Stiller Glanz der Einsamkeit
Die Einsamkeit von Anna Wagner war gewohnheitsmäßig, leise und heimisch, wie ihre kleine Altbauwohnung in Köln. Sie kam nicht über Nacht, sondern lagerten sich Schicht für Schicht an, wie Staub auf den Regalen, die längst nicht mehr aufgeschlagen wurden. Zuerst füllte sie das Kinderzimmer, dann kroch sie ins Wohnzimmer und verdrängte den Duft alter Gäste, schließlich nahm sie in der Küche Wurzeln, wo der Wasserkocher jetzt nur noch für einen einzigen Becher kocht. Und wie ein kleiner Riss im Mauerwerk fand die Einsamkeit ihren Weg in andere Sphären, lockte die, denen das Alleinsein ebenso schwer auf den Schultern lag. So begannen Schatten an Annas Tür zu klopfen.
Im Küchenwinkel, hinter dem Kühlschrank, wohnte ein stilles Licht. Es war kein elektrisches, sondern ein samtiges Leuchten, ähnlich dem Schein einer alten Laterne, die im hohen Gras vergessen wurde. Jeden Abend punktgenau um sieben, wenn Anna ihren Kaffee aufbrühte, tauchte es auf.
Das war ihr persönlicher Moment. In diesem Augenblick schlichen sich Schatten aus der Fliese heraus und tranken gemächlich Tee mit ihr. Der Schatten ihrer Großmutter, der nach Apfelkuchen duftete, legte stets zwei Löffel Zucker bereit, obwohl die alte Frau nie Süßes mochte. Der Schatten ihres Mannes, Viktor, saß schweigend auf dem Stuhl beim angekippten Fenster, ein Hauch von Zigarettenrauch umhüllte ihn, als hätte er die Aschenbecher im Sommer vergessen.
Anna goss den Kaffee in feine Tassen, klirrte mit den Löffeln und führte leise Gespräche meist über das Wetter. Die Geranie am Fenster blüht endlich, sagte sie. Die Spatzen haben ein kleines Duell auf dem Dach. Solche alltäglichen Worte hüllten das dröhnende Schweigen der ZweiZimmerWohnung wie eine warme Decke ein.
Eines Abends, neben dem Großmutterschatten, tauchte ein neuer Schatten auf: klein, rund, mit zwei Zöpfen. Es war der Schatten ihrer toten Tochter Nadja, nicht die, die nach München ausgewandert war, sondern die siebenjährige, die nach frischem Gras, Aquarellfarben und Kinderseife roch.
Anna zuckte nicht zusammen. Ihre Hand zitterte nicht, als sie in die kleinste Tasse, die etwas abgekühlten Kaffee, einen Zitronenscheibchen legte.
Mama, gehen wir morgen in den Zoo?, flötete Nadjas Schatten mit einem hohen Klingeln, wie ein Glöckchen.
Natürlich, aber zuerst musst du deine Hausaufgaben machen. Antwortete Anna ganz natürlich. Der Schatten nickte, die Zöpfe wippten im Takt. Das wirkte fast echter als die Erinnerung an den schlüssigen Anruf von der Verkehrspolizei und die Leere nach Nadjas Unfall ein furchtbarer Aufprall, der ihr einziger Sohn verloren hatte.
Viel echter war der Schatten im Vergleich zu den seltenen Videoanrufen ihrer Enkelin Liesel, die jetzt mit ihrem Vater und seiner neuen Frau in Dresden lebte. Liesel wuchs auf dem Telefonbildschirm zu einem Mädchen heran, das in die Ferne starrte und mit einem müden Alles gut auf die Frage nach der Schule antwortete. Zwischen ihnen wuchs ein höflicher Abstand, den Anna nicht zu durchbrechen wagte, aus Angst, das zerbrechliche Band zu zerreißen. Und plötzlich da stand sie, lebendig, ihr Kind, duftend nach Kindheit, Wind und Äpfeln.
Seitdem kam der kleine Schatten jeden Abend. Er brachte den Geruch eines nassen Mantels, wenn es draußen regnete, oder an den Zehen klebendes Gras, wenn Anna tagsüber im Park spazierte. Gemeinsam lasen sie laut Der Zauberer von Oz, und Anna spürte erneut die seltsame, süße Schwere im Herzen die Verantwortung für ein zerbrechliches Wesen.
Sie kaufte im Kiosk einen Block Buntstifte und legte ihn auf den Tisch. Nadjas Schatten begann begeistert zu malen. Auf den Blättern, die Anna ihr abends hinlegte, tauchten bis zum Morgen seltsame Bilder auf: blaue Katzen mit Flügeln, Häuser auf Hühnerbeinen und Anna selbst mit violetten Haaren in einem Regenbogenkleid. Das waren Beweise Beweise dafür, dass das alles kein Traum war.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Im Flur stand Liesel, groß, ernst wie ihr Alter, riechend nach Stadtdunst und fremden Lebenswegen.
