Streit ums Zuhause: Wer ist hier eigentlich der Herr im Haus? Wenn der Vater seinen eigenen Sohn vor die Tür setzt… Ein typischer Morgen in einer deutschen Familie, bei Kaffee, Diskussionen über Geld – und die Frage, wer wirklich über die Wohnung bestimmen darf.

– Schon wieder das alte Spiel? Ich bin hier der Hausherr ich bestimme, wer einzieht und wer nicht. Pass bloß auf, nicht dass du noch selbst ausziehen musst

– Du? Valentin grinste schief. Erinnerst dich überhaupt noch, wer hier das Sagen hat?

***

Der Morgen in ihrer Wohnung war alles andere als freundlich. Wobei: Wann war er das je gewesen? Die Sonne fiel grell durch die Vorhänge, als wolle sie ihn verhöhnen. Doch Licht wollte in Valentins Zimmer einfach nicht aufkommen. Gewiss, er hatte kaum geschlafen. Und jetzt fühlte er sich wie ein aufgetauter Fisch: missmutig, zerknautscht, aus dem Takt.

In der Nacht hatte er sich von einer Seite zur anderen gewälzt, war dann aufgesprungen, um irgendwas zu erledigen. Kaum hatte er sich schließlich wieder ins Kissen geschmiegt, zog ihn das Gewirr aus Gedanken zurück in den Dämmerzustand da

Valentin! Ein grollender Ruf hallte aus dem Flur, wie Donner über den Alpen. Wo steckst du? Heraus mit dir! Los jetzt! Du schläfst doch nicht etwa noch?

Valentin stöhnte und zog sich das Kopfkissen tiefer übers Gesicht. Schon wieder der Auftritt von seinem Vater, Herr Siegfried Holzer, liebevoll von allen nur Siggi genannt. Und das, obwohl es doch noch nicht einmal acht Uhr war.

Ich mach mich fertig für die Arbeit, Vater, krächzte Valentin und blinzelte schwerfällig. Sonst komme ich zu spät.

Er hatte noch eine Stunde, die er im Bett hätte verdämmern können. Nur eine einzige wärmende Stunde, die ihm letzte Nacht so bitter gefehlt hatte!

Welche Arbeit denn? Nun stand Siggi in der Zimmertür, wirkte riesig, obwohl er nicht größer war als der Durchschnittsbayer. Und machen tust du höchstens Augen zu hier, nicht wahr? Steh endlich auf. Ich brauche Geld!

Valentin stemmte sich auf den Ellbogen. Geld. Immer das Gleiche.

Wofür denn? fragte er, obwohl er die Antwort längst kannte.

Ach, Junge, Siggi seufzte theatralisch auf. Bist du heute früh erst geschlüpft? Muss ich dir das jedes Mal wortreich erklären? Ich will Monika mal so richtig ausführen. Ein schönes Abendessen. Sie ist eben anspruchsvoll, du kennst sie doch. Mit einem Spaziergang lockt man die nicht aus dem Haus.

Anspruchsvoll hieß in Siggis Welt: Monika mochte das Geld anderer Leute mindestens so gern wie gut gewürzte Bratwurst. Ohne prall gefüllte Brieftasche war der Vater für sie ungefähr so spannend wie Sauerkraut ohne Würze.

Siggi hatte das Maß längst verloren. Was reinkam, verpuffte durch die Abende der Eindrücke, und dann folgten die Wünsche, nein: Forderungen, wie Hagelschauer im April.

Vater, ich hab selber kaum Geld, begann Valentin, wie so oft den Kompromiss zu suchen. Gerade genug für die Woche. Fahrkarte, Mittagessen. Hast du vergessen, dass wir letzte Woche die Spülmaschine ersetzt haben?

Valentin hatte mächtig draufgezahlt. Und Lust, noch ein romantisches Abendessen seines Vaters zu finanzieren, hatte er definitiv nicht.

Kaum was? Siggi zog die Augenbrauen hoch, als verlange Valentin von ihm eine Spende für die Welthungerhilfe. So wenig? Dann such halt noch was. Das ist ja nicht für irgendwen. Für deinen Vater, mein Sohn! Und überhaupt er wühlte in Valentins Portemonnaie, Ich bin hier der Hausherr! Dein Geld mein Geld! Schon verstanden? Du machst hier, was ich sage! Ich nehme mir, was ich brauche.

Zu Siggis Überraschung war das Portemonnaie leer. Das Wenige, das Valentin behalten hatte, lag eh längst auf seiner EC-Karte.

Wo ist das Geld?? Hm? Wo ist MEIN Geld in MEINER Wohnung?

Jetzt war der Moment fürs Grinsen gekommen.

