Tagebuchauszug, 13. März
Heute wurde mir wieder einmal bewusst, wie viel hinter den Kulissen eines Unternehmens verborgen bleibt. Manchmal sind es nicht einmal die großen Dinge, die einen ins Grübeln bringen sondern kleine Momente, ein zufälliger Blick, ein Satz, der hängen bleibt.
Ich war früh im Büro, als ich in einer Ecke eine junge Reinigungskraft bemerkte, die mit verweinten Augen dasaß. Ihre blonden Zöpfe fielen ihr ins Gesicht, sie versuchte ihre Tränen zu verbergen. Ich zögerte, doch konnte nicht einfach vorbeigehen.
Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen helfen? Ist irgendetwas passiert? Hat jemand Sie gekränkt? Ich bemühte mich, ruhig zu sprechen.
Sie schrak auf, wischte hastig ihre Tränen ab und antwortete leise: Entschuldigung, das ist nicht Ihre Sorge. Wirklich, es geht schon.
Sie müssen sich nicht entschuldigen. Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist? fragte ich weiter, sanft aber bestimmt.
Ja, wirklich, es ist nicht schlimm. Ich gehe wieder an die Arbeit, sagte sie und verschwand beinahe fluchtartig durch die Tür.
Ich blieb zurück, grübelte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, da steckt mehr dahinter. Auf dem Weg in mein Büro fragte ich mich, wie ich ihr helfen könnte. Später, als ich meinen Terminkalender durchschaute, fiel mir die Nummer von Frau Anna Kiesewetter ein, unserer langjährigen Vorarbeiterin. Sie kennt jeden und jede hier besser als jeder andere.
Guten Morgen, Frau Kiesewetter. Hätten Sie in den nächsten zehn Minuten Zeit für ein Gespräch in meinem Büro?
Kurze Zeit später saß sie bei mir am Tisch, nippte an einem Glas Tee. Ich musste lächeln: Vielleicht wollte ich Sie auch einfach nur auf einen Tee einladen, Anna. Warum sollte ein Chef nicht mal mit einer Reinigungskraft eine Tasse trinken?
Sie schmunzelte, ihr Blick offen und warm typisch Anna.
Ach, Herr Markert, nun erzählen Sie, was möchten Sie wissen?
Ich zögerte nicht lange. Sie kennen doch alle hier besonders die neuen. Was halten Sie von der jungen Reinigungskraft, Mia?
Anna überlegte kurz. Ein feines, fleißiges Mädel. Das Leben schlägt ihr so einige Brocken hin, aber sie kämpft. Ist heute irgendetwas vorgefallen?
Dann erzählte ich ihr von Mias Tränen.
Anna runzelte die Stirn: Sie nimmt sich alles sehr zu Herzen. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich von diesen eingebildeten Bürobienchen nichts gefallen lassen. Die tuscheln nur, weil sie selbst genug Unzufriedenheit mit sich herumschleppen. Mia hebt sich ab, ist auf ihre Art schön und natürlich und das mögen manche nicht.
Es gibt wirklich solche Lästereien? Ich konnte es kaum glauben.
Sie nickte. Die sticheln wegen ihrer Klamotten, weil sie sich keine Markenartikel leisten kann, machen blöde Bemerkungen: Königin der Armen, Aschenputtel… So was eben. Es widert mich an, dass die ganzen studierten Leute sich so benehmen können.
Und wie ist ihre familiäre Situation? fragte ich weiter.
Ihre Mutter ist chronisch krank und bekommt noch nicht einmal volle Unterstützung. Mia arbeitet hart, weil sie sonst niemanden hat. Sie würde gerne studieren, aber hat keine Zeit und kein Geld, erzählte Anna.
Die Ungerechtigkeit ließ mich noch länger nicht los. Ich grübelte den ganzen Arbeitstag, bis ich abends eine Entscheidung traf. Ich kramte mein Portemonnaie hervor und nahm fast mein ganzes Bargeld heraus. Ich wollte Mia unauffällig unterstützen, wenigstens so viel ich konnte.
Im Gang sah ich nach, ob sie und Frau Kiesewetter gerade irgendwo waren. In dem Nebenraum, wo die Reinigungskräfte oft Pause machen, stand Mias grauer Lederbeutel auf einem Stuhl. Ein komisches Gefühl beschlich mich, als ich ihn öffnete ich wollte ihr Geld in das Münzfach legen, damit es für sich sprechen würde, ohne sie bloßzustellen.
Doch mein Blick blieb an etwas anderem hängen: Ein goldglänzendes Kreuz auf einer zerkratzten Kette. Mein Herz setzte einen Moment aus.
Dieses Kreuz erkannte ich sofort. Es gehörte einst meinem Vater. Erinnerungen schossen mir durch den Kopf an den schicksalhaften Unfall vor zwanzig Jahren auf der Landstraße außerhalb Hamburgs. Meine Mutter hatte so plötzlich ihre Gesundheit verloren. Ich als Zehnjähriger saß damals zwischen Angst und Hoffnung im Auto. Mein Vater, fahrig vor Sorge, lenkte den Mercedes viel zu schnell Richtung Krankenhaus und in einer Kurve knallten wir beinahe frontal mit einem kleinen Polo zusammen. Ich erinnere mich an die Schreie meines Vaters die andere Fahrerin, selbst verletzt, ihre Tochter kaum älter als ich damals. Sie griff meinen Vater an seiner Kette, hielt das Kreuz fest und murmelte: Bitte, helfen Sie meiner Tochter. Mein Vater rang sichtlich mit sich, rief: Ich kann nicht! Meine Frau stirbt hinten im Auto!
