Liebes Tagebuch,
heute habe ich etwas entdeckt, das mein Herz bis zum Boden zerrissen hat. Seit über drei Jahren lebe ich mit Johann zusammen wir waren ein eingespieltes Team, haben uns den Familien vorgestellt und sogar die Hochzeit in der Münchner Fußgängerzone geplant. Ich hatte das Gefühl, dass wir gemeinsam alt werden und vielleicht eines Tages kleine Liselottes und Maxchen bekommen würden.
Als Johann von einer Dienstreise nach Berlin zurückkehrte, hatte ich nichts vor. Ich nahm mir einen freien Tag, backte einen Apfel-Streuselkuchen, nahm meine eigenen Schlüssel und fuhr zu seiner Wohnung in der Altstadt. Während er schlief, bereitete ich mir einen Kaffee zu, denn das Handy leuchtete mir den dunklen Flur aus.
Kaum hatte ich die Tür zum Schlafzimmer leise geöffnet, stolperte ich fast über etwas auf dem Boden. Im schwachen Licht sah ich einen Berg von Damenbekleidung verstreut. Und dann mitten im Bett lag er, eng gekuschelt mit einer fremden Frau. Ihr Atem beruhigte sich im Rhythmus seines, und ich spürte, wie die Welt stillstand.
Ich ließ mich nicht in Aufregung verstricken. Leise schloss ich die Tür, ließ den Kuchen und den Schlüssel zurück und trat hinaus in die kühle Abendluft. Statt nach Hause zu eilen, setzte ich mich auf die Bank im Volkspark am Gleisdreieck und ließ die Tränen fließen. Nach einer Weile setzte sich ein älterer Herr neben mich und fragte, was mich bedrückte. Ich erzählte ihm nicht von dem Verrat; das Gespräch entwickelte sich jedoch ganz natürlich, und ehe ich mich versah, standen wir plötzlich in seiner kleinen Küche, tranken Tee und redeten bis spät in die Nacht.
Jetzt, fast einen Monat später, habe ich beschlossen, mit Johann zusammenzuziehen. Wir reden über die Hochzeit, und ich kann nicht umhin zu denken, dass das Schicksal uns auf diese harte Art zusammenführen wollte nichts im Leben passiert ohne Grund, auch wenn es nicht das Gelbe vom Ei ist.
Ich hoffe, dass ich eines Tages mit klarem Blick zurückblicken kann.
deine Ich.




