Der Weg hinaus Heute

10. Dezember 2025

Morgens hockte ich am Bettrand und starrte auf meinen Rucksack, der sich auf dem Boden räkelte wie ein alter Dackel nach dem Spaziergang halb offen, als ob er sich noch nicht sicher war, ob er wirklich mitkommen muss. Die Jacke hing lässig über dem Stuhl, die Fahrkarten lagen akkurat auf der Fensterbank, während mein Handy penetrant blinkte: Zug, 10:20 Uhr. In der Küche wartete lauwarmer Tee, zwei Teller und eine Tasse stapelten sich im Spülbecken, und im Kühlschrank türmten sich Tupperdosen mit Suppe und Kohlrouladen für den Fall, dass ich plötzlich eine Großfamilie bewirten müsste, obwohl ich jetzt solo wohne. Mein Sohn haust näher an seinem Büro, meine Tochter studiert in München. Meine Ex-Frau ruft gelegentlich an, als wären wir noch ein eingespieltes Team, nur ohne Betriebsrat.

Ich schlurfte zum Fenster. Draußen schleppte Herr Baumann seinen zotteligen Schäferhund Waldi durch den Park, auf dem Spielplatz pafften zwei Mädchen in identischen Steppjacken. Ich wusste, dieses Bild würde sich die nächsten Monate kaum ändern nur die Jacken würden irgendwann gegen Flip-Flops getauscht.

Den Rucksack hatte ich letzte Woche im Sportgeschäft am Alexanderplatz erstanden. Der Verkäufer, ein Berliner mit Schnauze, dozierte über Rückenpolster und Gurtlängen, während ich innerlich schon die Einkaufsliste für die Reise durchging. Hauptsache, Jeans, Pulli, Reiseapotheke und das Buch, das ich seit 2017 nicht fertig gelesen habe, passen rein.

Die Entscheidung, allein loszuziehen, fiel nicht wie ein Stein vom Herzen. Anfangs fühlte ich mich wie ein ICE, der zwischen zwei Bahnhöfen im Nirgendwo stehen geblieben ist. Die Kinder flügge, die Ehe passé, die Arbeit im Rechnungswesen so spannend wie ein Steuerformular. Morgens Bus, Büro, Berichte, Mittagessen aus Plastikschalen, abends Supermarkt, Fernseher, Serienmarathon, in denen Frauen meines Alters Liebhaber, Katastrophen oder Erleuchtungen erleben. In meinem Alltag: Fehlanzeige. Es blieb das Gefühl, gebraucht zu werden, und die Leere, wenn das plötzlich wegfällt.

Die Idee zur Reise kam, als eine Kollegin einen Reiseführer über norddeutsche Städte anschleppte und erzählte, dass sie mit ihrem Mann so, mit Zügen, Umsteigen, ohne Reisebüro unterwegs war. Ich blätterte durch Seiten mit Bahnhöfen, Flüssen, Fachwerkhäusern und dachte, dass ich nie weiter als bis Brandenburg gekommen war. Erst winkte ich ab. Später am Abend stöberte ich am Laptop nach Fahrkarten, Preisen, Strecken. Die Website zickte, die Karte sprang, ich vertauschte Daten, aber um Mitternacht stand die Route: Berlin Hamburg Bremen ein Kaff am Fluss, dessen Name mir so fremd war wie vegane Weißwurst.

Tickets ausgedruckt, zu den Dokumenten gelegt. Am nächsten Tag erzählte ich meinem Sohn per Videoanruf davon.

Fährst du echt allein? fragte er und zog eine Augenbraue hoch. Papa, was willst du da alleine?

Ich gucke, wie die Leute leben, sagte ich und versuchte, souverän zu klingen. Spaziere ein bisschen. Erhole mich.

Vielleicht mit einem Kumpel? bohrte er nach.

Die Kumpels waren ehrlich gesagt ausgelastet. Einer hütet Enkel, der andere hat eine neue Frau, der dritte pflegt seinen Schrebergarten. Und dann die Angst, zu hören: Bist du bescheuert, allein loszuziehen?

So ist es für mich entspannter, sagte ich. Ich muss mich nach niemandem richten.

Mein Sohn zuckte die Schultern, meinte am Ende: Na gut. Ruf mich an. Und verballer nicht zu viel Euro.

Meine Ex-Frau reagierte anders.

