Ein kleiner grauer Kater saß vor der Tür der Tierarztpraxis in Berlin und wimmerte, während neben ihm ein winziges Kätzchen zitterte.
Am Eingang der Praxis hockte eine graue Katze. Sie schnurrte kläglich, ihr winziger Nachwuchs lag zu ihren Pfoten.
Eine Frau schlenderte ruhig die Straße entlang, die Leine einer schlauen Dackelhündin namens Fritz locker in der Hand. Es war ein klarer Herbsttag: die Luft knisterte vor Frische, gelbe und feurige Blätter wirbelten wie ein unsichtbarer Walzer. Die Stimmung war leicht und heiter. Doch plötzlich
Plötzlich fiel ihr ein Anblick ins Auge, den man nicht übersehen konnte: Vor der Praxis saß die Katze. Sie maunzte kläglich, ihr kleiner Fratz lag zu ihren Pfoten. Immer wieder sprang sie auf und lief zu den Passanten, als wolle sie um Hilfe flehen. Sie schrie, flehte, verlangte, doch die Leute beschleunigten nur ihre Schritte.
Alle eilten ihren Besorgungen nach, sahen das kaum atmende Wesen auf dem Asphalt nicht oder taten so, als gäbe es das nicht. Wie so oft: Vor fremdem Unglück wegspringen ist einfacher. Doch die Frau blieb stehen.
Sie beugte sich vorsichtig nach vorn und hob das Kätzchen auf. Es war so dünn, dass die Rippen durch das Fell schimmerten. Es schnaufte kaum. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Was tun? Wohin laufen? In diesem Moment kam die Katzenmutter näher, sah ihr fest in die Augen und miaute leise, aber bestimmt: Hilf mir, rette es.
An der Tür hing ein Zettel: Am 28. haben wir geschlossen. Kein Empfang.
Die Frau war verwirrt. Taxi? Geld? Wohin? Aber ihr Instinkt ließ sie die Tür zur Praxis schieben und ein Wunder geschah: Sie öffnete sich.
Im Inneren stand ein hochgewachsener, leicht ergrauter Mann im abgenutzten weißen Kittel. Bitte!, rief die Frau. Helfen Sie mir! Ich habe kein Geld, aber ich zahle später. Der Tierarzt griff nach dem mageren Kätzchen.
Der Tierarzt nahm das Kätzchen behutsam und eilte in den OP. Die Frau und die Katzenmutter blieben im Flur, zitternd vor Aufregung. Nach ein paar Minuten bemerkte die Frau, dass unter dem Kittel des Mannes, zwischen den Schulterblättern, eigenartige Unebenheiten hervortraten. Ach du meine Güte, ein Buckel?, dachte sie. Gerade drehte sich der Mann zu ihr um, sah sie aufmerksam an und kümmerte sich weiter um das kleine Tier.
Einige Stunden vergingen. Der Atem des Kätzchens beruhigte sich. Sehen Sie, sagte der Tierarzt, es wird überleben. Aber es braucht Pflege, Medikamente und Wärme. Auf der Straße ist es jetzt nicht mehr zu retten. Er blickte zur Frau, und die Katzenmutter starrte sie mit einem scharfen Blick an.
Was?, entgegnete die Frau empört. Natürlich bringe ich sie nach Hause, und auch die Mutter. Sie zeigte auf den ruhigen Hund Fritz, der neben ihr saß, und fügte hinzu: Wir nehmen sie in unsere Familie auf.
Der Arzt lächelte: Dann gebe ich Ihnen alles, was Sie brauchen. Geld ist nicht nötig. Betrachten Sie es als bereits bezahlt.
Die Frau war überrascht von dem Wort Fräulein, das sie lange nicht mehr gehört hatte, aber sie hatte keine Zeit zum Grübeln. Sie nahm die Medikamente, das Kätzchen und machte sich mit dem treuen Hund und der Katze auf den Heimweg.
