Wandernder Beutel: Ein Stück Nomadenleben in der deutschen Kultur

EINE WANDELNDE TASCHE

Ich habe mich nie als Schönheit gesehen. Hübsch war ich auch nicht. Nun, nicht jeder kann auf dem Laufsteg laufen… Dafür hatte ich in der Schule nur niedliche Freundinnen. Zuerst wunderte ich mich darüber, bis meine geliebte Oma mir die Augen öffnete:
Ach, Enkelin! Deine Freundinnen finden es praktisch, mit dir, der grauen Maus, auf Dates zu gehen! Du wirst ihnen keinen Mann wegnehmen. Wer würde sich schon für dich interessieren?

Diese Worte trafen mich tief. Doch nach einer Weile tröstete mich Oma:
Sei nicht traurig. Schönheit backt keine Brötchen. Merk dir, mein Schatz, zu bunte Farben verblassen schnell. Hab Geduld, es wird schon ein Esser für deinen Kuchen kommen.

Esser blieben aus, bis ich 27 war. In der Zeit lernte und arbeitete ich fleißig, denn ich wusste: Ich konnte nur auf mich selbst zählen.

Mit Artem brachte mich meine Freundin Nastja zusammen. Er war ihr mit seiner unerträglichen Aufdringlichkeit lästiger als ein trockenes Brötchen.
Nimm ihn, Irma! Vielleicht klappt es bei euch. Ich heirate ja eh, sagte sie einfach so.

Artem nahm ich sofort und gerne an. Ich wollte ihn mit Liebe überschütten. Er gefiel mir einfach. Und ich war lange genug allein. Warum also zögern?
Mir schien sogar, Artem atmete erleichtert auf, als er in meine Arme kam. Schnell heirateten wir.

Doch Oma warnte:
Pass auf, Irmchen, du wirst dich mit ihm plagen. Dein Artem ist noch nicht ausgetobt. Er hätte erst seine Freiheit genießen sollen, dann heiraten. Rühme dich nicht der Ehe vom gestrigen Tag, sondern der vom vorigen Jahr

Doch damals war mir alles egal. Artem und ich waren wie zwei Kälbchen, die sich aneinander kuscheln. Mit der Ehe wuchsen mir riesige Flügel!

Unser Söhnchen Jonas kam zur Welt. Artem liebte ihn bedingungslos. Er las ihm Märchen vor, sang Schlaflieder und verwöhnte ihn.
Als Jonas größer wurde, hing er mehr an seinem Vater als an mir. Ich war nicht eifersüchtig. Hauptsache, in der Familie war Frieden.

Fünf Jahre lebten wir in ungetrübter Freude. Doch das Unglück stand schon vor der Tür

Ob Nastja mir neidisch war oder Artem nie wirklich geliebt hatte jedenfalls lockte sie ihn zurück in ihre klebrigen Arme. Von anderen erfuhr ich, dass sie sich hatte scheiden lassen und keine Kinder hatte.

Ich fühlte mich wie ausgebleicht. Meine Flügel hingen schlaff herab. Mein Glück war wohl nicht festgenagelt. Es war, als würden meine Tränen niemals versiegen. Jonas etwas zu erklären, war unerträglich. Nun erzählte ich ihm Märchen über seinen Vater. Doch die Tränen trockneten, ich musste meinen Sohn großziehen und eine starke Mutter sein. In meinem Herzen hoffte ich, Artem würde zur Vernunft kommen und, wenigstens für Jonas, den Weg nach Hause finden.

Artem kam für seinen Pass. Er murmelte etwas von Nastja, die eine richtige Ehe wollte. Ich weigerte mich, ihm den Pass zu geben. Artem zuckte nur die Achseln, stieß keinen Widerspruch aus und ging. Bald bekam er einen neuen.

Ich weiß nicht, was Nastja an Artem so bezauberte, aber er vergaß Jonas und mich völlig. Obwohl Ich gebe es zu: Nastja war die Schönste unserer Klasse gewesen. Strahlend, lustig, sorglos und verführerisch. Sie konnte Worte wie Spitzenklöppeln. Doch oft sprach sie das eine und dachte das andere. Dieser Zug an ihr hatte mich nie gestört. Wie sich zeigte: zu Unrecht. Von solchen wie Nastja sagt man: süßer Blick, aber Gift im Herzen.

