Verlust.
Roman und Lieselotte begegneten sich zum ersten Mal in der Oberstufe. Der Junge entdeckte das Mädchen während einer Pause im Schulflur. Lieselotte verbarg scheu ihre außergewöhnlich gefärbten Augen unter dichten, samtigen Wimpern, während andere Mädchen laut kicherten, herumalberten und sich gegenseitig Zigaretten abluchsten.
Klasse, stellt euch vor, wir haben eine neue Mitschülerin Lieselotte Baumgärtner, verkündete die Klassenlehrerin den Elftklässlern.
Einen Moment lang traf Lieselotte Romans Blick, und in diesem Augenblick wusste er, dass es um ihn geschehen war. Um das Herz der jungen Schönheit musste er kämpfen, doch schließlich gab ihre Festung nach, und auf dem Abschlussball gingen sie bereits Arm in Arm. Seitdem waren sie unzertrennlich.
Jedes Mal, wenn Roman in den tiefen, sanftblauen Seen von Lieselottes Augen versank, wurde ihm schmerzhaft bewusst, dass er ohne sie wie ein Fisch an Land wäre hilflos und verloren.
Die Jahre flogen vorbei, Roman und Lieselotte schlossen das Studium ab, ergriffen Berufe und heirateten. Sie begannen, über Nachwuchs nachzudenken. Trotz zahlloser Versuche wurde Lieselotte nicht schwanger. Nach mehreren entmutigenden Jahren wagten sie schlussendlich eine künstliche Befruchtung.
Dieses Mal war das Glück auf ihrer Seite. Neun Monate später kam ihre Tochter zur Welt, sie nannten sie Anneliese. Doch ihr Elternglück währte nicht lange, denn bei Lieselotte wurde Krebs entdeckt.
Wie ein bitterer Hohn des Schicksals: Während Anneliese wuchs und mit jedem Tag ihrer Mutter ähnlicher zu werden schien, welkte Lieselotte dahin, wurde blass und fast durchsichtig wie ein Schatten ihrer selbst.
Als das Mädchen fünf Jahre zählte, verließ ihre Mutter diese Welt.
Mit Lieselottes Tod zerbrach etwas in Roman. Verzweifelt vor Trauer und Wut begann er zu trinken. Glas um Glas versuchte er, den Schmerz und die heimliche Scham zu ertränken denn ein Teil von ihm gab im Dunkel der Gedanken der Tochter die Schuld am schnellen Tod der Frau. Schließlich war die künstliche Befruchtung der Auslöser für das Erwachen der Krankheit gewesen.
Warum ist Mama gegangen?, fragte sich Anneliese immer wieder. Habe ich etwas Böses getan? Ist sie deswegen krank geworden? Und Papa liebt er mich überhaupt noch?, überlegte die Kleine, während sie ihr bleiches Gesicht im schmutzigen Spiegel betrachtete. Papa ist ganz anders, er ist so böse geworden…
Aus der Küche drangen verärgertes Gemurmel und Klirren von Geschirr. Ein stechender Geruch nach Schnaps legte sich über die Wohnung.
Jetzt wird er wieder schimpfen und schreien, dachte Anneliese ängstlich, schlüpfte in eine dünne Jacke und huschte leise wie ein Mäuschen durch die nicht verschlossene Wohnungstür ins Treppenhaus. Ich will Papa nicht mehr stören…
Der frühe Herbst hatte die Stadt unter eine schwere, bleigraue Glocke gedrückt, die Tage schwanden rasch und wichen der dichten Dämmerung. Kalter Wind peitschte Anneliese ins Gesicht. Die wenigen Passanten hasteten mit hochgeschlagenen Mantelkragen durch Sprühregen, achtlos an dem gebeugten Kind vorbei, das ziellos vor sich hin trottete.
Anneliese tastete sich über die gewundenen Wege, bemühte sich, den Hunger im Bauch zu vergessen. Zwanzig Schritte vor ihr tauchte ein Mann auf, dessen Gesicht hinter dem hochgestellten Mantelkragen verschwand. Als das Mädchen zum Park abbog, folgte ihr der Unbekannte.
