– Sebastian, du verstehst wohl gar nicht, was du da angerichtet hast, oder? strahlte Frau Schuster, die stellvertretende Direktorin, vor lauter Empörung, während sie ihre leicht lockere Hochsteckfrisur ordnete. Genau auf diese hatte ein umherfliegender Rucksack eingeschlagen, den Sebastian mit Begeisterung durch den Schulflur getreten hatte. Das geht einfach zu weit! Glaubst du etwa, wenn man dir einmal etwas durchgehen lässt, wird es dir immer vergeben? Prügelei, Unterrichtsstörung und meine Frisur!
– Ich… – setzte Sebastian an, verstummte aber gleich wieder. Was hätte er auch sagen können? Dass Niklas, den er vermöbelt hatte, es verdient hatte? Dass der Unterricht unerträglich langweilig war? Oder dass es einfach mehr Spaß machte, seinen Schulrucksack durch die Gegend zu kicken, als Algebra zu pauken?
Die Schule hatte ihm viel durchgehen lassen, weil er früher vorbildlich gewesen war. Doch das war schon bis zur sechsten Klasse her. Seitdem lebte er von diesem alten Ruf. Doch das Maß war nun voll.
– Du hast deinen Mitschüler getreten! Allein das ist schon unglaublich! – fuhr Frau Schuster fort, während sie mit ihrem langen Fingernagel auf die Tischplatte klopfte.
– Er hat zuerst angefangen, – murmelte Sebastian.
– Deine Mitschüler erzählen jedoch etwas anderes. Sie sagen, dass du seine Sachen vom Tisch geworfen hast.
Er hatte es tatsächlich getan. Und zwar aus einem Grund, der ihm inzwischen komplett entfallen war.
– Du hast ihn getreten, eine Prügelei angezettelt Und dann hast du den Biologieunterricht komplett gesprengt, Lehrbücher durch den Raum geworfen und Frau Berger beleidigt. Übrigens solltest du dich bei ihr entschuldigen! Als ob das nicht gereicht hätte, hast du dann ein wahres Schauspiel aufgeführt, indem du Rucksäcke durch den Korridor geschossen und die jüngeren Schüler erschreckt hast! Übrigens: nicht einmal deinen eigenen Rucksack! – Sie warf ihm einen strengen Blick zu. – Und warum hast du überall nur noch Fünfen, Sebastian? Du hast doch mal gut gelernt Du enttäuschst mich so sehr. Kannst du dir das überhaupt vorstellen?
Sebastian nickte stumm.
Er konnte es sich vorstellen, doch Scham verspürte er nicht. Im Gegenteil, er fühlte sich beinahe erleichtert, weil endlich jemand Notiz von ihm nahm.
– Und das ist noch nicht alles, – klopfte Frau Schuster erneut auf den Tisch. Deine Mutter ist hier. Frau Enders musste extra von ihrer Arbeit kommen. Und sie wird dasselbe zu hören bekommen wie du.
Tatsächlich hatte Anna Enders, Sebastians Mutter, schon im Flur mitbekommen, worum es ging. Und was sollte sie nur sagen? Sie war selbst zutiefst erschüttert über das Verhalten ihres Sohnes.
– Guten Tag, – grüßte Anna höflich, während sie sich zögernd neben ihren Sohn setzte. Es fühlte sich unangenehm an, beinahe so, als wäre sie wieder eine Schülerin, die nun ausgeschimpft werden sollte.
Frau Schuster hoffte, dass wenigstens Anna auf Sebastian einwirken könnte.
– Guten Tag, Frau Enders. Guten Tag. Obwohl ich kaum sagen kann, dass er gut ist, begann Frau Schuster, bevor sie resignierend mit den Augen rollte und Sebastians Verfehlungen eine nach der anderen aufzählte.
Anna hörte nur zu, nickte und versprach, mit Sebastian ein ernstes Wörtchen zu reden.
– Ich entschuldige mich vielmals, Frau Schuster, – drückte Anna hervor, obwohl ihre Stimme bebte. Ich verspreche Ihnen, dass so etwas nicht wieder vorkommt.
– Reden Sie mit ihm, Frau Enders. Unbedingt, – sagte Frau Schuster abschließend. Mir fehlen die Worte.
Doch insgeheim glaubte niemand wirklich daran, dass sich etwas bald ändern würde.
