Die leise Strahlkraft der Einsamkeit

Stiller Glanz der Einsamkeit

Die Einsamkeit von Anna Wagner war gewohnheitsmäßig, leise und heimisch, wie ihre kleine Altbauwohnung in Köln. Sie kam nicht über Nacht, sondern lagerten sich Schicht für Schicht an, wie Staub auf den Regalen, die längst nicht mehr aufgeschlagen wurden. Zuerst füllte sie das Kinderzimmer, dann kroch sie ins Wohnzimmer und verdrängte den Duft alter Gäste, schließlich nahm sie in der Küche Wurzeln, wo der Wasserkocher jetzt nur noch für einen einzigen Becher kocht. Und wie ein kleiner Riss im Mauerwerk fand die Einsamkeit ihren Weg in andere Sphären, lockte die, denen das Alleinsein ebenso schwer auf den Schultern lag. So begannen Schatten an Annas Tür zu klopfen.

Im Küchenwinkel, hinter dem Kühlschrank, wohnte ein stilles Licht. Es war kein elektrisches, sondern ein samtiges Leuchten, ähnlich dem Schein einer alten Laterne, die im hohen Gras vergessen wurde. Jeden Abend punktgenau um sieben, wenn Anna ihren Kaffee aufbrühte, tauchte es auf.

Das war ihr persönlicher Moment. In diesem Augenblick schlichen sich Schatten aus der Fliese heraus und tranken gemächlich Tee mit ihr. Der Schatten ihrer Großmutter, der nach Apfelkuchen duftete, legte stets zwei Löffel Zucker bereit, obwohl die alte Frau nie Süßes mochte. Der Schatten ihres Mannes, Viktor, saß schweigend auf dem Stuhl beim angekippten Fenster, ein Hauch von Zigarettenrauch umhüllte ihn, als hätte er die Aschenbecher im Sommer vergessen.

Anna goss den Kaffee in feine Tassen, klirrte mit den Löffeln und führte leise Gespräche meist über das Wetter. Die Geranie am Fenster blüht endlich, sagte sie. Die Spatzen haben ein kleines Duell auf dem Dach. Solche alltäglichen Worte hüllten das dröhnende Schweigen der ZweiZimmerWohnung wie eine warme Decke ein.

Eines Abends, neben dem Großmutterschatten, tauchte ein neuer Schatten auf: klein, rund, mit zwei Zöpfen. Es war der Schatten ihrer toten Tochter Nadja, nicht die, die nach München ausgewandert war, sondern die siebenjährige, die nach frischem Gras, Aquarellfarben und Kinderseife roch.

Anna zuckte nicht zusammen. Ihre Hand zitterte nicht, als sie in die kleinste Tasse, die etwas abgekühlten Kaffee, einen Zitronenscheibchen legte.

Mama, gehen wir morgen in den Zoo?, flötete Nadjas Schatten mit einem hohen Klingeln, wie ein Glöckchen.

Natürlich, aber zuerst musst du deine Hausaufgaben machen. Antwortete Anna ganz natürlich. Der Schatten nickte, die Zöpfe wippten im Takt. Das wirkte fast echter als die Erinnerung an den schlüssigen Anruf von der Verkehrspolizei und die Leere nach Nadjas Unfall ein furchtbarer Aufprall, der ihr einziger Sohn verloren hatte.

Viel echter war der Schatten im Vergleich zu den seltenen Videoanrufen ihrer Enkelin Liesel, die jetzt mit ihrem Vater und seiner neuen Frau in Dresden lebte. Liesel wuchs auf dem Telefonbildschirm zu einem Mädchen heran, das in die Ferne starrte und mit einem müden Alles gut auf die Frage nach der Schule antwortete. Zwischen ihnen wuchs ein höflicher Abstand, den Anna nicht zu durchbrechen wagte, aus Angst, das zerbrechliche Band zu zerreißen. Und plötzlich da stand sie, lebendig, ihr Kind, duftend nach Kindheit, Wind und Äpfeln.

