**Tagebucheintrag**
Wozu bist du überhaupt hergekommen?, fragte meine Nichte und räumte mein Essen weg. Tante Lina, darf ich den Fernseher umschalten? Annika wartete nicht einmal auf eine Antwort, schnappte sich die Fernbedienung und zappte durch die Kanäle. Was für einen Unsinn du guckst! Ach du liebe Zeit, es ist schon neun! Ich muss morgen früh raus.
Lina legte ihre Strickarbeit beiseite und betrachtete ihre Nichte. Das Mädchen war erwachsen, natürlich, mit 28 längst keine Kleine mehr, und doch kam sie ihr vor wie das Annika, das im Sommer zur Oma gerannt kam und bat: Tante Lina, erzähl mir von der Prinzessin!
Was ist morgen so wichtig?, fragte sie und drehte den Fernseher leiser.
Ach, nur ein Termin. Berufszeug. Annika winkte ab, ohne vom Bildschirm aufzusehen. Übrigens, dein Kühlschrank spinnt. Die Milch ist schon sauer.
Wie, sauer? Die habe ich gestern erst gekauft!
Guck selbst! Annika sprang vom Sofa, schlurfte in Pantoffeln in die Küche. Sieh mal, was für ein Ekel!
Lina folgte ihr und warf einen Blick in die Milchtüte. Tatsächlich, sie war geronnen. Seltsam, sie hatte das Haltbarkeitsdatum im Laden geprüft.
Vielleicht ist sie in der Hitze schlecht geworden. Ich hole eine neue. Sie griff zum Kühlschrank, doch Annika hielt sie auf.
Lass nur! Ich trinke sie eh nicht. Milchprodukte machen mir Bauchschmerzen. Mach lieber starken Tee.
Natürlich. Willst du nichts essen? Ich habe Kartoffeln mit Pilzen gebraten
Tante Lina, ich habe doch gesagt, ich bin auf Diät! Annika rollte mit den Augen. Nichts Frittiertes. Und nach sechs esse ich sowieso nichts mehr.
Aber es ist schon neun
Eben! Deshalb ja.
Lina stellte den Wasserkocher an und holte die Keksdose. Annika verzog das Gesicht beim Anblick der Haferkekse.
Die gehen auch nicht. Hast du etwas ohne Zucker?
Vollkornbrot?, schlug Lina zögernd vor.
Auch Kohlenhydrate. Egal, nur Tee.
Sie gingen zurück ins Wohnzimmer. Im Fernsehen lief ein amerikanischer Film, Annika starrte gebannt auf den Bildschirm. Lina nahm ihre Strickarbeit wieder auf, doch sie konnte sich nicht konzentrieren. Ihre Nichte war am Morgen gekommen, hatte gesagt, sie würde übernachten und am nächsten Tag weiterfahren. Zuerst hatte Lina sich gefreut Annika war so selten hier, immer in Berlin, Arbeit, Verpflichtungen. Doch jetzt saß sie da, schwieg, als täte sie einem einen Gefallen.
Annika, begann Lina vorsichtig, wie gehts dir denn? Und die Arbeit?
Geht so. Ihre Nichte drehte den Kopf nicht.
Und wie stehts mit Markus? Ihr wolltet doch heiraten?
Annika zuckte zusammen und riss den Blick vom Fernseher los.
Tante Lina, wir haben uns getrennt. Schon vor einem halben Jahr.
Ach du meine Güte! Warum denn? Was ist passiert?
Nichts Besonderes. Wir waren einfach zu verschieden. Passiert halt.
Lina legte das Strickzeug weg. So also. Sie hatte schon auf eine Hochzeitseinladung gewartet, sogar ein Kleid ins Auge gefasst. Sie wollte nach Details fragen, doch Annikas Gesicht sagte ihr: Das Thema ist erledigt.
Und die Arbeit? Du warst doch in der Firma, wo wie hieß sie noch?
Gekündigt, sagte Annika knapp. Vor einem Monat.
Wie, gekündigt?! Aber du warst doch drei Jahre dort!
War ich. Jetzt nicht mehr. Suche was Neues.
Und wovon lebst du?
Tante Lina! Annika drehte sich ganz zu ihr um. Warum fragst du so etwas? Ich komme schon klar. Irgendwie.
Entschuldige, Liebes. Ich mache mir nur Sorgen.
Musst du nicht. Ich bin erwachsen.
