Ein Familienfest mit Hindernissen – Wenn das traditionelle Silvester-Treffen bei uns diesmal nicht mehr pure Freude, sondern Frust bedeutet: Zwischen Plätzchenduft, Gastgeberstress und dem Wunsch nach einem eigenen Fest zu dritt bröckelt das Miteinander – bis zum großen Knall unter dem Weihnachtsbaum

FAMILIENFEST

Mama hat gesagt, dass wir dieses Jahr wieder Silvester bei uns feiern, Markus Augen leuchteten vor Freude, mit der ganzen Familie! Ist das nicht toll?
Das ist ja schrecklich! entfuhr es mir, Johanna.
Wie bitte? Markus schaute mich verblüfft an, freust du dich denn gar nicht?
Worauf sollte ich mich denn freuen? Meine Augen füllten sich mit Tränen, ich spürte, dass ich gleich weinen würde. Etwa darauf, dass es für mich wieder kein Fest geben wird? Dass ich das ganze Silvesterfest erst in der Küche stehe und danach wie verrückt hin und her laufen muss, damit alle zufrieden sind?
Aber Johanna, es ist doch ein Familienfest! Markus schüttelte verständnislos den Kopf, ist es denn so schlimm, eine große Familie zu haben? Feste sind doch gerade dazu da, dass Verwandte sich treffen und gemeinsam Spaß haben.
Ach ja? Deshalb sollen also deine Eltern, dein Bruder mit seiner Frau, deine Schwester mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern dem Großen und dem Kleinen alle unbedingt zu uns kommen?
Warum denn nicht? Letztes Jahr fanden es alle wunderbar. Sie haben das ganze Jahr davon geschwärmt.
Natürlich. Hat eigentlich jemand daran gedacht, dass ich an dem Abend gar nicht richtig dabei war? Genau genommen war ich anwesend! Als Köchin, als Putzfrau, als Bedienung, als Müllabfuhr! Zwei Wochen vorher habe ich eingekauft, drei Tage vorgekocht und dann den ganzen Abend bedient! Es war bestimmt lustig für alle! Aber ich? Ich war danach eine Woche lang fertig mit der Welt. Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, wie es ist, den Tisch für dreizehn Leute vorzubereiten? Das ist kein Kindergeburtstag!
Dreizehn? Hast du die Kinder etwa mitgezählt?
Essen Kinder denn nichts? Muss man für die etwa nicht kochen? Oder haben vielleicht dein Bruder und deine Schwester etwas zu Essen für ihre Kinder mitgebracht?
Hoffentlich nicht! Markus schaute empört, wozu geht man sonst zu Besuch?
Genau! Deine Verwandtschaft will ein Fest, sie will entspannen und reden. Das ist ja auch schön. Aber ich? Ich möchte Silvester auch mal richtig erleben, ohne Stress! Warum denkst du nie an mich?
Wieso nicht? Doch, ich denke an dich. Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass du letztes Jahr auch glücklich warst
Das hast du nur gedacht. Ich habe mir Mühe gegeben, dass niemand merkt, wie müde ich war. Und wisst ihr was? Ich habe Silvester nicht einmal mit den anderen zusammen gefeiert, weil ich noch in der Küche stand.
Jetzt übertreibst du aber, Johanna. Das sagst du doch nur, weil du nicht willst, dass meine Familie wieder zu uns kommt.
Ich übertreibe nicht. Und ja: Ich will nicht, dass hier wieder ein halbes Dutzend Leute herumrennen.
Und was möchtest du dann?
Ich möchte, dass wir als eigene kleine Familie feiern: du, ich und unser Kind. Verstehst du? Nur wir drei!
Aber meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester sind doch auch meine Familie. Das wird sich nie ändern. Ich kann sie doch nicht einfach ausschließen, es ist bei uns Tradition!
