Als Papa mit seiner neuen Frau ankam: Wie Opa plötzlich „müde“ wurde, nachdem Mama 30 Jahre alles für ihn getan hatte – und warum die Familie an einer Pflegekraft, einer unerwarteten Liebe und den letzten Erinnerungen zu zerbrechen drohte

Vater bringt eine neue Frau ins Haus

Und wie machen wir das jetzt, Roman? fragte Dieter, der als Erster zu den Eltern geeilt war. Papa haut gestern einfach raus: Ich bin erschöpft. Erschöpft, ehrlich! Dreißig Jahre lang hat Mama ihm die Wäsche gemacht, hinter ihm aufgeräumt, ihn fast mit dem Löffel gefüttert, und kaum liegt sie mal krank danieder, ist er nach ein paar Monaten schon erschöpft.

Dieter war immer direkt, oft auch scharfzüngig und mit dem Vater lag er schon seit Kindheitstagen im Clinch. Wahrscheinlich deshalb bekam er öfter mal den Lederriemen zu spüren.

Roman saß auf einem Hocker in ihrer großen Wohnküche und blickte sich um: Alles war noch wie vor Mamas Krankheit. Unzählige Abende hatten sie hier verbracht, diskutiert, gefeiert

Roman? Roman? Gibs zu, Papa übertreibt maßlos. Erschöpft, pf!

Roman kam zu sich. Ich weiß schon, erwiderte er abwesend. Was fehlt ihm? Wir helfen doch, besuchen ihn, nach Plan, alles geregelt. Aber scheinbar glaubt er, unsere Anwesenheit reicht nicht, ein Profi muss her. Soll er haben

Die Pflege lastete nicht nur auf den Schultern des Vaters. Alle halfen mit. Die Woche war so durchgeplant, dass er kaum je allein war.

Ein Spezialist also.

Und was, denkst du, kostet so eine Pflegekraft? Dieter drehte sich zu seinem Bruder. Das ist doch nicht so ein Kaffeekränzchen. Die Preise sind ja fast wie bei Gold, wenn nicht noch drüber.

Denke ich auch. Wir sollten die Kosten gerecht teilen. Vielleicht übernehme ich etwas mehr, ich verdien ja

Roman war eindeutig der mit dem höheren Gehalt.

Etwas mehr, na klar, spottete Dieter. Nein, halbe-halbe, Roman. Wir verdienen beide, also gleiche Kasse. Du willst doch nicht, dass ich mich als Schuldner fühlen muss, oder? Wenn ich mal knapp bei Kasse bin, dann leihst du mir eben, großer Bruder, grinste er schlau. Aber ich zahle zurück. Leihst du mir?

Roman erklärte sich, wie auch sonst, bereit die Hauptlast zu stemmen.

Natürlich, leihe ich. Also, alles klar?

Jetzt fehlt nur Ingrid Wo treibt sie sich eigentlich rum?

Sie ist bei Mama, erzählt ihr irgendwas.

Ihre Mutter konnte nicht mehr antworten, aber Ingrid berichtete ihr stets von ihrem Tag.

Bums. Irgendetwas fiel hinter der Tür.

Ingrid wieder, seufzte Dieter.

Sie ließ stets irgendwas fallen, stieß überall an. Ingrid, mit ihren Locken wie ein Pusteblume, stürmte herein. Trotz allem hatte sie ihre Lebensfreude behalten und glaubte sogar noch, dass Mama wieder gesund werden könnte.

Was wird hier getuschelt? Gehts um Mamas Pflegerin? Ich hab Papa reden hören. Angerufen hat er mich zwar nicht, aber ich weiß Bescheid. Also, zu wieviel schmeißen wir uns zusammen?

Beide Brüder taxierten sie.

Wovon redest du? fragte Roman.

Och Ingrid, unser Blümchen! zog Dieter sie auf. Immer zu jung für solche ernsten Themen. Von dir nehmen wir kein Geld.

Ingrid runzelte die Stirn.

