Du findest einfach keinen Draht zu ihm
Ich mach das nicht! Und hör auf, herumzukommandieren! Du bist mir gar nichts!
Lukas schleudert den Teller so heftig in die Spüle, dass das Wasser über die ganze Arbeitsfläche spritzt. Katrin hält für einen Moment den Atem an. Der fünfzehnjährige Junge sieht sie an, als wäre sie persönlich für all sein Unglück verantwortlich.
Ich habe dich doch nur gebeten, beim Abwasch zu helfen, versucht Katrin ruhig zu bleiben. Das ist eine ganz normale Bitte.
Meine Mutter hat mich nie dazu gezwungen, Geschirr zu spülen! Ich bin schließlich kein Mädchen! Außerdem wer bist du überhaupt, um hier irgendwas zu sagen?
Lukas dreht sich um und verlässt mit wütenden Schritten die Küche. Kurz darauf dröhnen laute Beats aus seinem Zimmer.
Katrin lehnt sich gegen den Kühlschrank und schließt die Augen.
Vor einem Jahr war alles noch ganz anders
Martin kam durch Zufall in ihr Leben. Er arbeitete als Ingenieur bei einer großen Baufirma im Nachbarbüro. Sie liefen sich häufig in Meetings über den Weg. Zuerst war es nur ein gemeinsamer Kaffee in der Mittagspause, dann gemeinsam Abendessen, lange Telefonate bis tief in die Nacht.
Ich habe einen Sohn, gestand Martin ihr beim dritten Treffen, während er nervös eine Serviette zwischen den Fingern drehte. Lukas ist fünfzehn. Wir haben uns vor zwei Jahren scheiden lassen, seine Mutter und ich, und für ihn ist das ganz schön schwer.
Ich verstehe das, sagte Katrin und legte ihre Hand beruhigend auf seine. Kinder nehmen das nicht leicht. Das ist normal.
Und du meinst wirklich, du kannst uns beide akzeptieren?
Katrin glaubte fest daran. Sie war zweiunddreißig, hatte eine gescheiterte Ehe ohne Kinder hinter sich und wünschte sich nun eine richtige Familie. Martin schien der Mann zu sein, mit dem das möglich war.
Ein halbes Jahr später machte er ihr einen Antrag unbeholfen, schüchtern, das Ringkästchen im Karton mit ihren Lieblingspralinen versteckt. Katrin lachte herzlich und sagte sofort Ja.
Die Hochzeit war schlicht: Eltern von beiden, ein paar enge Freunde, ein bodenständiges Lokal. Lukas verbrachte den ganzen Abend am Handy und würdigte das Brautpaar keines Blickes.
Er gewöhnt sich daran, flüsterte Martin, als er Katrins Verunsicherung bemerkte. Lass ihm einfach Zeit.
Katrin zog gleich am nächsten Tag in Martins großzügige Wohnung eine helle Dreizimmerwohnung mit großer Küche und Balkon zum Innenhof. Trotzdem spürte sie vom ersten Moment an, dass dies nicht IHR Zuhause war
Lukas behandelte sie wie einen unsichtbaren Gegenstand sah sie durchdringend an, als wäre sie Luft. Wenn Katrin den Raum betrat, setzte er demonstrativ seine Kopfhörer auf. Sprach sie ihn an, bekam sie knappe Antworten, sein Blick wanderte ins Leere.
Die ersten zwei Wochen dachte sie, das sei Anpassungssache. Der Junge braucht Zeit. Es ist schwer, wenn der Vater plötzlich eine neue Frau hat. Das wird sich schon einrenken.
Doch es besserte sich nicht.
Lukas, bitte iss nicht in deinem Zimmer. Sonst haben wir irgendwann Kakerlaken.
Papa hats mir immer erlaubt.
Lukas, hast du die Hausaufgaben gemacht?
Geht dich nichts an.
Lukas, räum doch bitte hinter dir auf.