Wohin willst du? fragte sie am Telefon. Nach Bremen? Was willst du da? Das ist doch naja, Provinz.

Ich bin auch keine Metropole, konterte ich. Ich will einfach mal raus.

Sie schwieg, fragte dann, ob ich Hilfe beim Koffer brauche. Ich stellte mir vor, wie sie in meine Wohnung käme, den Koffer abstellte, sich umschaute, als wolle sie kontrollieren, ob ich heimlich eine Mitbewohnerin habe. Ich lehnte ab.

Jetzt, am Fenster, fragte ich mich, wovor ich mehr Bammel hatte: vor der Reise oder davor, zurückzukommen und wieder im alten Trott zu landen.

Ich kippte den kalten Tee, schloss den Rucksack, checkte Tickets, Ausweis, Portemonnaie. Im Flur schlüpfte ich in die Stiefel, knipste das Licht aus. Die Wohnung wirkte sofort fremd, wie ein Hotelzimmer nach dem Checkout.

Im Treppenhaus roch es nach Putzmittel und fremdem Parfüm. Draußen wars frisch, der Wind pfiff. Ich zog den Kragen hoch, schnappte den Rucksack und trottete zur Haltestelle.

Am Bahnhof herrschte das übliche Chaos. Menschen hasteten, stritten an der Kasse, Kinder kreischten. Ich klammerte mich an meinen Rucksack und kämpfte mich zum Anzeigeboard. Mein Zug war drittletzter auf der Liste. Noch vierzig Minuten bis zur Abfahrt.

Ich plumpste auf einen Plastikstuhl am Fenster. Neben mir telefonierte eine Frau um die fünfzig, schimpfte über ihren Mann, der wieder alles durcheinandergebracht hatte. Ein junger Typ mit Kopfhörern mampfte ein Brötchen, Krümel rieselten auf seine Jacke. Ich zog meine Wasserflasche raus, nahm einen Schluck, betrachtete mein Spiegelbild im Glas. Das Gesicht sah müde aus, aber nicht alt. Eher wie jemand, der jahrelang denselben Weg gegangen ist und plötzlich abbiegt.

Als das Boarding begann, stand ich auf und schlurfte zum Bahnsteig. Der Rucksack zog an den Schultern, aber das gefiel mir sogar. Die Schwere war wie ein Beweis, dass ich wirklich unterwegs war.

Im Abteil lag mein Platz am Fenster. Gegenüber saß schon ein junges Paar mit Mini-Rucksäcken. Die Frau lächelte, rückte zur Seite.

Soll ich helfen? fragte der Mann und griff nach meinem Rucksack.

Danke, geht schon, erwiderte ich und wuchtete das Ding mit etwas Mühe auf die Ablage. Es war unbeholfen, aber ich schaffte es allein. Ein kindlicher Stolz machte sich breit.

Der Zug rollte los. Draußen zogen graue Wohnblocks, Garagen, Brachflächen vorbei. Die junge Frau gegenüber las ein englisches Buch, der Mann hörte Musik. Ich starrte aus dem Fenster, öffnete mein eigenes Buch, aber die Worte hüpften, ergaben keinen Sinn.

Ich überlegte, was ich am Ziel tun würde. In Hamburg hatte ich über eine Website ein günstiges Zimmer gebucht. Die Fotos zeigten weiße Wände und ein Holzbett. Die Vermieterin schrieb mir im Messenger, schickte Smileys und sprach mich mit vollem Namen an. Danach sollte ein Bus nach Bremen fahren, dann noch ein Zug ins Dorf am Fluss. Dort drei Tage, einfach so, ohne Plan.

Sind Sie im Urlaub? fragte plötzlich die junge Frau gegenüber.

Kann man so nennen, antwortete ich. Ich will Städte anschauen.

Cool, sagte sie. Wir wollten trampen, aber meine Mutter hats verboten. Jetzt fahren wir wie brave Bürger.

Sie lachte, der Mann grinste. Ich grinste zurück. Das Gespräch versiegte, und das war mir ganz recht.

Abends roch das Abteil nach belegten Broten und löslichem Kaffee. Die Zugbegleiterin verteilte Tee in Glashaltern, der Teewagen klapperte. Ich aß gekochte Eier und Gurken, die ich eingepackt hatte. Ich bemerkte Blicke manche dachten wohl, ich fahre zu Verwandten oder in eine Kurklinik. Kaum jemand vermutete, dass ein Mann meines Alters einfach so allein reist.