Seitdem kam der kleine Schatten jeden Abend. Er brachte den Geruch eines nassen Mantels, wenn es draußen regnete, oder an den Zehen klebendes Gras, wenn Anna tagsüber im Park spazierte. Gemeinsam lasen sie laut Der Zauberer von Oz, und Anna spürte erneut die seltsame, süße Schwere im Herzen die Verantwortung für ein zerbrechliches Wesen.

Sie kaufte im Kiosk einen Block Buntstifte und legte ihn auf den Tisch. Nadjas Schatten begann begeistert zu malen. Auf den Blättern, die Anna ihr abends hinlegte, tauchten bis zum Morgen seltsame Bilder auf: blaue Katzen mit Flügeln, Häuser auf Hühnerbeinen und Anna selbst mit violetten Haaren in einem Regenbogenkleid. Das waren Beweise Beweise dafür, dass das alles kein Traum war.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Im Flur stand Liesel, groß, ernst wie ihr Alter, riechend nach Stadtdunst und fremden Lebenswegen.

Oma, hallo!, keuchte Liesel, einen kleinen Rucksack und ein Handy in der Hand. Vater ist geschäftlich nach Frankfurt gefahren, und ich habe ihn gebeten, mich auf dem Weg zu dir absetzen zu lassen. Ich dachte, ich komme vorbei.

Annäs Herz flatterte wie ein gefangener Vogel, der plötzlich das Käfigtor entdeckt. Es pochte im Hals, ein Knoten aus Freude und Überraschung.

Lieselchen, meine Liebe!, schrie sie und zog das Mädchen fest in die Arme.

Anna spürte die kühle Umarmung eines Herbstmantels und roch einen süßlichen Duft fremder Parfüms. Doch darunter lag ja, gerade noch der kaum wahrnehmbare Duft von Kindheit, den sie aus den Sommern kannte, wo Liesel noch klein war und zu Besuch kam.

Komm rein, zieh dich aus!, rief die Großmutter und trottete in den Flur. Warum hast du nicht vorher Bescheid gesagt? Ich hätte Kuchen backen können

Ihre Stimme zitterte leicht, und sie wunderte sich über das innere Aufruhr der Besuch sollte nur drei Tage dauern. Trotzdem war das Eindringen eines lebendigen, pulsierenden Lebens in ihr stilles, staubiges Reich ein kleiner Wirbelsturm. Ihr Herz, das bisher gleichmäßig schlug wie das Ticken einer Uhr, sprang jetzt aus der Brust, um die verlorenen Jahre nachzuholen.

Ach, Oma, kein Kuchen nötig, murmelte Liesel verlegen, zog ihre Turnschuhe aus und stellte sie ordentlich vor die Tür.

Drei Tage ganze drei Tage hallte in Annas Kopf wie ein Glöckchen. Sie rannte zwischen Küche und Flur hinund her, nicht wissend, wonach sie greifen sollte.

Möchtest du Tee? Ich habe noch Mandelkekse, die du als Kind geliebt hast Oder lieber Suppe? Heute Morgen habe ich Hühnersuppe gekocht

Sie sprach zu schnell, stockte, aus Angst, Liesel könnte jetzt doch denken, das sei nur ein Trugbild, das bald verfliegt. Ihre Hände, gewohnt an ruhige, präzise Bewegungen beim abendlichen Tee, tummelten sich: ein Vorhang wurde gerückt, ein Blumentopf gerade gestellt.

Oma, unterbrach Liesel leise, lass uns einfach nur Tee trinken.

Ja, natürlich, Tee, nickte Anna und ging zum Buffet. Ihre Hände arbeiteten automatisch, erinnerten sich an tausend abendliche Rituale. Eine Tasse für sie, eine für den Großmutterschatten, die lieber aus einem Porzellanservice mit Vergissmeinnicht trank, eine für Viktors Schatten, schwer und kristallklar, und die kleinste, mit einem Bären am Rand, für Nadja.

Liesel beobachtete staunend das wachsende Tee-Set und hob die Augenbrauen.

Oma was machen wir hier?, fragte sie zaghaft. Anna erstarrte mit dem Kaffeekessel in der Hand und begriff erst jetzt, was sie angerichtet hatte. Eine warme Welle aus Verwirrung überrollte sie. Wie sollte man den stillen Glanz hinter dem Kühlschrank und die jahrzehntelangen Teegäste erklären?

