Hier ist das Kleid! Glaubst du ernsthaft, ich hätte es selbst in den Müll geworfen?

Da ist das Kleid! Kannst du glauben, dass ich das hier versehentlich weggeschmissen habe?
Na, schau mal einer an, mein Kleid! Willst du behaupten, ich hätte das extra in den Mülleimer geworfen?, fragte Annegret, als sie den Deckel hob und sogleich aschfahl wurde.
Annegret stellte sich fast täglich dieselbe Frage, auf die sie nie eine zufriedenstellende Antwort fand: Was hatte sie bloß an Matthias gefunden?
Im Grunde war er optisch absolut kein Vorzeigebeispiel. So einen Prinzen hätte sie ihren Freundinnen nur ungern vorgestellt. Die waren vermutlich nach wie vor davon überzeugt, dass Annegret ein Einzelzimmerdasein führte.
Tatsächlich wusste nur ihre Schwester davon, dass sie mit einem Mann zusammenwohnte und die schwieg eisern.
Von Sternen pflücken konnte Matthias übrigens auch nicht leben. Er arbeitete als Schlosser in einer kleinen Maschinenbaufirma.
Oft ertappte sich Annegret dabei, vor dem Fernseher sitzend, dass es vielleicht Zeit wäre, Matthias vor die Tür zu setzen.
Doch jedes Mal, wenn sie sich dazu aufraffte, kam er mit einem Sträußchen Tulpen, einer billigen Pralinenschachtel oder gar einem Parfumproben-Set daher, und die Trennung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.
Bevor Matthias sie überhaupt kennengelernt hatte, war er schon verheiratet gewesen. Die Ehe hielt grandiose acht Wochen, doch seine Ex bekam eine Tochter von ihm.
Als Annegret in sein Leben trat, war das Mädel bereits zwölf. Bislang hatte sich Annegret kaum Mühe gegeben, mit dem Kind warm zu werden.
Gelegenheit dazu sollte es ausgerechnet vor ihrem eigenen Geburtstag geben, den sie mit Freunden im Café feiern wollte.
Annegret, setzte Matthias ganz schuldbewusst an, meine Exfrau muss aus beruflichen Gründen verreisen, sie bittet, dass ich die Kleine einen Monat bei uns aufnehme
Einen ganzen Monat?, verzog Annegret das Gesicht. Zu ihrem Geburtstag hatte sie sich wirklich etwas anderes gewünscht.
Warum denn so lange?, begann sie zu nerven. Weiß sie nicht, dass Kind auch Futter und Taschengeld kostet?
Geld hat sie jedenfalls nicht rüberwachsen lassen, seufzte Matthias.
Du zahlst ihr doch schon Unterhalt. Warum bleibt die Tochter dann einen Monat bei uns, während sie den Unterhalt weiter abkassiert?
Na, du kennst doch mein Gehalt, da kann man nicht wirklich von Geldregen reden, lachte Matthias bitter.
Wie stellst du dir das überhaupt vor Schule, Betreuung und all das? Warum legst du dir so einen Stress auf?
Ich bin doch ihr Vater!, rief Matthias aus, als sei das selbstverständlich. Soll ich sie etwa abgeben wie eine alte Zeitung?
Denk bitte daran, dass das hier meine Wohnung ist, und eigentlich hättest du mich mal vorher fragen können. Und mal ehrlich: Mein Geburtstag steht an, dafür wünsche ich mir keine Hausbesuche von Teenies!, hielt Annegret dagegen.
Ich verstehe ehrlich nicht, was meine Tochter daran hindern sollte, meinte Matthias artig, aber sein Gesicht verriet, dass er sich keineswegs sicher fühlte.
Annegret verschränkte die Arme: Ich wette, das geht böse schief!
Wie es sich für ein anständiges deutsches Drama gehört, versuchte Matthias, sie zu beschwichtigen und meinte, man müsse ja nicht gleich das Schlimmste erwarten.
Am nächsten Tag stand dann tatsächlich eine rundgesichtige junge Dame vor Annegret, knalliger Lippenstift, mindestens vier Jahre älter aussehend als angegeben, und sagte kein Wort zur Begrüßung.
Stattdessen funkelte sie Annegret an und fragte direkt ihren Vater: Und wo ist mein Zimmer?
Du schläfst in der Küche, antwortete Matthias mit einer schiefen Miene.
Die Kleine rollte mit den Augen und verzog sich heulend ins Bad.
Was war das denn bitte für ein Auftritt?, motzte Annegret. Ein rotzfreches Balg. Gut, dass ich meinen Geburtstag jetzt im Café feiere und du bleibst schön zu Hause!