In Hamburg kam der Zug in der Dämmerung an. Der Bahnhof empfing mich mit gelbem Licht und Kühle. Ich schaltete das Navi am Handy ein, fand den richtigen Bus, fuhr in ein Viertel mit Plattenbauten, stieg aus, irrte etwas zwischen den Eingängen und klingelte schließlich.

Ja, ja, meldete sich eine Frauenstimme. Dritter Stock, links.

Die Vermieterin war eine rundliche Frau im Hausmantel. Sie führte mich durch den schmalen Flur, zeigte das Zimmer.

Hier ist der Schlüssel, sagte sie. Bad und Küche sind gemeinsam. Tee und Zucker nehmen Sie ruhig. Nachts bitte leise, mein Enkel schläft.

Das Zimmer war wirklich sauber, aber winzig. Das Fenster ging zum Hof mit ein paar Bäumen. An der Wand hingen zwei Stadtansichten. Ich stellte den Rucksack ab, ging durch den Raum, als würde ich nach Geheimfächern suchen.

Allein spürte ich plötzlich die Erschöpfung. Der Rücken schmerzte, die Beine waren schwer, der Kopf dumpf. Ich setzte mich auf die Bettkante, betrachtete den Rucksack. Die Sachen lagen ordentlich, wie zu Hause. Mein ganzes Leben passte jetzt in dieses Stoffrechteck.

Nachts konnte ich lange nicht einschlafen. Durch die dünnen Wände hörte ich ein Kind weinen, Schritte im Flur, Türen schlagen. Ich wälzte mich hin und her und dachte, dass es daheim ruhiger wäre. Dort kannte ich jeden Ton, jedes Knarren. Hier war alles fremd.

Am Morgen, beim Waschen im Gemeinschaftsbad, traf ich eine junge Frau mit nassen Haaren.

Bleiben Sie lange? fragte sie und rubbelte ihr Gesicht trocken.

Nur eine Nacht, antwortete ich. Dann weiter.

Ich auch, sagte sie. Wegen der Arbeit.

Das Wort Arbeit klang nach Tatendrang. Ich hatte keine solche Ausrede. Ich reiste einfach.

Nach dem Frühstück ging ich spazieren. Nicht ins Zentrum, nicht zu den Kirchen, sondern durch die Höfe. Ich betrachtete Balkone mit Teppichen, Spielplätze, Hunde, Menschen in Jacken und Mützen. In einem Hof fütterte ein alter Mann Spatzen mit Brot. Ich blieb stehen und sah zu, wie die Vögel um seine Füße wuselten.

Das sind die echten Globetrotter, sagte der Mann, als er meinen Blick bemerkte. Die suchen überall nach Krümeln.

Ich grinste und ging weiter.

Mittags kehrte ich ins Zimmer zurück, packte meine Sachen, bedankte mich bei der Vermieterin und machte mich auf zum Busbahnhof. Dort erfuhr ich, dass mein Bus nach Bremen gestrichen war. Auf der Anzeige leuchtete ein rotes Wort, das mir einen Stich versetzte.

Wie gestrichen? fragte ich die Frau am Schalter.

So ist es, zuckte sie die Schultern. Defekt. Der nächste fährt abends.

Ich muss heute weiter, sagte ich. Ich habe Anschlusskarten.

Dann mit dem Zug, antwortete die Kassiererin gleichgültig. Gegenüber ist der Bahnhof.

Ich trat hinaus. Der Wind wurde stärker, der Himmel war grau. Ich schleppte den Rucksack über die Straße, betrat den Bahnhof. Nach Wartezeit und einigen unklaren Fragen kaufte ich ein neues Ticket. Das alte blieb als Zettel in der Tasche.

Ich fühlte mich wie ein Schüler, der die Hausaufgaben vergessen hat und jetzt improvisieren muss. Im Kopf blitzte: Warum habe ich das angefangen? Daheim säße ich jetzt mit Tee in der Küche, statt zwischen Schaltern zu hetzen.

Der Zug nach Bremen war voll. Mein Platz lag in der Mitte des Wagens, neben einem Mann mittleren Alters in Arbeitsjacke. Er roch nach Tabak und Benzin.

Fahren Sie weit? fragte er, als der Zug losfuhr.

Nach Bremen, antwortete ich. Und dann weiter.

