Opa, nicht traurig! Jörg war schon spät dran, also sprang er, ohne den Mantel zuzuknöpfen, mit flatternendem Halstuch aus dem Flur. Das hastige Stampfen auf der Treppe war zu hören, die Haustür knarrte und dann war alles wieder still. Ein neuer Tag begann für den Enkel voller neuer Eindrücke, für den Opa ein weiterer grauer, unspektakulärer Tag. Das erste Viertel des Tages stand fest.
Opa Hans wankte mit seinem Gehstock durch die Wohnung, das Bein scharrte leicht hinterher. Früher war sein Körper noch stark, Tag für Tag wuchs die Ermüdung. Trotz seiner Tollpatschigkeit zwang er sich zum Laufen von Zimmer zu Zimmer, vom Fenster zum Fenster.
Der Enkel hatte heute vier Vorlesungen, also würde er erst nach vierzehn Stunden zurückkommen, und dann würde die Welt wieder in bunten Farben erstrahlen. Opa fühlte sich dabei gleich viel sicherer und fröhlicher, fast so, als würde alles gut werden.
Jörg, der Enkel, war Opa Hans einzige Freude und Lebenssinn. Seit Kindertagen hatte er den Opa nachgeahmt die gemächlichen Bewegungen, die ruhige Sprechweise und den ernsthaften Blick. Wer könnte es ihm gleichtun, wenn der Enkel ständig um ihn herumwirbelt? Der leibliche Vater war nie im Bild, die Mutter Hans Tochter kämpfte immer noch mit ihrem eigenen Liebesleben, und das schon mit über fünfzig. Der kleine Jörg wuchs mit Oma und Opa zusammen auf, jetzt sind sie zu zweit.
Müde vom Herumtrödeln fiel er in seinen Sessel und atmete tief durch. Am Fenster, neben dem Lüftungsfenster, hing ein kleines Vogelhäuschen mit Futterstelle. Jeden Morgen schüttelte Jörg ein bis zwei Handvoll Sonnenblumenkerne hinein.
Bald würde es dämmern, und die Gäste würden sich zum Frühstück melden. Der erste kam ein leicht verschlafener Spatz, der nach einem unbequemen Nickerchen die Gegend absuchte, zufrieden gluckste und hineinsprang. Dann kamen noch ein paar, dann wieder andere. Schnell sollten die gefiederten Besucher die Körner schnappen, ehe die Meisen kamen. Diese würden die Spatzen leicht verdrängen, und die Meisen blieben nur mit Krümeln vom Frühstückstisch zurück. Doch schon bald würden auch ein oder zwei dickhäutige Amseln anfliegen, die nicht mehr aufgeben, bis sie satt sind.
Später dann ein Schwarm surrender Meisen, die die Umgebung mit ihrem Pfeifen erfüllten. Opa liebte es, den Vögeln zuzusehen; das machte sein Herz leichter und die Zeit verging schneller. Danke, Jörg, für die Idee mit dem Futterhäuschen ein kleines Vergnügen, das viel Freude brachte.
Jörg, kommst du mit? riefen seine Kommilitonen vom fünften Semester, die schon am Schulhof warteten. Wir haben die Diplomarbeit abgegeben, das muss gefeiert werden!
Nein, Leute, das geht nicht, stammelte Jörg verlegen. Ihr wisst doch, ich trinke keinen Alkohol.
Na dann, wie du meinst, sagte die fröhliche Gruppe und zog Richtung Café, während Jörg am Ausgang stehen blieb.
Welcher Spaß sei da zu erwarten, wenn zuhause Opa auf ihn wartet? Durch das Fenster blickte er, hoffte er. Das Wetter war angenehm warm, kein Wind, leichter Schneefall ein perfekter Tag für einen Spaziergang zu zweit.
Ach, Opa Jörg erinnerte sich, wie er als Kind immer Platz im Vorderdeck des alten Brotwagens des Opas genommen hatte, während Hans durch Berlin fuhr und frisches Brot zu den Märkten brachte. Dort schlief Jörg oft ein, vom Ruckeln des Fahrzeugs beruhigt. Zum Mittagessen kam die lebhafte Oma nach Hause, schimpfte streng mit Opa, weil er den Enkel nicht bei ihr behalten wollte doch Jörg lief immer wieder zu Hans.
Schon wieder frech, Jörg, grummelte Opa. Er nannte den Enkel immer Jöglein, und das gefiel ihm. Alles, was Opa tat und sagte, gefiel Jöglein, und es schien, als würde Opa immer weiter neben ihm herziehen, mürrisch, aber liebevoll.
Doch dann verstarb die Oma, und vor drei Monaten erlitt Opa einen Schlaganfall. Jörg spürte plötzlich, wie zerbrechlich das Leben ist, und wie wichtig sie füreinander geworden waren. Es war ungewohnt, Opa mit dem Stock zu sehen, doch es freute ihn, dass es ihm täglich besser ging, und er hoffte, dass Opa bald wieder allein zum Treppenhaus gehen könnte.