Wie bitte? Ich dachte, ich lerne endlich deine Freundinnen kennen. Wir leben doch schon über sechs Monate zusammen, erwiderte Matthias enttäuscht.
Du bleibst bei deinem Kind, konterte Annegret und freute sich insgeheim, ihrer Clique weiterhin das Bild des einsamen Single-Mädels verkaufen zu können die Freundinnen standen ja nunmal auf sportliche, durchtrainierte Männer
Alles klar, murmelte Matthias geknickt und ließ sie fortan links liegen.
Annegret versank ganz in ihren Geburtstagsvorbereitungen. Früh am Morgen bügelte sie ihr Cocktailkleid und hing es fein säuberlich raus.
Matthias sagte kein Wort und gratulierte auch nicht zum Geburtstag. Annegret beschloss, sich davon die Laune nicht verderben zu lassen, und tat so, als merke sie den Affront nicht einmal.
Nach der Arbeit kam sie nach Hause, wollte sich schnell umziehen und fand ihr Kleid nicht.
Wo ist mein Kleid?!, polterte Annegret in die Küche, wo auf dem ausklappbaren Gästebett Selina lag, kopfüber im Handy versunken.
Das Kind ignorierte sie komplett.
Annegret stapfte hin, griff nach dem Handy und zog es ihr aus der Hand.
Gib das zurück!, kreischte Selina, während Matthias mit großen Augen herbeigestürmt kam.
Was ist denn los? Gib ihr das Handy wieder!, befahl er.
Wo ist mein Kleid?!, fauchte Annegret mit funkelnden Augen.
Ich hab doch nichts genommen, sagte Selina mit einem Blick, der deutlich machte: Sie hielt Annegret für noch blöder, als sie aussah. Sie mag mich halt einfach nicht!
Na, super, auf Beichte brauch ich nicht hoffen!, spöttelte Annegret und warf das Handy auf den Boden.
Das Display sprang natürlich großes Drama. Selina begann zu heulen, Annegret stolzierte erhobenen Hauptes davon.
Sie kramte sich irgendein Outfit zusammen und eilte zu ihrem Geburtstagscafé.
Dort zwischen Kerzen, Kuchen und Prosecco, beschloss sie, sich endgültig von Matthias zu trennen.
Früh am nächsten Morgen kehrte Annegret heim. Matthias war schon auf den Beinen.
Weißt du eigentlich, wie spät es ist?, fragte er streng.
Das wirkt jetzt ein bisschen zu spät, Matthias. Ich habe beschlossen, mich zu trennen. Und zwar sofort. Ihr packt am besten gleich eure Sachen.
Das passt dir ja jetzt gut in den Kram, oder?, schnaubte Matthias.
Du hast Selinas Handy geschrottet
Sie hat mein Kleid geklaut!, zischte Annegret.
Meine Tochter macht sowas nicht! Dafür stehe ich mit meinem Namen!, knurrte Matthias.
Annegret verdrehte die Augen, winkte ab, wollte das Gerede nicht mehr hören.
Um sich zu beruhigen, holte sie eine offene Flasche Wein aus dem Schrank.
Nach dem ersten Schluck verzog sie das Gesicht bäh, was war das denn? Shampoo?
Sie biss sich auf die Lippe, lachte bitter: Na, klar, wahrscheinlich hab ich das da reingekippt Beim Öffnen des Mülleimers traute sie ihren Augen nicht da lag ihr Kleid! Sieh an wirklich, meinst du, ich hätte das hier selber entsorgt?
Wolltest doch einen Grund finden, um mich loszuwerden, patzte Matthias beleidigt zurück. Wär ich nicht gewesen, hättest dus längst gemacht!
Annegret hob die Augenbrauen. Natürlich erinnerte sie sich
Ich hab übrigens ein Abhörgerät in deinem Zimmer installiert. Hab alles mitgehört, was du mit deiner Schwester über mich besprochen hast!, verkündete Matthias stolz.
Das überrascht mich jetzt aber wirklich. Kein Wunder, dass du immer alles so schnell mitbekommst, was los ist Annegret schüttelte fassungslos den Kopf und sammelte bereits ihre Sachen. Zeit zum Abschied.
Diesmal versuchte Matthias nicht mehr, sie zum Bleiben zu überreden. Ihm war wohl auch klar: Ihr gemeinsames Kapitel war endgültig zu Ende.

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Homy
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Hier ist das Kleid! Glaubst du ernsthaft, ich hätte es selbst in den Müll geworfen?
Dies ist die Geschichte darüber, warum ich das Haus meines Sohnes nur 15 Minuten nach meiner Ankunft wieder verlassen habe.