An diesem regnerischen Märztag denke ich viel über die letzten Jahre meines Lebens nach. Ich, Tobias, hatte eigentlich nur eine Bitte an Annemarie, noch bevor wir geheiratet haben. Doch damals, während wir die letzten Vorbereitungen für die Hochzeit trafen, sagte ich in einem unaufmerksamen Moment zu ihr, sie sei zu dick geworden dass sie wohl nicht mehr ins Hochzeitskleid passen würde. Bis heute verzeihe ich mir diese Worte nicht, denn das hat Vieles verändert.
Gekränkt hat Annemarie sich damals mit ihren Freundinnen in eine Bar am Alexanderplatz aufgemacht. Es wurde spät, sie trank zu viel, und am Morgen lag sie im fremden Bett neben einem blonden Mann mit eisblauen Augen seinen Namen weiß sie bis heute nicht genau. Scham und Reue quälten sie so sehr, dass sie mir nichts davon sagte. Sie verzieh mir meine Grobheit, schwieg jedoch über ihren Ausrutscher und machte eine Diät. Alkohol trank sie keinen mehr, auch, weil sie bald erfuhr, dass sie schwanger war das zumindest hat sich gut getroffen, erzählte sie später.
Unsere Tochter kam gesund auf die Welt ein wundervolles Mädchen mit strahlend blauen Augen, das ich mehr liebte, als ich je für möglich hielt. Fünf Jahre lang überzeugte sich Annemarie selbst, dass alles in bester Ordnung war. Blaue Augen hatte schließlich auch mein Vater, und dass Lara so lockige Haare hat was soll’s? Annemarie bemühte sich, jeden Gedanken an jenen fremden Mann aus ihrem Gedächtnis zu verbannen.
Vielleicht hat sie mir deswegen so viel durchgehen lassen: die nächtlichen SMS, die ewigen Dienstreisen, meine Unzufriedenheit mit ihrem Kochen oder Aussehen. Lara brauchte Familie, sie liebte mich als Vater aber auch in Deutschland hört man: Welcher Mann geht schon wirklich nie fremd?
Du musst aushalten, was willst du machen?, sagte ihre Mutter. Für uns ist hier kein Platz. Die Oma liegt im Bett, dein Bruder hat seine Frau hergeholt wo sollen wir alle hin? Du hättest die Wohnung nicht auf deine Schwiegermutter umschreiben sollen, sonst stehst du irgendwann ohne etwas da!
Also hielt Annemarie aus, solange es ging. Bis ich eines Tages selbst ging. Ich sagte ehrlich, dass ich eine andere kennengelernt hatte, und versprach, Lara immer ein Vater zu bleiben aber gegen meine Gefühle konnte ich mich nicht wehren. Annemaries Mutter, die Lara eigentlich mochte, fragte nach der Scheidung spöttisch:
Mach doch einen Vaterschaftstest. Womöglich zahlt ihr Alimente umsonst!
Das schockierte Annemarie. Sie dachte, nur sie hätte Zweifel anscheinend nicht.
Bist du verrückt?, fuhr ich sie an. Lara ist meine Tochter, das sieht doch jeder!
Auch meine Mutter hätte das nicht erwartet. Als Annemarie ein Jahr nach der Scheidung für eine Blinddarmoperation ins St.-Johannes-Krankenhaus eingeliefert wurde, wurde ein alter Verdacht wach, als sie auf den Chefarzt traf, der sie behandelte.
Entschuldigen Sie, kennen wir uns irgendwoher?, fragte er sie im Aufwachraum.
Annemarie schüttelte heftig den Kopf, hoffte, dass er sich nicht an mehr erinnerte. Doch er kam am nächsten Tag und scherzte:
Sie laufen doch dieses Mal nicht direkt wieder weg, wie beim letzten Mal?
Annemarie lief rot an, wollte nur möglichst schnell nach Hause. Was sie nicht erwartete: In jenen Tagen wurde aus ihrer Flucht Sehnsucht, und sie wollte plötzlich nicht mehr davonlaufen, als sie merkte, wie einfühlsam dieser Dr. Lennart war.
