An meiner Stelle hätte ich sein sollen

An meiner Stelle hätte ich das sein können, flüsterte Lena, während sie die Haarbürste gegen das Kommod wirbelte, sodass sie auf den Boden knallte. Schau sie dir an was für ein Heiligenschein, den du dir gebaut hast!

Anke legte das Buch beiseite und schenkte ihrer Schwester einen kühlen Blick.

Ich habe nur gesagt, dass man die Mutter nicht belügen soll. Das war alles.

Ach ja? Und dann soll ich den ganzen Morgen deine Predigten ertragen? Danke, ich komme damit klar.

Lena griff nach ihrer Jacke, riss den Reißverschluss so hastig, dass er in der Mitte hängen blieb. Sie zog zurück, was das Ärgernis nur noch vergrößerte.

Wohin? fragte Anke, während sie auf dem Sofa aufstand.

Spazieren. Weit weg von dir und deiner Selbstgerechtigkeit.

Die Tür hinter Lena schlug mit einem lauten Knall zu. Sie stürmte die Treppe hinunter, sprang über die Stufen und verschwand im Flur.

Lena schlenderte die Berliner Hauptstraße entlang, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, und starrte auf die Schaufenster. Ein Kleid kostete vierzigtausend Euro, eine Handtasche siebzigtausend, die Stiefel mehr, als ihr Gehalt für drei Monate einbrachte. Wer kauft so etwas? Wer lebt, als wuchsen die Euros auf Bäumen?

Warum nicht sie?

Anke verstand sie nie. Anke freute sich an kleinen Dingen, dankte dem Schicksal für ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank. Lenas Philosophie brachte sie zum Zähneknirschen.

Lena bog in eine Gasse ein, die zum Ufer führte, und plötzlich glitzerte etwas im Licht der untergehenden Sonne. Sie blieb stehen, sah genauer hin ihr Herz hämmerte.

Auf dem Asphalt lag ein Smartphone. Kein billiges FlachlandModell, sondern ein echter FlaggschiffHandy im goldenen Gehäuse. Die Gasse war leer, also hoben sie das Gerät schnell auf.

Der Bildschirm leuchtete beim Anfassen auf. Gesperrt, ja, aber das war egal ein solches Telefon kostete fast hunderttausend Euro.

Lena steckte den Fund in die innere Tasche ihrer Jacke und eilte nach Hause, so schnell sie konnte.

Anke hob überrascht die Augenbrauen, als ihre Schwester das Zimmer stürmte.

Was ist passiert? Hast du etwas vergessen?

Lass mich in Ruhe.

Lena schloss sich im Bad ein und studierte das Telefon, das wie neu und ohne Kratzer wirkte. Der Besitzer hatte eindeutig nicht am Preis gespart also wohl ein Milliardär.

Zwanzig Minuten saß sie dort, überlegte Optionen. Verkaufen? Zu riskant. Zurückgeben gegen Belohnung? Klingt besser.

Das Telefon klingelte, als Lena wieder ins Zimmer trat. Anke war in die Küche gegangen, um der Mutter beim Abendessen zu helfen, und sah nicht, wie Lena das fremde Gerät aus der Hand hielt und die unbekannte Nummer anstarrte.

Ein Finger zögerte über dem Anrufknopf. Eine, zwei, drei Sekunden und schließlich nahm Lena den Anruf entgegen.

Hallo? eine junge Männerstimme erklang höflich. Guten Abend, entschuldigen Sie die Störung. Haben Sie dieses Telefon gefunden?

Lena zögerte, überlegte schnell.

Angenommen, ja. Und jetzt?

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie es zurückgeben könnten. Es ist das Telefon meiner Mutter, voller wichtiger Kontakte und Fotos

Dankbarkeit ist schön, unterbrach Lena. Aber ich würde lieber etwas Greifbares haben Wie wäre es mit fünfzigtausend Euro als Belohnung?

Stille lag über der Leitung.

Fünfzigtausend? Für ein Telefon vom Boden?

Ja, dafür, dass ich es nicht weggeworfen und nicht verkauft habe. Einverstanden, solange ich nett bleibe.

Ich bin bereit, ein faires Entgelt zu zahlen. Fünftausend, zum Beispiel

Fünfzig. Oder suchen Sie Ihr Telefon auf dem Flohmarkt.

Lena legte auf und grinste ihr Spiegelbild im dunklen Display an. Lassen Sie ihn leiden. Reiche Leute feilschen immer nur zum Schein, dann zahlen, was Sie verlangen.

Die nächsten zwei Tage wurden zu einem endlosen Hin und Her. Der Unbekannte bot zwanzig, dreißig, sogar vierzigtausend an, doch Lena blieb hart: fünfzig, kein Pfennig weniger.

Nennen Sie doch wenigstens Ihren Namen, verlangte er schließlich.

Warum? Bringen Sie das Geld, dann reden wir.