Ganz sicher deine Wohnung, Vater? Sicher, dass du hier der Herr im Haus bist?

Siggi ließ handfest von Portemonnaie und Rucksack ab.

Was soll das heißen? murmelte er.

Du weißt es doch selbst, Valentin setzte sich auf, und zum ersten Mal fühlte er sich wie der Besitzer, der er tatsächlich war. Das war Omas Wohnung, immer schon. Und Oma hat sie mir vermacht. Sie wusste, wofür ihr Sohnemann so Geld ausgibt. Und dass man dir nicht so recht trauen kann. Du verprasst alles

Oma Barbara, eine Frau mit klarem Kopf. Sie hatte gesehen, wie ihr Sohn Siggi, leichtsinnig und verschwenderisch wie ein Kind im Süßigkeitenladen, mehr als einmal ins finanzielle Abseits geraten war.

Das letzte Mal er hatte das geschenkte Auto in Rekordzeit verkauft und alles gleich in einer Woche verspielt. Da war Valentin zum Glück alt genug, mit eigenem Gehalt. Er half, die Schulden irgendwie auszubügeln.

Danach hatte Oma die Wohnung lieber gleich auf Valentin umschreiben lassen. Formal gehörte sie ihm, und faktisch sahs genauso aus. Er zahlte für Wohnung, Lebensmittel, selbst für die Pantoffeln, die Siggi gerade trug.

Sein Vater, wie ein sonnenhungriger Kater, tauchte nur auf, um zu essen, zu schlafen und Geld zu fordern.

Also, Vater, Valentin stand auf, spürte im Brustkorb eine neuartige Ruhe. Ich bin derjenige mit den Rechten hier, mein Geld gehört mir. Wenn du Monika ausführen willst, dann such dir anderes Taschengeld.

Siggi schien den Faden verloren zu haben, sein Ärger knisterte wie ein offener Stromdraht.

Das zahl ich dir heim, sieh dich vor

Tu das ruhig. Und denk dran, wenn du heute wieder von MEINEN Lebensmitteln isst. Du kaufst ja ohnehin nichts für den Haushalt. Nur zu: Zahls mir heim.

Das war schwer. Valentin mochte seinen Vater, wirklich. Aber das ewige Gebettel, geduldige Lastesel-Dienste damit war jetzt Schluss. Wenn dem Vater was nicht passte niemand zwang ihn zu bleiben.

Am Abend wiederholte sich das Drama.

Von der Arbeit heimkehrend, fand Valentin im Wohnzimmer eine rotierende Festgesellschaft. Siggi beanspruchte den besten Platz, schon schwer über den Durst, um sich die üblichen Kumpels samt Monika, die lasziv auf der Sofakante lümmelte.

Da ist ja mein Söhnchen! Siggi krähte es durch die Runde. Na, Streber? Jetzt kommt er heim, reumütig. Leute, schaut euch das an! Der eigene Sohn verweigert mir den Respekt, versteckt das Geld, will den eigenen Vater hinauswerfen. Glaubt wohl, er ist jetzt der große Chef!

Valentin blieb an der Tür zur Küche stehen. Alles in ihm zog sich zusammen nicht aus Zorn, sondern aus einer bleiernen Erschöpfung.

Papa, sagte er, was für eine Spelunke hast du hier eingerichtet? Du kannst Faxen machen, aber deine Freunde einladen das ist ab jetzt gestrichen. Ich bitte alle, zu gehen. Morgen muss ich früh raus.

Unruhe, einige Gäste wollten sofort aufspringen, aber Siggi hielt sie mit einer Geste zurück.

Wie bitte?! zischte er. Du schmeißt MEINE Gäste raus? Aus meinem Haus? Merkst du nicht selbst, wie unverschämt das ist?

Doch für Valentin war klar: Es war an der Zeit.

Es ist MEIN Haus, Vater, verbesserte er, und alle sahen ihn erstaunt an. Und ich sag: Heute ist Schluss. Von euren Saufgelagen hab ich genug.

Monika drückte sich verunsichert an Siggi, seine Kumpels starrten ratlos auf Zigarettenstummel und leere Bierflaschen.

Kommt, Leute, murmelte einer, scharrte mit den Schuhen.

Ach Siggi, jetzt reichts wirklich, seufzte ein anderer. Zeit, heimzugehen.

Siggi, sichtlich in Rage, knurrte:

Jetzt hast du mich vor aller Welt blamiert Der Sohn belehrt den Vater!

Vielleicht hat es der Vater auch mal nötig?

Wir werden sehen, wie lange du noch so groß tönst!