Hätte ich doch bloß früher erkannt, dass Nastja Artem mir nur ausgeliehen hatte. Vorübergehend. Sie hatte ja gesagt: Ich heirate. Als die Ehe vorbei war, nahm sie sich zurück, was sie mir geliehen hatte.

Zweimal wurde ich zum Scheidungstermin geladen. Ich ging nicht hin. Ich verschleppte die Zeit und meine Seele.

Die Jahre vergingen. Artem schien langsam zu sich zu kommen. Er vermisste Jonas und bat mich, ihn sehen zu dürfen. Ich war natürlich einverstanden. An ständige Sorgen um Artem dachte ich nicht mehr. Jonas und ich hatten uns an unser Leben zu zweit gewöhnt. Er wurde zwölf.

Unglück wächst bekanntlich auch ohne Regen. Nastja, die Verführerin, stand plötzlich vor meiner Tür.
Wie gehts, Freundin? Immer noch nicht verheiratet?, fragte sie grinsend.
Was willst du?, fauchte ich eiskalt.
Artem bittet dich, Jonas ins Krankenhaus zu bringen. Zum Abschied, warf sie mir hin.

Mir sackten die Knie weg, alles verschwamm vor meinen Augen.
Was ist mit Artem?, flüsterte ich.
Morgen ist eine schwere OP. Er fürchtet, er überlebt nicht, sagte Nastja und machte sich schon zum Gehen bereit.
Er wird überleben! Er muss!, schrie ich ihr verzweifelt hinterher.

Die OP gelang. Artem überlebte, blieb aber mit 40 Jahren behindert. Er konnte nicht mehr allein laufen, stützte sich auf einen Stock. Die Frage war: Wie sollte es weitergehen? Nastja holte ihn aus dem Krankenhaus. Doch ich spürte: nicht für lange.

Ich wollte Artem sofort zurückholen. Auf Nastja war kein Verlass. Ihre Seele war dunkel wie ein Brunnen.
Ich wartete ab. Vielleicht würde sich der Schlamm setzen und ich könnte klares Wasser schöpfen.

Drei Monate später rief Nastja an.
Irma, Artem vermisst Jonas.
Oder kannst du nicht mit Artem?, konterte ich bissig.

Kurzschließend: Artem kehrte zu uns zurück. Nastja hatte die Bedingungen so unerträglich gemacht, dass er gehen musste. Mit einem Behinderten zu leben war kein Honigschlecken.

Artem wurde reizvoll, schweigsam, böse.
Doch Liebe erträgt viel, vergibt alles, behält nichts Böses im Herzen. Jonas und ich umsorgten ihn unermüdlich. Langsam taute Artem auf. Er vergaß sogar seinen Stock. Hinkte zwar stark, aber stand auf eigenen Beinen.

Ein halbes Jahr später.
Nastja tauchte auf. Mit einem winzigen Baby.
Wie teilen wir uns Artem? Das ist seine Tochter, verkündete sie.
Nastja, du wucherst wie Unkraut und umschlingst ihn. Warum kriechst du in sein Herz? Wie eine Schlange. Wann verschwindest du endlich? Du knüpfst nur Knoten in unser Leben! Wann können wir in Ruhe atmen?, flehte ich verzweifelt.
Artem gehört mir!, kreischte sie.

Und sie hatte recht. Ich warf Artem nichts vor. Er ging zu Nastja. Alte Liebe rostet nicht.
Oma kommentierte trocken:
Dein Mann, Irmchen, ist keine feste Burg er ist eine wandelnde Tasche!

Jonas und ich waren wieder allein. Mein Sohn wurde erwachsen und tröstete mich: Mach dir nichts draus, Mama, wir schaffen das.
Ach, Artem, du bist wie ein Stachel im Herzen.

Tief ist der Ozean, aber das Herz des Menschen ist tiefer. Was es nicht alles birgt!
Nach Artem war meine Seele wie verwaist, leer, erstarrt. Nur Asche statt Liebe. Kein anderer kreuzte meinen Weg, um mich zu erwärmen, ein Licht anzuzie

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Homy
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