Zuhause, wo sie sicher ungestört waren, sprach Anna ihren Sohn an. Anders als gewohnt, diesmal ruhig, fast flehend.
– Sebastian, mein Schatz, kannst du mir bitte erklären, was los ist? Warum benimmst du dich so? fragte Anna und setzte sich neben ihn. Genauso wie im Büro von Frau Schuster blickte er stur zur Seite, als hätte das ganze Gespräch nichts mit ihm zu tun.
– Was meinst du damit? – fragte Sebastian leise, aber in seiner Stimme schwang etwas mit, das Anna noch besorgter machte.
Was sie meinte? Er hatte überall schlechte Noten, fiel in mehreren Fächern durch, und sein Verhalten war eine einzige Katastrophe. Was genau meinte sie nur?
– Ich meine alles, Sebastian. Dein Verhalten in der Schule, deine Fünfen, was du tust Das passt alles einfach nicht zu dir. Du bist so aggressiv geworden.
Unkontrollierbar. Anna hätte es nicht geglaubt, hätte man ihr Jahre zuvor gesagt, dass Sebastian jemals solche Probleme in der Schule haben würde.
– Vielleicht merkt ihr so endlich, dass es mich gibt, – entgegnete Sebastian schließlich und wandte sich dabei seiner Mutter zu. Der Blick, den er ihr zuwarf, war einer, den sie niemals zuvor gesehen hatte.
– Was meinst du damit, wir sollen dich bemerken? Anna war fassungslos. – Bekommst du etwa nicht genug Aufmerksamkeit? Ich frage dich ständig, wie es dir geht, wie die Schule läuft, wie es mit deinen Freunden ist Wir waren doch sogar letzte Woche zusammen bowlen! Habe ich mich nicht genug angestrengt?
Ja, Anna arbeitete mehr und war seltener zu Hause. Aber das war nun mal notwendig: Sie sorgte jetzt allein für ihren Sohn. Von Markus, dem Ex, kamen kaum Unterhaltszahlungen. Chipstüten und Tonnen von Schokolade brachte er Sebastian zwar mit, aber Geld? Fehlanzeige.
– Du verstehst es einfach nicht, Mama, – unterbrach Sebastian sie. – Es geht nicht um diese Aufmerksamkeit. Es ist Ich will, dass du und Papa wieder zusammenkommt. Ich will, dass alles so ist wie früher! Ich will zusammen Sachen unternehmen, und nicht nur mit dir alleine Mir gefällt es nicht, dass ihr euch getrennt habt.
Anna wusste, dass dieses Thema irgendwann aufkommen würde. Sie wusste, dass sie sich dem irgendwann würde stellen müssen. Hätte Sebastian drei Jahre gezählt, wäre es leichter gewesen…
– Sebastian, dein Vater und ich Wir haben entschieden, dass es so besser ist, – begann Anna, suchte nach den richtigen Worten, – Das war ein Entschluss, den wir zusammen getroffen haben. Aber du kannst ihn weiterhin so oft sehen, wie du möchtest Wir beide werden trotzdem kein Paar mehr sein.
– Nein! – Sebastian schüttelte energisch den Kopf. – Ich habe gehört, wie Papa mitten in der Nacht hier war und sich entschuldigte, und du hast ihn nicht reingelassen! Wieso kannst du ihn nicht einfach zurücknehmen? Das hier ist alles deine Schuld!
Wie sollte sie ihm das erklären?
Wie sollte sie ihrem Sohn beibringen, dass der Vater, den er so idealisierte, eine andere Frau hatte? Eine andere Familie? Überhaupt nicht für ein paar Monate nein, jahrelang. Diese Geheimnisse waren ihrer beider stille Übereinkunft. Sebastian sollte die Wahrheit nie erfahren. Die Dinge der Erwachsenen bleiben unter den Erwachsenen. Für Sebastian aber sollten beide Elternteile gleichermaßen im positiven Licht erscheinen.
Doch nun hatte Sebastian selbst das Thema aufgebracht, und Anna würde am Ende die Böse sein.
– Sebastian, – seufzte sie. – Manche Dinge sind nicht so einfach Stell dir vor, du hast einen Freund, mit dem du dich so zerstritten hast, dass du ihn nicht mehr sehen möchtest. Würdest du trotzdem mit ihm?