Über Lara erzählte Annemarie zunächst wenig, zeigte ihm aber bald ihre Tochter, als klar war, dass sie sich öfter sehen würden. Lennart bemerkte sofort die Ähnlichkeit, kaufte eine Puppe zur Begrüßung, stellte viele Fragen und bemühte sich von Anfang an, alles richtigzumachen.
Weißt du, sagte er, als wir klein waren, hatte meine Schwester nie einen Vater akzeptiert, nachdem Mama neu geheiratet hatte. Ich will nicht, dass Lara mich ablehnt ich möchte für sie da sein.
Die Offenheit dieser Worte traf Annemarie tief. Als sie Lennart und Lara gemeinsam sah, war ihr klar, dass sie beide wussten, was unausgesprochen zwischen ihnen stand.
Was solls, dachte Annemarie, irgendwann muss ich es sowieso sagen.
Sie war so an Schwierigkeiten in der Ehe gewöhnt, dass sie Vorwürfe und Geschrei erwartet hätte. Aber Lennart umarmte sie fest: Was für ein Wunder!
Zunächst schien sich Lara mit Lennart anzufreunden. Doch als Annemarie sie vorsichtig fragte, wie sie fände, wenn dieser mit ihnen zusammenleben würde, fing Lara an zu weinen:
Ich dachte, Papa kommt zurück! Der Doktor soll lieber woanders wohnen.
Am Ende konnte Annemarie Lara überzeugen, aber Lennart war enttäuscht.
Sie ist doch mein Kind! Du solltest ihnen alles sagen!
Tobias würde das nicht verkraften und Lara auch nicht. Für sie ist er ihr Vater, für ihn ist sie sein einziges Kind. Seine neue Frau kann angeblich keine Kinder kriegen, erzählte Annemarie später.
Lennart fühlte sich ausgeschlossen, Lara war oft bockig, und Annemarie bemühte sich, Frieden zu bewahren. Sie fanden schließlich Kompromisse: Annemarie brachte Lara zu Tobias, sobald Lennart kam, versuchte, die Männer zu trennen, ließ Lara und Lennart alleine spielen, damit sie Vertrauen zueinander aufbauen konnten. Vor dem Weltfrauentag bastelte sie mit Lara ein Geschenk, aus Angst, das Kind könnte sich vor Lennart verplappern.
Dann erfuhr Annemarie, dass sie wieder schwanger war. Sie bekam Angst: Was, wenn das Baby wieder so wird wie Lara, mit blauen Augen? Würde Tobias alles verstehen? Würde Lara eifersüchtig sein? Würde Lennart ihr in der Klinik die Wahrheit verraten?
Die Lösung schien einfach: Ihre Mutter müsste Lara zu sich nehmen, während Annemarie im Krankenhaus war. Die Mutter willigte ein, hatte aber wegen der beiden Enkel ihres Sohnes eigentlich schon die Hände voll. Doch schließlich kam alles anders: Einen Tag vor der Geburt kam Annemaries Mutter ins Krankenhaus mit Gallenproblemen. Ihr Stiefvater verweigerte die Pflege des dritten Enkelkindes, und ihr Bruder und dessen Frau arbeiteten immer. Also beschloss Annemarie, dass Lara bei Tobias bleiben sollte, aber ausgerechnet da war er auf Geschäftsreise. Die Schwiegermutter wollte sie nicht fragen.
Wieso sollte ich denn nicht mit Lara klarkommen?, protestierte Lennart.
Die Geburt wurde komplizierter als erwartet: Kaiserschnitt, einige Tage Nachbehandlung wegen Gelbsucht des Sohnes, und zu Hause herrschte Chaos! Lennart beteuerte zwar, alles sei in Ordnung, doch Lara wollte kein einziges Wort mit Annemarie sprechen.
Er hat ihr bestimmt alles erzählt!, dachte Annemarie verzweifelt.