So eilte Jörg jeden Tag nach Hause, kaum dass er das Grundstück verließ, rief eine Kinderstimme:
Herr Opa, könnten Sie bitte das Kätzchen nehmen! Ein zehnjähriges Mädchen packte ihm den Ärmel. Unsere Katze hat drei Kätzchen bekommen, die Eltern wollten sie loswerden. Wir haben schon zwei gerettet, aber das kleinste liegt hier und niemand will es.
Sie zog ihn zu einer gekörbten Tragetasche, in der ein zitterndes Kätzchen fror. Das Mädchen, Lina, setzte sich neben die Tasche, strich dem Kätzchen liebevoll über den Kopf und murmelte:
Ich würde es gern behalten, aber das Studentenwohnheim lässt keine Haustiere zu, der Hausmeister ist streng.
Das Kätzchen kratzte am Ärmel, sprang auf Jörgs Schulter, miaute und sah das Mädchen mit großen, hoffnungsvollen Augen an.
Was soll ich nur tun, flossen Tränen in Linas Gesicht. Ihre Stimme klang ehrlich, ihre Augen glänzten, und Jörg beschloss, das Kätzchen doch Opa zu geben vielleicht würden die beiden ja Freunde.
Da lässt das Kätzchen sich nicht abwimmeln, sagte Jörg, als es sich auf seinem Rücken verfangen hatte. Wir bringen es zu mir nach Hause und überlegen dann weiter.
Sie lachten über das unerwartete Mitbringsel, gingen zum Haus, stiegen die Etage hinauf und traten ein. Lina, die hübsche Studentin, trat lächelnd ein.
Opa!, rief Jörg, wir haben einen neuen Mitbewohner!
Mit dem Stock klopfte Opa Hans zur Tür, lächelte freundlich und sah die kleine Katze, die sich an ihm festklammerte und versuchte, zu ihm zu klettern, als hätte sie lange darauf gewartet.
Opa ließ den Stock fallen, drückte das Kätzchen an die Brust und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Jörg half, es ins Wohnzimmer zu bringen, stellte es in einen Sessel, und als er nach Lina suchte, war sie verschwunden nur ein leichter Duft von Parfüm blieb zurück.
Er warf schnell den Mantel über die Schultern, rannte aus dem Treppenhaus, hoffte, Lina zu finden, doch vergeblich.
Ach du meine Güte!, murmelte Opa. Solche Mädchen darf man nicht einfach so gehen lassen. Man muss sie festhalten, ein Leben lang!
Jeden Tag, wenn er nach Hause kam und an der Stelle ankam, wo sie sich zuletzt getroffen hatten, schaute Jörg sich um vielleicht tauchte sie wieder auf. Doch jedes Mal blieb die Tür leer.
Einmal glaubte er, sie im Fenster einer Straßenbahn zu sehen, rannte hinterher, doch die Bahn beschleunigte und verschwand im Gedränge der belebten Straße.
An einem Mai-Tag kam Jörg von einer Beratung zurück. Die Abschlussarbeit stand bevor, der Professor war zufrieden. Opa war fast wieder fit, ging täglich mit seinem treuen Begleiter dem Kätzchen Egor, das er so nannte spazieren.
Er ist dir wirklich ähnlich, das kleine Kerlchen, erklärte Opa Jörg. Ein richtiger Lausbub, genauso frech wie du, und die Augen genauso schlau wie deine.
Doch heute saßen die beiden nicht wie gewohnt auf der Bank im Garten. Jörg spürte ein ungutes Gefühl, rannte die Treppe hinauf, die Tür war nicht verschlossen, in der Küche hörte er Opa. Gott sei Dank, alles in Ordnung!
Plötzlich stockte Jörgs Herz, ein vertrauter Duft drang ihm in die Nase Linas Parfüm, das er die ganze Zeit mit einer leisen Traurigkeit in Erinnerung hatte. Und dann hörte er ein leises, fröhliches Lachen.
Er lehnte sich an den Türrahmen, zögerte zu bewegen, und sah Linas lockiges Haar, in dem das Kätzchen Egor sich versteckt hatte, und ihre Schultern, die das Kätzchen am ersten Treffen liebte.
Opa bot Lina Tee an, unterhielt sich, während Egor sich auf ihren Schoß kuschelte und schnurrte. Sie drehte sich um, sah Jörg und lächelte verlegen:
Ich dachte, du würdest den Kater besuchen, sagte sie.
Das war die richtige Entscheidung, hauchte Jörg glücklich. Wir haben auf dich gewartet.
Opa und das wuschelige Egor tauschten schelmische Blicke aus





