Der Mann kehrte eines Abends heim und noch ehe er die Schuhe auszog oder den Mantel ablegte, erklärte er mit ungewöhnlicher Dringlichkeit:
Elisabeth! Wir müssen ernsthaft miteinander reden
Mit einem einzigen Atemzug, die ohnehin schon großen Augen noch größer aufgerissen, sagte er ohne jeden Zweifel:
Ich habe mich verliebt!
So, da ist sie jetzt, unsere Midlife-Crisis Willkommen in unserem Haus, dachte Elisabeth und musterte ihren Mann besorgt etwas, das sie seit Jahren kaum mehr getan hatte (wie viele Jahre waren es mittlerweile? Sechs, acht?).
Man sagt, dass einem vor dem Tod das ganze Leben wie ein Film vorüberzieht. Elisabeth jedoch durchlebte, als hätte sie ein Album durchgeblättert, im Geiste noch einmal alle gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann. Sie hatten sich auf schlichte Weise kennengelernt: über das Internet. Elisabeth gab sich dort diskret drei Jahre jünger, ihr zukünftiger Mann rechnete sich drei Zentimeter dazu und so gelang es trotz kleiner Unehrlichkeiten, den Suchkriterien zu entsprechen und sich zu finden.
Wer zuerst geschrieben hat, wusste Elisabeth nicht mehr, doch erinnerte sie sich lebhaft daran, dass sein Brief weder plump noch anzüglich war, sondern von leichter Selbstironie zeugte genau das gefiel ihr. Mit dreiunddreißig und nüchternem Blick auf den Männermarkt war ihr klar, dass sie nicht auf dem letzten Platz stand, aber beinahe. Deshalb beschloss sie, beim ersten Treffen nicht zu übertreiben: Sie wählte ein zurückhaltendes Outfit, griff zu ihrem Lieblingsschal, packte ein paar selbstgebackene Plätzchen und einen Roman von Theodor Fontane in die Handtasche.
Das erste Treffen verlief überraschend entspannt welch ein Unterschied die richtige Kleidung doch machen konnte! Bald entwickelte sich eine begeisterte, schnelle Romanze. Sie fanden einander spannend, so dass sie nach einem halben Jahr regelmäßigen Treffens und stets wiederkehrender Hinweise wohlmeinender Eltern, sie hätten die Hoffnung auf Enkelkinder fast aufgegeben, tatsächlich verlobten. Die Familien wurden kurzerhand vorgestellt, die junge Paar entschied, die Hochzeit im kleinen Kreis zeitnah zu feiern und bevor irgendjemand es sich anders überlegte schnell den frühestmöglichen Termin beim Standesamt zu buchen.
Sie lebten, Elisabeth fand, sehr gut. Das Klima in ihrer Familie war mild, mit nur geringfügigen Temperaturschwankungen, ohne große Leidenschaftsausbrüche, aber harmonisch und respektvoll war das nicht das wahre Glück? Ihr Mann, ein bodenständiger Vertreter seines Geschlechts, war nach außen vielleicht emotionaler als viele andere, doch der Anzug des sensiblen Romantikers mit goldenen Händen fiel schon wenige Wochen nach der Hochzeit, und er wurde wieder der praktische, zuverlässige Mann in bequemen Jogginghosen.
Elisabeth, ebenso ganz Frau, legte ihr Korsett der unsichtbaren, fragenden, intellektuellen, charmanten Hausherrin leise ab ein Prozess, den eine rasch folgende Schwangerschaft beschleunigte. Bereits nach einem Jahr tauschte auch sie ihr Bild gegen einen bequemen Hausmantel, rundum zufrieden mit dem, was war.
Dass sie sich beide von ihren Masken verabschiedet hatten, ohne sich voneinander zu entfernen oder Vorwürfe zu machen das bestärkte Elisabeth in ihrer Überzeugung, die richtige Wahl getroffen zu haben und wuchs in ihrer Wertschätzung für die Ehe. Der Alltag mit Büro, Haushalt und bald zwei Kindern brachte den Familienkahn manchmal bis ans Wanken, doch untergehen wollte er nie. Ging der Sturm vorüber, navigierten sie wieder sicher durch das Meer ihres Lebens.