Zu Besuch? wollte er wissen.

Ich überlegte kurz. Zu Besuch wäre einfacher gewesen.

Einfach so, sagte ich. Ich reise.

Der Mann sah mich erstaunt an, nickte dann.

Auch gut, sagte er. Sonst arbeiten alle nur und sitzen zu Hause.

In Bremen kamen wir am Abend an. Ich war platt. Ich musste ein Hotel finden, übernachten und am Morgen die Regionalbahn ins Dorf nehmen. Ich fand am Handy eine günstige Unterkunft in Bahnhofsnähe, rief an. Eine Frauenstimme versicherte, das Zimmer sei frei, nannte die Adresse.

Bis zum Hotel waren es fünfzehn Minuten zu Fuß. Ich ging über den Gehweg, wich Pfützen und Passanten aus, dachte, dass der Rucksack immer schwerer wurde. Das Gebäude war alt, der Putz bröckelte. Das Schild am Eingang hatte ich schon wieder vergessen.

Drinnen roch es nach gebratenen Zwiebeln und etwas Süßem. An der Rezeption saß eine junge Frau mit knallrotem Lippenstift.

Ich habe reserviert, sagte ich und nannte meinen Namen.

Die Frau prüfte den Computer, runzelte die Stirn.

Ich finde keine Reservierung, sagte sie. Vielleicht haben Sie nicht alles ausgefüllt?

Ich habe angerufen, stammelte ich. Mir wurde gesagt, es sei frei.

Telefonisch reservieren wir nicht, entgegnete die Frau. Jetzt ist alles voll.

Die Worte hingen in der Luft. Ich spürte, wie Panik in mir aufstieg. Es wurde dunkel, ich war in einer fremden Stadt, mit schwerem Rucksack, ohne Schlafplatz.

Gibt es eine Möglichkeit? fragte ich, bemüht ruhig zu bleiben. Nur für eine Nacht.

Die Frau zuckte die Schultern.

Alles belegt. Versuchen Sie das Hotel zwei Häuser weiter.

Ich trat hinaus. Kalte Luft schlug mir ins Gesicht. Ich stand auf dem Gehweg, der Rucksack zog nach unten, die Beine schmerzten. Einen Moment lang wollte ich umkehren und ein Ticket nach Hause kaufen. Allen sagen, die Reise sei gescheitert, es war eine Schnapsidee.

Ich holte das Handy heraus, suchte nach Hotels in der Nähe. Die Finger zitterten. Ein Hotel war zu teuer, im nächsten ging niemand ans Telefon, im dritten gab es keine freien Zimmer. Irgendwann zeigte das Handy eine Warnung wegen niedrigem Akku.

Ich blickte um mich. An der Ecke leuchtete ein Café-Schild. Drinnen war es hell, hinter dem Fenster standen Tische.

Ich überquerte entschlossen die Straße und trat ein. Im Café roch es nach Suppe und frischem Gebäck. Hinter dem Tresen stand eine Frau um die fünfundvierzig im Schürze.

Kann ich mein Handy laden? fragte ich, die Stimme zitterte. Ich bestelle auch etwas.

Natürlich, antwortete die Frau. Die Steckdose ist am Fenster. Setzen Sie sich.

Ich bestellte Kartoffelsuppe und Tee, steckte das Handy ein, setzte mich. Als die heiße Suppe vor mir stand, spürte ich plötzlich Tränen. Nicht aus Ärger, nicht aus Angst. Aus Erschöpfung. Weil die Welt Entscheidungen verlangte, und ich gewohnt war, zu fragen, abzustimmen, mich anzupassen.

Ich starrte in die Suppe, blinzelte, versuchte mich zu fassen. Die Frau hinter dem Tresen bemerkte es, kam näher.

Schwerer Tag? fragte sie leise.

Ich nickte. Ich wollte nicht alles erzählen, aber die Worte kamen: vom gestrichenen Bus, der fehlenden Reservierung, davon, dass ich allein in einer fremden Stadt war und nicht wusste, wo ich schlafen sollte.

Woher kommen Sie? fragte die Frau.

Ich nannte meine Stadt.

Allein gereist? staunte die Frau.

Ja, sagte ich. Ich wollte einfach reisen.

Die Frau schwieg, sagte dann:

Meine Schwester vermietet ein Zimmer. Nicht luxuriös, aber sauber. Wenn Sie möchten, kann ich sie anrufen.

