Schwager bittet, das Arbeitszimmer für seine neue Flamme zu räumen – ich habe beide kurzerhand vor die Tür gesetzt

25. März

Na, Frauke, du verstehst doch, es ist die Sache der Jugend sagte Bastian ganz entspannt, lehnte sich auf dem Küchenstuhl zurück und drehte einen Zahnstocher zwischen den Fingern. Alina und ich wollen zusammenziehen. Es reicht, sich ewig zu verstecken, wir sind doch erwachsen. Eure Wohnung hat drei Zimmer, da passt es doch locker. Und das letzte Zimmer hinten benutzt du ja eigentlich nur ab und zu als Büro. Das steht doch meist leer.

Ich hielt das Geschirrtuch in der Hand und glaubte, mich verhört zu haben. Auf dem Herd blubberte leise die Kartoffelsuppe und erfüllte die Küche mit dem Duft von Majoran und Lauch, draußen prasselte der Frühlingsregen gegen die Fensterscheiben. Hier am Küchentisch spielte sich gerade eine Szene ab, die fast surreal wirkte. Ich sah zu meinem Mann. Jens saß sich Bastian gegenüber, starrte auf seinen Teller und stocherte umständlich in den Salzkartoffeln. Sein Blick war schuldig, aber entschlossen.

Bastian versuchte ich ruhig zu bleiben, obwohl ich spürte, wie in mir die Wut aufstieg , du wohnst jetzt seit vier Monaten bei uns. Vereinbart waren damals zwei Wochen, damit du in Ruhe einen Job und eine Wohnung findest. Du hast bis heute keine Arbeitsstelle und jetzt willst du auch noch deine neue Freundin hier einziehen lassen?

Ach, immer dieses Gemecker Bastian verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. “Nicht gefunden, nicht gefunden”. Ich bin gerade in einer Lebensfindungsphase. Soll ich mich etwa in eine Lagerhalle stellen und Kisten schleppen? Ich bin sensibel. Und Alina ist wirklich was Besonderes. Sie hat Zoff mit ihrer Mutter. Wohin soll ich sie bringen? Zum Hauptbahnhof?

Das ist nicht unser Problem, Bastian, sagte ich und hängte das Geschirrtuch an den Haken. Wir haben unser eigenes Leben, unsere Abläufe. Ich arbeite abends von zu Hause, ich brauche mein Büro. Da liegen meine Baupläne, mein Computer, meine Unterlagen.

Jetzt übertreib mal nicht, Frauke mischte sich Jens schließlich ein, ohne mich anzusehen. Wir haben doch wirklich genug Platz. Stell den Computer halt vorübergehend bei uns ins Schlafzimmer. Die beiden bleiben vielleicht ein, zwei Monate, dann stehen sie auf eigenen Beinen und suchen sich was Eigenes. Das ist schließlich mein Bruder, Familie halt. Ich kann ihn doch nicht einfach rauswerfen.

Ich schaute Jens lange und sehr ernst an. Er wusste ganz genau, wie ich zu dieser Wohnung gekommen bin: fünf Jahre Doppelbelastung mit zwei Jobs, Nachtschichten, kein Urlaub, alles selbst abbezahlt noch vor unserer Heirat. Er zog mit seinem alten Laptop und einer Angeltasche ein und jetzt verteilt er meine Quadratmeter, als wären wir in einer Wohngemeinschaft.

Jens, komm bitte mal kurz mit, sagte ich eiskalt.

Im Schlafzimmer knallte ich die Tür hinter uns zu.

Sag mal, bist du noch ganz bei Trost? Seine Zeit längst überschritten, wohnt er hier umsonst, kauft nie ein, das Essen verschwindet, als hätten wir ein schwarzes Loch im Kühlschrank und jetzt noch seine Alina, die ich noch nie gesehen habe?

Frauke, bleib mal locker Jens wollte meinen Arm nehmen, aber ich schüttelte ihn ab. Bastian braucht gerade Hilfe. Er ist durcheinander. Und Alina ist wohl eine Nette, ganz lieb. Sie werden in ihrem Zimmer bleiben, du wirst sie kaum merken. Tu mir den Gefallen. Meine Mutter hat auch schon angerufen, ihr geht es nicht gut, sie macht sich Sorgen, dass Bastian sonst auf der Straße steht.

Das war ein Tiefschlag. Jens wusste genau, dass ich immer versuche, einigermaßen Frieden mit seiner Mutter Helga zu halten, und er spielte diese Karte schamlos aus.

Na gut presste ich heraus, während mich ein ungutes Gefühl beschlich aber nur einen Monat. Kein Lärm, keine Partys, kein Chaos, und mein Schreibtisch bleibt in dem Zimmer stehen. Sie können auf dem Schlafsofa pennen.