– Mama, rede nicht mit mir, als wäre ich klein! fiel er ihr ins Wort. – Du redest hier von Freundschaft, aber das ist Familie! Warum kannst du Papa nicht einfach vergeben? Und spar dir bitte diese Geschichten von wegen wir haben es zusammen entschieden. Du lügst! Du hast ihn rausgeschmissen! Und solange du dich nicht mit ihm verträgst, werde ich mich auch weiterhin so benehmen wie heute Oder noch schlimmer!
Damit drehte er sich plötzlich um und verschwand in seinem Zimmer, die Tür hinter sich abschließend.
Anna blieb allein zurück und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Erpressung. Ihr zwölfjähriger Sohn manipulierte sie. Bitter.
– Ich kann ihn nicht einfach zurückholen, Sebastian, – flüsterte sie in das leere Wohnzimmer hinein, nicht mehr an den Adressaten ihrer Worte gerichtet. – Du weißt einfach nicht, warum.
Anna wollte ihm die Wahrheit nicht erzählen nicht von Markus Verrat, der sie so tief verletzt hatte. Ihr Sohn sollte das nicht erfahren, sollte weiterhin glauben können, sein Vater wäre ein guter Mann. Kinder sollten ihre Eltern nicht nach ihren menschlichen Schwächen bewerten, sondern lieben.
– Und jetzt liebt er mich vielleicht nicht mehr, – murmelte sie.
Die folgenden Tage vergingen in einer unangenehmen Spannung. Sebastian mied sie, verschloss sich vor Konversationen mit ihr und knallte die Türen, wann immer sich die beiden über den Weg liefen.
Am Ende kam der Montag tatsächlich wie gerufen, und mit leiser Erleichterung schickte Anna ihren Sohn in den Schulalltag zurück.
– Die Glühbirne im Bad muss ausgetauscht werden, – murmelte Sebastian. – Würde Papa hier wohnen, hätte er das längst gemacht.
Was es nicht besser machte, dass diese Aufgabe früher auch an ihr hängen geblieben war.
– Oh, nächste Woche gibts ein Basketballturnier in der Schule. Wäre echt schön, wenn wir zusammen hingehen könnten. Aber das wird wohl nie wieder passieren, oder?
Diese Angriffe trafen sie mehr, als sie zugeben wollte. Als das nächste Wochenende kam, bat Sebastian, zu Markus zu gehen.
Um seinen Wunsch kam sie nicht herum. Was während des Wochenendes geschah, brachte sie jedoch vollständig aus dem Konzept. Der Junge kam zurück mit Kisten an unnötigen Dingen, Süßigkeiten und… mainit…eine Nachricht von Markus. Ein handgeschriebenes Blatt, das Sebastian stumm vor Anna auf den Küchentisch legte. Darauf stand in seiner unverwechselbaren, etwas schrägen Schrift:
“Anna, ich weiß, dass ich vieles falsch gemacht habe, und ich verstehe, warum du dich von mir getrennt hast. Aber ich will nicht länger der Grund dafür sein, dass Sebastian zwischen uns steht. Vielleicht können wir zusammen einen neuen Weg finden nicht für uns, sondern für ihn. Lass uns reden. Markus.”
Anna starrte die Nachricht an, während eine seltsame Mischung aus Wut, Traurigkeit und einer leisen Hoffnung sie durchflutete. Sie erinnerte sich an die langen Nächte, in denen sie sich fragte, ob alles vielleicht hätte anders verlaufen können. Doch dann hörte sie das leise, vorsichtige Schnaufen ihres Sohnes, der sich nervös im Türrahmen auf und ab wiegte.
“Er hat recht, Mama,” sagte Sebastian mit zittriger Stimme. “Ihr müsst reden… nicht, um wieder zusammenzukommen. Sondern damit ich… damit wir… nicht mehr zwischen euch stehen. Es ist schwer, wenn man das alles alleine spürt.”
Anna nickte langsam und stand schließlich auf, das Blatt immer noch in der Hand. Sie legte es beiseite und zog ihren Sohn in eine feste, lange Umarmung.
“Wir reden, Sebastian,” flüsterte sie. “Ich verspreche es dir. Und egal, was daraus entsteht du bist das Wichtigste für mich. Immer.”
Als der Sonntagabend kam, saß sie am Telefon, atmete tief durch und wählte schließlich Markus Nummer. Und während das Freizeichen ertönte, spürte sie, dass dies der erste Schritt war. Nicht zurück in die Vergangenheit, aber hin zu einer Zukunft, die für Sebastian heller sein könnte und auch für sie.