Lena lag träge auf dem Sofa, schob die Beine auf die Armlehne, ohne zu merken, dass Anke das Zimmer betrat.

Ich habe doch gesagt fünfzigtausend. Verhandeln bringt nichts. Glauben Sie, ich sei dumm? Einen wertvollen Gegenstand für ein paar Groschen zurückhaben? Das geht nicht

Was machst du denn?

Anke stand im Türrahmen.

Verschwinde, winkte Lena ab. Ich bin beschäftigt.

Erpresst du Geld?

Ich fordere eine gerechte Entschädigung für ein gefundenes Telefon!

Anke schritt drei Schritte, schnappte sich das Smartphone aus Lenas Hand, bevor diese reagieren konnte.

Hey! Gib zurück!

Hallo?, drückte Anke das Telefon an ihr Ohr, während sie sich mit freier Hand gegen Lena wehrte. Bitte entschuldigen Sie meine Schwester. Sie sie hat überreagiert. Ich bringe das Telefon zurück, kostenlos. Morgen, im Tiergarten, um drei Uhr am großen Springbrunnen.

Anke legte das Gerät in die Tasche ihrer Jeans und hängte auf.

Du!, keuchte Lena, voller Zorn. Was soll das?

Ich rette dich vor einer Erpressung. Vielleicht sagst du später Danke.

Das war mein Geld! Du dumme

Der ganze Abend war ein Crescendo aus Vorwürfen. Lena schrie, Anke konterte, die Mutter versuchte, die Wogen zu glätten, und wurde immer blasser.

Fünfzigtausend?!, schnappte die Mutter, die Hände an die Hüften gestützt, zu ihrer ältesten Tochter. Du hast fünfzigtausend verlangt, nur weil du ein fremdes Handy aufgehoben hast?

Und? Wer hats verloren, ist schuld. Hätte er besser aufgepasst.

Lena, schau mir in die Augen.

Lena blickte zögerlich. Die Mutter sah nicht wütend, sondern enttäuscht und das war schlimmer als jeder Schrei.

Ich habe dich nicht großgezogen, damit du dich an fremdem Unglück bereicherst. Ein Mensch verliert sein Telefon, ist verzweifelt, und du Ich bin schuldig, Lena. Sehr schuldig. Geh jetzt und ruh dich aus.

Am nächsten Tag verließ Anke das Haus nach dem Mittagessen und kehrte erst am Abend zurück. Lena ignorierte sie demonstrativ, lehnte sich an die Wand und tat so, als schlafe sie. Doch aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Anke anders wirkte nicht betrübt, sondern fast strahlend, die Wangen rosig, ein selbstverständliches Lächeln.

Seltsam, dachte Lena.

Eine Woche verging, dann zwei. Und Lena bemerkte Veränderungen, die nicht zu übersehen waren. Anke lächelte öfter, nicht gezwungen, sondern echt, weit, als hätte jemand einen geheimen Glücksschalter umgelegt. Sie stand lange vor dem Spiegel, probierte verschiedene Blusen und Kleider aus dem bescheidenen gemeinsamen Kleiderschrank, die Augen funkelten wie die Katze, die endlich die Sahne gefunden hat.

Dann kamen die Blumen.

Der erste Strauß: etwa fünfundzwanzig weiße Rosen, die Anke am Mittwochabend nach Hause brachte, stellte sie in die Küche.

Am Dienstag Lilien, am Freitag Orchideen in einer eleganten Schale.

Hinzu kamen Geschenke: ein Seidenschal, Parfüm in einer goldenen Flasche, zierliche Ohrringe mit kleinen Kristallen.

Da hat jemand wohl eine neue Beziehung, sagte Maria Müller beim Abendessen, als das Schweigen unerträglich wurde.

Anke senkte den Blick, lächelte verlegen, glücklich.

Mama

Ich sehe es. Du gehst immer mit einem Lächeln um die Häuser, schaust alle fünf Minuten in den Spiegel, all diese Geschenke. Wer ist er?

Ein netter Mann, Mama. Wirklich nett.

Lena kaute gedankenverloren auf ihr Schnitzel, das Unbehagen wuchs wie ein Dorn. Neid? Nein, es war bloß ungerecht.

Ich will ihn kennenlernen, fuhr die Mutter fort. Bringt ihn am Samstag zu uns. Wir machen ein Familienessen.

Mama, wir kennen uns erst einen Monat

Genau das ist das Schöne. Nach einem Monat kann man ja sehen, ob es ernst ist.

Anke wollte widersprechen, doch Maria Müller bestand und ließ keinen Raum für Diskussion.

Am Samstag briet die Mutter die Knödel, Anke deckte den Tisch, Lena saß im Eckensessel und scrollte auf ihrem Handy, tat so, als sei ihr alles egal. Punkt sieben Uhr klingelte die Tür.

Anke öffnete und ein männliche Stimme ertönte, warm und selbstbewusst:

Guten Abend, diese Blumen sind für Ihre Mutter.

Kommen Sie rein, kommen Sie rein. Mama, das ist Daniel!