Mach du doch, du hast ja sonst nix zu tun.
Katrin versuchte, vorsichtig mit Martin zu reden. Sie wollte nicht die böse Stiefmutter sein.
Wir sollten ein paar Grundregeln aufstellen, schlug sie eines Abends vor, nachdem Lukas in seinem Zimmer verschwunden war. Kein Essen im Zimmer, jeder räumt hinter sich auf, Hausaufgaben bis zu einer gewissen Zeit
Katrin, er hats doch schon schwer genug, Martin rieb sich die Stirn. Die Trennung, ein neuer Mensch im Haus Lass ihm doch ein bisschen Freiraum.
Ich will ja keinen Druck machen. Ich möchte bloß Ordnung im Haus.
Er ist noch ein Kind.
Fünfzehn ist doch kein kleines Kind mehr. In dem Alter kann man sich ruhig mal eine Tasse abspülen.
Aber Martin seufzte nur und schaltete den Fernseher ein Thema erledigt.
Mit jedem Tag wurde es schlimmer. Als Katrin Lukas bat, den Müll rauszubringen, begegnete er ihr mit offener Verachtung.
Du bist nicht meine Mutter. Du wirst es auch nie sein. Du hast mir nichts zu sagen.
Ich will nicht herumkommandieren, ich bitte dich einfach, im Haushalt zu helfen, in dem wir alle wohnen.
Das hier ist mein und Papas Zuhause, nicht deins.
Katrin suchte erneut das Gespräch mit Martin. Der hörte zu, nickte, versprach, mit Lukas zu reden. Aber entweder blieb es folgenlos oder das Gespräch fand gar nicht erst statt Katrin konnte es schon nicht mehr sagen.
Lukas begann, erst nach Mitternacht nach Hause zu kommen. Ohne Anruf, ohne Nachricht. Katrin fand keinen Schlaf, lauschte auf jedes Geräusch im Treppenhaus. Martin schnarchte daneben seelenruhig.
Kannst du ihm wenigstens mal sagen, dass er uns informieren soll, wenn er später kommt? bat Katrin am Morgen. Es kann ja alles Mögliche passieren.
Er ist doch schon fast erwachsen, Katrin. Wir können ihn nicht kontrollieren.
Er ist fünfzehn!
Ich war in dem Alter auch lange draußen unterwegs.
Aber könntest du mit ihm reden? Wenigstens erklären, dass wir uns Sorgen machen?
Martin zuckte mit den Schultern und ging arbeiten
Jeder Versuch, Grenzen zu setzen, endete im Streit. Lukas schrie, knallte die Türen, warf Katrin vor, die Familie zu zerstören. Und jedes Mal stellte Martin sich demonstrativ auf die Seite des Sohnes.
Für ihn ist das schwer nach der Scheidung, sagte er inzwischen wie ein Mantra. Versetz dich mal in seine Lage.
Und ich? Katrin hielt es nicht mehr aus. Ich lebe in einem Haus, in dem ich offen verachtet werde, und mein Mann tut so, als sei alles in Ordnung!
Jetzt übertreibst du!
Ich übertreibe?! Dein Sohn sagte mir ins Gesicht, dass ich hier niemand bin.
Originalzitat.
Lukas ist halt in der Pubertät. Die sind alle so.
Katrin rief irgendwann ihre Mutter an, die immer wisse Worte fand.
Mein Schatz, die Stimme ihrer Mutter klang besorgt. Du bist doch unglücklich, das höre ich doch aus jedem deiner Worte.
Mama, ich weiß nicht mehr weiter. Martin weigert sich, das Problem anzuerkennen.
Weil es für ihn keines ist. Er lebt so, wie es ihm passt. Leidest du, nicht er.
Erika schwieg kurz und fügte dann leise hinzu:
Du hast etwas Besseres verdient, Katrin. Überleg dir das.