Das ist aus alter Gewohnheit, stammelte sie und räumte hastig die überzähligen Tassen weg. Ihre Hände zitterten leicht. Gewöhnt mich das, zu schön decken zu wollen.

Sie ließ nur noch zwei Tassen stehen eine für sich, eine für Liesel. Dann warf sie einen heimlichen Blick zur Enkelin, um zu prüfen, ob diese das Unbehagen bemerkte oder es einfach als eigenartiges Verhalten einer alten Dame abtue.

Oma, was ist das hier?, zeigte Liesel auf eine Mappe am Rand des Tisches. Die Blätter ragten leicht aus der Hülle, und oben zeichnete sich ein blauer, geflügelter Kater ab.

Anna war so daran gewöhnt, dass solche Zeichnungen nur für sie und die Schatten existierten, dass Lisels Frage wie ein Eindringen in ihr innerstes Reich klang.

Das also, begann sie, fuhr mit der Hand über das raue Cover, wenn mir langweilig wird, nehme ich die Buntstifte. Da entstehen die verschiedensten Geschichten.

Sie öffnete die Mappe und präsentierte Liesel die blauen Katzen, die Häuser auf Hühnerbeinen und sich selbst mit violettem Haar im Regenbogenkleid.

Wow, flüsterte das Mädchen und streifte mit dem Finger über das Regenbogenkleid. Das ist ja ungewöhnlich. Ich wusste gar nicht, dass du so malen kannst.

Ach, das kann ich eigentlich nicht, lächelte Anna milde. Die Hand führt einfach. Sie deutete auf den ersten Kater Er flog gerade, als ich ihn erwischte.

Liesel betrachtete jedes Blatt aufmerksam, ihr Blick voller ehrlichem Staunens. Die sonst so ernste Großmutter zeigte plötzlich ein ganz anderes Gesicht das einer Frau mit einem reichen, skurrilen Innenleben.

Und das hier?, fragte sie, zeigte auf ein Haus mit Flügeln statt Schornsteinen.

Das ist ein Haus, das reisen wollte, erklärte Anna leise. Manchmal wollen auch Wände etwas Neues sehen.

Verstehe, antwortete Liesel, fuhr mit dem Finger über die Flügel. Vielleicht war es allein zu langweilig, immer am selben Ort zu stehen.

Anna nickte nur, konnte kein weiteres Wort finden.

So vergingen die drei Tage, gemessen an einer unsichtbaren göttlichen Uhr, völlig anders. Die Küche füllte sich nicht mit geisterhaften Flüstern, sondern mit lauten Mädchenscherzen, dem Duft von gerösteten Brotscheiben und Diskussionen darüber, welchen Film sie am Abend schauen wollten. Liesel schlief auf dem Sofa, ließ ihr Zeug verstreut liegen, und Anna, die vorbeiging, konnte das lebendige, wenn auch leicht chaotische Durcheinander nicht genug bewundern.

Die Schatten kamen nicht mehr.

Am ersten Abend stellte Anna reflexartig vier Tassen hin, doch als sie Lisels Blick traf, räumte sie die überzähligen heimlich weg. Am zweiten Abend vergaß sie das Ritual ganz. Der stille Glanz hinter dem Kühlschrank erlosch er wurde schüchtern von dem hellen Lampenschein verdrängt, unter dem sie und Liesel Lotto spielten.

Die einst so vertraute Einsamkeit zog sich in die fernsten Ecken zurück, erstickt von lautem Mädchenspaß und endlosen Gesprächen. Anna merkte erstaunt, dass sie die stillen Gäste nicht mehr vermisste. Die Leere im Innern füllte sich nicht mit bitteren Erinnerungen, sondern mit einfachen, echten Dingen: Oma, wo ist das Salz? oder Erinnerst du dich, Mama hat das immer so gemacht?.

Als Liesel ging, umarmte sie sie so fest, dass fast ein Knochenschnappgeräusch zu hören war. Anna kehrte in die Wohnung zurück. Die Stille wartete wieder, doch jetzt war sie warm, erfüllt vom Echo des kürzlichen Lachens, dem Versprechen neuer Besuche und ein paar vergessenen Socken von Liesel auf dem Stuhl.