Jens grinste erleichtert, küsste mich auf die Wange und rannte hinaus, um seinen Bruder zu beglücken. Ich bleib im Schlafzimmer stehen und starrte mein Spiegelbild an. Müde Augen. Falten zwischen den Brauen. Warum fällt es mir nur immer so schwer, einfach mal nein zu sagen?

Am nächsten Abend tauchte die liebe Alina auf. Sie war kaum einzuordnen ein auffälliger Kurzhaarschnitt, gefärbt in giftigem Pink, Nasenpiercing und zwei riesigen Koffern. Sie betrat die Wohnung mit der Attitüde, als täte sie uns allen einen Gefallen.

Hi, nuschelte sie ohne die Kopfhörer abzusetzen und rollte ungefragt den Koffer quer über den frisch gereinigten Laminatboden direkt Richtung Büro. Mensch, ganz schön eng hier haste mehr versprochen, Bastian.

Die freundliche Begrüßung, die ich den halben Tag geprobt hatte, fiel mir von den Lippen.

Bei uns werden die Schuhe an der Tür ausgezogen. Und die Koffer sind dreckig, sagte ich ruhig.

Alina musterte mich von Kopf bis Fuß, verzog den Mund und murmelte: Ist doch nur Dreck, wird später weggewischt. Bastian, komm, der zweite Koffer ist schwer!

So begann eine neue Ära in unserer Wohnung. Später war übrigens nie. Die Schmutzspuren im Flur wischte ich weg, niemand sonst. Eine gewisse Grundruhe herrschte in den ersten drei Tagen abgesehen davon, dass Alina die halbe Stunde morgens und abends im Bad mit meinen teuren Duschgels verbrachte, die ich eigentlich für besondere Tage aufhob. Doch am Samstag wurde es zum Albtraum.

Ich wachte vom Gekicher und einem beißenden Geruch auf. Es war neun Uhr meine einzige Chance auf Ausschlafen am Wochenende. Ich schlüpfte in den Bademantel und ging in die Küche.

Das Bild war apokalyptisch. Das Spülbecken vollgestopft mit Geschirr, über den Tisch verteilt klebte alles, Konserven standen offen herum, Brotkrümel überall sogar auf dem Boden. Alina stand mittig in Bastians T-Shirt (viel zu kurz) und versuchte, mit einer Metallgabel etwas Schwarzes von meiner beschichteten Lieblingspfanne zu kratzen.

Was um alles in der Welt macht ihr da? mein Ton zitterte.

Oh, du bist wach! Bastian antwortete ausgelassen, Bier in der Hand morgens um neun. Wir wollten Frühstück machen. Etwas Romantik, Pfannkuchen. Aber irgendwie taugt dein Teig nichts.

Ich stürmte zum Herd, schnappte mir die Pfanne. Das Teflon zerkratzt. Total ruiniert.

Gehts noch? Wer hat gesagt, dass du die Pfanne nehmen kannst? Und dann noch mit einer Gabel?!

Meine Güte, ist halt nur ne Schramme. Bisschen pingelig, Frauke. Wollten auch extra was für dich übriglassen.

Ich habe gesagt, mich nicht Fraukechen zu nennen sagte ich leise, brodelnde Wut im Bauch. Räumt sofort das Chaos auf.

Uff, wie hysterisch Alina rümpfte die Nase. Komm, Bastian, ich hab keinen Appetit mehr bei dem Stress.

Sie verschwanden, ließen mich allein mit der Verwüstung. Jens, der sich währenddessen in der Toilette versteckt hatte, trat raus.

Jens, das war das letzte Mal sagte ich, ohne ihn anzuschauen, während ich wie besessen den Tisch scheuerte. Noch ein solcher Aussetzer, und sie fliegen.

Die ist halt noch jung, keine Ahnung vom Haushalt. Ich rede ja nochmal mit ihnen. Neue Pfanne kaufen wir halt.

Es geht nicht um Pfannen! Es geht um Respekt! Das ist mein Zuhause, kein Selbstbedienungsladen!

Die Woche zog sich elend lang. Ich arbeitete länger, um die beiden nicht zu sehen. Doch jeden Abend gab es neue Überraschungen: Mein Gulasch verschwand aus dem Kühlschrank, Handtücher durchnässten das Bad, nachts Techno aus ihrem Zimmer.

Bastian lungerte ständig auf dem Sofa, hängte meine Playstation an den Fernseher und phantasierte großspurig von neuen Start-ups, die er bald gründen würde. Alina hingegen hatte weder Job noch Ausbildung und hing rund um die Uhr mit Handy und Laptop in der Bude.

