Elena Müller arbeitet seit achtzehn Jahren als Krankenschwester auf der Kinderintensivstation. In dieser Zeit hat sie gelernt, bei trauernden Eltern nicht zu weinen, nicht zu zittern, wenn ein winziger Körper in einem schwarzen Sack herausgetragen wird, und nicht nach dem Warum? zu fragen. Sie erledigt einfach ihre Arbeit und geht dann nach Hause.
Sie hat selbst eine Tochter die sechsjährige Liselotte. Ein fröhliches, rothaariges Mädchen mit unerschöpflichen Fragen und Umarmungen, die nach Sonne und Erdbeeren duften.
Eines Abends bleibt Elena länger auf ihrer Schicht. Sie ruft zu Hause an niemand nimmt den Anruf an. Sie denkt, die Familie ist noch unterwegs. Schließlich kommt sie gegen Mitternacht zurück.
In der Wohnung brennt noch das Licht. Auf dem Boden liegen verstreute Spielsachen. Auf der Küchenzeile steht eine halb ausgetrunkene Tasse Tee. Und eine dichte Stille, die fast das Ohr verstopft.
Frau Schmidt, die Nachbarin aus dem unteren Stockwerk, trifft Elena im Flur. Ihr Gesicht ist bleich.
Sie haben Liselotte ein Auto direkt vor dem Haus der Fahrer war betrunken sie ist sofort
Elena kann sich nicht erinnern, wie sie die Leichenhalle erreicht hat. Sie erinnert sich nicht, wie sie die winzige kalte Hand gehalten und gesagt hat: Mama ist da, steh auf.
Sie erinnert sich nur an eines: Als sie das Sterbeurkundeformular ausfüllen will, legt der Arzt ihr schweigend die Papiere vor und sagt:
Frau Müller ich muss Ihnen etwas mitteilen. Wir haben alle Untersuchungen durchgeführt Liselotte hatte eine akute, hoch aggressive Form von Leukämie. Sie hätten die Symptome erst nach ein bis zwei Wochen, höchstens nach einem Monat bemerkt und wir hätten nichts retten können.
Er blickt auf den Boden.
Sie hätte sehr gelitten ständig Schmerzen, Chemotherapie, Nadeln, Krankenhäuser Sie hätten zugesehen, wie sie Stück für Stück verkümmert. In diesem Moment sie ist einfach eingeschlafen. Sie hatte keine Zeit, Angst zu bekommen oder den Schmerz zu fühlen.
Elena schweigt lange, dann hebt sie den Blick.
Sie meinen also, das war die beste Möglichkeit?
Der Arzt nickt. Das ist alles, was er sagen kann.
Elena steht auf, sammelt die Unterlagen und geht nach draußen.
Sie läuft durch Berlin und plötzlich wird ihr ein schreckliche Wahrheit bewusst, die sie zum Schreien in den Himmel treiben möchte:
Manchmal ist das Schlimmste, das passieren kann, genau das, was vor noch Schlimmerem bewahrt.
Sie legt Liselotte in ein weißes Kleid mit einer Schleife, das das Mädchen zum Geburtstag ihrer kleinen Prinzessin ausgesucht hatte, und bestattet sie, während die kühle Berliner Nacht über ihr liegt.





