Ich heiratete in den 1970er Jahren eine Frau mit drei Kindern, als niemand ihnen half – so fand ich in einer kleinen Industriestadt mein Glück und eine Familie gegen alle Vorurteile

Ich habe eine Frau mit drei Kindern geheiratet, als niemand ihnen helfen wollte
In den späten 1970er Jahren habe ich eine Frau geheiratet, die schon drei Kinder hatte. Sie standen damals ganz allein da, ohne Unterstützung von irgendwoher.
Klaus, meinst du das ernst? Du willst wirklich eine Kassiererin mit drei Kindern heiraten? Sag mal, hast du den Verstand verloren?, lachte mein damaliger WG-Kollege Thomas und klopfte mir auf die Schulter.
Und was ist schon dabei?, fragte ich, während ich ohne aufzublicken an einer kaputten Armbanduhr bastelte und ihn nur aus dem Augenwinkel ansah.
Damals ging es in unserem kleinen Städtchen ruhig und gemächlich zu. Ich war inzwischen dreißig, lebte allein und pendelte Tag für Tag zwischen der Fabrik und meinem Zimmer im Arbeiterwohnheim hin und her. Nach dem Studium war mein Leben überschaubar geworden: Arbeit, Skatabende, Fernsehschauen und gelegentlich ein Bier mit alten Freunden.
Manchmal blickte ich aus dem Fenster und beobachtete die Kinder auf dem Spielplatz. Dann wurden Erinnerungen an meine eigenen Kindheitsträume wach immer hatte ich mir eine Familie gewünscht. Doch gleich darauf schüttelte ich den Kopf über diese Fantasien: Wer gründet schon eine Familie in so einem Wohnheim?
Alles änderte sich an einem regnerischen Oktoberabend. Ich ging wie gewohnt in unseren Konsum, um Brot einzukaufen. Normalerweise war das Routine, aber an diesem Tag bediente eine neue Verkäuferin Johanna. Irgendwie war sie mir bisher nie aufgefallen, aber diesmal blieb mein Blick an ihr hängen. In ihren müden, aber freundlichen Augen lag ein besonderer Glanz.
Möchten Sie das Weizenbrot oder das Roggenbrot?, fragte sie mit einem schüchternen Lächeln.
Das Weizenbrot…, murmelte ich etwas verlegen und suchte hektisch nach dem Kleingeld.
Frisch aus der Bäckerei, probieren Sie mal, sagte sie, wickelte das Brot geschickt ein und reichte es mir.
Als sich unsere Finger berührten, war da plötzlich irgendetwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Ich beobachtete sie unauffällig eine einfache Frau im weißen Kittel, etwa dreißig, erschöpft, und doch lag so viel Lebensmut in ihrem Blick.
Ein paar Tage später entdeckte ich sie an der Bushaltestelle, beladen mit Tüten, und bei ihr drei Kinder. Der Älteste, Martin, etwa vierzehn, trug tapfer den schwersten Beutel, das Mädchen, Greta, hielt den kleinen Paul an der Hand.
Darf ich Ihnen helfen?, bot ich an und nahm ihr die größte Tasche ab.
Ist nicht nötig, danke…, wollte Johanna protestieren, aber ich lud schon alles in den Bus.
Mama, wer ist das?, fragte der kleine Paul neugierig.
Sei höflich, Paul, mahnte Greta.
Unterwegs erfuhr ich dann, dass sie gar nicht weit von meiner Arbeitsstelle entfernt wohnten, in einem alten Plattenbau. Der Älteste hieß Martin, ihre Tochter Greta, und der Kleine war Paul. Johanna erzählte, dass ihr Mann vor ein paar Jahren tödlich verunglückt war und sie seitdem alles allein stemmte.
Wir kommen zurecht, wir beklagen uns nicht, meinte sie und lächelte erschöpft.
In dieser Nacht fand ich stundenlang keinen Schlaf. Immer wieder tauchten ihr Blick, Pauls Stimme und dieses Gefühl in mir auf, als würde mir ein völlig neuer Lebensweg offenstehen.
Ab jetzt ging ich noch häufiger in den Laden mal für Milch, mal für Kekse oder auch nur, um kurz Guten Tag zu sagen. Die Kollegen in der Fabrik machten langsam Witze.
Klaus, was ist los mit dir? Dreimal am Tag zum Konsum das ist nicht Hunger, das ist verliebt sein, spöttelte mein Vorarbeiter Heinz.
Man will ja frische Vorräte, konterte ich lachend.
Heute Abend sitze ich mit Johanna in unserer gemeinsamen hellen Wohnung. Die Kinder machen Quatsch im Wohnzimmer, und ich spüre, dass diese Familie das größte Glück ist, das mir das Leben bescheren konnte. Ich habe gelernt: Manchmal kommt das Glück nicht im eleganten Gewand sondern mit Plastiktüten, müden Augen und drei Kindern. Wer Mut hat, darauf zuzugehen, der wird mit echtem Zuhause belohnt.

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Homy
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Ich heiratete in den 1970er Jahren eine Frau mit drei Kindern, als niemand ihnen half – so fand ich in einer kleinen Industriestadt mein Glück und eine Familie gegen alle Vorurteile
Drei Fäden. Drei Schicksale