Am Donnerstag kam es zum Eklat. Ich war für einen Geschäftstermin einen Tag in Leipzig, kam abends spät nach Hause und wollte nur noch Ruhe.

Ich stolperte im Flur über einen Karton. Erst im Licht sah ich: Da waren meine Bücher, meine Ordner, meine Entwürfe und oben drauf achtlos mein Bildschirm.

Mir wurde schwindelig. In Socken rannte ich ins Büro. Die Tür stand offen.

Das Zimmer war unkenntlich. Der Schreibtisch war zerlegt und auf dem Balkon gelagert, wie ich durch die Glastür sah. Stattdessen ein alter Kommode, wahrscheinlich vom Sperrmüll, Poster an der Wand, aufblasbare Matratze, Klamottenberge auf dem Sofa. Alina saß mitten im Chaos und lackierte sich die Nägel, der Geruch nach Nagellackentferner zog durch alles. Bastian bohrte eine Ablage an die Wand.

Was… was habt ihr gemacht? Mein Flüstern hallte im plötzlichen Schweigen.

Ach Frauke, schön dass du da bist! Wir haben umgeräumt. Alina hatte ein komisches Gefühl in dem Zimmer, so negativ. Dein Schreibtisch ist jetzt auf dem Balkon. Und das Zimmer haben wir zur Wohlfühlzone gemacht.

Mein Schreibtisch… auf dem Balkon? Es ist feucht, Pressspan, das quillt auf, mein Monitor liegt im Flur…

Da passiert schon nix. Schau, wie viel Platz wir jetzt haben! Für uns als junges Paar ist das besser.

Wo ist Jens? Mein Ton bedrohlich ruhig.

Der macht Bier-Run. Wir wollten auf unser neues Heim anstoßen. Komm auch in Stimmung!

In dem Moment hörte ich die Wohnungstür, Jens kam mit klirrenden Flaschen aus dem Rewe.

Ach, da ist Frauke ja! Er stockte beim Anblick meines Gesichts.

Ich trat zu ihm.

Du wusstest das? fragte ich.

Frauke, sie wollten dich überraschen so ein kleines Liebesnest einrichten der Tisch war doch schon alt…

Alt? Das ist ein italienischer Tisch, ich habe zwei Gehälter dafür geopfert! Aber darum gehts nicht. Du hast es zugelassen, dass sie meine Sachen rauswerfen in MEINEM Haus?

Mensch, dein, dein wir sind doch Familie

Genau. Anscheinend besteht deine Familie aus deinem Bruder und dessen frecher Freundin und ich bin nur deine Putzfrau und Sponsorin.

Ey, wen nennst du frech?! fauchte Alina aus dem Zimmer Pass mal auf, was du sagst, du Hexe!

Halt den Mund, sagte ich ruhig. In mir war plötzlich eine eisklare Klarheit, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ihr habt zwanzig Minuten.

Was? Bastian starrte mich an.

Zwanzig Minuten, packt eure Sachen und raus. Eure Zeit läuft.

Verarsch mich nicht lachte Bastian. Jens, sag mal was! Ist sie jetzt völlig durchgeknallt?

Jens trat von einem Fuß auf den anderen.

Frauke, lass uns morgen drüber reden, das ist jetzt doch irre, wo sollen sie denn hin…

Mir egal ich griff zum Telefon. Ja, Polizei? Es sind Unbefugte in meiner Wohnung, die sie nicht verlassen wollen. Ich bin Eigentümerin, hab alle Unterlagen. Adresse…

Plötzlich war Totenstille. Mir reichte der Anruf nicht ich tat nur so, doch meine Entschlossenheit reichte offenbar.

Jens, bist du Mann oder Waschlappen?! brüllte Bastian. Deine Frau wirft deinen Bruder raus, und du tust nichts?!

Jens schaute mich an und in meinem Blick stand es geschrieben: Stellst du dich jetzt gegen mich, gehst du mit.

Bastian… packt bitte. Ihr geht zu weit. Den Tisch… Frauke hat ihn geliebt.

Ach leck mich, Bastian ließ die Bohrmaschine fallen. Von mir aus, dann kuscht doch in eurer Bude!

Gott sei Dank, kommentierte ich trocken. Sachen schneller packen.

Chaos brach aus. Alina fegte alles in ihre Taschen, klaute sogar kurz die Haartrockner und meine Creme.

Das ist mein Fön, bitte liegen lassen. Und die Gesichtscreme auch.

Pah, als ob ich sowas brauchen würde! Alina schleuderte das Zeug hin.

Bastian keuchte, stopfte Klamotten zusammen und murmelte irgendwas von Undankbarkeit und Verrat. Viertelstunde später standen beide im Flur.

Taxi müsst ihr euch selbst nehmen sagte ich ruhig. Bus hält zwei Straßen weiter.