Valentin ignorierte ihn, schob sich durch Richtung Schlafzimmer und ließ sich ins Bett fallen. Er wusste: Morgen wirds noch schlimmer. Neue Dramen, neue Eskalationen. Aber heute wollte er wenigstens schlafen.

Der Morgen war wieder sonnig wie immer, aber Valentin konnte den Glanz nicht genießen.

Siggi schmollte den ganzen Tag herum, sprach nicht, schlurfte durch die Wohnung wie ein grantiger Hausgeist. Am späten Nachmittag beschloss Valentin, den ersten Schritt zu machen.

Papa, sprach er, als Siggi im Flur vorbeikam. Der wandte sich nicht einmal um. Es tut mir leid wegen gestern. Ich war vielleicht zu hart im Ton, gerade vor deinen Freunden. Aber du weißt: Ich wollte dich nicht verletzen. Ich war kaputt von der Arbeit und wollte einfach meine Ruhe. Ich hätte das nicht vor allen sagen sollen.

Valentin griff in seine Hosentasche, holte die Geldbörse hervor.

Hier, reichte er Siggi einen Schein. Fürs Restaurant. Führ Monika schön aus, ja?

Siggi hellte sich sofort auf.

Echt? Das Gesicht strahlte. Du bist ein guter Sohn!

Schon verschwand er, mutmaßlich um sich auf den bevorstehenden Abend vorzubereiten. Valentin sah ihm nach: Es war wie ein Vakuum geblieben. Geld gegeben, Friede geschlossen und trotzdem irgendetwas stimmte nicht.

Den ganzen Tag dachte Valentin nach.

Die Gedanken kreisten und bissen sich fest: Wohnung.

Mit einem Vater, der wie ein Fünfzigjähriger im Teenagermodus lebte, wollte er eigentlich nicht weiter zusammenwohnen. Wegziehen…? Viel zu blöd, die Wohnung gehörte ja ihm. Warum Miete zahlen? Aber den Vater explizit rauswerfen… war für ihn auch irgendwie unmenschlich. Ist ja schließlich Familie.

Kein Ausweg. Keine Antworten.

Am Abend, erschöpft vom eigenen Grübeln, nickte er weg. Die Nacht zuvor hallte nach wie das Echo im Münchner Hofgarten.

Siggi kehrte spät heim und nicht allein.

Valentin? Schlafst du? Siggi, feingemacht, stapfte ins Zimmer. Wir sind nur kurz.

Monika lugte um die Ecke.

Guten Abend, Valentin setzte sich auf, nervös wie im Theater.

Hallo, Valentin, schnurrte Monika.

Also, wir haben heute alles besprochen Sie zieht zu uns, platzte Siggi heraus wie aus dem Nähkästchen.

Valentin sprang auf.

Was? stieß er hervor. Hier zieht keiner ein!

Siggi erstarrte. Offenbar hatte er diese Reaktion nicht auf dem Zettel gehabt. Nach der morgendlichen Versöhnung hoffte er, der Rest werde durchgewunken.

Wieder das Gleiche? Ich bestimme hier, wer einzieht und wer nicht. Pass bloß auf, dass du nicht selbst landest auf der Straße

Wirklich? Valentin grinste. Schon vergessen, wer hier die Miete zahlt?

Auf deine Papiere geb ich nicht viel, brüllte Siggi, fing sich aber, als er Monikas besorgten Blick bemerkte. Versteh doch! Wir wollen zusammenleben. Nicht immer wie Vagabunden um die Häuser ziehen müssen. Ich bring halt meine Frau mit nach Hause, das ist doch völlig normal.

Nein, Valentin schüttelte nur den Kopf. Und wenn du noch weiter Druck machst, wohnt hier bald nur noch einer: ich.

Siggi zitterte vor Wut. Dass sein eigener Sohn ihm vor Monika Kommandos gab

Gut, zischte er. Warten wir ab, wer am Ende lacht.

***

Der nächste Abend brach verrückt an. Valentin kam von der Arbeit, sah unter dem Wohnzimmerbalkon einen wild verstreuten Haufen. Kein Müll. Irgendwas Bekanntes. Seine Sachen. Klamotten, Bücher, verstreut auf Gehweg, Bank, im Gebüsch überall.

Was zur murmelte Valentin, wurde schneller.

Er hetzte ins Haus. Überrascht: Das Schloss war gewechselt. Sein Schlüssel drehte durch.

Papa! rief er, hämmerte gegen die Tür. Mach auf!

Zieh Leine! schrie Siggi von drinnen. Das ist mein Haus! Mir völlig egal, was du auf Papier stehen hast! Hab dir die Sachen rausgeschmissen!

Ich tret die Tür ein!

Nur zu!