Auch die Nachbarinnen, mit denen sie inzwischen ihre Geschichte geteilt hatte, rieten immer wieder, Annemarie müsse reinen Tisch machen: Was heimlich ist, kommt immer raus, mahnten sie, und am Ende trifft dich die Strafe für die Lüge. Im Gefühlschaos nach der Geburt rief Annemarie Tobias an:
Ich muss dir was gestehen.
Was denn?
Sie schwieg lange, suchte nach Worten.
Du meinst wegen Lara, oder?
Was ist mit Lara?, fragte Annemarie erschrocken, obwohl sie alles beichten wollte.
Sie ist nicht meine Tochter, stimmt’s? Ich weiß das längst.
Wer hat dir das erzählt? Annemarie war überrascht.
Ich wusste es selbst. Als Lara ein Jahr alt war, habe ich einen Test gemacht. Die Ärzte sagten mir damals, ich könne keine Kinder bekommen. Ich habe geschwiegen, auf ein Wunder gehofft aber irgendwann kamen die Zweifel, und meine Mutter hat mir auch immer wieder damit in den Ohren gelegen. Also habe ich es überprüft.
Sie konnte es nicht fassen, dass Tobias jahrelang geschwiegen hatte.
Was hätte ich denn tun sollen?, sagte er nur. Das Kind kann doch nichts dafür. Sag ihr bloß nichts! Nach all den Jahren
So ist das im echten Leben.
Am Tag, als Annemarie mit dem Neugeborenen entlassen wurde, war sie zerrissen. Lara und ihr Mann schauten sich sonderbar an, sagten nicht viel.
Wie lief es ohne mich?, fragte Annemarie nervös, als der Sohn schlief und Lara malte.
Super! Wir mussten sie nicht dauernd bewachen, ohne dich haben wir uns sofort verstanden.
Hast du ihr was gesagt?
Nein, natürlich nicht! Du hast es mir ausdrücklich verboten.
Warum ist sie dann so nachdenklich?
Lennart lächelte schlau.
Frag sie lieber selbst.
Annemarie ging ins Kinderzimmer. Lara war ganz versunken und kritzelte etwas Rotes aufs Papier. Als Annemarie näher kam, sah sie eine Zeichnung: drei Erwachsene, zwei Kinder.
Wer ist das?, fragte sie.
Na, ist doch klar: du, Papa, Lennart, ich und Valentin.
Schön.
Ja, Mama Sag mal, kann ein Kind eigentlich zwei Papas haben?
Er hat ihr also wirklich erzählt!, dachte Annemarie.
Manchmal schon, antwortete sie vorsichtig.
Darf ich dann auch Lennart Papa nennen? Er ist nett. Wir haben Lego gebaut, Fische angeschaut und der Verkäufer beim Aquaristikladen, dieser Opa mit der Mütze, hat gefragt, wer mein Papa sei. Da wusste ich gar nicht, was ich antworten sollte, weil Lennart dabei war. Ich hab gesagt: der Arzt. Ist doch cool, wenn der Papa Arzt ist. Ich hab ihn eh schon gefragt, wollte aber nochmal dich fragen.
In diesem Moment wurde ich, Tobias, sehr nachdenklich. Annemarie, ihre Tränen nahmen überhand, und ich merkte, wie schwierig das alles war. Ich hatte ihr längst verziehen, und auch Lennart würde ihr verzeihen aber irgendwann wird Lara alles erfahren. Man muss sich entscheiden: Die Wahrheit sagen oder warten, bis sie herauskommt? Annemarie nahm Lara fest in den Arm und sagte:
Natürlich darfst du das. Ich denke, Lennart ist glücklich, wenn du ihn Papa nennst. Aber sag das deinem Papa lieber nicht
Heute habe ich gelernt, dass eine Familie nicht immer so aussieht, wie man als Kind dachte aber am Ende zählt nicht das Blut, sondern wie wir miteinander umgehen. Ehrlichkeit, so schwer sie auch fällt, ist der Weg zu einem echten Neuanfang.



