Es ist nie zu spät, alles zurückzuholen
Manchmal verliert man den Verstand vor Liebe, vergisst alles, und nur der geliebte Mensch füllt die Gedanken. So erging es auch Markus, der sich in Lena verliebte und alles vergaß sogar sein Gewissen und die Pflicht gegenüber seiner Mutter. Die Wahl zwischen Bequemlichkeit und Gewissen ist nicht leicht.
Marki, wo werden wir denn wohnen?, fragte Lena schlau und liebevoll, während sie ihm in die Augen sah.
Na, bei mir natürlich.
Aber du wohnst doch bei deiner Mutter, meckerte sie mit aufgesetzter Schmollmiene.
Und? Meine Mutter ist lieb und ruhig, mach dir keine Sorgen, beruhigte Markus seine Angebetete.
Markus war kein Junge mehr, er war schon über dreißig und das hier wäre seine zweite Ehe. Die erste Frau hatte ihn verlassen sie waren einfach zu unterschiedlich. Sie hatte sich verrechnet, dachte, er verdiene gut, wollte, dass er ein Geschäft aufmacht. Doch Markus hatte kein Startkapital, um durchzustarten. Also ging sie. Zum Glück hatten sie keine Kinder.
Lena traf Markus in einem Café. Nach der Arbeit waren er und sein Freund Stefan dort, um die Geburt von Stefans Sohn zu feiern. Sie tranken ein Bier und bemerkten die traurige, einsame Frau am Nebentisch.
Fräulein, warum so traurig?, fragte Markus grinsend und trat an ihren Tisch. Komm zu uns, mein Freund hat heute Grund zum Feiern sein Sohn ist da, fast vier Kilo schwer.
Lena zögerte nicht lange und setzte sich zu ihnen.
Glückwunsch, sagte sie und sah Stefan an. Ein Sohn ist was Schönes, ein Erbe.
Nach dem Café ging Stefan nach Hause, und Markus brachte Lena zu ihrem Wohnheim. Sie arbeitete in einer Textilfabrik und wohnte in der Nähe. Ursprünglich kam sie aus einem kleinen Dorf und war zehn Jahre jünger als er. An diesem Abend blieb er bei ihr.
Sie trafen sich, gingen spazieren, und irgendwann brachte Lena das Gespräch geschickt darauf, dass es Zeit wäre, über Heirat und Kinder nachzudenken.
Marki, du bist über dreißig und hast noch kein Kind. Das musst du ändern, sonst wirds zu spät, lachte sie. Ihr war das laute Wohnheim leid, sie wollte eine richtige Wohnung.
Markus verstand er war wirklich verliebt und machte Lena einen Antrag.
Ja, ich will!, jubelte sie. Wann gehen wir zum Standesamt?
Bald. Aber erst ziehst du zu mir und meiner Mutter.
Nein, Marki, ich will nicht mit deiner Mutter leben. Ich hab genug Horrorgeschichten über Schwiegertöchter und Schwiegermütter gehört. Lass uns lieber eine eigene Wohnung mieten
Aber Lena, ich kann mir eine Miete nicht leisten dann bleibt uns von meinem Gehalt nichts mehr. Okay, wir finden eine andere Lösung.
Erika saß am Küchenfenster und beobachtete die ersten Schneeflocken, die langsam zu Boden fielen. Sie fühlte sich nicht gut, war seit ihrer Pensionierung als Mathelehrerin oft krank. Mehrmals hatte sie schon im Krankenhaus gelegen.
An diesem Tag kam Markus mit Lena nach Hause. Sie kannten sich schon, Lena war schon ein paar Mal zu Besuch gewesen, aber sie ignorierte Erika meistens. Grüßte höflich und verschwand dann in Markus Zimmer. Ihr Lachen hallte durch die Wohnung. Beim Gehen verabschiedete sie sich nicht einmal.