Die Worte waren wie ein Rettungsring. Ich spürte, wie die Anspannung nachließ.

Wenn es keine Umstände macht, sagte ich.

Die Frau rief an, erklärte kurz die Lage. Dann gab sie mir einen Zettel mit der Adresse.

Hier, sagte sie. Fünfzehn Minuten zu Fuß. Sagen Sie, Sie kommen von Claudia aus dem Café.

Danke, sagte ich. Ich weiß gar nicht

Essen Sie erst, unterbrach Claudia mich sanft. Dann sehen wir weiter.

Als ich das Café verließ, war es draußen dunkel. Die Laternen tauchten den Gehweg in gelbes Licht. Ich zählte die Kreuzungen, verglich mit dem Zettel. Der Rucksack zog immer noch, aber jetzt fühlte sich die Last vertraut an.

Das Zimmer bei Claudias Schwester war klein, mit altem, aber sauberem Sofa, Teppich an der Wand und einem Schrank voller Bücher. Die Gastgeberin, eine schmale Frau mit wachen Augen, zeigte mir Bad, Küche und Steckdose.

Das Geld morgen, sagte sie. Jetzt ruhen Sie sich aus.

Als die Tür sich schloss, atmete ich endlich auf. Ich nahm den Rucksack ab, stellte ihn an die Wand. Der Rücken entspannte sich sofort. Ich setzte mich aufs Sofa, strich über das Knie. Das Bein schmerzte, eine alte Verletzung meldete sich.

In dieser Nacht schlief ich schnell ein. Ohne Fernseher, ohne die gewohnten Geräusche daheim, aber mit dem Gefühl, etwas Wichtiges erlebt zu haben. Nicht heldenhaft, nicht groß, sondern ganz für mich.

Am Morgen, mit einer Tasse Tee in der Küche, merkte ich, dass ich nicht hetzen wollte. Bis zur Regionalbahn war noch Zeit. Ich hätte die Hauptstraßen ablaufen, die Kirche besuchen können, aber ich interessierte mich plötzlich mehr dafür, wie die Menschen in diesen alten Häusern leben, was sie lesen, worüber sie in den Küchen sprechen.

Die Gastgeberin saß gegenüber und schälte Kartoffeln.

Vermieten Sie oft? fragte ich.

Wenn jemand fragt, antwortete die Frau. Meistens Studenten oder Geschäftsreisende.

Wir sprachen über Preise, wie schwierig die Arbeit geworden war, über Kinder, die in verschiedene Städte gezogen sind. In den Worten der Gastgeberin hörte ich vertraute Töne. Mein Alleinsein war also gar nicht so besonders.

Ich schaffte es rechtzeitig zur Bahn. Der Zug fuhr langsam, hielt an kleinen Stationen, auf deren Bahnsteigen zwei, drei Menschen standen. Draußen zogen Dörfer, Wälder, vereinzelt Kühe auf Weiden vorbei. Im Abteil war Platz. Einige Wochenendpendler mit Taschen, eine Frau mit Kind, ein paar Jugendliche mit Rucksäcken.

Ich setzte mich ans Fenster, legte den Rucksack neben mich. Ich holte aus der Seitentasche ein kleines Notizbuch und einen Stift. Das Notizbuch hatte ich am Bahnhofskiosk fast nebenbei gekauft. Jetzt schlug ich eine leere Seite auf und schrieb: Ich sitze im Zug. Draußen Wald. Ich bin allein und lebendig. Ich musste über die pathetischen Worte schmunzeln, strich sie aber nicht durch.

Im Dorf kam der Zug gegen Mittag an. Ein kleiner Bahnhof, ein Holzgebäude, daneben ein Laden mit Schild Lebensmittel. Die Luft war frisch, roch nach Rauch aus Schornsteinen und feuchter Erde. Ich stieg aus, sah mich um. Hier hatte ich keine Reservierung, keine Bekannten. Nur die Adresse eines Gästehauses aus dem Internet und eine ungefähre Vorstellung vom Weg.

Der Weg führte am Fluss entlang. Das Wasser war dunkel, fast schwarz, floss langsam zwischen den Ufern. Auf der anderen Seite standen vereinzelt Häuser. Ich ging, spürte, wie die Schuhe von der feuchten Erde nass wurden, aber es störte mich nicht. Der Rucksack zog vertraut an den Schultern.