Lena blickte vom Bildschirm auf und erstarrte.

Der Flur betrat ein großer, dunkelhaariger junger Mann, Mitte zwanzig. Ein teurer Blazer, hochwertige Schuhe, am Handgelenk eine Uhr, die teurer war als die gesamte Einrichtung ihrer Wohnung. Er lächelte offen, die Ausstrahlung eines reichen Erben.

Er reichte Maria Müller einen Strauß Pfingstrosen, die fast einen kleinen Busch füllten.

Freut mich, Sie kennenzulernen. Anke hat viel von Ihnen erzählt.

Gleichfalls, erwiderte die Mutter, strahlend. Kommen Sie, das Essen ist fertig. Lena, sprich dich bitte!

Lena richtete sich vom Sofa, fühlte sich unbeholfen und blass neben diesem Daniel.

Hallo.

Guten Abend, er lächelte, seine Augen blitzt kurz auf erkannte er das Handy? Freut mich, Ihre Schwester kennenzulernen.

Das Gespräch am Tisch floss leicht. Daniel erzählte von seiner Arbeit im Familienunternehmen, befragte Maria Müller nach ihrer Jugend, lachte über seine eigenen Witze, sodass selbst Lena ein paar Mal unwillkürlich lächelte.

Dann kam die entscheidende Frage der Mutter:

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Anke und Daniel tauschten einen Blick.

Das ist eine lustige Geschichte, sagte er und legte seine Hand auf Ankes. Meine Mutter hatte ihr Handy verloren ein teures Modell, voll wichtiger Kontakte und Fotos. Wir haben gesucht, angerufen Und dann hat Anke sich gemeldet, das Telefon zurückgegeben und auf jede Belohnung verzichtet.

Lena wurde rot, die Ohren brannten.

Wir haben drei Stunden am Brunnen gesessen, fuhr Anke fort, die Augen verträumt auf Daniel gerichtet. Dann lud er mich auf einen Kaffee ein. Und dann.

Und dann, wiederholte Daniel, indem er Ankes Hand an seine Lippen führte.

Lena starrte auf ihren Teller, auf das Telefon, das einst das Eigentum ihrer Schwester war das Telefon, für das sie fünfzigtausend gefordert hatte. Der Mann, den sie erpresst hatte, saß nun gegenüber, sah Anke an, als wäre sie das achte Weltwunder. Und er war reich. Sehr reich. Und Lena hätte sie hätte

Maria Müller lenkte das Gespräch geschickt, doch Lena hörte nicht mehr zu. Sie sah ihre Schwester glücklich, strahlend und in ihr wuchs ein dunkles Loch.

Es hätte ich sein können, flüsterte sie in sich. An meiner Stelle hätte ich es sein sollen.

Die folgenden Monate waren für Lena eine Qual. Daniel kam immer öfter, brachte Geschenke, fuhr Anke an Wochenenden nach Hamburg, nach München, bis nach Tirol. Anke blühte Tag für Tag auf, während Lena vom Neid verdorrte.

Als Daniel schließlich den Antrag machte mit einem Ring, dessen Glanz fast schmerzte hielt Lena den Atem an, um nicht aus dem Raum zu fliehen.

Dann die Hochzeit. Eine prunkvolle Feier mit hundert Gästen, ein Restaurant, das Lena bisher nur von Bildern im Internet kannte. Anke im mit Perlen bestickten Kleid, wie eine Prinzessin aus einem Märchen, Daniel an ihrer Seite der perfekte Prinz, gefunden dank Dank Ehrlichkeit.

Nach der Hochzeit flogen die beiden auf einer Weltreise umher: Paris, Rom, Tokio, Sydney Postkarten, die Lena nur aus den Fernsehwerbungen kannte.

Und Lena blieb in der kleinen Dreizimmerwohnung, bei der Mutter, im Kosmetikladen arbeitend, die Abende vorm Fernseher verbringend.

Manchmal lag sie nachts wach und drehte in ihrem Kopf den Moment in der Gasse immer wieder.

Was wäre, wenn sie anders gehandelt hätte? Was, wenn sie das Telefon einfach zurückgegeben und nichts verlangt hätte? Würde sie jetzt neben Daniel sitzen? Würde er ihr Blumen und Schmuck schenken? Würde sie in einem Haus am Rande der Stadt leben und in der ersten Klasse fliegen?

Aber nein.

Sie hatte fünfzigtausend verlangt. Fünfzig armselige Tausend, die sie nie bekam.

Und Anke wählte Ehrlichkeit. Und bekam alles.

Das Schicksal, dachte Lena, hat einen schrecklichen Sinn für Humor.

Sie konnte nie mehr für ihre Schwester jubeln. Der Neid nagte, fraß von innen, vergiftete jeden Tag. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie die Schuld lag allein bei ihr. Ihre eigene Gier. Ihre eigene Entscheidung. Und kein Bedauern würde das ändern.

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Homy
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