Er blieb nicht lange vor dem Eisenriegel. Ihm wurde klar, dass der Vater auf Eskalation setzte. Polizei rufen? Im Herzen wusste Valentin: Da hätten die Beamten wenig Lust, am Abend seinen Vater aus dem Haus zu zerren. Das war noch am ehesten morgen klärbar.

Und die Klamotten mussten dringend eingesammelt werden!

Raus auf die Straße. Ein Teil seiner Sachen lag im Schmutz, anderes sammelte gerade seine Nachbarin auf, Katharina, die sympathische Studentin vom dritten Stock.

Hey, Valentin, alles gut? fragte sie und hielt sein Lieblingssweatshirt in den Händen. Was treibt dein Alter denn wieder?

Hat völlig einen an der Waffel, brummte Valentin und griff nach seinen Jeans. Ich hab ihm untersagt, sein ganzes Saufpack einzuladen… Jetzt meint er wohl, es reicht.

Ach Valentin Katharina seufzte, Wenn du magst, kannst du bei uns im Gästezimmer schlafen. Mama und ich hätten eh gern Gesellschaft.

Danke, Katharina, Valentin spürte einen Anflug von Wärme, Ich nehme das Angebot an. In ein Hotel zu ziehen mit dem ganzen Zeug ist Blödsinn, bald bin ich eh wieder zurück.

Das Übernachten bei Katharina und ihrer Mutter merkwürdig und irgendwie völlig entspannt. Er fühlte sich geborgen: Abends Tee trinken, kurz den Tag besprechen, nachts kein Herumschleichen, keine Geldforderungen.

Am Morgen, als Siggi und Monika das Haus verließen (Valentin beobachtete sie aus dem Fenster), flitzte er in die eigene Wohnung. Gleich kam der Schlosser, den er bestellt hatte.

Hier, Valentin legte Ausweis und Dokumente vor. Schloss raus, das ist meine Wohnung.

Der Schlosser war flink.

Nur wenige Minuten, und Valentin war wieder Herr im eigenen Haus.

Danke, er reichte einen Schein. Bitte gleich ein neues Schloss einsetzen.

Während der Schlosser werkelte, begann Valentin sofort, die Sachen von Vater und Monika zu packen. Er hätte sie ja genauso gut vom Balkon werfen können tat es aber nicht. Stattdessen stapelte er alles ordentlich in Tüten und stellte sie draußen vor die Tür.

In dem Moment, als er den letzten Beutel rausstellte, hörte er hektisches Rasseln am Schloss.

Was? Siggi. Schloss klemmt Schlüssel geht nicht Die haben das Schloss getauscht! Valentin, bist du drin??

Nicht klopfen, erwiderte Valentin. Ihr kriegt keine neuen Schlüssel.

Hast du uns echt ausgesperrt??

Wie hast dus erwartet? fragte Valentin.

Lass mich rein! Meine Sachen! Monikas Stimme kreischte über den Flur.

Stehen vor der Tür. Alles, was euch gehört. Ich muss nicht so kleinlich sein wie ihr.

Siggi versuchte ins Haus zu dringen, doch Valentin war zwar kleiner, aber kräftig genug, um ihm den Durchgang zu blockieren.

Geht, Vater, sagte Valentin, und Monika auch. Ich hab gesagt, dass hier nur einer wohnen wird, wenn das so weitergeht. Und Menschen, die mich heimlich vor die Tür setzen, lasse ich sicher nicht mehr rein.

Siggi brach ab, zischte:

Ich zeig dich an!

Aber Valentin wusste: Da wird kein Richter Bedarf anmelden. Er hatte seinem Vater deutlich die Grenzen aufgezeigt.

Am Abend, die dritte Waschladung nach der Eskapade gerade in der Maschine, stand Katharina kopfschüttelnd in der Küchentür samt selbst gebackenem Nusskuchen.

Na, wie läufts? grinste sie. Ich dachte, du brauchst was Süßes.

Gerne doch.

Gehts mit deinem Vater jetzt ruhiger zu?

Sagen wirs so: Mein Vater hat jetzt endlich ausgezogen.

Ganz freiwillig?

Absolut freiwillig, lächelte Valentin.

Er erzählte ihr alles.

An deiner Stelle hätte ich die Tüten aus dem Fenster geworfen, lachte Katharina. Du bist echt bemerkenswert ruhig geblieben.

Und sie saßen da, zu zweit. Und alles war seltsam leicht.

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Homy
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Streit ums Zuhause: Wer ist hier eigentlich der Herr im Haus? Wenn der Vater seinen eigenen Sohn vor die Tür setzt… Ein typischer Morgen in einer deutschen Familie, bei Kaffee, Diskussionen über Geld – und die Frage, wer wirklich über die Wohnung bestimmen darf.
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