Sie trat zur Küchenzeile. Der Winkel hinter dem Kühlschrank blieb dunkel und still. Und Anna Wagner fühlte, nach all den Jahren, keinen Funken Bedauern. Es gab etwas, das sie verlieren konnte und etwas, worauf sie warten durfte.

Draußen sank der Abend langsam, ließ in den Nachbarfenstern dieselbe einsame, erwartungsvolle Flamme erglühen. Vielleicht trank in einer dieser Wohnungen jemand ebenfalls Tee im Stillen, lauschte Schritten hinter der Wand oder starrte auf das Handy, hoffend auf eine Nachricht.

Diese Geschichte ist kein Märchen von Geistern, sondern ein Bild von leisen Rissen, durch die Einsamkeit in unser Leben sickert. Von Kühlschränken, hinter denen wir unsere Vergangenheit sehen, und von Tassen, die wir unbewusst für Abwesende hinstellen.

Vergessen Sie nicht Ihre Lieben. Nicht erst, wenn sie weg sind und Sie ihre Schatten rufen, sondern jetzt solange ihr Lachen laut und echt ist, ihre Hände warm, und in ihren Augen nicht nur Ihre Erinnerungen, sondern eigene, noch ungeschriebene Geschichten leben. Rufen Sie an. Kommen Sie zu Besuch. Schreiben Sie einfach so. Denn das Einsamsein eines anderen beginnt oft mit Ihrem unbeabsichtigten Schweigen.

Und vielleicht stellt gerade jetzt irgendeine Großmutter eine zusätzliche Tasse auf den Tisch nur für den Fall. In der Hoffnung, dass ihr stilles Glänzen von jemandem bemerkt wird.

