Eine alte Geschichte aus dem Nachkriegsdeutschland: Das Schicksal der Alewtina, die in einem kleinen Dorf ums Überleben kämpft, und die bewegende Lebensreise der jungen Varvara zwischen Liebe, Verrat und dem harten Alltag einer deutschen Dorfgemeinschaft

12. Dezember 1950

Oft frage ich mich, wie ich diese Zeit überlebt habe. Nach dem Krieg, in unserem kleinen bayerischen Dorf Hohenfeld, war alles anders. Die meisten Männer waren gefallen, und die wenigen, die heimkehrten, trugen schwere seelische Narben. Abends traf sich die Dorfjugend im Gemeindehaus, direkt nebenan wohnte Adelgunde. Sie war eine jener Frauen, denen man kein Alter ansah. Drei Kinder, eine kranke Mutter alles lag auf ihren Schultern. Sie bewirtschaftete den Hof allein, hielt die Familie über Wasser, das Leben war entbehrungsreich und voller Mühen.

Die anderen Dorfbewohnerinnen begegneten Adelgunde mit Argwohn.

Schon wieder lädt Gundi die Männer zu sich ein, raunten sie, wie lange soll das noch so gehen?Wie lange dulden wir das noch? tuscheln sie, während sie verstohlen zu Adelgundes Haus spähen.Oft schickt Adelgunde ihre Mutter mit den Kindern zu einer Nachbarin und richtet in ihrem Wohnzimmer gesellige Abende aus, die bis zum Morgengrauen andauern. Manche Gäste bleiben gleich über Nacht darunter auch solche, die eigentlich verheiratet sind. Sobald es dämmert, schleichen sich die Ehemänner vieler Frauen zu Adelgunde und scheinen dort zu verschwinden.

Die Frauen im Dorf verurteilen sie, lästern, streiten mit ihren Männern. Natürlich könnten sie zu ihr gehen und einen Aufstand machen, aber sie fürchten sich. Denn wenn der Ehemann nach Hause kommt, kann es für die Frau böse enden manche bekommen sogar vor den Augen der Nachbarn Schläge. So ist das Leben auf dem Land, alles ist öffentlich.

Auch zu Brunhilde dringt das Gerede über ihren Mann Johann durch. Sie ist seine zweite Frau; die erste starb bei der Geburt, das Kind überlebte ebenfalls nicht.

Bruni, warum lässt du dir das gefallen? Dein Johann geht auch zu Gundi. Du bist schwanger, und er treibt sich dort herum, flüstert Nachbarin Rosa ihr zu.

Das glaube ich nicht. Er kommt zwar manchmal spät, sogar erst im Morgengrauen, aber er schwört, der Bürgermeister zwinge ihn, nachts das Lagerhaus zu bewachen, damit niemand das Getreide stiehlt, entgegnet Brunhilde und glaubt ihrem schönen Mann.

Brunhilde ist hübsch, ruhig und fleißig, lebt im Haus von Johanns Familie. Mit ihnen wohnen auch die Schwiegermutter und Johanns ältere Schwester Seraphina mit ihren zwei Kindern. Ihr Mann, ein Landmaschinenführer, ist im Krieg geblieben, also ist sie aus einem anderen Dorf zurück zur Mutter gezogen. Mit den Schwiegereltern wollte sie nicht leben.

Seraphina ist verbittert, neidisch und streitsüchtig, sie kann Brunhilde nicht ausstehen.

Sie kann ja mit uns wohnen, vertraut sich Bruni der Nachbarin an, aber sie sucht ständig Streit, macht mir das Leben schwer und findet immer einen Grund, mich zu kränken.

Seraphina kann die schöne, tüchtige Brunhilde nicht leiden und schikaniert sie, wo sie nur kann. Bruni muss es ertragen. Sie liebt Johann und kann nicht zurück zu ihren Eltern, denn sie ist heimlich mit ihm durchgebrannt.

Johann ist groß, kräftig, charmant die Frauen im Dorf werfen sich ihm förmlich an den Hals. Doch er hat sich Brunhilde ausgesucht, das schüchterne Mädchen, und sie kann ihm nicht widerstehen.

Mama, Johann will mich heiraten, erzählt Bruni eines Tages.

Ich rate dir ab, Bruni. Erstens war er schon verheiratet. Zweitens ist er so ein schöner Kerl, die Frauen laufen ihm nach. Das wird nichts Gutes, du wirst ihm immer hinterherlaufen und ihn von anderen Frauen zurückholen müssen. Ich verbiete dir, ihn zu heiraten.