Wieso zu jung? spielte sie entrüstet, lächelte dann aber, als sie sah, dass die Brüder endlich entspannt waren. Ich helf schließlich auch. Wir sind doch Familie, oder nicht? Gleiche Beteiligung

Schon gut, sagte Roman, kauf dir lieber ne Schokolade, jetzt bist du ja finanziell unabhängig. Wir müssen jetzt Erwachsene-Sachen klären.

Ingrid, an deren Albernheiten sie gewöhnt waren, zuckte mit den Schultern und verschwand mit einer Handbewegung aus der Küche.

Also, Dieter schlug auf den Tisch, dann machen wir zwei die Teilung. Fair, versteht sich. Was willst du sagen? Und dann suchen wir jemanden.

Einverstanden. Aber nur, wenn es eine verlässliche Pflegekraft ist. Kein Betrüger.

Sie verbrachten noch eine Stunde mit Suchen, Telefonieren, Abwägen, bis sie sie fanden Oxana. 35 Jahre, sympathisch, mit besten Empfehlungen und, was am wichtigsten war, Erfahrung.

Oxana wirkte von Anfang an wie eine Vertraute im Haus. Freundlich, fürsorglich, gesprächig, aber auch mit Gefühl für die richtige Distanz. Sie konnte zuhören, trösten, Mamas Schmerzen lindern.

Ingrid von ihrer Beteiligung am Geld ausgeschlossen, du bist unsere Ingrid leistete weiterhin oft Gesellschaft, was ihr ganz eigener, sehr wichtiger Beitrag war. Sie vermisste Mama am meisten, mehr noch als die Brüder, die nun beide kurz vor der Hochzeit standen, während Ingrid in mancherlei Hinsicht noch Kind war. Sie kam, um bei Mama zu sitzen, zu reden, einfach, um dabei zu sein.

***

Etwas über ein Jahr verging. Sie verloren ihre Mutter in diesem Jahr.

Es war erstaunlich, wie es eine Person schaffte, diese Familie zusammenzuhalten. Mit dem Weggang der Mutter zerbrach auch das letzte Band. Man sprach noch, aber weit weniger. Der Vater blieb fern, lud sie nicht ein, zeigte kaum Interesse an Treffen.

Doch letzte Woche rief er dann an, sagte, sie sollen am Samstag nichts vorhaben.

Und da waren sie nun. Ingrid, Roman, Dieter. Noch vor kurzem waren die vierzig Tage nach Mamas Tod vergangen. Das Gedenken fand statt ohne den Vater, der sich stur weigerte zu kommen. Ingrid überredete die Brüder, nachsichtig zu sein, er leide vielleicht so sehr, dass sogar ein Gedenktag zu schmerzhaft für ihn sei.

Gut, dass ihr alle gekommen seid, seine Stimme war brüchig. Ich muss euch etwas sagen. Allen.

Roman und Dieter spürten es nichts Gutes war im Anmarsch.

Papa, wir kämen jederzeit, versicherte die gutmütige Ingrid.

Danke, danke, nickte er. Ich habe einen Grund: Ich möchte euch meine Verlobte vorstellen.

Unfassbar. Eher hätte man geglaubt, Papa sei verrückt geworden oder sie selbst hätten sich verhört. Eine Verlobte? Jetzt? Die vierzig Tage sind kaum vorbei

Eine Verlobte?! Dieter flüsterte fast.

Papa, das meinst du nicht ernst? Romans Kopf wollte das nicht erfassen.

Doch der Vater machte keine Witze.

Klaus so hieß der Vater winkte jemanden herein.

Oxana, komm doch!

Oxana betrat das Zimmer. Genau die Pflegerin, die sie engagiert hatten. Nun war von Bescheidenheit oder Güte nichts mehr zu spüren vielmehr wirkte sie wie die neue Herrin des Hauses.

Oxana? Ingrid wiederholte fassungslos, Das kann nicht sein

Doch, Oxana, Klaus strahlte. Wir haben beschlossen, zusammenzuziehen. Ich weiß, das kommt für euch überraschend. Ich hätte auch nie gedacht, dass alles so schnell passiert. Aber Oxana zieht hierher.