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Homy
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Die leise Strahlkraft der Einsamkeit
Die leere Bank Sergej Petrowitsch stellte seinen Thermosbecher auf die Knie und prüfte den Deckel – ob er dicht war. Der Deckel hielt, dennoch war die Gewohnheit stärker als das Vertrauen. Er nahm Platz am äußersten Ende der Bank am Eingang der Grundschule, dort, wo die Eltern nicht drängten und mit ihren Taschen nicht streiften. In der Jackentasche lag ein Tütchen mit trockenen Krümeln für die Tauben, in der anderen eine sorgfältig gefaltete Liste mit dem Stundenplan seiner Enkelin: wann sie Betreuungszeit hat, wann Musikunterricht. Er kannte alles auswendig, doch der Zettel beruhigte ihn. Wie immer saß schon Herr Nikolaus neben ihm. In der Hand hielt er eine kleine Tüte mit Sonnenblumenkernen und zählte sie geduldig, anstatt sie zu essen. Als Sergej Petrowitsch sich setzte, nickte Nikolaus und rückte ein Stück beiseite, ließ Platz frei. Sie grüßten sich nie laut, als fürchteten sie, die Schulordnung zu stören. „Heute schreiben sie einen Mathetest“, sagte Nikolaus und blickte zu den Fenstern im zweiten Stock. „Bei uns gibt’s heute Deutsch“, entgegnete Sergej Petrowitsch und erschrak selbst ein wenig über das „bei uns“ in seiner Antwort. Das gefiel ihm besonders – dass Nikolaus nie darüber lachte. Kennengelernt hatten sie sich ohne große Worte. Anfangs passte einfach die Uhrzeit, später erkannten sie einander an den Jacken, am Gang, daran, wie jeder die Hände hielt. Nikolaus war immer zehn Minuten vor dem Pausengong da, setzte sich auf seine Bank und schaute als Erstes zum Tor, ob es geschlossen war. Sergej Petrowitsch blieb erst auf Abstand, dann setzte er sich eines Tages einfach dazu. Ab diesem Tag wurde der Platz zum gemeinsamen Ritual. Im Schulhof war alles, wie es immer war, und gerade diese Routine beruhigte. Der Hausmeister in seiner Kabine, der immer wieder zum Rauchen rausging und dabei nicht einmal aufsah. Die Grundschullehrerin, die eilig mit einer Mappe vorbeilief und ins Handy sagte: „Ja, ja, nach dem Unterricht.“ Eltern, die über AGs und Hausaufgaben stritten. Kinder, die in der Pause ans Fenster sprangen, um jemandem unten zuzuwinken. Sergej Petrowitsch ertappte sich immer öfter dabei, dass er nicht nur die Enkelin erwartete, sondern eben auch das wiederkehrende Muster. Eines Tages brachte Nikolaus einen zweiten Becher mit und stellte ihn neben Sergejs Thermoskanne. „Ich trinke nicht“, sagte er, fast entschuldigend, „wegen dem Blutdruck.“ „Ich darf“, antwortete Sergej, goss zögerlich zwei Fingerbreit ein. „Wollen Sie wenigstens mal riechen?“ Ein Seitenlächeln von Nikolaus. „Riechen geht immer.“ So wurde daraus eine kleine Zeremonie: Sergej schenkte Tee ein, Nikolaus hielt den Becher, damit nichts verschüttet wurde, und gab ihn leer zurück. Sie teilten manchmal Gebäck, manchmal auch nur ein Schweigen. Und Sergej bemerkte, dass das Schweigen neben Nikolaus angenehm war wie eine Pause in einem Gespräch, das ohnehin weitergehen würde. Von ihren Enkelkindern sprachen sie behutsam, wie übers Wetter. Nikolaus erzählte, dass sein Vitus den Sportunterricht nicht mochte und immer einen Grund suchte, drinnen zu bleiben. Sergej lachte: Seine Anni war das genaue Gegenteil und rannte so viel, dass die Lehrerin bat, „nicht so wild zu sein“. Dann wurden die Gespräche weiter. Nikolaus vertraute ihm an, dass er nach dem Tod seiner Frau lange brauchte, um wieder aus dem Haus zu gehen, und nur die Schule hätte ihn dazu gebracht, weil „man muss ja“. Sergej erzählte nicht gleich das Gleiche zurück, aber als er abends das Geschirr spülte, merkte er, dass er auch ein Bedürfnis hatte zu sprechen. Er wohnte mit seiner Tochter und Enkelin in einer Zwei-Zimmerwohnung am Stadtrand. Die Tochter war Buchhalterin, kam müde heim und sprach immer in kurzen Sätzen. Die Enkelin war lebhaft, aber eben auf diese kindliche, nicht lästige Art. Sergej versuchte, nützlich zu sein und nicht zu stören. Manchmal kam es ihm vor, als wäre er wie ein überzähliger Stuhl in der Küche: steht rum, stört niemanden, erinnert aber immer an den Platzmangel. Auf der Bank aber fühlte er zum ersten Mal, dass er nicht bloß eine Funktion erfüllte. Nikolaus fragte: „Wie steht’s mit dem Blutdruck?