Wir fuhren weiter, ließen das andere Auto zurück. Ich erinnere mich noch an den Hauch einer Hoffnung, aber im Krankenhaus kam bereits die Nachricht: Für meine Mutter kam jede Hilfe zu spät.
Nie hatten wir über diesen Tag gesprochen, weder mein Vater noch ich. Ich hatte jahrelang vergeblich versucht, irgendetwas über das Schicksal der Frau und des Mädchens herauszufinden.
Dreizehn Jahre liegen inzwischen dazwischen. Mein Vater reiste nach dem Ruhestand viel, blieb immer allein, besuchte regelmäßig das Grab meiner Mutter. Ich versuchte, mein Leben erfolgreich zu gestalten aber dieses eine Kapitel ließ sich nie ganz schließen.
Ich starrte also nun auf dieses Kreuz im Portemonnaie von Mia Die Zeit stand still, als auf einmal jemand hinter mir fragte: Entschuldigung, was machen Sie da?
Ich drehte mich erschrocken um Mia stand in der Tür. Ich kam mir vor wie ein Einbrecher. Es tut mir leid, das sieht jetzt sicher ganz komisch aus. Ich wollte Ihnen eine kleine Anerkennung geben, einfach so. Es war ein blöder Versuch. Bitte nehmen Sie das. Ich drückte ihr den Schein in die Hand und verließ den Raum.
Zu Hause ließ mich die Sache nicht los. Nach langem Überlegen rief ich meinen Vater an. Papa, wir müssen reden.
Er staunte: Kommst du endlich unter die Haube?
Nein, Papa. Erinnerst du dich an den Tag damals, mit dem Unfall? Wir fuhren mit Mutter ins Krankenhaus
Er war lange still. Ich dachte, du hättest es vergessen.
Ich habe es nie vergessen. Heute arbeite ich mit dem Mädchen, das damals im Auto saß. Wir sollten ihr helfen.
Mein Vater wurde blass. Bist du sicher, dass sie es ist? Ich erzählte ihm alles.
Glaub nicht, dass mich das nie beschäftigt hat. Aber wir konnten damals einfach nicht helfen.
Ich weiß. Aber jetzt können wir etwas tun Ihre Mutter hat keine Hilfe, Mia schuftet für beide…
Er holte tief Luft. Ich bin alt, Mark. Aber du hast recht. Wir können jetzt etwas wieder gutmachen. Er versprach, sich zu kümmern.
Einige Tage später saß Mia nervös mir gegenüber. Ich sah zum ersten Mal, wie hübsch sie war schlicht, aber mit einer inneren Stärke.
Setzen Sie sich, Mia, bat ich sie. Darf ich Ihnen etwas fragen? Warum studieren Sie nicht?
Sie lächelte traurig. Ich würde gerne, aber Mama ist schwerkrank, ich kann sie nicht alleine lassen. Und das Geld fehlt.
Was fehlt Ihrer Mutter genau? fragte ich.
Sie erzählte von dem alten Unfall, von den Schmerzen ihrer Mutter, von endlosen Arztterminen, die zu nichts führten, und dem Geld, das nie reichte.
Mitten im Gespräch klingelte mein Handy mein Vater.
Mark, ich habe Mias Mutter getroffen. Wir haben miteinander gesprochen. Ich habe alles organisiert sie wird in die Universitätsklinik eingeliefert, die besten Ärzte sind dran. Sie ist eins der nettesten Frauen, die ich je getroffen habe und sie ist nicht verbittert.
Ich strahlte Mia an. Mia, ich kann Ihnen helfen beim Studium, finanziell, wie Sie es brauchen.
Aber ich kann … es einfach nicht annehmen. Ich muss doch für meine Mutter sorgen…
Ich winkte ab. Das ist alles schon geregelt. Sie wird behandelt, mein Vater ist dran.
Warum tun Sie das? fragte sie verwundert.
Ich presste die Lippen zusammen, packte meinen Mut: Ich war damals mit im Auto. Mein Vater fuhr, meine Mutter starb hinten. Wir konnten Ihnen nicht helfen. Ich will das heute wiedergutmachen.
Sie schwieg eine Weile. Wahrscheinlich hat Ihr Vater sich das nie verziehen. Aber wissen Sie meine Mutter hatte frisch den Führerschein, war aufgelöst, weil ihr jemand von einer Affäre erzählte. Hätten Sie nicht in der Kurve gestanden, hätte es auch anders ausgehen können. Sie, ihr Vater Sie haben getan, was Sie konnten. Lassen Sie uns die Vergangenheit loslassen.
Als sie das Büro verließ, fühlte ich mich, als hätte ich nach Jahrzehnten endlich wieder frei atmen können.
Ein halbes Jahr später saß ich wieder mit meinem Vater am Tisch.
Er sah mich an und fragte zögernd: Und? Ist es diesmal so weit, dass du heiraten willst?
Ich lächelte und sagte: Ja. Mia hat ihr erstes Semester bestanden, wir wollen heiraten.
Zur Hochzeit kamen alle Anna Kiesewetter führte durch den Tag. Mias Mutter tanzte nach langer Reha ein paar langsame Schritte mit ihrer Tochter, und die früheren Neider konnten ihnen nicht mehr in die Augen sehen.
Heute bin ich dankbar, dass ich den Mut hatte, hinzusehen denn es gibt immer einen zweiten Anfang, nicht nur für die, denen man hilft, sondern auch für einen selbst.