Bruni ist enttäuscht, aber sie setzt sich über ihre Mutter hinweg. Beim Erntedankfest fährt Johann mit dem Pferdewagen vor ihr Haus, sie hat sich mit ihm verabredet. Sie rennt hinaus, die Wangen gerötet, ein kleines Bündel in der Hand, und steigt zu ihm auf den Wagen. Sie ist damals neunzehn, hat kaum Aussteuer, nur ein paar Baumwollkleider und etwas Wäsche.

Die Mutter läuft hinterher, und als das Pferd anrollt, ruft sie:

Ich lasse dich nicht gehen! Du gehst gegen meinen Willen. Wenn du zurückkommst, brauchst du nicht hoffen, dass ich dich wieder aufnehme. Hörst du?

So zieht Bruni mit Johann in sein Haus, eine Hochzeit gibt es nicht. Sie arbeitet auf dem Moor, verdient ein wenig Geld.

Das Leben mit der Schwiegermutter ist schwer. Sie ist streng, herrisch, nie zufrieden, immer am Nörgeln. Aber Bruni ist jung, das hilft ihr. Johann geht morgens zur Arbeit, kommt abends zurück, kümmert sich nicht um die Streitereien der Frauen. Auch Bruni arbeitet. Die Schwiegermutter kocht nicht gern, also muss Bruni nach der Arbeit noch das Essen machen.

Oft bereut sie, in diese Familie geraten zu sein, wo Schwiegermutter und Schwägerin sie nicht akzeptieren. Der Bürgermeister, Herr Klimt, bemerkt, wie fleißig Bruni ist, und schlägt sie als Kandidatin für den Gemeinderat vor.

Ach, Herr Klimt, das schaffe ich nicht, ich bin zu jung und unerfahren, wehrt sich Bruni, ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus, das ist nichts für mich.

Keine Sorge, Bruni, wir helfen dir. Dafür sind wir Älteren doch da, um unser Wissen weiterzugeben. Du bist fleißig, freundlich und ehrlich das zählt, entgegnet der Bürgermeister.

So wird Brunhilde tatsächlich in den Gemeinderat gewählt. Johann ist stolz auf seine junge Frau, selbst die Schwiegermutter hält sich nun etwas zurück, nur Seraphina stichelt weiter aus Neid.

Bald bekommt Bruni einen Sohn, geht wieder arbeiten, die Schwiegermutter kümmert sich um das Enkelkind und auch um Seraphinas Kinder, während Seraphina selbst arbeitet.

Nach fünf Jahren Ehe erwartet Bruni ihr zweites Kind. Im achten Monat kommt Rosa mit schlechten Nachrichten über Johann. Er gehe zu Adelgunde. Seraphina, die immer gern stichelt, sagt:

Selbst schuld, Bruni. Bei einer guten Frau läuft der Mann nicht weg. Du hast ja nie Zeit für ihn, immer nur deine Gemeinderatssachen. Was soll er denn machen? Bruni schweigt, sie weiß, es würde sonst Streit geben.

Geht Johann wirklich zu Adelgunde? Diese Frage lässt sie nicht los.

Wenn Johann von Adelgunde zurückkommt, legt er sich frühmorgens zu ihr ins Bett. Sie liegt wach und denkt:

Wie kann das sein? Wir arbeiten doch zusammen, Adelgunde lobt mich sogar manchmal für meine Tüchtigkeit

Eines Abends hält Bruni es nicht mehr aus. Sie wartet lange auf Johann, die Schwiegermutter und Seraphina schlafen schon. Sie zieht sich eine alte Strickjacke über und schleicht hinaus. Ihre Füße tragen sie wie von selbst durch die Gasse zur Hauptstraße, Richtung Gemeindehaus, wo Adelgunde wohnt. Sie hält sich am Zaun fest, um im Dunkeln nicht in den Matsch zu treten.

Hoffentlich läuft mir kein Hund über den Weg, denkt sie, sonst gibt es noch Lärm.

Am Gemeindehaus ist alles ruhig. Durch einen Spalt im schiefen Zaun beobachtet sie das Geschehen im Wohnzimmer. Licht brennt, auf dem Tisch stehen Essen und eine Flasche Korn, aber niemand ist zu sehen. Nach ein paar Minuten kommen Adelgunde und Johann lachend herein, Arm in Arm. Sie setzen sich einander gegenüber.

Bruni steht wie erstarrt, das Herz schlägt ihr bis zum Hals.