“ oder „Waren Sie beim Arzt?“ – und das kam nicht aus Höflichkeit. Sergej antwortete und ertappte sich dabei, dass er ehrlich sprach. Einmal brachte Nikolaus eine kleine Tüte Vogelfutter mit. „Die Tauben kennen uns schon“, sagte er. „Sehen Sie, wie die kommen?“ Sergej nahm die Tüte, streute ein Häufchen aus. Die Tauben konnten nicht warten, umkreisten sofort die Krümel. Ihre Füße raschelten im Sand, und Sergej fühlte zum ersten Mal Erleichterung: eine simple Handlung, die etwas Gutes bewirkte. Mit der Zeit empfand er die Treffen als zu seinem Alltag gehörig – nicht nur, „solange die Enkelin Unterricht hat“, nicht „solange Zeit ist“, sondern als festen Bestandteil des Tags. Er hörte auf, auf den letzten Drücker zu kommen. Stattdessen machte er sich früher auf den Weg, um seinen Platz zu sichern und Nikolaus dabei zuzusehen, wie er seine Handschuhe auszieht und zu den Fenstern schaut. An diesem Montag kam Sergej wie gewohnt – und sah die leere Bank. Er blieb stehen, als hätte er sich im Hof geirrt. Die Bank war noch nass vom Nachtregen, ein einziges gelbes Blatt klebte auf dem Holz. Sergej holte ein Taschentuch heraus, wischte die Ecke ab und setzte sich. Thermoskanne neben sich, die Krümeltüte auf dem Knie, sein Blick wanderte zur Kabine des Hausmeisters. Der starrte ins Handy, bemerkte nichts. „Er ist zu spät“, dachte Sergej. Nikolaus verspätete sich manchmal, wenn es in der Apotheke Gedränge gab. Sergej goss sich Tee ein, trank einen Schluck – und wartete. Als der Gong ertönte, war Nikolaus nicht da. Am nächsten Tag war die Bank wieder leer. Sergej wischte sie nicht mehr ab, setzte sich auf einen trockenen Platz und unterlegte eine Zeitung. Er schaute zum Tor, musterte jede ältere Figur in dunkler Jacke. Niemand kam heran. Am dritten Tag spürte er Zorn – nicht auf Nikolaus, sondern darauf, dass ihn niemand informiert hatte. Kurz dachte er sogar: „Gut, dann war ich wohl nicht so wichtig.“ Doch sofort schämte er sich. Er hatte kein Recht zu fordern. Und forderte dennoch insgeheim. Nikolaus hatte ein altes Handy mit Tasten. Sergej hatte gesehen, wie er länger nach Nummern suchte, das Display im Schneckentempo bediente. Die Nummer hatte Sergej sich in sein Notizbuch geschrieben, als sie einmal darüber sprachen, wie man Vitus für den Wettkampf ein Taxi ordern könnte. Zuhause holte er das Notizbuch hervor, wählte. Klingeln, dann kurzer Ton, dann Stille. Noch einmal: dasselbe. Am vierten Tag sprach Sergej den Hausmeister an. „Entschuldigung, wissen Sie etwas über Herrn Nikolaus? Vitus’ Opa, der immer hier saß?“ Der Hausmeister blickte auf, als sei nach dem Passwort gefragt worden. „Hier sitzen viele Opas“, brummte er. „Ich merke mir keine Gesichter.“ „Groß, mit Schnauzbart…“, Sergej hörte sich selbst zu, wie traurig das klang. „Keine Ahnung“, der Hausmeister schaute sofort wieder aufs Handy. Sergej fragte eine Frau, die oft am Tor auf ihr Kind wartete und sich über die Lehrer beschwerte. „Wissen Sie, Herr Nikolaus…?“ „Ich kenn hier niemanden“, schnitt sie ab. „Hab genug mit meinem eigenen Kind.“ Er ging zu einer jungen Mutter mit Kinderwagen, die ihm manchmal freundlich zulächelte. „Entschuldigen Sie, kennen Sie zufällig den Vitus? Aus der 3B?“ „Vitus?“, sie überlegte. „Den Namen kenne ich … ist das nicht der Ruhige? Wieso?