Meine erste Ehe mit 55: Mein verspäteter Ehemann
Mein später Ehemann… Mit 55 Jahren habe ich zum ersten Mal geheiratet… Fünf Jahre sind inzwischen vergangen, seit wir uns das Ja-Wort gegeben haben… Jetzt bin ich 60 und mein Mann ist 65… Es ist überhaupt nichts Ungewöhnliches mehr, mit 55 zu heiraten… In der heutigen Zeit kann alles passieren… Das Überraschende ist, dass es sowohl meine als auch seine allererste Ehe war… Und stellen Sie sich vor: Ich hatte nie vor zu heiraten! Als ich noch keine zwanzig war, wurde ich von einem Jungen, den ich heiß und innig liebte, tief enttäuscht… Sein Name war Dietmar. Er verließ mich, als ich im fünften Monat schwanger war… Zuerst Gott möge mir verzeihen dachte ich daran, dem Leben ein Ende zu setzen, aber dann fing ich mich wieder und schwor mir, niemals zu heiraten… Ich wollte nie wieder, dass irgendein Kerl einfach davonläuft, sobald es schwierig wird… An meinem Schwur hielt ich fest… Meine Tochter wuchs auf, heiratete und bekam Kinder, und ich lebte störrisch wie ein alter Esel mein einsames Leben… Und man kann nicht sagen, dass mir nicht auch andere Männer Ehen angeboten hätten… Es waren einige! Aber ich war immer stur: Wenn ich etwas im Kopf hatte, setzte ich es auch um… Doch das Single-Leben als Frau machte mich irgendwann rauer und wenig weiblich… Aber das Schicksal ist eine eigenartige Dame
Und ich will erzählen, wie ich am Ende doch vor dem Traualtar stand… Als ich in Rente ging, wie viele Rentner, fing ich an, mich im Garten zu betätigen… Von meinen Eltern blieb mir ein kleines Wochenendhäuschen mit einem überschaubaren Gartengrundstück… Ich fuhr immer mit der Regionalbahn dorthin. Die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde und ich nahm mir meistens ein Kreuzworträtselheft mit so verging die Zeit schnell… An einem Tag stiegen an einer der Haltestellen ein Mann mit einer Frau (offensichtlich ein Ehepaar) und ein kleiner, schmächtiger alter Herr zu… Zunächst war es still im Abteil… Plötzlich hörte ich die leise Stimme meiner Sitznachbarin…
Dietmar, lass uns doch zu den Kindern, wir könnten helfen bat die Frau leise. Du bist doch ihr Vater…
Doch dann übertönte der Zuglärm die donnernde Stimme ihres Mannes.
Sag mal, bist du noch ganz bei Trost, dass ich mich bei diesen Idioten anbiedern soll?
Was dann folgte war so eine widerliche Sprache gegenüber seiner Frau und Kinder, dass ich unweigerlich zu ihnen hinüber schaute… Mein Blick blieb auf dem zornigen Gesicht des Mannes hängen und ich erstarrte… Es war Dietmar! Genau der Dietmar, der mich damals hochschwanger sitzen ließ! Er hatte sich kaum verändert, nur die Gesichtszüge waren härter, vom Alter und wahrscheinlich vom Ärger zerfurcht… Er war immer noch so ein Hüne wie damals… Dietmar erkannte mich offensichtlich nicht wieder, aber als er meinen Blick bemerkte, fauchte er hysterisch:
Was glotzt du so! Dreh dich weg, sonst setzts was!
Ich war wie gelähmt… Arme und Beine gehorchten mir nicht ob aus Schock oder aus Angst…
Aber dann geschah etwas Unglaubliches… Dieser kleine, schmächtige alte Herr, der mir gegenüber saß, stand plötzlich entschlossen auf, stellte sich zwischen mich und Dietmar und sagte mit ruhiger, aber fester Stimme:
Wenn du nicht aufhörst, Frauen zu beleidigen, bekommst du es mit mir zu tun. Ein Mann, der sich so benimmt, ist für mich nichts wert. Ich falte dich zusammen wie einen Papierflieger!
Mir rutschte das Herz in die Hose! Was für ein Papierflieger?! Dietmar könnte den doch mit dem kleinen Finger zerquetschen! Ich wollte schon meinen Beschützer verteidigen, als Dietmar, ganz unerwartet, kleinlaut wurde, die Schultern einzog und etwas Unverständliches murmelte… Und da begriff ich: dieser “große Angeber” konnte nur gegenüber Frauen stark sein… Bei einem wirklich mutigen Mann zog er sofort den Schwanz ein… Und wegen diesem… (es fehlen mir die Worte!) habe ich mir mein ganzes Leben ruiniert?! Mir traten die Tränen in die Augen… Alles passierte wie im Film, als ob dreißig Jahre in einer Sekunde ablaufen…
Dietmar und seine Frau stiegen zwei Stationen später aus, und ich begann zu weinen… In mir war es leer und bitter…
Sogar Tränen können Ihr freundliches Gesicht nicht entstellen, lächelte mein Beschützer… Jetzt wirkte er auf mich gar nicht mehr wie der kleine Mann. Vor mir saß ein mutiger und tiefgründiger Mensch. Sein Name war Hans Gerlach, ein pensionierter Bundeswehr-Offizier… So habe ich meinen späten Ehemann kennengelernt… Und zum ersten Mal seit so vielen Jahren spürte ich, dass ich heiraten will, dass ich geliebt werden will…
Und so kam es dann auch…
Hans und ich sind sehr glücklich miteinander… Das Leben ordnet alles genau richtig… Und es spielt keine Rolle, wie alt man ist… Selbst der Herbst des Lebens kann voller Liebe und Glück sein…