Blöde Tradition! Meine Stimme wurde lauter, dann laden wir auch meine Eltern ein! Und meine Schwester mit Mann und Kindern! Wir haben auch Traditionen! Oder denkst du etwa, dass wir nie zusammen gefeiert haben?
Ich habe das aber nie erlebt, Markus wurde jetzt ebenfalls lauter, bei euch ruft sich doch jeder höchstens zum Fest an. Eure Familie wirkt irgendwie Er stockte.
Na, sag schon! Was denn?
irgendwie fremd, platzte es aus Markus heraus, so wie ich das verstehe, sitzt deine Schwester doch auch immer nur mit ihrer eigenen Familie da.
Eben! Mit ihrer eigenEN Familie! rief ich, Genau das will ich auch endlich mal!
Und die Eltern sind keine eigene Familie?
Verstehst du es nicht, oder tust du nur so? Als wir Kinder waren, haben wir mit den Eltern gefeiert. Aber jetzt sind wir erwachsen, mit eigenen Kindern, eigener Familie. Zu Weihnachten besuchen wir unsere Eltern. Schon vergessen? Warum können wir deine Eltern dann nicht einfach am 1. Januar besuchen? Wieso muss ICH zwei Tage lang rennen wie eine Verrückte, nur damit es eure Tradition bleibt? Wollt ihr daran festhalten, könnt ihr den Aufwand auch mal selber machen! Mir fällt auf, dass deine Schwester in fünf Jahren Ehe nie das Fest für alle ausgerichtet hat!
Sie hatte kleine Kinder! versuchte Markus, seine Schwester zu verteidigen.
Na und? Unser Sohn ist jetzt zwei! Letztes Jahr war er sogar noch kleiner! Und trotzdem kamen alle und keiner fragte, ob ich Hilfe brauche! Hauptsache, es hat ihnen gefallen. Markus: Ich mache nicht mehr mit! Ich bediene hier niemanden mehr! Wer Familienfest will, kann es auch selbst vorbereiten!
Meinst du das wirklich ernst? Markus runzelte die Stirn.
Ja, vollkommen ernst. Die Entscheidung steht fest und ist nicht verhandelbar.
Also zählt meine Meinung für dich überhaupt nichts?
In dem Fall nein. Du hilfst ja auch nie bei der Vorbereitung. Was soll’s dann mit deiner Meinung?
Na gut. Ich sage allen, dass du dagegen bist, Markus schaute mich an, als würde er hoffen, ich halte ihn jetzt auf.
Genau, sag es ihnen, entgegnete ich ruhig.
Du weißt schon, was das nach sich zieht?
Was denn?
Sie werden beleidigt sein, sehr beleidigt.
Das sind ihre Probleme.
Das wird dann unser Problem, Johanna. Ein Konflikt mit meinen Eltern liegt sicher nicht in unserem Interesse.
Wenn es deshalb Streit gibt, dann ist es eben so.
Ich will mich aber nicht streiten!
Dann tu es nicht. Feier mit ihnen. Ihr habt ja eure Tradition… Ich konnte mir den ironischen Unterton nicht verkneifen. Hoffentlich schimpfen deine Eltern nicht mit ihrem erwachsenen Kind.
Mit ihnen? Markus Stimme wurde leiser, heißt das, du willst Silvester ohne mich verbringen?
Ja, ich bin bereit dazu, erwiderte ich unbewegt.
Und das macht dir gar nichts aus?!
Denk, was du willst. Du verstehst mich ja sowieso nie.
So wie du mich nie verstehst!
Markus, es reicht. Ich kann auch mit Worten spielen. Zum letzten Mal: Ich erwarte an Silvester keine Gäste. Sag das deiner Familie. Erster Punkt. Zweiter Punkt: Wenn du darauf nicht verzichten kannst, feier Silvester mit deinen Leuten. Ich habe kein Problem damit. Und mach dir um mich keine Sorgen ich sorge selbst für ein schönes Fest.