Rosa hatte also recht. Mein Mann geht wirklich zu ihr. Wahrscheinlich denkt er, von einer Schwangeren hat er nichts mehr, denkt sie, als Adelgunde das Licht löscht und das Haus in Dunkelheit versinkt.

Was soll ich tun?, fragt sie sich verzweifelt, aber ins Haus will sie nicht.

Nach einer Weile bückt sie sich, hebt einen schweren Stein auf und wirft ihn mit aller Kraft durchs Fenster. Dann verschwindet sie in der Dunkelheit. Johann kommt erst im Morgengrauen zurück. Bruni sagt kein Wort. Bei Adelgunde bleibt das Fenster noch lange mit einem Kissen verstopft woher soll sie das Geld für eine neue Scheibe nehmen?

Bruni spricht nie darüber, was in jener Nacht geschah. Sie wird ruhiger, manchmal spürt sie eine Gleichgültigkeit gegenüber Johann. Ihr zweiter Sohn wächst heran.

Soll er doch machen, was er will. Hauptsache, er kommt nach Hause, denkt sie, und nennt mich immer noch liebevoll Weibchen. Ach, dieser schlaue Johann Ich liebe ihn wohl doch.

Die Zeit vergeht. Eines Abends ruft Bürgermeister Klimt sie ins Gemeindehaus. Dort warten schon der Polizist aus dem Landkreis und ein paar engagierte Dorfbewohner.

Heute haben wir Adelgunde mit gestohlenem Getreide erwischt, berichtet Klimt, es war nicht viel, aber Diebstahl bleibt Diebstahl. Ihr wisst, das Gesetz ist streng. Wir gehen jetzt zu ihr und durchsuchen das Haus. Wahrscheinlich war das nicht das erste Mal.

Als Gemeinderätin muss Bruni mitmachen. Im Haus schickt der Bürgermeister sie mit Nikolaus hinein.

Du, Bruni, such im Haus, wir schauen draußen nach.

Adelgunde sitzt zitternd da, die Hände gefaltet, das Gesicht fahl. Ein Verwandter von ihr ist als Zeuge dabei, auch er wirkt ratlos. Bruni weiß nicht, wo sie anfangen soll, sie hat keine Erfahrung mit so etwas. Adelgunde blickt sie ängstlich an.

Nikolaus schaut hinter den Ofen, dann sagt er zu Bruni:

Schau mal unter dem Bett und in der Ecke.

Bruni hebt die Decke und den dünnen Strohsack an, dann späht sie in die Ecke zwischen Bett und Wand. Dort steht ein großer Eimer, mit einem Tuch bedeckt. Sie hebt es an und sieht das Getreide nicht viel, aber ein Drittel des Eimers ist voll. Adelgunde hat es in kleinen Mengen herangeschafft.

Ihre Blicke treffen sich.

Jetzt kann ich mich rächen. Sie wird meinen Mann nicht mehr verführen. Ich könnte das Getreide vor allen ausschütten das wäre meine Vergeltung für Johann, schießt es Bruni durch den Kopf.

Adelgunde denkt voller Angst:

Das wars. Jetzt wird Bruni mich für Johann ans Messer liefern. Warum habe ich ihn nur zu mir gelassen? Sie ist extra gekommen, um mich ins Gefängnis zu bringen.

Die beiden Frauen sehen sich an, da kommt der Bürgermeister zur Tür herein.

Und, Bruni, hast du was gefunden?

Nein, hier ist nichts, antwortet sie leise, Nikolaus bestätigt es.

Trotzdem nimmt der Polizist Adelgunde mit aufs Revier, sie ist ja mit zwei Handvoll Getreide erwischt worden. Am nächsten Tag ist sie wieder da.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Nach diesem Vorfall packt Adelgunde ihre Kinder und zieht ins Nachbardorf. Sie kommt nie wieder nach Hohenfeld zurück. Bruni und Johann ziehen ihre Söhne groß, der Ältere heiratet schon. Doch Johanns Leben ist kurz nach dem Tod seiner Mutter stirbt auch er. In den letzten Jahren haben sie es gut miteinander, aber seine Gesundheit lässt nach. Seraphina findet einen Mann im Nachbardorf und zieht zu ihm.

Seit Johanns Beerdigung ist viel Zeit vergangen. Ich lebe immer noch allein im Haus. Die Kinder und Enkel kommen zu Besuch. Meine Beine schmerzen, aber die Söhne helfen mir.

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Homy
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„Mama, ich habe uns eine Oma gefunden, sie hat auf der Straße geweint!“ — sagte mein Sohn. Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr diese Frau unser Leben verändern würde…