Also, ich muss dir echt mal erzählen, was bei uns in letzter Zeit abgeht. Letzten Monat war ja das große Ereignis: Unser Enkelkind ist endlich zur Welt gekommen, und wir waren so glücklich! Mein Mann Ludwig und ich haben uns schon auf den Tag gefreut, an dem wir die Kleine besuchen dürfen. Aber als der Tag dann kam, war die Stimmung ganz anders, als wir gedacht hatten ehrlich gesagt, wir waren dort alles andere als willkommen.
Meine Schwiegertochter, Franziska, hat sehr deutlich gezeigt, dass sie uns nicht unbedingt dabei haben wollte. Wir hatten lauter schöne Geschenke dabei und sogar ein bisschen Geld in einem Umschlag, so wie man das halt macht, weißt du? Aber Franziska hat trotzdem ziemlich kühl reagiert und ist fast ausgeflippt, als wir geklingelt haben.
Das hat mich echt getroffen, denn ich bin ja nun einmal die Oma, verstehst du? Auch zu meiner Tochter, Annemarie, war Franziska total unfreundlich, nur weil Annemarie ihr ein paar Tipps geben wollte sie hat ja schließlich schon drei Kinder, sie kennt sich aus. Und dann hat Franziska einfach einen Großteil der Geschenke wieder mitgegeben. Sagt, ein Neugeborenes braucht keine Steiff-Tiere ja gut, aber später freut es sich bestimmt! Irgendwann können die Kleinen doch alles gebrauchen.
Noch dazu: Es gab nicht mal einen Kaffee oder ein Stück Apfelkuchen. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich, aber bei Franziska war das wohl nicht drin. Mein Sohn Sebastian saß nur ruhig da, hat kaum ein Wort rausbekommen und schien richtig eingeschüchtert. Man merkt, dass Franziska das Sagen hat.
Zurück zu Hause habe ich echt bitterlich geweint, weil mich das so verletzt hat. Mit sowas rechnet man doch nicht, wenn man sich so auf die Familie freut. Seit der Geburt sehe ich mein Enkelkind eigentlich nur noch auf Fotos, die mir Sebastian ab und zu schickt. Zu uns kommen sie gar nicht mehr. Ich habe sie schon immer wieder eingeladen zum Kaffee am Sonntagnachmittag oder einfach mal auf einen Spaziergang im Englischen Garten mit dem Kinderwagen, aber Franziska sagt immer ab oder kommt gar nicht erst auf die Idee.
Sie hat sogar schon auf Flaschennahrung umgestellt. Ich habe das Gefühl, Franziska denkt, wir würden sie dafür verurteilen. Aber mir ist das total egal, wirklich Hauptsache, es geht meinem Enkelkind gut. Ich würde niemals jemanden dafür kritisieren, wie er sein Kind ernährt. Jede Mutter macht das auf ihre Weise.
Das Verrückte ist ja: Mit Franziska hatte ich vorher ein super Verhältnis, auch mit ihren Eltern wir haben uns richtig gut verstanden. Aber seit der Geburt ist sie wie ausgewechselt. Ich weiß überhaupt nicht, was ich getan haben soll, dass sie jetzt so komisch ist. Meine Freundinnen können das gar nicht fassen, dass ich mein Enkelkind so selten sehe.
Weißt du, meine Mutter hat mir damals eine Wohnung vererbt. Ich hatte vor, die Wohnung zu verkaufen und dann das Geld fair zwischen Sebastian und Annemarie aufzuteilen, wie es sich gehört. Aber was jetzt alles passiert ist, sagt Ludwig, ich soll lieber alles behalten und vermieten, statt Kindern zu helfen, die uns so wenig Wertschätzung zeigen. Wahrscheinlich hat er sogar recht wer weiß denn, ob sich jemand später mal um uns kümmert?
Es ist einfach traurig, ehrlichAber weißt du was? Trotz allem ich gebe die Hoffnung nicht auf. Letztes Wochenende habe ich ein kleines Päckchen mit einer selbstgestrickten Mütze und ein paar Fotos von Ludwig und mir als junge Eltern zu Sebastian geschickt. Einfach so, ohne Erwartungen, nur mit ein paar lieben Worten: Wir denken an euch. Gestern kam zum ersten Mal eine Nachricht von Franziska, sie habe die Sachen bekommen und bedankt sich. Kein Roman, keine Einladung, aber immerhin ein Anfang.
Und weißt du, in solchen Momenten merke ich, dass Familie nicht immer Perfektion heißt, sondern manchmal einfach Geduld. Vielleicht braucht Franziska noch Zeit, um sich in alles reinzufinden, vielleicht war ich zu schnell, zu präsent. Jetzt lerne ich, einen Schritt zurückzutreten und trotzdem mein Herz offen zu lassen.
Denn irgendwann vielleicht im nächsten Frühjahr, wenn die ersten Krokusse blühen und alles nach Neuanfang duftet laufen wir doch gemeinsam durch den Englischen Garten. Dann hält mein Enkelchen meine Hand, und Franziska lächelt mich an. Bis dahin schaue ich die wenigen Fotos an, stricke weiter kleine Mützchen und glaube ganz fest daran, dass am Ende immer ein bisschen Glück für uns alle übrig bleibt.