Warum starrst du mich so an? torkelte Roman, starrte das hölzerne Bilderrahmen mit Lieselottes himmelblauen Augen an. Du hast mich verlassen… Mit rasender Wut packte er seinen Kopf, raufte wild das ungekämmte Haar.
Plötzlich zog ein frischer Wind durch das abgestandene Zimmer. Roman hob den Kopf, fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Vor ihm stand Lieselottes blasser Schatten.
***
Im Park war es still, Anneliese drückte sich zitternd auf eine geschnitzte Bank unter dem fahlen Licht einer Straßenlaterne. Sie war müde und ratlos. Aus dem Zwielicht trat plötzlich der große Fremde und Anneliese erschrak so sehr, dass sie aufschrie.
Fürchte dich nicht, ich tue dir nichts, klang seine Stimme sanft und warm. Bist du allein hier? Das klang nicht streng, vielmehr beruhigend, wie in Watte gepackt.
Ja, flüsterte sie und biss sich vor Aufregung auf die Lippe.
Der Unbekannte musterte sie von Kopf bis Fuß, lächelte und reichte ihr die Hand: Peter Vogt…
Alles war neblig und unwirklich, Roman traute seinen Augen kaum.
Lieselotte stürzte er auf den Geist zu und fiel hindurch, schlug sich die Stirn an der Kommode auf.
Roman, lächelte sie traurig. Ich habe euch nicht verlassen. Ich wollte nicht gehen, es ist einfach passiert. Niemand ist schuld am allerwenigsten unsere Tochter.
Tastend erhob Roman sich und stand dem Phantom gegenüber erstarrt gegenüber.
Unser Kind ist das Beste von uns beiden, sie ist unser Erbe, sagte Lieselotte. Mir ist nicht mehr zu helfen, aber du wirst gebraucht. Sie darf dich nicht auch noch verlieren verliere sie nicht.
Während sie sprach, spürte Roman, wie sein innerer Schmerz, eitrig und aufgebläht, endlich aufbrechen konnte. Tränen liefen, er schluchzte.
Ich werde immer bei euch sein, immer lieben, flüsterte Lieselotte. Aber beeile dich ich spüre, dass Anneliese bedroht wird! Ihr Tonfall wurde dringlich.
Roman stürzte zur Tür, suchte seine Turnschuhe.
Unser Park hauchte Lieselotte kaum hörbar. Als er sich umdrehte, war sie verschwunden.
Romans Stirn glänzte vom Angstschweiß, sein Herz raste, während er längst entwässert von Alkohol so schnell rannte wie seit Monaten nicht mehr.
Auf einer Bank im Park unterhielt sich der große Mann scheinbar entspannt mit dem kleinen Mädchen. Die wenigen Passanten warfen ihnen kaum einen Blick zu sie wirkten wie Vater und Tochter. Als Anneliese sich in der fremden Gegenwart allmählich sicherer fühlte, reichte ihr neuer Bekannter ihr eine Bonbon. Sie steckte es eilig in den Mund.
Du zitterst ja ganz, komm, ich spendiere dir einen heißen Tee und was Leckeres dazu, sagte Peter Vogt und nahm Anneliese an die Hand.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann ihr Vater sie das letzte Mal an der Hand genommen hatte.
Er will bestimmt nichts Böses, dachte sie mit einem scheuen Blick auf das sanfte Lächeln des Mannes. Nach ein paar Sekunden nickte sie zögerlich. Plötzlich begann die Welt sich zu drehen, ihre Beine gehorchten nicht mehr. Sie schwankte, doch der freundliche Peter Vogt fing sie wortlos auf. Unbemerkt glitt ihr ein kleiner Einhorn-Anhänger aus rosa Plastik aus der Jackentasche.
Roman hatte bereits die halbe Parkanlage abgesucht, doch von seiner Tochter keine Spur. Der Schweiß lief in Strömen, der Alkohol hatte seinen Körper verlassen und der Schmerz über die Fehler, die er Anneliese zugefügt hatte, brannte umso stärker. In seinem Kopf läutete eine Alarmglocke.