Lukas spürte längst, dass ihm niemand etwas anhaben konnte, und trieb es immer weiter. Nachts donnerte die Musik bis drei Uhr durch die Wohnung. Schmutziges Geschirr tauchte überall auf auf dem Couchtisch, auf der Fensterbank im Schlafzimmer, sogar im Bad. Socken flogen im Flur herum, Schulbücher lagen auf dem Küchentisch.
Katrin räumte auf, weil sie das Chaos nicht ertragen konnte. Sie räumte und weinte aus Hilflosigkeit.
Irgendwann grüßte Lukas sie nicht mal mehr. Sie existierte für ihn nur, wenn er sie beleidigen oder anpöbeln konnte.
Du findest einfach keinen Zugang zu dem Jungen, sagte Martin eines Tages vorwurfsvoll. Vielleicht liegt es an dir?
Zugang?! Katrin musste bitter lachen. Ich versuche es seit einem halben Jahr. Und er sagt vor dir die da zu mir.
Du übertreibst doch.
Den letzten Versuch, auf Lukas zuzugehen, kostete Katrin einen ganzen Tag. Sie suchte im Internet nach seinem Lieblingsrezept Hähnchen in Honigsoße mit Bratkartoffeln. Kaufte nur beste Zutaten, stand vier Stunden in der Küche.
Lukas, Essen ist fertig! rief sie, nachdem sie den Tisch gedeckt hatte.
Der Teenager kommt raus, mustert den Teller und verzieht das Gesicht.
Ich ess das nicht.
Wieso nicht?
Weil du das gekocht hast.
Er dreht sich um und verschwindet. Kurz darauf fällt die Wohnungstür ins Schloss Lukas ist zu Freunden gegangen.
Martin kommt von der Arbeit, sieht das kalte Essen und die niedergeschlagene Ehefrau.
Was ist denn passiert?
Katrin berichtet. Martin seufzt.
Ach Katrin Nimms nicht so schwer. Der meint das nicht böse.
Nicht böse?! Sie kann nicht mehr an sich halten. Er demütigt mich! Und zwar jeden Tag!
Du gehst einfach zu sensibel an alles ran.
Eine Woche später bringt Lukas fünf Freunde aus seiner Klasse mit nach Hause. In der Küche liegen Essensreste wild verstreut, alles durcheinander.
Es reicht jetzt! Es ist schon elf Uhr, Schluss für heute! Katrin steht im Wohnzimmer, wo die Jungs lümmeln.
Lukas reagiert kaum.
Das hier ist mein Zuhause. Ich mach, was ich will.
Es ist unser gemeinsames Zuhause. Hier gelten Regeln!
Was für Regeln denn? Einer der Jungs kichert. Lukas, wer ist die überhaupt?
Ach, irgendwer. Nicht wichtig. Lass sie labern.
Katrin kehrt ins Schlafzimmer zurück und ruft Martin an. Er kommt eine Stunde später, als die Clique schon weg ist. Er schaut auf das Chaos, auf die emotional erschöpfte Ehefrau.
Jetzt übertreib bitte nicht, Katrin. Die Jungs waren halt kurz zu Besuch.
Kurz?!
Du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Und überhaupt, Martin verzieht das Gesicht, mir kommt es so vor, als würdest du versuchen, mich gegen meinen Sohn zu stellen.
Katrin sieht ihn an und erkennt ihn kaum wieder.
Martin, wir müssen reden, sagt sie am nächsten Tag. Über uns. Über unsere Zukunft.
Er wirkt angespannt, setzt sich aber.
Ich kann so nicht mehr, Katrins Stimme ist leise, jedes Wort abgewogen. Seit einem halben Jahr ertrage ich fehlende Wertschätzung. Von Lukas nur Unverschämtheiten. Von dir Gleichgültigkeit.