Mama, Lena und ich heiraten. Sie zieht hier ein, Markus zögerte, dann fügte er hinzu: Und Lena will nicht, dass du hier bleibst. Ich hab schon alles organisiert du ziehst ins Altenheim. Da ist es gut, Ärzte sind da Du verstehst doch, Mama, wir brauchen Privatsphäre.
Die Welt ist hart. Manchmal schiebt man die alternden Eltern einfach beiseite gibt ja schließlich Altenheime. Man vergisst die Verpflichtung denen gegenüber, die einen großgezogen haben. Darüber dachte Markus nicht nach.
Ich verstehe, mein Junge, sagte die Mutter mit schwerem Herzen.
Sie packte ihre wenigen Sachen in einen alten Koffer, und Markus brachte sie ins Altenheim, weit draußen vor der Stadt.
Erikas Leben spielte sich jetzt in diesem Heim ab, in einem kleinen Zimmer, wo sie ständig am Fenster saß. Auf dem Nachttisch stand ein abgegriffenes Foto von Markus alles, was von ihrem alten Leben übrig war.
Tief im Herzen hoffte sie noch, dass ihr Sohn sie eines Tages zurückholen würde. Erika war mit sechsunddreißig Witwe geworden und hatte Markus allein großgezogen. Ihr ganzes Leben hatte nur für ihn existiert. Sie arbeitete zwei Jobs, damit es ihm an nichts fehlte.
Marki, flüsterte sie oft weinend vor dem Foto.
Die Zeit verging, aber Markus kam nicht. Mit Lena lebte er fröhlich vor sich hin. Doch nach einem halben Jahr kam sie oft betrunken nach Hause, blieb abends weg.
Lena, wo treibst du dich rum? Du hast einen Mann, der zu Hause wartet!
Ach, wir Mädels waren nach der Arbeit im Café, Veras Geburtstag, lallte sie angetrunken, ohne Reue.
Ich hab geheiratet, damit ich eine Frau habe, die sich um mich kümmert nicht um mit ihren Freundinnen abzuhängen.
Ach, laber mich nicht voll. Ich bin erwachsen, ich weiß, was ich tue. Du verhungerst ja nicht, kochen kannst du selbst, lachte sie und fiel ins Bett.
Genau ein Jahr später ließ Markus sich scheiden und erinnerte sich plötzlich an seine Pflicht.
Gott, das ist meine Strafe Ich hab meine Mutter weggeschoben und mich nie um sie gekümmert
Dann kam der Moment, in dem die Stimme des Gewissens in der Stille seines bequemen Lebens laut wurde. Markus spürte es endlich. Als Erika eines Tages in ihrem alten Sessel am Fenster saß und den grauen Himmel betrachtete, öffnete sich plötzlich die Tür.
Mama
Erika drehte sich um und traute ihren Augen nicht. Da stand ihr Sohn abgemagert, mit dunklen Augenringen.
Marki, was ist los? Bist du krank?, fragte sie erschrocken, alle Verletzungen vergessend.
Mama, vergib mir Ich hätte das nie tun dürfen, seine Stimme brach. Mama, ich war ein Schuft. Es war falsch, was ich dir angetan habe bitte vergib mir
Er sank vor ihr auf die Knie.
Lena sie war nicht die Richtige. Sie hat sich mit anderen Männern getroffen, dachte nur an ihre Freunde. Arbeitete kaum, kam manchmal gar nicht nach Hause Und dann ist sie zu einem anderen gegangen. Ich hab die Scheidung eingereicht.
Erika hörte schweigend zu und strich ihm über den Kopf.
Mama, ich hab dich für diese vergessen. Verzeih mir. Wie konnte ich nur?, er weinte und umklammerte ihre schmalen Schultern.
Alles gut, mein Junge. Du bist zurückgekommen, du hast verstanden. Das ist das Wichtigste.
Pack deine Sachen, Mama. Ich hole dich sofort nach Hause.
