Mein Stiefsohn hat gesagt, es reicht ihm da habe ich beschlossen, dass ich das nicht mehr mitmache.
Seit dreizehn Jahren ziehe ich den Sohn meiner Frau aus erster Ehe groß, als wäre er mein eigener. Meine Tochter und ich wir sind uns charakterlich und in unseren Lebensansichten ähnlich, sie vertraut mir. Ihr fällt es leicht, mir ihre Wünsche mitzuteilen. Der Junge dagegen genau wie seine Mutter. Für ihn ist immer alles ausreichend.
Jedes Jahr frage ich die Kinder, was sie sich zum Geburtstag wünschen oder was sie gern als Weihnachtsgeschenk hätten. Meine Tochter, klassisch organisiert, fertigt sofort eine Liste an und freut sich, meine Auswahl zu erleichtern. Mein Stiefsohn, immer gleich, zuckt mit den Schultern und sagt, jede Kleinigkeit sei schon genug als würden Wünsche ihn überfordern. Wenn meine Tochter mit ihren Freundinnen ins Kino in der Innenstadt will, frage ich sie: Sophia, brauchst du Taschengeld? Das nimmt sie gerne an. Ihr Bruder hingegen lehnt immer ab, fast beleidigt: Ich hab doch genug, danke. Ich weiß genau, dass es nicht die Wahrheit ist. Später geht er zu seiner Mutter, bittet sie um ein bisschen Extra aber mich fragt er nie. Nach all den gemeinsamen Jahren ist ihm das zuviel? Ich habe ihn doch immer wie meinen eigenen Sohn behandelt, aber trotzdem schämt er sich, mich um etwas zu bitten. Stattdessen sucht er die Nähe seiner Mutter, versteckt sich hinter ihr wie ein kleiner Junge.
Dabei gibt es keinen leiblichen Vater, zu dem er Kontakt halten würde. Der Ex-Mann meiner Frau hat sich komplett zurückgezogen. Trotzdem verhält sich mein Stiefsohn mir gegenüber wie ein Außenstehender.
Jetzt ist er sechzehn und muss sich entscheiden, wohin er nach der Mittleren Reife gehen will. Die ganze Familie diskutiert, wie es für ihn weitergeht. Er ist überzeugt, die Aufnahme in das städtische Gymnasium zu schaffen. Ich sage: Paul, verschließ dich nicht gegen Alternativen Privatschulen sind auch eine Möglichkeit. Ich würde das Schulgeld übernehmen, wenn du dort möchtest. Doch er lehnt schroff ab. Brauche ich nicht. Ich krieg das allein hin oder finde schon einen Weg.
Diese Sturheit und der Wille, ja keine Unterstützung von mir anzunehmen, tun weh. Wenn er so erwachsen sein will, soll er es doch ausprobieren. Wenn er wirklich kein Geld von mir will dann lasse ich es eben.
Meine Frau, Annette, reagiert nur mit vagen Bemerkungen, es sei kindisch von mir. Und ich finde, Paul benimmt sich viel zu erwachsen, zu stolz, als müsste er mir ständig beweisen, dass er allein klarkommt. Was bleibt mir da noch übrig? Wie soll ich an ihn herankommen, wenn er mir partout die Tür zuschlägt?