Als hätte er sie ins Gesicht gespuckt. Roman, der Älteste, immer der Taktgeber, setzte als Erster zum Angriff an:

Willst du uns verarschen? Roman trat über Dieters Beine hinweg, der wie festgewurzelt halb im Sessel hing. Seit wann läuft das? Seit Monaten? Noch während Mama hier krank war, hattest du ein Verhältnis? Direkt neben ihr? Sag es uns jetzt, Papa! Ist das dein Ernst?!

Dieter hielt Roman zurück, als dieser rot anlief.

Roman, ruhe dich, Ingrid stellte sich vor ihren Vater. Denn Klaus war kurz davor, mit Treppenstufen nähere Bekanntschaft zu schließen. Roman war immer hilfsbereit, ruhig, geduldig bis man den Bogen überspannte.

Beruhigen? Roman tobte. Lass los! Ich sag unserem Vater jetzt mal, was er falsch macht!

Und wenn ihn jetzt keiner gehalten hätte, wäre es dabei nicht geblieben.

Roman, reiß dich zusammen! Dieter zerrte ihn zurück.

Roman, schlag ihn bloß nicht, bat Ingrid leise. Papa meint es doch sicher anders Stimmts, Papa? Du willst doch nicht mit ihr zusammenleben?

Sie schaute ihren Vater an, doch der sah nur noch Oxana. Solche Frauen hatten sich nie für ihn interessiert nicht einmal in jungen Jahren. Nach fünfzig hatte er alle Hoffnungen begraben für die Ehe mit Mama fehlte zwar die Liebe, aber immerhin hatte er jemanden. Als Oxana ihm zu verstehen gab, dass sie wollte, traf ihn der Schlag: Endlich sollte seine Jugendliebe in Erfüllung gehen.

Ihr versteht das nicht murmelte er, Vielleicht habe ich mein ganzes Leben auf so etwas gewartet

Roman stieß Dieter zur Seite, wich Ingrid aus und packte seinen Vater am Kragen:

Worauf? Bis Mama tot ist?!

Bis ich meine Liebe gefunden habe!

Liebe Hattest du mit Mama keine Liebe? Romans Griff zog Klaus fast hoch.

Nein! Sie war schwanger mit dir, da musste ich ja heiraten! Das war’s! Lasst mich wenigstens im Ruhestand mein Glück finden! Ihr versteht das einfach nicht!

Roman ließ ihn los.

Dieter, entsetzt über das Gespräch, rief dazwischen:

Was verstehst du unter nicht verstehen, Papa? Dass du eine andere Frau brauchst? Und Mama? Hast du je an sie gedacht, während das alles begann?

Soll ich jetzt etwa bis zu meinem Tod allein leben?

Nein! brüllte Dieter, während Roman sich mit der Stirn an der Wand abstützte, Aber Papa es sind nicht mal zwei Monate her und dann bei Mama, direkt hier Das kann ich nicht mal aussprechen!

Doch es brachte keinen Sinn. Während sie stritten, stand Oxana lächelnd daneben. Klaus, weich bei ihr, furchtsam unter den Vorwürfen, konnte nur sie anschauen. Für ihn war es Liebe, der Rest belanglos.

Schließlich packten Roman und Dieter es nicht mehr. Wütend verließen sie das Haus.

Wir gehen, Roman warf dem Vater einen hasserfüllten Blick zu.

Ingrid, komm, Dieter griff nach ihrer Hand.

Jungs versuchte Ingrid nach ihrem Austritt in den Hausflur, Seid nicht so hart. Vielleicht ist es wirklich Liebe? Klar, Mama ist erst vor kurzem gestorben, aber vielleicht ist Oxana für Papa das Letzte, was ihn leben lässt.

Doch niemand ließ sich davon rühren.

Liebe? Dieter lachte bitter, Das ist was ganz anderes, Ingrid. Du weißt das auch. Du bist doch kein Kind mehr. In seinem Alter schlägt keine echte Liebe ein.

Aber Ingrid blieb beharrlich, Es ist und bleibt unser Vater.

Ein Vater, der fremdging, als Mama noch lebte. Ein Vater, der ihr Andenken verrät. Toller Vater. Und uns schämt er sich nicht! Nicht einmal ein halbes Jahr hat er seine Oxana geschickt versteckt.