Erika kehrte in ihre Wohnung zurück, wo noch ein Hauch von weiblichem Parfüm in der Luft lag. Sie lebten wieder zu zweit. Markus tat alles, um seine Schuld wiedergutzumachen.
Mama, schau, was ich dir mitgebracht habe, sagte er nach der Arbeit und überreichte ihr Geschenke. Die warme Decke brauchst du jetzt. Ein andermal kaufte er einen dicken Pullover oder ein orthopädisches Kissen.
Junge, du musst nicht so viel ausgeben, sagte Erika sanft.
Mama, ich will, dass es dir gut geht. Du hast so viele Jahre für mich gelebt. Zum Glück habe ich das jetzt verstanden. Jetzt wird alles gut. Markus sprach fest und entschlossen. Ich hab einen neuen Job mit besserem Gehalt. Vielleicht können wir uns bald eine größere Wohnung leisten, dann hast du ein eigenes Zimmer.
Mein Junge, ich freu mich so für dich. Danke für deine Fürsorge Aber du musst auch wieder heiraten, nicht nur für mich leben. Du brauchst eine Familie. So ist das Leben
Okay, Mama, keine Sorge. Ich stell dir gleich Veronika vor. Wir sind seit zwei Monaten zusammen.
Am nächsten Abend kam Markus mit Veronika nach Hause, ihre Hände ineinander verschränkt.
Guten Abend, Frau Erika, sagte die junge Frau mit warmen, grauen Augen. Ich hab einen Apfelkuchen für Sie gebacken.
Ach, Kindchen, das ist aber lieb!
Keine Umstände, lächelte Veronika, während Markus die Teetassen herausholte.
Als Markus sie später nach Hause brachte, fragte Erika:
Junge, hat Veronika kein Problem damit, dass ich bei euch wohne?
Markus wurde ernst.
Aber Mama! Als ich ihr von der Sache mit dem Altenheim erzählte ehrlich, wie ich war , hat sie mich fast in Stücke gerissen. Sie hat mich so beschämt Aber ich wollte es selbst sagen, bevor sie es von anderen erfährt. Das wird mir immer eine Lehre sein.
Erika spürte zum ersten Mal seit Langem wieder Wärme im Herzen. Nicht alle Menschen waren schlecht. Bald tranken sie abends oft Tee mit Apfel- oder Kirschkuchen, den Veronika backte. Sie lebten zu dritt, harmonisch und liebevoll.
Wenn Erika im Sessel einschlief, deckte Veronika sie sanft mit einer Decke zu, und Erika flüsterte:
Danke, mein Kind.
Markus verstand jetzt, was wahres Glück war ein Zuhause besteht nicht aus Wänden, sondern aus den Menschen, die dich bedingungslos lieben.
Eines Abends beim Abendessen verkündete Veronika strahlend:
Mama, Marki, wir kriegen Nachwuchs! Ich bin schwanger. Sie sah etwas verunsichert aus.
Oh Gott, endlich!, weinte Erika vor Freude. Was für ein Glück, Veronika, du bist so gut Ich freu mich so! Junge, und du?
Markus konnte sein Glück kaum fassen. Auch er hatte sich lange ein Kind gewünscht. Alle Freunde hatten schon welche, nur er Dann sprang er auf und umarmte seine Frau.
Veronika, du bist die Beste! Ich liebe dich!
Du bist auch nicht schlecht, lachte die glückliche Veronika.
Markus konnte in dieser Nacht nicht schlafen.
Wie schön, dass es nie zu spät ist, Fehler zu korrigieren. Wie schön, dass Mama noch lebt und ich die Chance habe, alles wiedergutzumachen.
Die Zeit verging. Veronika schenkte Erika einen Enkel und Markus einen Sohn. Das Kinderlachen erfüllte die Wohnung. Zwei Jahre später zogen sie in eine größere, hellere Wohnung mit Kinderzimmer und eigenem Raum für Erika.