Ein Monat später fasste sie sich ein Herz und rief in die Praxis, um dem Arzt zu danken.
Hallo, hier spricht Dr. Keller, meldete sich eine fröhliche junge Stimme.
Sie erzählte die Rettungsgeschichte und dankte herzlich. Der Arzt wirkte verlegen. Nach einem kurzen Suchen im System sagte er: Entschuldigung, ich erinnere mich nicht an Sie. Am 28. war ich im Urlaub, war mit der Familie im Harz. Vielleicht haben Sie sich geirrt, aber das ist egal. Wichtig ist, dass das Kätzchen lebt und ein Zuhause gefunden hat.
Verwirrt ließ sich die Frau auf einen Stuhl sinken. In diesem Moment sprang das jetzt kräftige, grau getigerte Kätzchen auf ihren Schoß. Neben ihm saß die Katzenmutter und beobachtete aufmerksam.
Plötzlich erschien ein Wesen im Raum. Der abgenutzte Kittel des Arztes verbarg nicht länger weiße Flügel. Ein Engel lächelte. Du hast ihn selbst gerettet, sagte er zur Frau, ich habe nur ein bisschen geholfen.
Die Katze blickte den Engel an und schnurrte leise. Ich helfe Menschen selten, fuhr er fort, aber ihr seid so beharrlich. Nun breche ich noch einmal die Regel das letzte Mal.
Er zwinkerte der Katze zu, löste sich in Luft auf, und zur selben Zeit läutete die Türglocke.
Ein unbeholfener Mann in einem alten Latzhosenoverall, mit einer Werkzeugkiste in der Hand, stand im Flur. Habe ich einen Auftrag? Ich bin Klempner, Rohr und Wasser?
Nein, das war nicht mein Anruf, lächelte die Frau. Aber wenn Sie schon hier sind, reparieren Sie doch bitte auch das Bad. Ich zahle bar.
Der Mann stammelte: Ich habe wohl alles durcheinandergebracht, und trat verlegen ein. Auf die Knie setzend, begann er, seine Werkzeuge auszupacken.
Die Frau brachte ihm ein dickes Kissen und legte es unter seine Füße.
Danke, murmelte der Klempner leise, dann grinste er plötzlich. Sein mürrisches, ungepflegtes Gesicht verwandelte sich in etwas Berührendes, fast kindliches. Ein Stich traf ihr Herz, und plötzlich fühlte sie Mitleid mit dem offensichtlich einsamen, verlorenen Mann.
Darf ich Ihnen eine Suppe aufwärmen? Ich habe noch Frikadellen mit Buchweizen, sagte sie, ohne zu wissen, woher die Worte kamen.
Der Mann atmete tief durch. Gott, wann habe ich das letzte Mal gegessen, stieß er aus, blickte die Frau an, lächelte ein wenig schuldbewusst, aber mit Hoffnung in den Augen.
Dann warten Sie!, rötete sich die Frau und eilte in die Küche, als würde sie etwas unglaublich Wichtiges zubereiten.
Während der Klempner versuchte, sich auf die Reparatur zu konzentrieren, hörte er immer wieder die verführerischen Gerüche aus der Küche. Das Haus füllte sich nach und nach mit dem Duft von gebratenem Fleisch und frischer Suppe. Um die Wartezeit zu überbrücken, spielte er eine alte Radiokassette, und Vivaldis Frühling erklang im Hintergrund.
Die Frau blieb in der Tür stehen. Das kann nicht sein, flüsterte sie, das geht nicht.
Doch genau das geschah hier und jetzt.
Ein weiterer Monat verging. Auf dem Hauptplatz von München spazierten die Frau und derselbe frühere Klempner, nun in einem eleganten Anzug, Hand in Hand. In seinen Augen funkelten Glück und Ruhe, das tiefe Seelenfrieden, von dem sich jeder ein Stückchen träumt.