Oma, hallo!, keuchte Liesel, einen kleinen Rucksack und ein Handy in der Hand. Vater ist geschäftlich nach Frankfurt gefahren, und ich habe ihn gebeten, mich auf dem Weg zu dir absetzen zu lassen. Ich dachte, ich komme vorbei.
Annäs Herz flatterte wie ein gefangener Vogel, der plötzlich das Käfigtor entdeckt. Es pochte im Hals, ein Knoten aus Freude und Überraschung.
Lieselchen, meine Liebe!, schrie sie und zog das Mädchen fest in die Arme.
Anna spürte die kühle Umarmung eines Herbstmantels und roch einen süßlichen Duft fremder Parfüms. Doch darunter lag ja, gerade noch der kaum wahrnehmbare Duft von Kindheit, den sie aus den Sommern kannte, wo Liesel noch klein war und zu Besuch kam.
Komm rein, zieh dich aus!, rief die Großmutter und trottete in den Flur. Warum hast du nicht vorher Bescheid gesagt? Ich hätte Kuchen backen können
Ihre Stimme zitterte leicht, und sie wunderte sich über das innere Aufruhr der Besuch sollte nur drei Tage dauern. Trotzdem war das Eindringen eines lebendigen, pulsierenden Lebens in ihr stilles, staubiges Reich ein kleiner Wirbelsturm. Ihr Herz, das bisher gleichmäßig schlug wie das Ticken einer Uhr, sprang jetzt aus der Brust, um die verlorenen Jahre nachzuholen.
Ach, Oma, kein Kuchen nötig, murmelte Liesel verlegen, zog ihre Turnschuhe aus und stellte sie ordentlich vor die Tür.
Drei Tage ganze drei Tage hallte in Annas Kopf wie ein Glöckchen. Sie rannte zwischen Küche und Flur hinund her, nicht wissend, wonach sie greifen sollte.
Möchtest du Tee? Ich habe noch Mandelkekse, die du als Kind geliebt hast Oder lieber Suppe? Heute Morgen habe ich Hühnersuppe gekocht
Sie sprach zu schnell, stockte, aus Angst, Liesel könnte jetzt doch denken, das sei nur ein Trugbild, das bald verfliegt. Ihre Hände, gewohnt an ruhige, präzise Bewegungen beim abendlichen Tee, tummelten sich: ein Vorhang wurde gerückt, ein Blumentopf gerade gestellt.
Oma, unterbrach Liesel leise, lass uns einfach nur Tee trinken.
Ja, natürlich, Tee, nickte Anna und ging zum Buffet. Ihre Hände arbeiteten automatisch, erinnerten sich an tausend abendliche Rituale. Eine Tasse für sie, eine für den Großmutterschatten, die lieber aus einem Porzellanservice mit Vergissmeinnicht trank, eine für Viktors Schatten, schwer und kristallklar, und die kleinste, mit einem Bären am Rand, für Nadja.
Liesel beobachtete staunend das wachsende Tee-Set und hob die Augenbrauen.
Oma was machen wir hier?, fragte sie zaghaft. Anna erstarrte mit dem Kaffeekessel in der Hand und begriff erst jetzt, was sie angerichtet hatte. Eine warme Welle aus Verwirrung überrollte sie. Wie sollte man den stillen Glanz hinter dem Kühlschrank und die jahrzehntelangen Teegäste erklären?
Das ist aus alter Gewohnheit, stammelte sie und räumte hastig die überzähligen Tassen weg. Ihre Hände zitterten leicht. Gewöhnt mich das, zu schön decken zu wollen.
Sie ließ nur noch zwei Tassen stehen eine für sich, eine für Liesel. Dann warf sie einen heimlichen Blick zur Enkelin, um zu prüfen, ob diese das Unbehagen bemerkte oder es einfach als eigenartiges Verhalten einer alten Dame abtue.
Oma, was ist das hier?, zeigte Liesel auf eine Mappe am Rand des Tisches. Die Blätter ragten leicht aus der Hülle, und oben zeichnete sich ein blauer, geflügelter Kater ab.
Anna war so daran gewöhnt, dass solche Zeichnungen nur für sie und die Schatten existierten, dass Lisels Frage wie ein Eindringen in ihr innerstes Reich klang.
Das also, begann sie, fuhr mit der Hand über das raue Cover, wenn mir langweilig wird, nehme ich die Buntstifte. Da entstehen die verschiedensten Geschichten.