Katrin, ich
Lass mich bitte ausreden. Ich habe wirklich versucht, ein Teil dieser Familie zu werden. Aber es gibt keine Familie. Da bist du, dein Sohn und ich bin nur die, die kocht und putzt.
Das ist unfair.
Unfair? Wann hat dein Sohn mich das letzte Mal freundlich behandelt? Wann hast DU mir zuletzt Rückhalt gegeben?
Martin schweigt.
Ich liebe dich, sagt er schließlich leise. Aber Lukas ist mein Sohn. Er ist für mich das Wichtigste.
Wichtiger als ich?
Wichtiger als jede Beziehung.
Katrin nickt. In ihrer Brust ist es kalt und leer.
Danke für deine Ehrlichkeit.
Das Fass läuft zwei Tage später endgültig über. Katrin findet ihre Lieblingsbluse ein Geschenk ihrer Mutter zum Geburtstag zerschnitten auf ihrem Kopfkissen. Wer das war, steht außer Frage.
Lukas! Sie steht mit den Stofffetzen vor ihm. Was soll das?!
Der Teenager zuckt die Schultern, ohne vom Handy aufzusehen.
Keine Ahnung.
Das ist mein Eigentum!
Und?
Martin! ruft Katrin ihren Mann an. Komm sofort nach Hause.
Martin kommt, sieht die Bluse, den Sohn, die Frau.
Lukas, hast du das gemacht?
Nein.
Siehst du? Er sagt, er wars nicht.
Und wer dann?! Unsere Katze?! Wir haben keine!
Vielleicht hast dus selber eingerissen, ohne es zu merken
Martin!
Katrin erkennt, dass es keinen Sinn mehr hat, zu reden. Er wird sich nie ändern, nie zu ihr halten. Für ihn gibt es nur einen Menschen seinen Sohn. Und sie sie ist bloß die praktischste Option im Haus.
Lukas hat es schwer ohne Mutter, wiederholt Martin zum hundertsten Mal. Das musst du verstehen.
Ich verstehe, sagt Katrin ruhig. Ich verstehe alles.
Am Abend holt sie ihren Koffer aus dem Schrank.
Was machst du da? Martin steht in der Tür.
Ich packe. Ich gehe.
Katrin, warte! Lass uns reden!
Wir reden seit Monaten. Es ändert sich nichts, sie legt ruhig ihre Kleider in den Koffer. Ich habe auch ein Recht auf Glück, Martin.
Ich ändere mich! Ich rede mit Lukas, wirklich!
Zu spät.
Sie sieht ihn an einen schönen erwachsenen Mann, der nie gelernt hat, Ehemann zu sein. Nur Vater. Und das leider einer, der sein Kind blind verwöhnt.
Ich reiche nächste Woche die Scheidung ein, sagt Katrin ruhig und zieht den Reißverschluss am Koffer zu.
Katrin!
Leb wohl, Martin.
Ohne sich umzudrehen, verlässt sie die Wohnung. Auf dem Flur ein kurzer Blick von Lukas zum ersten Mal liegt in seinem Gesicht etwas anderes als Verachtung. Verunsicherung? Angst? Katrin ist es gleichgültig.
Die neue Mietwohnung ist klein, aber gemütlich eine Einzimmerwohnung am Stadtrand, mit Blick in einen ruhigen Innenhof. Katrin räumt ihre Sachen aus, macht sich einen Tee und setzt sich auf die Fensterbank. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr ist sie ruhig.
Die Scheidung ist nach zwei Monaten offiziell. Martin versucht noch ein paarmal anzurufen, bittet um eine zweite Chance. Katrin bleibt freundlich, aber bestimmt: Nein.
Sie ist daran nicht zerbrochen. Sie ist nicht verbittert. Sie hat einfach erkannt, dass Glück kein endloses Aushalten und Opferbringen ist. Glück bedeutet, respektiert zu werden und willkommen zu sein. Und eines Tages wird sie es ganz sicher finden.