Wir vergessen das hier nie! rief Bastian theatralisch Du bist eine Furie, und Jens ein Pantoffelheld. Pfui!

Tür zu. Stille.

Ich sackte an die Wand, setzte mich auf den Hocker im Flur, die Hände zitterten.

Jens stand verloren im Flur, halbleere Bierflaschen in der einen, Plastiktüten in der anderen Hand.

Hast du… hast du wirklich die Polizei gerufen? stammelte er.

Ich schüttelte den Kopf, zeigte das dunkle Display.

Nein. Aber ich hätte es getan.

Ich ging ins Büro auf dem Boden der zerkratzte Monitor, Löcher in der Tapete, Tischelemente auf dem Balkon.

Morgen holst du alles zurück ins Zimmer, sagte ich, ohne ihn anzusehen. Ist er kaputt, zahlst du die Reparatur, von deinem eigenen Konto. Und du klebst die Tapete neu.

Klar, Frauke, ich mache alles, Jens stammelte, stellte das Bier ab und kam näher, fasste mich aber nicht an. Es tut mir leid, ich bin ein Idiot. Ich wollte doch nur helfen.

Für alle recht machen gibt es nicht, Jens. Nur auf meine Kosten. Du hast zugelassen, dass sie mich hier herabsetzen. Sie haben mit deinem Einverständnis meine Sachen genommen. Du hast mich nicht verteidigt.

Ich weiß. Ich bin schuld. Ich dachte, Bastian reißt sich mal zusammen…

Du kennst deinen Bruder. Es war halt bequemer, den Weg des geringsten Widerstands zu nehmen.

Ich ging in die Küche. Das Chaos war noch da, aber es war einfach ein Haufen dreckiges Geschirr keine feindliche Okkupation mehr.

Das räumst du weg, rief ich über die Schulter. Ich geh jetzt baden. Wenn du weiterhin hier wohnen willst, ist die Küche blitzblank, wenn ich wieder rauskomme und nach Bier und Parfüm darf es nie wieder riechen.

Jens nickte, zog seine Jacke aus und der Klang von Wasser und Tellern war Musik in meinen Ohren. Ich ließ mir ein Bad ein, Rest vom guten Badeschaum, den Alina nicht geschafft hatte, und tauchte ab. Zum ersten Mal seit Monaten entspannte ich tief.

Eine Nachricht von Helga: endlose Vorwürfe und Herzklagen. Ich sperrte den Kontakt. Bastians Nummer gleich hinterher. Ruhe.

Als ich raus kam, war die Küche sauber. Jens hatte sogar den Tisch wieder ins Büro geschleppt minimal verkratzt, aber heil. Monitor läuft auch noch.

Alles wieder sauber. Müll runtergetragen, Tisch steht, nur ein Kratzer am Bein, den lackier ich morgen. Monitor läuft wieder.

Ich goss mir ein Glas Apfelschorle ein.

Gut.

Frauke… wir… lassen uns nicht scheiden?

Ich trank, sah auf die verregnete Stadt hinaus. Laternen verwischten sich in den Tropfen.

Noch nicht, sagte ich. Aber jetzt bist du auf Probe. Die dauert. Und, Jens noch einmal sowas von deinen Verwandten, dann ist dein Koffer auf der Treppe.

Ja, ich schwöre. Nie wieder.

Schaun mer mal.

Ich ging ins Schlafzimmer und schlief durch, ausgestreckt wie ein Seestern, keine fremden Geräusche störten meinen Frieden. Am Morgen brachte Jens Kaffee und verbrannte Toast ans Bett. Ganz sachte, aber immerhin.

Ich habe überlegt, wir wechseln die Schlösser. Wer weiß, ob Bastian noch einen Schlüssel hat.

Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch das war das erste vernünftige, selbständige Statement von ihm seit Wochen.

Ruf den Schlüsseldienst, am besten sofort.

Langsam kam mein Leben zurück. Misstrauen war geblieben der Riss würde lange Zeit brauchen, um wieder zu heilen. Aber ich hatte meine Grenze gezogen. Ich hatte begriffen: Man muss manchmal Hexe oder Miststück genannt werden, um sich und sein Zuhause zu schützen. Und das war ein Preis, den ich inzwischen gern zahlte.

Von Bastian und Alina habe ich später nur von Bekannten gehört. Sie trennten sich nach zwei Wochen. Alina lebte bald bei einem anderen, Bastian saß wieder bei Mama wo er seine Version vom bösen Schwager zum Besten gibt. Aber das ist nicht mehr meine Geschichte.

Das wichtigste: Ich habe gelernt, dass meine Grenzen zählen. Und die verteidige ich, egal wie es die anderen finden.

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Homy
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