Sie öffnete die Mappe und präsentierte Liesel die blauen Katzen, die Häuser auf Hühnerbeinen und sich selbst mit violettem Haar im Regenbogenkleid.
Wow, flüsterte das Mädchen und streifte mit dem Finger über das Regenbogenkleid. Das ist ja ungewöhnlich. Ich wusste gar nicht, dass du so malen kannst.
Ach, das kann ich eigentlich nicht, lächelte Anna milde. Die Hand führt einfach. Sie deutete auf den ersten Kater Er flog gerade, als ich ihn erwischte.
Liesel betrachtete jedes Blatt aufmerksam, ihr Blick voller ehrlichem Staunens. Die sonst so ernste Großmutter zeigte plötzlich ein ganz anderes Gesicht das einer Frau mit einem reichen, skurrilen Innenleben.
Und das hier?, fragte sie, zeigte auf ein Haus mit Flügeln statt Schornsteinen.
Das ist ein Haus, das reisen wollte, erklärte Anna leise. Manchmal wollen auch Wände etwas Neues sehen.
Verstehe, antwortete Liesel, fuhr mit dem Finger über die Flügel. Vielleicht war es allein zu langweilig, immer am selben Ort zu stehen.
Anna nickte nur, konnte kein weiteres Wort finden.
So vergingen die drei Tage, gemessen an einer unsichtbaren göttlichen Uhr, völlig anders. Die Küche füllte sich nicht mit geisterhaften Flüstern, sondern mit lauten Mädchenscherzen, dem Duft von gerösteten Brotscheiben und Diskussionen darüber, welchen Film sie am Abend schauen wollten. Liesel schlief auf dem Sofa, ließ ihr Zeug verstreut liegen, und Anna, die vorbeiging, konnte das lebendige, wenn auch leicht chaotische Durcheinander nicht genug bewundern.
Die Schatten kamen nicht mehr.
Am ersten Abend stellte Anna reflexartig vier Tassen hin, doch als sie Lisels Blick traf, räumte sie die überzähligen heimlich weg. Am zweiten Abend vergaß sie das Ritual ganz. Der stille Glanz hinter dem Kühlschrank erlosch er wurde schüchtern von dem hellen Lampenschein verdrängt, unter dem sie und Liesel Lotto spielten.
Die einst so vertraute Einsamkeit zog sich in die fernsten Ecken zurück, erstickt von lautem Mädchenspaß und endlosen Gesprächen. Anna merkte erstaunt, dass sie die stillen Gäste nicht mehr vermisste. Die Leere im Innern füllte sich nicht mit bitteren Erinnerungen, sondern mit einfachen, echten Dingen: Oma, wo ist das Salz? oder Erinnerst du dich, Mama hat das immer so gemacht?.
Als Liesel ging, umarmte sie sie so fest, dass fast ein Knochenschnappgeräusch zu hören war. Anna kehrte in die Wohnung zurück. Die Stille wartete wieder, doch jetzt war sie warm, erfüllt vom Echo des kürzlichen Lachens, dem Versprechen neuer Besuche und ein paar vergessenen Socken von Liesel auf dem Stuhl.
Sie trat zur Küchenzeile. Der Winkel hinter dem Kühlschrank blieb dunkel und still. Und Anna Wagner fühlte, nach all den Jahren, keinen Funken Bedauern. Es gab etwas, das sie verlieren konnte und etwas, worauf sie warten durfte.
Draußen sank der Abend langsam, ließ in den Nachbarfenstern dieselbe einsame, erwartungsvolle Flamme erglühen. Vielleicht trank in einer dieser Wohnungen jemand ebenfalls Tee im Stillen, lauschte Schritten hinter der Wand oder starrte auf das Handy, hoffend auf eine Nachricht.
Diese Geschichte ist kein Märchen von Geistern, sondern ein Bild von leisen Rissen, durch die Einsamkeit in unser Leben sickert. Von Kühlschränken, hinter denen wir unsere Vergangenheit sehen, und von Tassen, die wir unbewusst für Abwesende hinstellen.
Vergessen Sie nicht Ihre Lieben. Nicht erst, wenn sie weg sind und Sie ihre Schatten rufen, sondern jetzt solange ihr Lachen laut und echt ist, ihre Hände warm, und in ihren Augen nicht nur Ihre Erinnerungen, sondern eigene, noch ungeschriebene Geschichten leben. Rufen Sie an. Kommen Sie zu Besuch. Schreiben Sie einfach so. Denn das Einsamsein eines anderen beginnt oft mit Ihrem unbeabsichtigten Schweigen.
Und vielleicht stellt gerade jetzt irgendeine Großmutter eine zusätzliche Tasse auf den Tisch nur für den Fall. In der Hoffnung, dass ihr stilles Glänzen von jemandem bemerkt wird.





