Die Reise zum Glück: Ein Neuanfang für zwei Liebende
Klara fuhr ihrem geliebten Mann entgegen, getragen von den Flügeln der Freude. Endlich hatte ihr Sohn das Abitur bestanden und einen Studienplatz bekommen. Nun konnten sie und ihr Ehemann, nach so vielen Jahren des Wartens, gemeinsam leben.
Kaum hatte sie ihren Sohn ins Studentenwohnheim verabschiedet, kaufte sie sich am selben Tag ein Busticket und machte sich auf den Weg zu Johannes. Ihre Ehe dauerte gerade mal zwei Jahre, und dennoch kannten sie sich, als wären sie schon ewig miteinander verbunden.
Ihre Beziehung war alles andere als einfach gewesen. Der Anfang war schwer, viele Hindernisse mussten bewältigt werden, doch das Schicksal schien ihnen eine gemeinsame Zukunft zu versprechen. Klara war davon überzeugt.
Kennengelernt hatten sie sich vor acht Jahren. Damals war Klara gerade von der Scheidung ihres ersten Mannes genesen, und sie ließ niemanden so recht an sich heran. Bis sie Johannes begegnete. Auch mit ihm war sie anfangs sehr zurückhaltend. Johannes musste sich große Mühe geben, ihr zu beweisen, dass er ganz anders war als ihr Ex-Mann, Friedrich.
Ein halbes Jahr lang trafen sie sich, dann entschieden sie, zusammenzuziehen. Johannes zog bei ihr ein, da in seiner kleinen Einzimmerwohnung nicht genug Platz für die ganze Familie wäre. Klara hatte einen zehnjährigen Sohn, Paul. Ein lieber Junge, doch das Verhältnis zum Stiefvater entwickelte sich erst nach und nach. Es brauchte Zeit, bis sie gemeinsame Unternehmungen fanden.
Nach drei Jahren sprach Johannes erstmals von Heirat. Klara jedoch war wenig begeistert.
Ihr schien, die Unterlagen und Formalitäten seien überflüssig. Mehr noch: Sie würden vor Betrug und Enttäuschung nicht schützen, gleich, ob Mann oder Frau.
Sie war glücklich mit dem Status quo und wollte keine Veränderung.
Johannes akzeptierte zu Beginn Klaras Sichtweise, doch dann merkte er, dass es ihm nicht genügte. Er wollte Klara ganz offiziell als seine Ehefrau. Schließlich stellte er sie vor die Wahl: Hochzeit oder Trennung.
Klara mochte diesen Druck nicht und entschied, sich zu trennen. Es blieb für ein halbes Jahr dabei.
In dieser Zeit zog Johannes in eine andere Stadt nach Hamburg. Ein Freund hatte ihm dort eine gut bezahlte Arbeitsstelle angeboten. Er kam selten in die Heimat zurück, vielleicht alle zwei Monate, um seine Eltern zu besuchen. Bei einem dieser Besuche sah er Klara wieder.
Klara schlenderte durch den Stadtpark und wirkte unbeschwert und glücklich. Das änderte sich, als ihre Blicke sich trafen.
In ihren Augen erkannte Johannes, dass Klara ihn noch liebte und sie konnte es nicht verbergen.
Sie nahmen die Beziehung wieder auf, diesmal jedoch auf Distanz. Mal fuhr sie zu ihm, mal besuchte er sie. Jedes Treffen wurde sorgfältig geplant, aber immer voller Wärme und Leidenschaft.
Meistens sahen sie sich einmal im Monat, selten zweimal. Johannes hatte ihr oft vorgeschlagen, ganz zu ihm zu ziehen. Er hatte sich inzwischen eine Zweizimmerwohnung in Hamburg gekauft, wenngleich er noch den Kredit dafür abzahlte.
Klara wollte sehr gerne, doch ihr Leben so radikal zu ändern, kam damals nicht in Frage. Paul war ein Teenager, brauchte ihre Nähe, und ihre Mutter, Gertrud, war krank und auf Pflege angewiesen. Mehr als zwei Jahre mühte sich Klara, ihre Mutter wieder auf die Beine zu bringen, und schließlich besserte sich Gertruds Zustand.
Genießen Sie das Leben! sagte der Arzt erleichtert, als er sie entließ.
Gertrud hielt ihre Tochter nicht weiter zurück, doch Paul war inzwischen in die Oberstufe gekommen. Er wollte die Schule nicht wechseln und bat Klara, bis zu seinem Abschluss zu warten. Also musste ein Kompromiss gefunden werden.
Im Sommer, bevor Paul in die 11. Klasse kam, heirateten Klara und Johannes endlich. Als sie sah, wie viel Glück sie Johannes damit schenkte, bereute sie, nicht schon früher eingewilligt zu haben aber weshalb sollte man über Vergangenes weinen?
Jetzt waren sie nicht einfach nur ein Paar, sondern wirklich verheiratet, obwohl zwischen ihnen Hunderte Kilometer lagen eine Ehe mit Wochenendcharakter, könnte man sagen.
Und dann wurde Paul an der Universität angenommen. Klara war so stolz auf ihren Sohn und verstand, dass sie nun ihr eigenes Leben gestalten konnte. Johannes wusste nicht, dass sie bald umziehen wollte; sie plante, ihm eine große Überraschung zu machen.
Er ahnte zwar, was Klara vorhatte, kannte aber das Datum nicht.
Klara packte ihren Koffer, stieg in den Bus und fuhr Richtung Hamburg. Sie wünschte sich, dass Johannes diesen Tag nie vergessen würde. Schon in Gedanken stellte sie sich vor, wie sie in feiner Spitze gekleidet Rosenblätter auf das frisch bezogene Bett streute, ein köstliches Abendessen kochte und voller Vorfreude auf seinen Feierabend wartete.
Sie träumte von all diesen Kleinigkeiten während der Busfahrt und war sich sicher, dass Johannes von ihrem Überraschungsbesuch begeistert wäre. Doch stattdessen wartete eine andere Überraschung auf sie.
Als sie die Wohnungstür mit ihrem Schlüssel öffnete, erstarrte sie. Zwei blaue Augen blickten ihr entgegen ein junges, wunderschönes Mädchen mit roten Haaren.
Wer bist du? fragte Klara die Unbekannte.
Ich heiße Verena. Oh, du bist bestimmt Klara. Tut mir leid, ich bin gleich weg!
Was heißt denn hier weg? Wer bist du? Klara wurde wütend.
Bitte rege dich nicht auf. Ich bin die Freundin deines Mannes!
Was? Die Freundin meines Mannes? Klara schloss schweigend die Tür. Sie ließ alles hinter sich, was sie für ihr Leben gehalten hatte fest entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Manchmal bringt uns das Leben an einen unerwarteten Kreuzweg. Doch wahres Glück entsteht, wenn wir den Mut finden, einen neuen Weg einzuschlagen und dabei auf uns selbst zu vertrauen.




