Vor langer Zeit, in der geschäftigen Stadt München, lebte ein bekannter Gastronom namens Friedrich Bauer. Er besaß eine Kette angesehener Restaurants und Cafés, selbst in der Nachbarstadt Augsburg hatte er einige Lokale eröffnet. Viele kannten ihn als hartgesottenen Geschäftsmann, der niemandem eine Beleidigung verzieh. Sein Leben war durchorganisiert, alles unter Kontrolle dafür hatte er schließlich bezahlt.
Mit seiner Familie wohnte er in einem Landhaus am Starnberger See, umgeben von Wald. Die frische Luft und die Ruhe waren ihm wichtiger als die Stadtwohnungen, die er nur selten nutzte.
Seine einzige Tochter, Lina, hatte gerade ihr Abitur bestanden und die Aufnahmeprüfung für die Universität geschafft.
Papa!, rief sie am Telefon, ich bin reingekommen, ganz ohne deine Hilfe! Mein Name steht auf der Liste ich bin jetzt Studentin!
Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz. Ich wusste, dass du es schaffst. Und versprochen ist versprochen du bekommst ein Geschenk.
Ja, Papa, das neueste iPhone, das hast du mir zugesagt!
Betrachte es als schon in deiner Tasche, lachte er.
Hätte Lina die Prüfung nicht bestanden, Friedrich hätte schon seine Kontakte spielen lassen. Doch er war stolz, dass sie es allein geschafft hatte.
Ihre Mutter, Helga, deckte den Tisch für ein festliches Abendessen. Als Friedrich von der Arbeit kam, warteten die beiden bereits.
Hallo, meine lieben Mädels, sagte er und drehte spielerisch die Schachtel mit dem Handy in der Hand. Hier, Lina du hast es dir verdient.
Oh, Papa, du bist einfach der Beste! Immer erfüllst du mir meine Wünsche.
Obwohl Friedrich meist spät nach Hause kam zwischen Restaurantbesuchen mit Freunden, Saunagängen und gelegentlichen Seitensprüngen hatte er heute früher Schluss gemacht. Für seine Tochter.
Lina wuchs in Reichtum auf, umgeben von teuren Kleidern und Luxus. Die einfacheren Kommilitonen hielten sie für arrogant, doch sie kannten sie nicht. Sie hatte ein gutes Herz, trotz ihres privilegierten Lebens.
Im dritten Semester lernte sie ihren Kommilitonen Julian kennen. Auch er stammte aus einer wohlhabenden Familie, doch während Lina durch Fleiß glänzte, kaufte er sich durch. Er verachtete die weniger Begüterten, machte sich über Mädchen lustig, die sich keine Markenkleidung leisten konnten.
Lina schämte sich manchmal für ihn.
Julian, du übertreibst! Nicht jeder hat so viel Geld wie du. Man muss niemanden runtermachen.
Doch er hörte nicht auf sie. Schließlich reichte es ihr.
Ich will Schluss machen. Ich schäme mich für ihn, gestand sie ihrer Freundin Greta.
Er wird dir sicher Böses nachreden, aber ich verstehe dich. Er kennt keine Grenzen.
Der Abschied war laut.
Julian, ich will nicht mehr mit dir zusammen sein. Und du solltest deine Einstellung ändern.
Wieso? Die meisten Menschen sind Schafe.
Also ich auch?
Natürlich, wenn du mich verlässt. Das wirst du bereuen.
Glaube ich nicht. Tschüss.
Wochenlang ging sie mit niemandem aus, obwohl sich viele anboten.
Eines Tages besuchte sie mit Greta eines der Cafés ihres Vaters. Ein junger Kellner kam an ihren Tisch und mit einem Blick in seine tiefblauen Augen war es um sie geschehen.
Zwei Abgründe, dachte sie, während Greta sie belustigt musterte.
Sie bestellten, doch Lina konnte nicht aufhören, an ihn zu denken.
Hey, bist du etwa verknallt?, kicherte Greta.
Greta, dieser Blick… er hat mich durchbohrt.
Vergiss es, er passt nicht zu dir.
Der Kellner hieß Matthias, studierte im letzten Semester Maschinenbau und jobbte nebenbei. Er kam aus einem kleinen Dorf, seine Mutter arbeitete hart, und er wollte nicht zur Last fallen.
In dieser Nacht konnte Lina nicht schlafen. Am nächsten Tag kehrte sie ins Café zurück. Kaum hatte sie Platz genommen, erschien Matthias und errötete beim Anblick von ihr.
Sie sprachen. Er gestand, eigentlich nicht mit Gästen plaudern zu dürfen, doch er wollte mehr von ihr wissen.
Wann hast du Feierabend?
In vierzig Minuten.
Dann warte ich.
Sie verbrachten den Abend miteinander. Matthias fühlte sich unwohl sie kam im eigenen Auto, er zu Fuß. Doch seine Ehrlichkeit und sein Zuhören bezauberten sie.
Doch ihr Glück war kurz. Julian, eifersüchtig, verriet ihrem Vater die Beziehung.
Lina, du triffst dich mit einem Kellner? Das ist eine Schande!
Papa, er ist fast fertig mit dem Studium!
Schweig! Ich dulde das nicht. Julian war perfekt der Sohn meines Freundes! Wenn du weitermachst, mache ich dir und ihm das Leben zur Hölle.
Matthias wurde auf Friedrichs Druck hin gefeuert und aus der Stadt gedrängt. Er versuchte, Lina zu erreichen doch ihre SIM-Karte war bereits ausgetauscht. Ohne Gretas Nummer blieb ihm nur der Abschied.
Lina war am Boden zerstört. Ihr Vater hatte ihr gedroht: Sollte sie Matthias jemals wieder suchen, würde es ihm schlecht ergehen.
Die Jahre vergingen. Lina heiratete auf Drängen ihrer Eltern, doch die Ehe scheiterte. Dann starb Friedrich bei einem Autounfall.
Helga überredete sie, das Geschäft zu übernehmen. Mit Hilfe des treuen Managers Klaus lernte sie schnell.
Doch privat blieb sie allein. Bis Greta sie eines Tages nach Hamburg einlud.
Komm mit uns! Mein Mann kommt aus Hamburg, wir besuchen seine Mutter.
Etwas zog Lina in die Stadt. Beim Bummel über den Jungfernstieg stieß sie plötzlich mit einem Mann zusammen und erstarrte.
Matthias.
Lina, flüsterte er.
Sie umarmten sich, als wäre die Welt um sie herum verschwunden. Die Tage danach verbrachten sie unzertrennlich.
Diese Begegnung war kein Zufall. Bald gab es eine Hochzeit. Matthias zog zu ihr, trotz seiner Karriere. Sie bekamen Kinder.
Und Lina verstand: Einen geliebten Menschen kann man nicht ersetzen.