Die Großeltern standen ihnen, wo sie nur konnten, hilfreich zur Seite, bei der Arbeit stiegen sie langsam, aber stetig auf, gönnten sich hin und wieder Reisen, widmeten sich ihren Hobbys und nicht zuletzt einander. So unterschieden sie sich kaum von anderen deutschen Durchschnittsfamilien.
Nun, nach zwölf Ehejahren, war ihr Mann noch nie des Fremdgehens oder Flirtens verdächtigt worden obwohl Elisabeth keine eifersüchtige Frau war. Eigentlich, überlegte sie schmunzelnd, würde ihr Mann, sollte es je dazu kommen, so ungeschickt wirken, dass es eher komisch als ärgerlich wäre. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er nach einigen unbeholfenen Komplimentversuchen nämlich beschlossen: dies war nicht seine Stärke. Stattdessen lobte er Elisabeth nun meist still oder vielleicht sogar nur auf geheimnisvollste Weise. Sie war in der Lage, aus dem Blick ihrer Mannes ein ganzes Gefühlsspektrum zu lesen: Von aufgeregter Begeisterung, zustimmender Zufriedenheit, plötzlicher Verblüffung, Verwirrung bis hin zu Unverständnis und klarer Empörung.
So stellte sie sich nun vor, wie ihr Mann einer kleinen Maus Komplimente machte, dabei immer größere Augen bekam Da wurde ihr plötzlich trocken im Hals und sie sagte halb amüsiert, halb fassungslos:
Und wie heißt deine Maus?
Jetzt rollten ihm wirklich fast die Augen aus dem Kopf. Stammelnd und sichtlich überrascht brachte er hervor:
Wie? Woher wie bist du darauf gekommen, dass ich mich ausgerechnet in eine Maus verliebt habe?! Nein, ehrlich Du verstehst, ich konnte sie einfach nicht dort lassen, als ich sie sah ich war sofort verzaubert von ihr Schau nur mal, wie süß sie ist, wie weich, diese sanften Öhrchen, die zarte Nase, und diese schwarzen Knopfaugen Sie erinnert mich irgendwie an dich
Behutsam zog er aus der Jackentasche eine kleine, graubraune Farbmaus mit rosigen, fast durchscheinenden Öhrchen, einer rosa Schnauze und schwarzen, glänzenden Knopfaugen hervor.
Von diesem Moment an hörte Elisabeth nichts mehr. Sie schaute auf ihren Mann, auf das neue Familienmitglied und ihre Umarmungen und war zutiefst dankbar, dass er sich ausgerechnet in diese kleine Maus verliebt hatte, die ihr tatsächlich so verblüffend ähnlich warEin lautes, vollkommen unwillkürliches Lachen entfuhr ihr, schnell, hell, befreit und so ehrlich, dass ihr fast die Tränen kamen. Die Maus zuckte leicht in seiner Hand und verhielt sich dann ruhig, als spüre auch sie, dass dieser Moment etwas Besonderes war. Ihr Mann lächelte verlegen und blickte seufzend auf das winzige Tierlein, dann wieder zu Elisabeth.
In Elisabeths Brust löste sich eine Beklemmung, die sie gar nicht bemerkt hatte. Sie betrachtete die Maus genauer winzig, unschuldig, absolut harmlos. Dann blickte sie ihren Mann an: Vertraut, unsicher, liebevoll, wie einst am Anfang. In diesem Moment begriff sie, dass das, was den Alltag fest zusammenhält, manchmal eben jener unerwartete Wahnsinn ist, für den einer bereit ist, heimlich eine Maus in seine Manteltasche zu stecken.
Na, dann heißen wir sie willkommen, deine neue Liebe aber nur, wenn du heute das Katzenklo sauber machst, sagte Elisabeth, schob ihm die Pantoffeln hin und hielt ihm augenzwinkernd die Tür auf.
Ihr Mann grinste, die Maus schnupperte neugierig, und Elisabeth spürte ihr Herz leicht und hell schlagen, als wäre es frisch gewaschen und auf dem Balkon getrocknet worden. Draußen begann es sanft zu dämmern, und zum ersten Mal seit Langem freute sie sich wirklich auf den Abend.