Noch eine leere Bank unter dem einäugigen Laternenlicht… Plötzlich blieb er stehen. Auf nassem, grauen Asphalt leuchtete ein kleiner rosa Fleck: Annelieses Einhorn-Anhänger.
Irgendwo bellte ein Hund, Romans Herz schlug aus. Er raste dem Geräusch entgegen.
Nehmen Sie diesen verrückten Hund weg!, schrie der große Mann mit dem Mädchen über der Schulter, während er mit seinem spitzen Schuh nach dem Rottweiler trat.
Eine junge Frau versuchte verzweifelt, den massigen Hund, dessen Leine in ihren Händen glühte, vom Mann zu ziehen. Archie tobte, schäumte vor Wut.
Es tut mir leid ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist, so hat er sich noch nie verhalten! Archie! rief die Halterin und zog, bis ihre Handflächen wund waren. Der Rottweiler ließ nicht locker.
Stehenbleiben, du Schwein!, brüllte da eine männliche Stimme gegen das Hundegebell. Ein Mann rannte keuchend heran. Lass meine Tochter los, du Dreckskerl! Roman sprang voller Zorn auf Peter Vogt, der nur den Mund vor Schreck öffnete.
In genau dem Moment riss sich Archie los.
***
Als Anneliese nach einigen Infusionen wieder zu sich kam, lag sie im Krankenhaus. Die Bonbon hatte eine böse Überraschung im Inneren. Peter Vogt, zerbissen von Archie und verprügelt von Roman, landete ebenfalls im Krankenhaus aber in Polizeigewahrsam. Ihr gruseliger Begleiter war vorbestraft wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornografie. Wohin er Anneliese bringen wollte, bleibt zum Glück für immer ihr Geheimnis.
Archies Besitzerin sie hieß Helene und Roman besuchten danach häufig das Mädchen im Krankenhaus. Später gestand Helene, dass sie im Park einer jungen Frau mit auffallend blauen Augen begegnet war, die Archie den Kopf getätschelt und ihm etwas ins Ohr geflüstert hatte danach sei der Rottweiler wie von einer unsichtbaren Hand losgestürmt und direkt zum Tatort geführt worden.
Anneliese musste nicht lange im Krankenhaus bleiben. Nach ausführlichen Untersuchungen wurde sie entlassen. Roman schwor, nie wieder zu trinken, und wurde endlich ein liebevoller, fürsorglicher Vater. Helene, die Hundebesitzerin, wurde zur engen Freundin des kleinen Haushalts. Das rätselhafte Mädchen mit den blauen Augen im Park erkannte sie bald auf Lieselottes Foto, doch sie schwieg darüber.
Prinzessin, komm raus, wir haben Besuch!, rief Roman. Über der Zimmerdecke schwebten bunte Luftballons, Helene stand mit einem Päckchen in der Tür.
An diesem Tag wurde Anneliese sechs Jahre alt es war ihr schönster Geburtstag überhaupt. Wie ein Schmetterling wirbelte sie im luftigen rosa Kleid mit vielen Volants durch den Flur. Helene versteckte schnell etwas hinter ihrem Rücken.
Herzlichen Glückwunsch, Sonnenschein! Ich habe da noch eine kleine Überraschung für dich, sagte Helene geheimnisvoll lächelnd.
Anneliese klatschte aufgeregt in die Hände und sprang auf und ab, bis der Überraschung ein kräftiges Winseln entfuhr.
Darf ich vorstellen: Bruno, auf Helenes Armen saß ein rundlicher Rottweilerwelpe.
Nun durfte Lieselotte in Frieden loslassen, sicher in dem Wissen, dass ihre Liebsten es gut haben würden. Ein sanfter Windhauch strich durch die Wohnung, fast wie eine zärtliche Berührung, und Annelieses Mutter machte sich auf zu ihrer langen, hellen Reise gen Himmel.