Das Gästehaus war ein einstöckiges Holzhaus mit grünem Dach. Auf der Veranda saß ein Mann im Pullover und las Zeitung. Als er mich sah, stand er auf.

Sind Sie für uns? fragte er.

Ja, antwortete ich. Ich habe gestern angerufen.

Ach, aus der Stadt, nickte er. Kommen Sie rein.

Drinnen war es schlicht, aber gemütlich. Holzwände, mehrere Zimmer, eine Küche mit großem Tisch. Im Zimmer, das ich bekam, standen Bett, Nachttisch und Stuhl. Das Fenster zeigte zum Fluss.

Hier ist es ruhig, sagte der Mann. Internet ist schlecht. Wenn Sie telefonieren müssen, gehen Sie besser raus.

Das fehlende Internet machte mir zunächst Angst. Wie sollte ich ohne ständige Verbindung, ohne jederzeit den Kindern schreiben, Nachrichten lesen, Karten öffnen? Dann dachte ich, vielleicht liegt gerade darin der Sinn.

Die Tage im Dorf vergingen langsam, aber nicht schwer. Morgens ging ich zum Fluss, saß auf einer alten Bank, schaute aufs Wasser. Manchmal kamen Einheimische vorbei mit Eimern, mit Angelzeug. Sie grüßten, ich grüßte zurück. Im Laden kannte die Verkäuferin mich schon und fragte, ob ich noch Buchweizen oder Tee brauche.

Am ersten Tag fühlte ich mich unsicher. Ich wusste nicht, wohin mit den Händen, wie ich durch die engen Straßen gehen sollte, ohne fremd zu wirken. Ich glaubte, alle würden mich beobachten. Am zweiten Tag wurde das Gefühl schwächer. Am dritten ging ich selbstbewusst zum Laden, ohne mich umzusehen.

Eines Abends gab es im Gästehaus ein kleines Abendessen. Ein Ehepaar aus der Nachbarstadt war angereist, dazu ein weiterer Mann, der einfach mal raus wollte. Wir saßen am großen Tisch, aßen Kartoffeln mit Pilzen, tranken Tee. Das Gespräch drehte sich um Wetter, Straßen, wie schwierig es geworden war, kleine Orte zu erreichen.

Und Sie, warum hierher? fragte der Mann, der die Abwechslung suchte.

Ich überlegte. Ich hätte etwas Unverbindliches sagen können. Aber plötzlich wollte ich keine Ausreden mehr.

Ich wollte allein sein, sagte ich. Ohne Arbeit, ohne Alltag. Sehen, was passiert.

Der Mann nickte, fragte nicht weiter. Das Paar tauschte Blicke, die Frau lächelte.

Gute Wahl, sagte sie. Hier kann man sich selbst nicht ausweichen.

In dieser Nacht lag ich lange wach und dachte, dass sich wirklich etwas in mir veränderte. Nicht laut, nicht wie im Film, wenn jemand plötzlich alles umkrempelt. Eher wie eine leise Verschiebung im Inneren. Ich erinnerte mich, wie ich am Bahnhof unsicher war, fast im Hotel geweint hätte, wie ich im Café um Hilfe bat. Früher hätte ich mich dafür geschämt. Jetzt nicht mehr. Ich merkte, dass ich um Hilfe bitten und sie annehmen konnte, ohne mich schwach zu fühlen.

Am dritten Tag, am Fluss sitzend, holte ich das Notizbuch hervor und schrieb. Nicht über die Route, nicht über Sehenswürdigkeiten. Über das, was mir zu Hause fehlte. Über das, was ich aus Gewohnheit tat, nicht aus Wunsch. Die Liste wurde lang. Von Kleinigkeiten wie für drei kochen, obwohl ich allein lebe bis zu Zusatzjobs annehmen, die keine Freude bringen, nur weil ich nicht nein sagen will.

Ich las die Liste und sah plötzlich klar, was ich ändern konnte. Nicht alles auf einmal, nicht radikal, aber wenigstens ein paar Dinge. Keine fremden Aufgaben im Büro übernehmen. Der Ex-Frau nicht zu jeder Tageszeit ans Telefon gehen, wenn es nicht um die Kinder geht. Keine Wochenvorräte kochen, wenn mir selbst Suppe und Brot reichen.

