Liebes Tagebuch,
heute war ein klarer Herbstmorgen in Berlin, die Luft klang nach frischer Kälte, und die gelbroten Blätter wirbelten wie ein heimlicher Walzer durch die Straßen. Ich ging die FriedrichStraße entlang, die Leine meiner treuen Hündin Balu locker in der Hand, als mir an der Tür der städtischen Tierklinik ein ungewöhnlicher Anblick auffiel: Eine graue Katze saß dort, die Tränen in den Augen, und zu ihren Pfoten lag ein winziges, kaum atmendes Kätzchen.
Die meisten Menschen hasteten vorbei, die Köpfe gesenkt, als wäre das Leid eines fremden Wesens leichter zu übersehen als ihr täglicher Trott. Doch ich blieb stehen. Mein Herz schlug schneller, und ich bückte mich vorsichtig, hob das dürftige Kätzchen hoch. Die Rippen lugten schmal unter dem Fell hervor, und das kleine Wesen zitterte, als ob es jeden Moment ersticken könnte. In meinem Kopf dröhnte die Frage: Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen?
Da kam die Katze, die Mutter, näher und sah mir tief in die Augen, ein leises, flehendes Miau sendend: Hilf mir, bitte. An der Tür hing ein Schild: Am 28. keinen Empfang Ruhetag. Ich fühlte mich unsicher, doch dem Instinkt folgend drückte ich die Tür auf. Zu meiner Überraschung schwang sie weit auf.
Im Flur stand ein hochgewachsener, leicht ergrauter Mann in einem abgewetzten weißen Kittel Dr. Klaus, der leitende Tierarzt. Bitte, helfen Sie mir, flehte ich. Ich habe kein Geld, aber ich zahle später. Er nahm das zitternde Kätzchen behutsam entgegen und führte es in den OPBereich. Währenddessen blieb ich mit der Mutterkatze und Balu im Flur zurück, das Herz klopfend vor Aufregung.
Ich bemerkte, dass unter Dr. Klaus Kittel seltsame Unebenheiten zu sehen waren ein leicht gewölbter Rücken, fast wie ein Buckel. Ach du meine Güte, dachte ich kurz. Er wandte sich zu mir, sah mich prüfend an, dann kehrte er zu seiner Arbeit zurück.
Nach einigen Stunden kam das leise Schnurren des geretteten Kätzchens zurück. Dr. Klaus lächelte und sagte: Es wird überleben. Es braucht doch Pflege, Medikamente und Wärme. Auf der Straße ist es nicht mehr zu retten. Die Mutterkatze starrte uns mit einem durchdringenden Blick an. Ich erwiderte: Ich nehme sie beide mit nach Hause. Wir werden sie versorgen. Balu wedelte zustimmend mit dem Schwanz.
Der Arzt nickte und meinte: Dann erhalten Sie alles, was Sie brauchen. Keine Rechnung betrachten Sie es als Geschenk. Ich nahm die Medikamente, das kleine Kätzchen und die dankbare Mutter in die Arme und verließ die Klinik, gefolgt von Balu.
Ein Monat später rief ich die Klinik an, um mich zu bedanken. Guten Tag, Dr. Klaus?, hörte ich eine junge, freundliche Stimme. Ich erzählte von der Genesung des Kätzchens, doch der Arzt schien verwirrt: Entschuldigen Sie, ich erinnere mich nicht. Am 28. war ich im Urlaub mit meiner Familie im Umland. Vielleicht verwechseln Sie das Datum. Ich setzte mich auf den Stuhl, während das inzwischen kräftige Kätzchen sich schnurrend auf meinen Schoß kuschelte. Neben ihm lag die Mutter katzengerecht.
Plötzlich erschien ein Licht ein Mann in einem abgewetzten Kittel, doch seine weißen Flügel leuchteten durch den Stoff. Ein Engel lächelte und sagte: Du hast ihn gerettet, das war dein Werk. Ich habe nur ein wenig geholfen. Die Katze schnurrte leise, während der Engel flüsterte: Ich breche selten die Regeln, aber für dich mache ich eine Ausnahme. Er zwinkerte, verschwand und sofort klingelte die Tür.
Ein schmächtiger Handwerker in einem alten Overall stand im Flur, einen Werkzeugkoffer in der Hand. Ich bin der Klempner, Ihr Wasser läuft, sagte er. Ich lachte und bat ihn, auch die Badewanne zu reparieren, während ich das Angebot anbot, zu bezahlen. Er setzte sich, während ich ihm ein dickes Kissen unter die Füße legte. Er dankte leise, dann verwandelte sich sein mürrisches Gesicht in ein leichtes Lächeln, fast kindlich.
Vielleicht darf ich Ihnen etwas Suppe kochen?, fragte ich plötzlich, ohne zu wissen, warum mir die Worte kamen. Der Klempner schnaufte tief und antwortete: Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen. Ich ging in die Küche, bereitete ein einfaches Gericht aus Bratkartoffeln und Kohlrabi zu, während der süße Duft von frischem Borschtsch durch die Wohnung zog. Er legte seine Werkzeuge beiseite und setzte sich, den Kopf gesenkt, um den Geruch zu genießen.
Während er aß, ließ er eine alte Schallplatte von Vivaldi laufen, und die ersten Takte von Der Frühling erfüllten den Raum. Ich stand einen Moment in der Tür, unfähig zu begreifen, was geschah, und flüsterte: Das kann nicht sein. Doch es war wahr das Leben spielte gerade ein ganz besonderes Stück.
Ein weiterer Monat verging. Auf dem Alexanderplatz sah ich die gleiche Frau, die ich damals gerettet hatte, Hand in Hand mit dem ehemaligen Klempner, der nun einen eleganten Anzug trug. Sein Blick war erfüllt von Frieden und Glück, das jeder Mensch sucht.
Ich habe gelernt, dass ein kleines Mitgefühl über den ersten Schritt hinaus wirkt und dass das Universum sei es ein Engel, ein Tierarzt oder ein einfacher Handwerker uns oft auf unerwartete Weise unterstützt, wenn wir den Mut haben, zu handeln.
Thomas.