Sie schwiegen. Lina beobachtete ihre Nichte verstohlen. Sie war dünn geworden, blass. Und ihre Augen wirkten stumpf. Früher war Annika so lebhaft, voller Lachen. Wenn sie zu Oma kam damals lebte Lina noch mit ihrer Mutter in dieser Wohnung , war das Haus gleich erfüllt von Stimmen und Gelächter. Annika hatte immer etwas zu erzählen, zu zeigen, Pläne zu schmieden. Jetzt saß sie da wie eine Fremde.
Der Wasserkocher pfiff. Annika sprang als Erste auf.
Ich mache den Tee!, rief sie aus der Küche.
Lina hörte, wie ihre Nichte mit Geschirr klapperte, Schränke öffnete und schloss. Dann wurde es plötzlich ganz still. Sie stand auf und ging nachsehen.
Annika stand am Fenster, eine leere Tasse in der Hand. Ihre Schultern zitterten.
Annika, was ist los?
Nichts, schluchzte sie. Ich bin nur müde. So müde.
Lina trat näher und legte ihr die Hände auf die Schultern. Annika wich nicht zurück, sondern lehnte sich an sie wie als Kind.
Erzähl, Liebes. Was ist geschehen?
Alles, Tante Lina. Alles auf einmal. Markus hat Schluss gemacht, weil ich ihm zu langweilig war. Auf der Arbeit es war der reinste Albtraum. Die Chefin hatte es auf mich abgesehen, hat mich vor allen bloßgestellt. Ich habe gekündigt. Und jetzt finde ich nichts Neues. Das Geld geht aus, die Miete kann ich kaum noch zahlen.
Ach, mein Kind! Warum hast du mir nichts gesagt? Wir hätten eine Lösung gefunden!
Welche Lösung denn? Annika machte sich los, wischte sich die Augen. Deine Rente ist doch auch knapp. Und außerdem bin ich erwachsen, sollte allein klarkommen.
Ach, Unsinn! Darf man sich in Not nicht an Familie wenden?
Annika lächelte bitter.
An welche Familie? Mama und ihr neuer Mann leben ihr eigenes Leben, die haben keinen Kopf für mich. Meine Brüder einer ist in Österreich, der andere in Hamburg, die haben genug eigene Sorgen. Und der Rest der Verwandtschaft hat mich seit Jahren nicht gesehen.
Annika, ich bin doch da!
Du bist da, stimmte ihre Nichte zu. Aber was hilft das? Du kommst selbst kaum über die Runden.
Lina antwortete nicht. Stimmt, die Rente war klein, sie lebte bescheiden. Doch es ging doch nicht um Geld! Warum hatte Annika sich so abgeschottet, war so verschlossen geworden?
Sie machten Tee und gingen zurück ins Wohnzimmer. Annika hatte sich beruhigt, aß sogar ein paar Kekse, ihre Diät vergessend.
Weißt du noch, sagte Lina plötzlich, wie du im Sommer zu Oma kamst? Wir sind in den Wald gegangen, haben Erdbeeren gepflückt.
Ich erinnere mich, lächelte Annika. Und wie du mir Märchen erzählt hast.
Und wir haben Kuchen gebacken. Du hast immer vom Teig genascht.
Und Oma schimpfte: Annika hat wieder den ganzen Teig gegessen!, Annika lachte, zum ersten Mal an diesem Abend. Dann sagte sie: Na gut, für meine Enkelin mach ich neuen.
Mama hat dich sehr geliebt.
Und ich sie. Schade, dass sie nicht mehr da ist Ich vermisse sie so, Tante Lina.
Ich auch, Liebes.
Sie schwiegen, in Erinnerungen versunken. Dann fragte Annika unvermittelt:
Hast du es nie bereut, nicht geheiratet zu haben? Keine Kinder?
Lina war überrascht.
Wie, nicht geheiratet? Ich war doch verheiratet.
Ach ja, mit Onkel Karl. Aber das war ja nur kurz.
Drei Jahre sind nicht kurz.
Na ja. Und Kinder hattet ihr nicht.
Nein, gab Lina leise zu. Hat nicht geklappt.
Und du bereust es?
Wie soll ich es nicht bereuen? Natürlich. Doch was solls, so wars eben beschlossen.
Annika dachte nach.
Ich frage mich manchmal, ob es nicht besser ist, dass es mit Markus nicht geklappt hat. Wir hätten uns sowieso scheiden lassen. Er hat mich nie wirklich geliebt.
Woher willst du das wissen?
Man merkt das doch. Er hat mich ständig kritisiert, mit anderen verglichen. Die Sarah aus der Abteilung ist so lustig, mit ihr kann man Spaß haben. Die Lisa zieht sich so stilvoll an, die hat Geschmack. Und über mich sagte er, ich sei langweilig.