Am letzten Abend im Dorf stand ich lange am Fluss. Das Wasser floss wie immer. Nichts hatte sich verändert. Nur ich selbst, ein wenig. Ich spürte ein leises, aber festes Gefühl, dass mein Leben nicht nur aus Pflichten und Gewohnheiten besteht. Dass ich ein Recht auf eigene Wege habe.

Der Rückweg fiel mir leichter. Ich wusste jetzt, wie man Tickets kauft, nach dem Weg fragt, eine Unterkunft sucht. Am Bahnhof in Bremen ging ich selbstbewusst zur Kasse und bat ruhig um einen früheren Zug. Die Kassiererin runzelte erst die Stirn, fand dann eine Lösung. Früher hätte ich gezögert, nachgegeben. Jetzt blieb ich, bis ich bekam, was ich brauchte.

Im Zug nach Hause saß neben mir eine Frau mit großem Beutel. Wir kamen ins Gespräch. Die Frau erzählte von Enkeln, vom Garten, wie schwer es sei, alles zu schaffen.

Und was machen Sie? fragte sie mich.

Die Frage überraschte mich. Früher hätte ich gesagt: Ich arbeite im Rechnungswesen, die Kinder sind groß. Jetzt wollte ich mich nicht mehr nur so definieren.

Ich lebe, sagte ich nach einer Pause und war selbst erstaunt. Ich arbeite natürlich. Aber jetzt war ich einfach mal weg.

Die Frau nickte, nahm es als Smalltalk. Für mich war es ein kleiner Schritt.

Zu Hause empfing mich die Wohnung mit Stille und leichtem Geruch nach abgestandener Luft. Ich öffnete die Fenster, setzte Wasser auf, zog die Stiefel aus. Den Rucksack stellte ich mitten ins Zimmer und ließ ihn stehen. Er sollte eine Weile bleiben, als Erinnerung daran, dass ich jederzeit losziehen kann.

Ich ging durch die Räume. Staub auf dem Regal, eine vergessene Zeitung auf dem Tisch, der leere Kühlschrank. Alles war wie immer. Und doch anders.

Ich schaltete das Licht in der Küche an, holte Teller und Tasse aus dem Schrank. Kochte Tee, schnitt Brot ab. Setzte mich an den Tisch, öffnete das Notizbuch. Auf die letzte Seite schrieb ich: Wenn ich zurück bin, mache ich und zählte auf. Die Zusatzaufgaben im Büro ablehnen, die mir weil Sie so zuverlässig sind aufgedrückt wurden. Den Sohn anrufen und sagen, dass ich ihn gern besuche, aber nur, wenn ich es selbst möchte, nicht weil man das so macht. Das alte Fahrrad aus dem Keller holen und wieder fahren, auch wenn es nur im Hof ist.

Die Liste war nicht lang, aber konkret. Ich sah sie an und spürte ein leichtes Kribbeln. Wie vor einer Reise.

Am Abend rief die Ex-Frau an.

Na, wie wars? Nicht gefroren?

Alles gut, antwortete ich. War schön.

Du, ich muss einen Bericht machen, kannst du helfen?

Früher hätte ich sofort zugesagt. Jetzt machte ich eine Pause.

Ich bin müde von fremden Berichten, sagte ich. Ich habe meine eigenen. Ich kann dir Tipps geben, aber nicht alles übernehmen.

Sie schwieg, überrascht.

Na gut, sagte sie. Wie du meinst.

Nach dem Gespräch fühlte ich eine seltsame Erleichterung. Nichts Schlimmes war passiert. Sie war nicht beleidigt, nicht laut geworden. Sie akzeptierte mein Nein.

Später, im Bett liegend, lauschte ich den vertrauten Geräuschen der Wohnung: dem Ticken der Uhr, den Autos draußen, dem Brummen des Aufzugs. Alles war wie früher. Aber in mir war es anders. Nicht laut, nicht feierlich. Einfach ein wenig freier.

Vor dem Schlafen stand ich auf, ging zum Rucksack. Strich über den Stoff, prüfte den Reißverschluss. Der Rucksack stand da, schweigend, aber als wäre er bereit, wieder loszuziehen.

Wir fahren nochmal, sagte ich leise.

Ich wusste nicht, wann und wohin. Aber ich wusste, dass es jetzt möglich war. Und das reichte, um ruhig einzuschlafen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Weg hinaus Heute
Meine liebe Enkelin