Ingrid war immer das gute Kind. Trotz all ihrer Liebe zu Mama war sie zu weich, den Vater einfach zu verlassen. Sie besuchte ihn nicht, weil die Brüder sie baten, aber es quälte sie.

Klaus hingegen plagte nichts.

Als die Söhne wieder auf seine Anrufe reagierten, kamen die Bitten die eher Befehle waren. Mal solle dies gehämmert, mal jenes montiert werden. Sie redeten nur, wenn es sein musste, halfen aber immer.

Als Roman und Dieter einmal eine Schrankwand aufbauten, sagte Klaus plötzlich:

Ach, hätte ich Oxana doch früher gekannt. Dann hättet ihr eine ganz andere Mutter gehabt. Und was für eine bessere!

Dieter, mit einer Tüte Schrauben in der Hand, schleuderte sie auf einen Glastisch das Glas zersprang, Schrauben flogen. Risse durchzogen den Tisch.

Es reicht! Roman legte den Schraubenzieher weg. Es reicht! Komm zur Besinnung, Papa! Über unsere Mutter redest du!

Ihr widersprecht eurem Vater?! fauchte Klaus, Sonst erbt ihr gar nichts mehr!

Lieber hätte er das Thema gar nicht angerissen.

Sicher? Roman grinste. Die Wohnung gehörte Mama, wir teilen nach Gesetz durch vier. Sei du lieber vorsichtig, sonst stehst du ohne Wohnung da. Gut, dass du daran erinnerst.

Klaus schwieg. Das Werkzeug blieb liegen, die Brüder verschwanden.

Sie kamen nie wieder. Aber ihre Gedanken kreisten um etwas anderes: Wie verkauft man seinen Erbteil? Wenn der Vater sich so verhält, müssen sie keine Rücksicht mehr nehmen.

Ingrid hielt sich raus, blieb aber ihrer Art treu.

Jungs, sagte sie, Redet nicht mehr mit Papa, aber lasst ihn nicht im kalten WG-Zimmer enden

Ingrid glaubte, dass es Zeit sei für Versöhnung sie selbst fuhr zu Klaus, um ihn zu bitten, bei Dieter und Roman um Vergebung zu bitten. Ihre Mission war von vornherein zum Scheitern verurteilt, aber sie gab nicht auf.

Sie kam und fand ein Chaos vor.

Oxana, in Mutters Ohrringen, stopfte entschlossen alles in Müllsäcke, was sie fand: Fotos, Kleider, kleine Häkeltiere lauter Erinnerungen wurden entsorgt.

Was machst du da? stieß Ingrid hervor.

Ich entsorge alten Kram. Klaus wartet auf dich. Warum bist du zu spät?

Ingrid verstand die Welt nicht mehr Hätte sie geahnt, dass Mamas Sachen im Müll landen sie hätte alles an sich genommen und aufgehoben

Was tust du?! Ingrid griff nach Oksanas Arm, die den Müllsack fallen ließ. Das ist von meiner Mama!!

Alte Sachen! Für uns nutzlos!

Ingrid drückte zu.

Ja, Ingrid, das sind ihre Sachen, aber sie ist nicht mehr da, kam Klaus hinzu. Was soll das? Wir tragen doch nicht dreißig Jahre lang alles mit uns rum

Ingrid packte, was noch zu retten war.

Dich will ich nie wieder sehen, fauchte sie, dass sogar Klaus Erschauern spürte.

Kurz darauf verkauften Ingrid, Roman und Dieter ihre Anteile zwei von drei Zimmern. Klaus, der nur eins behielt, musste nun mit Mitbewohnern leben. Und was deren Bekanntschaft zu bedeuten hatte, ließ sich schon erahnen.

Sei froh, sagte Roman zu ihm, ein Zimmer lassen wir dir. Selbst schuld.

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Homy
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Als Papa mit seiner neuen Frau ankam: Wie Opa plötzlich „müde“ wurde, nachdem Mama 30 Jahre alles für ihn getan hatte – und warum die Familie an einer Pflegekraft, einer unerwarteten Liebe und den letzten Erinnerungen zu zerbrechen drohte
Der Schlüssel zum Glück