Wie du meinst, brummte Markus, stand auf und verließ das Zimmer…
Was danach passierte, war abzusehen.
Als Markus seiner Mutter mitteilte, dass ich keine Gäste zu Silvester empfangen wollte, war ihre Antwort eindeutig:
Dann werden wir euren Haushalt wohl nicht mehr betreten!
Auch Markus Schwester und Bruder waren erst empört, aber als sie erfuhren, dass die Eltern sie zu sich einluden, beruhigten sie sich schnell.
Über die anschwörende Drohung meiner Schwiegermutter zuckte ich nur die Schultern, als Markus es mir sagte:
Kindergarten, kommentierte ich und wechselte das Thema.
***
Am Samstag, dem 31. Dezember, machte Markus sich früh auf den Weg.
Wohin willst du denn so früh? fragte ich noch verschlafen.
Zu meinen Eltern. Mama meinte, sie braucht Hilfe.
Na dann, schmunzelte ich, wann kommst du zurück?
Vermutlich erst morgen. Lohnt ja nicht, euch mitten in der Nacht aufzuwecken, antwortete Markus mit verdrossener Miene. Offenbar hatte er immer noch Hoffnung
Ist okay, erwiderte ich gelassen, und legte mich nochmal hin.
Mein Tag verlief langsam, entspannt
Ich stand auf, gönnte mir einen frischen, starken Kaffee
Dann blätterte ich am Handy, schrieb ein paar Neujahrsgrüße
Als mein Sohn wach wurde, machte ich ihm Frühstück und wir spazierten eine Runde durch das winterliche München. Leichter Frost, verschneite Wege
Nach Hause kamen wir gut gelaunt und mit roten Wangen. Mein Sohn verdrückte mit großem Appetit Quarkplinsen.
Mittags, während er schlief, bereitete ich belegte Brote und ein paar Salate vor, marinierte Fleisch (morgen wollte ich ja Markus auch was zu essen hinstellen)
Ich schmückte unser kleines künstliches Bäumchen und hing Lichterketten auf. Die liebe ich besonders: All die funkelnden Lämpchen machen das Wohnzimmer sofort geheimnisvoll und märchenhaft und bringen diese besondere Silvesterstimmung
Als der Kleine wieder aufwachte, spielte ich mit ihm, wir blätterten in Bilderbüchern, lasen Märchen, bauten ein Hochhaus aus Bauklötzen und schauten gemeinsam Zeichentrickfilme. Draußen wurde es schon dunkel und die Lichter am Bäumchen schimmerten jetzt noch zauberhafter.
Im Hintergrund lief der übliche Silvesterkrimi im Ersten. Ich hörte halb mit, halb beobachtete ich meinen Sohn, wie er den Abend genoss.
Die Zeit verging und es wurde immer später.
Um 21 Uhr brachte ich meinen Sohn ins Bett, wie jeden Abend.
Danach telefonierte ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und meinen zwei besten Freundinnen. Ich rufe immer an nur Bilder zu schicken, das ist nicht mein Stil.
Bis Mitternacht war es noch etwas hin
Ich holte meine Lieblings-Tischdecke hervor, breitete sie über den Couchtisch und deckte für zwei Personen.
Irgendwie war ich sicher, Markus würde noch vorbeikommen. Er liebt mich ja schließlich.
Ich deckte den kleinen festlichen Tisch: Salate, Canapés, etwas Obst. Im Ofen schmorte Lachsfilet.
Dann zog ich mein hübschestes Kleid hervor, das, das Markus so mag Aber als ich auf die Uhr sah, hängte ich es wieder zurück.
Er wird nicht kommen, dachte ich, sonst
Ich öffnete die Sektflasche selbst,
goss zwei Gläser ein,
stieß um Mitternacht mit mir an und wünschte mir:
Ich will frei und glücklich sein.
Das nächste Silvester habe ich dann bei meinen Eltern verbracht.

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Homy
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