“ „Sein Opa… kommt nicht mehr.“ Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht krank. Zurzeit sind ja viele krank.“ Sergej kehrte zur Bank zurück und spürte, wie die Unruhe ihm fast den Hals zuschnürte. Er redete sich ein, dass es ihm nichts angehe. Aber jedes Mal, wenn er auf den freien Platz blickte, fühlte er sich, als würde er etwas Wichtiges verraten, nur weil er kommentarlos abwartete. Zu Hause erzählte er es seiner Tochter, während sie Salat schnitt. „Papa, das kann viele Gründe haben“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Vielleicht ist er bei Familie.“ „Er hätte Bescheid gesagt“, erwiderte Sergej. „Man weiß nie“, seufzte sie. „Bitte übertreib nicht. Dein Blutdruck…“ Die Enkelin hörte mit, saß mit dem Heft am Tisch. „Opa Nikolaus?“, fragte sie. „Den mag ich. Der hat mal gesagt, dass ich schneller lese, als er denkt.“ Sergej versuchte zu lächeln – doch es tat weh. „Siehst du“, sagte die Enkelin. „Vielleicht … er hat halt was vor.“ Sergej nickte, aber in der Nacht lag er wach, hörte die Tochter leise im Nebenzimmer telefonieren. Am liebsten hätte er wieder angerufen, fürchtete aber, einen fremden Ton oder gar nichts zu hören. Am nächsten Tag, als er die Enkelin abholte, sah er Vitus zum ersten Mal – schlanker Junge, Rucksack viel zu groß. Neben ihm eine streng wirkende Frau mit Kurzhaarschnitt – offenbar die Mutter. Er wartete, bis sie beinahe vorbei waren, dann sprach er sie an. „Entschuldigen Sie, sind Sie Vitus’ Mama?“ Die Frau war sofort wachsam. „Ja – Sie sind?“ „Ich… wir mit Ihrem Vater… mit Herrn Nikolaus… wir haben immer gemeinsam gewartet. Ich bin Sergej Petrowitsch. Er kommt nicht mehr – ich mache mir Sorgen.“ Sie musterte ihn lange, abschätzend, ob man ihm vertrauen konnte. „Er liegt im Krankenhaus“, sagte sie schließlich. „Schlaganfall. Nicht lebensbedrohlich… jedenfalls. Die Station. Handy wurde ihm abgenommen.“ Sergej spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Er hielt sich an der Taschenschlaufe fest. „Und wo?“, fragte er. „In der Stadtklinik an der Waldstraße“, sagte sie. „Aber ohne Familie kommt da niemand rein. Verstehen Sie?“ „Ja“, sagte Sergej, auch wenn er es nicht verstand. „Danke, dass Sie nachfragen“, sagte sie dann freundlich. „Ihm tut’s gut zu wissen, dass ihn jemand vermisst.“ Sie nahm Vitus an die Hand und ging Richtung Haltestelle. Sergej blieb am Tor stehen. Er war erleichtert, dass das Verschwinden einen Grund hatte, aber zugleich kam neue Sorge – denn der Grund war ernst. Daheim erzählte er es der Tochter. Sie runzelte die Stirn. „Papa, du gehst da nicht hin“, sagte sie bestimmt. „Am Ende landest du noch beim Sicherheitsdienst. Und überhaupt, was ist er dir?“ Sergej hörte darin keinen Ärger, sondern Angst. Angst, dass ihr Vater wieder neue Aufgaben findet und sich übernimmt. „Nichts“, sagte er. „Und doch.“ Am nächsten Tag ging er zur Poliklinik, wo er selbst regelmäßig Blut abnehmen ließ. Er wusste, dass es dort eine Sozialarbeiterin gab, er hatte das Schild am Schaukasten gesehen. Im Flur roch es nach Desinfektionsmittel und feuchten Überschuhen, Leute warteten mit Unterlagen, schimpften auf die Anmeldung. Sergej nahm eine Nummer und stellte sich in die Schlange. Die Frau hinterm Tisch hörte zu, blieb ruhig, aber ihr Gesicht war müde. „Sind Sie Verwandter?“, fragte sie. „Nein“, gab Sergej ehrlich zu. „Dann darf ich keine Patientendaten herausgeben“, sagte sie knapp. „Datenschutz.“ „Ich bitte nicht um den Befund“, Sergej spürte, wie die Stimme höher wurde. „Ich möchte … wenigstens einen Zettel übergeben. Er ist allein, verstehen Sie? Wir treffen uns jeden Tag…“ „Ich verstehe“, die Frau wurde weicher. „Sie können eine Nachricht über die Familie weitergeben oder – falls Sie reinlassen – direkt ans Stationsteam. Ohne Zustimmung der Angehörigen leider nicht.