Ein Dummkopf, sagte Lina verärgert. An dir ist nichts langweilig!
Doch, Tante Lina. Ich weiß es selbst. Ich bin uninteressant. Keine besonderen Talente, keine außergewöhnliche Schönheit. Ganz normal.
Was ist denn schlecht daran, normal zu sein? Die meisten Menschen sind normal. Und kommen doch klar, finden Freude.
Keine Ahnung. Manchmal denke ich, ich bin überflüssig.
Lina erschrak. War es so schlimm um Annika bestellt, dass sie solche Gedanken hatte?
Annika, was redest du da! Niemand ist überflüssig. Jeder hat seinen Platz.
Und welchen habe ich?, fragte ihre Nichte bitter. Für wenig Geld im Büro schuften? Männer treffen, die mich nicht wertschätzen? Allein in einer Mietwohnung leben?
Ist das so schlimm? Immerhin bist du frei, kannst tun, was du willst.
Was will ich denn?, sinnierte Annika. Ich weiß es nicht mal. Früher dachte ich: heiraten, Kinder, wie alle. Und jetzt keine Ahnung.
Lina blickte ihre Nichte mitleidig an. So jung, so gesund und doch so verloren. In ihrem Alter war Lina schon verheiratet gewesen, wenn auch nicht lange, hatte Pläne, Träume. Annika schien das Träumen verlernt zu haben.
Weißt du was, sagte sie, bleib hier. Solange du willst. Denk in Ruhe nach, was du tun möchtest.
Und was soll ich hier? Es gibt hier keine passende Arbeit.
Es muss nicht gleich Arbeit sein. Ruhe dich erst mal aus.
Tante Lina, ich kann dich doch nicht ausnutzen!
Ach was! Platz ist genug, Essen auch. Wir sehen schon.
Annika schüttelte den Kopf.
Nein, morgen fahre ich, wie geplant. Ich habe einen Termin wegen Arbeit.
Ach ja, du hattest erwähnt. Was für eine Stelle?
Kellnerin in einem Café. Ja, ich weiß, mit abgeschlossenem Studium etwas Aber was soll ich machen, wenn ich nichts anderes finde.
Daran ist nichts Schlimmes. Arbeit ist Arbeit.
Denke ich auch. Hauptsache, das Geld kommt pünktlich.
Sie sprachen noch über dies und das, dann verkündete Annika, müde zu sein, und ging schlafen. Lina machte ihr auf dem Sofa ein Bett, brachte eine Extra-Decke.
Tante Lina, sagte Annika plötzlich, schon im Liegen, danke. Dass du zugehört hast. Mir gehts wirklich besser.
Immer gern, Liebes. Und denk dran: Wenn du etwas brauchst, ruf an.
Gut.
Lina ging in ihr Zimmer, konnte aber nicht schlafen. Sie dachte über Annika nach, über ihre Probleme. Sie wollte helfen, doch wie? Geld hatte sie kaum, Kontakte auch nicht. Und Annika war stolz, wollte allein klarkommen.
Am Morgen stand ihre Nichte früh auf, machte sich schnell fertig. Lina bereitete Frühstück, doch Annika trank nur Tee.
Wieder Diät?, fragte die Tante.
Nein, nur keinen Appetit. Aufgeregt wegen des Vorstellungsgesprächs.
Ist es weit?
Am anderen Ende der Stadt. Dauert ewig.
Lina stopfte ihr Butterbrote in die Tasche.
Für unterwegs, sagte sie. Falls du Hunger bekommst.
Danke.
Annika wollte gehen, drehte sich aber noch einmal um.
Wozu bist du überhaupt hergekommen?, fragte sie und räumte die Frühstücksreste weg, die sie nicht angerührt hatte.
Die Frage kam so unerwartet, dass Lina verblüfft war.
Wie, wozu? Du hast doch gesagt, du kommst.
Nein, ich meine nicht das. Warum bist du überhaupt in diese Stadt gezogen? Vor so vielen Jahren. Du hättest doch in deiner Heimat bleiben können.
Lina überlegte. Das war lange her, sie hatte kaum je davon erzählt.
Wegen Mama. Sie wurde krank, war allein, niemand konnte sich kümmern. Und dann blieb ich eben hier.
Aber dein eigenes Leben? Du hattest doch auch dort Arbeit, ein Leben
Hatte ich. Aber Mama war wichtiger.
Und du hast es nie bereut?
Doch. Aber was solls. Kinder schulden ihren Eltern das.
Annika schwieg, verdaut





