm Zusatzprojekte, arbeitete nachts, sparte an sich selbst. Sie sorgte sich nur um eins wie es mir ging. Ob ich durchhalte. Ob ich an mich selbst glaube.
…Ich fand wieder heraus. Einen Job, sogar besser bezahlt als zuvor. Wir kauften wieder ein Auto wieder einen silbernen VW. Das Leben wurde wieder ruhig.
Vor einem Jahr saßen wir in der Küche, und Katharina sprach endlich aus, was sie schon lange dachte:
Vielleicht ist es Zeit? Ich bin doch schon lange nicht mehr zwanzig. Wenn wir weiter warten…
Ich nickte. Ernst, nachdenklich.
Lass uns anfangen.
Katharina hielt den Atem an. So viele Jahre Träume, Warten, das richtige Timing abpassen. Und nun war es endlich soweit.
Sie stellte es sich tausendfach vor. Kleine Finger, die ihre Hand umfassen. Der Geruch von Babypuder. Die ersten Schritte im Wohnzimmer. Ich, der am Bett Märchen vorliest.
Ein Kind. Unser Kind. Endlich.
Die Veränderungen begannen sofort. Katharina überdachte alles Ernährung, Tagesablauf, Belastung. Meldete sich bei Ärzten an, machte Tests, begann mit Vitaminen. Der Beruf rückte in den Hintergrund, obwohl sie kurz vor einer Beförderung stand.
Sind Sie sicher?, fragte die Chefin und blickte über den Brillenrand. So eine Chance gibt es nur einmal.
Katharina war sicher. Die Beförderung hätte Reisen, Überstunden und Stress bedeutet. Keine idealen Bedingungen für eine Schwangerschaft.
Ich wechsle lieber in die Filiale, sagte sie.
Die Chefin zuckte die Schultern.
Die Filiale lag fünfzehn Minuten von zuhause entfernt. Die Arbeit langweilig, monoton, ohne Aufstiegschancen. Aber sie konnte pünktlich um sechs gehen und am Wochenende abschalten.
Katharina gewöhnte sich schnell ein. Die neuen Kollegen waren freundlich, wenn auch nicht besonders ehrgeizig. Sie bereitete sich ihr Mittagessen vor, machte Spaziergänge in der Pause, ging vor Mitternacht ins Bett. Alles für das zukünftige Kind. Für unsere Familie.
Die Kälte kam schleichend. Anfangs schenkte Katharina dem keine Bedeutung. Ich arbeitete viel, war oft müde. So etwas passiert.
Aber ich hörte auf, nach ihrem Tag zu fragen. Umarmte sie nicht mehr vorm Einschlafen. Schaute sie nicht mehr an wie früher, damals, als ich sie auf dem Fachbereich die schönste Frau genannt hatte.
Zu Hause wurde es still. Es war nicht die richtige Stille. Früher hatten wir stundenlang geplaudert über Arbeit, Pläne, Belangloses. Jetzt saß ich die Abende am Handy. Antwortete knapp. Legte mich ins Bett und drehte mich zur Wand.
Katharina lag neben mir und starrte an die Decke. Zwischen uns eine halbe Matratze voller Leere.
Die Nähe war ganz verschwunden. Zwei Wochen, drei, ein Monat. Katharina zählte nicht mehr. Ich fand immer Ausreden:
Bin total erledigt. Lass uns morgen.
Doch morgen kam nie.
Schließlich fragte sie mich direkt. Eines Abends, als sie sich überwunden hatte, stellte sie sich mir in den Weg ins Bad.
Was ist los? Bitte sei ehrlich.
Ich sah an ihr vorbei, irgendwo auf den Türrahmen.
Alles in Ordnung.
Nein.
Du bildest dir was ein. Es ist nur so eine Phase. Geht vorbei.
Ich umging sie und schloss mich im Bad ein. Das Wasser rauschte.
Katharina stand im Flur, hielt die Hand aufs Herz. Da tat es weh dumpf, brennend, anhaltend.
Sie hielt noch einen Monat durch. Dann fragte sie direkt:
Liebst du mich?
Pause. Eine lange, beängstigende Pause.
Ich… weiß nicht, was ich für dich empfinde.
Katharina setzte sich auf das Sofa.
Du weißt es nicht?
Ich sah ihr endlich in die Augen. Da war Leere. Ratlosigkeit. Kein Funke von dem Feuer, das vor fünfzehn Jahren glühte.
Ich glaube, die Liebe ist vorbei. Schon eine ganze Weile. Ich habe geschwiegen, weil ich dir nicht weh tun wollte.
Monate hatte Katharina in dieser Hölle verbracht, ohne die Wahrheit zu kennen. Sie beobachtete mich, analysierte jedes Wort, suchte Gründe. Vielleicht Stress im Job. Vielleicht Midlife-Crisis. Vielleicht nur schlechte Laune.
Dabei hatte ich sie einfach nicht mehr geliebt. Und geschwiegen, während sie unser gemeinsames Leben plante, auf Karriere verzichtete, ihren Körper aufs Muttersein vorbereitete.
Die Entscheidung kam plötzlich. Kein vielleicht, kein es wird schon, kein Warten mehr. Das reicht.
Ich lasse mich scheiden.
Mir wurde bleich, das spürte ich selbst. Der Adamsapfel sprang bei jedem Schlucken.
Warte. Nicht so schnell. Wir könnten doch
Versuchen?
Vielleicht bekommen wir ein Kind, ja? Es heißt doch, Kinder bringen einander näher.
Katharina lachte. Bitter und abgehackt.
Ein Kind würde alles nur verschlimmern. Du liebst mich nicht. Warum sollten wir dann Kinder bekommen? Damit wir dann mit einem Säugling im Scheidungsprozess sitzen?
Ich schwieg. Ich hatte nichts mehr zu sagen.
Katharina ging noch am selben Tag. Packte eine Tasche mit dem Wichtigsten, zog ins Zimmer einer Bekannten. Die Scheidungspapiere reichte sie eine Woche später ein, als die Hände endlich nicht mehr zitterten.
Die Teilung des Besitzes würde lange dauern. Wohnung, Auto, fünfzehn Jahre gemeinsame Einkäufe und Entscheidungen. Der Anwalt redete von Gutachten, Anteilen, Verhandlungen. Katharina nickte, schrieb mit, versuchte nicht zu denken, dass unser Leben nun in Quadratmeter und PS gerechnet wurde.
Bald fand sie eine kleine Wohnung zur Miete. Katharina lernte, allein zu sein. Für eine Person zu kochen. Serien ohne Kommentare zu schauen. Im ganzen Bett zu schlafen.
Nachts überkam es sie. Sie lag mit dem Gesicht im Kissen und erinnerte sich. Margeriten vom Markt. Picknickdecken im Englischen Garten. Mein Lachen, meine Hände, meine Stimme, die du bist mein Anker flüstert.
Der Schmerz war kaum auszuhalten. Fünfzehn Jahre schmeißt man nicht einfach aus dem Herzen wie alte Möbel.
Aber durch diesen Schmerz drang etwas anderes. Erleichterung. Richtigkeit. Sie hatte es geschafft. Sie war rechtzeitig gegangen, bevor sie sich über ein Kind an mich band. Bevor sie in einer toten Ehe gefangen blieb, nur um die Familie zu erhalten.
Zweiunddreißig Jahre. Das ganze Leben noch vor ihr.
Angst? Unendlich.
Aber sie würde es schaffen. Sie hat keine andere Wahl.