“ Sergej ging hinaus in den Flur und setzte sich auf eine Bank. Er fühlte sich klein, fast wie ein Bittsteller. Er dachte: „Jetzt ist es aus. Der lächerliche alte Mann, der sich überall einmischt.“ Am liebsten hätte er sich umgedreht, wäre nach Hause gegangen, die Tür zu und nie mehr zur Schule. Doch dann erinnerte er sich, wie Nikolaus den Becher hielt, damit Sergej nicht kleckerte. Wie er wortlos den Vogelfutterbeutel hinschob, wenn Sergej seinen vergessen hatte. Kleine Gesten, die den Tag leichter machen. Sergej wusste, dass nun er dran war, etwas beizutragen. Er rief Vitus’ Mutter an. Die Nummer kannte er nicht, aber am nächsten Tag fragte er sie nach der Schule. Anfangs wollte sie nicht rausgeben, doch sein hartnäckiges Bitten überzeugte sie. „Keine Extratouren“, warnte sie. „Da herrscht strenge Regel.“ Abends rief Sergej an. „Hier ist Sergej Petrowitsch. Ich… möchte Herrn Nikolaus gern ein paar Worte übermitteln. Können Sie das machen?“ Am anderen Ende Pause. „Er spricht schlecht, aber hört. Ich fahre morgen hin. Was soll ich sagen?“ Sergej blickte auf den Block, das hatte er einige Sätze vorformuliert, aber jetzt erschienen sie ihm fremd. „Sagen Sie ihm, die Bank ist da – und ich warte. Und der Tee… bringe ich mit, wenn es wieder geht.“ „Gut“, antwortete sie. „Ich richte es aus.“ Nach dem Gespräch saß Sergej lange in der Küche. Die Tochter spülte, tat so, als höre sie nicht zu. Dann stellte sie den Teller auf die Ablage und sagte: „Papa, falls du möchtest, fahre ich mit – wenn’s erlaubt ist.“ Sergej nickte. Es war ihm nicht wichtig, dass sie mitfuhr, sondern dass sie „mit dir“ sagte und nicht „wozu denn“. Eine Woche später sprach Vitus’ Mutter Sergej wieder vor der Schule an. „Er hat gelächelt, als ich das mit der Bank erzählt habe“, sagte sie. „Hat die Hand so gehoben… als wollte er winken. Die Ärzte sagen, die Reha dauert. Wir nehmen ihn wahrscheinlich zu uns. Ganz allein geht nicht mehr.“ Sergej spürte einen Druck in der Brust. Er wusste, die täglichen Treffen würden wohl nicht mehr stattfinden. Und das machte ihn leer, wie ein Mantel, der von der Garderobe genommen wurde. „Darf ich ihm einen Brief schreiben?“, fragte er. „Natürlich“, antwortete sie. „Aber bitte kurz. Lange zuhören kann er nicht.“ Abends nahm Sergej ein frisches Blatt Papier. Er schrieb groß: „Lieber Herr Nikolaus, ich bin da. Dankeschön für Tee und Sonnenblumenkerne. Ich warte, bis Sie wieder kommen können. Ihr Sergej.“ Überlegte und ergänzte: „Vitus ist klasse.“ Dann las er durch, änderte nichts, faltete den Zettel in ein Kuvert, schrieb den Familiennamen darauf, den er kannte, weil Nikolaus ihm einst die Miete zeigte und über die Zahlen schimpfte. Am nächsten Tag brachte Sergej den Brief zur Schule, gab ihn Vitus’ Mutter. Das Kuvert war trocken, sauber, er hielt es wie etwas Zerbrechliches. Als der Gong ertönte und die Kinder in den Hof kamen, stand Sergej wie immer auf. Seine Enkelin kam angerannt, umarmte ihn und erzählte gleich von ihrem Unterricht. Er hörte zu, blickte aber immer wieder zur Bank. Sie war leer, und diese Leere machte ihn nicht mehr wütend. Sie wurde ein Platz, wo etwas Wichtiges war – selbst wenn es jetzt fehlt. Bevor er ging, holte Sergej das Krümelbeutelchen aus der Tasche und streute die Reste auf den Asphalt. Die Tauben kamen sofort, als hätten sie den Stundenplan genauso im Kopf wie die Kinder. Sergej sah ihnen nach und erkannte, dass er nicht nur wegen des Wartens kommen konnte, sondern auch, um sich nicht zu verschließen. „Opa, wartest du auf was?“, fragte die Enkelin. „Nein“, antwortete er und nahm ihre Hand. „Komm, morgen gehen wir wieder.“ Er sagte das nicht als Versprechen für andere, sondern als Entschluss für sich selbst. Und plötzlich ging er leichter.