Komfortable Ehefrau
Lis, wir sind jetzt fünfzehn Jahre zusammen. Wie konnte er das nur tun? Wie?
Anke schluchzte auf der Schulter ihrer besten Freundin und fand keinen Frieden.
Anke, du übertreibst. Woher nimmst du an, dass er dich betrügt?
Ich weiß es. Ich spüre es. Ich rief ins Büro; man sagte, es gab kein Meeting. Er behauptete, er sei beim Meeting gewesen.
Und das reicht? Gott, er hätte dir doch ein Geschenk besorgen können, du einfältige. Du bist nur von Alltagsproblemen erschöpft und erfindest etwas, das es nicht gibt. Beruhige dich. Andreas liebt dich und sorgt für die Familie.
Nein, er hat eine andere. Ich fühle es. Ich wollte sein Handy überprüfen, doch er nimmt es überall mit hin
Du hast dir das nur eingebildet. Das heimliche Durchsuchen eines Handys ist erniedrigend. Du solltest dich selbst lieben. Du bist die Schönste, die Beste. Andreas liebt dich, er braucht niemanden sonst.
Anke schniefte, rieb sich die Nase und blickte hoffnungsvoll zu Lis. Vielleicht hatte Lis ja recht. Die engste Freundin, der vertrauensvolle Blick von außen wer könnte Anke sonst noch vertrauen?
Lis und Anke kannten sich seit der Kindheit. Ihre Freundschaft überstand Schulzeiten, Prüfungen, erste Dates, das Studium und endlose Gespräche über die Zukunft. Lis war lebhaft, selbstbewusst, wusste immer, was sie wollte, und fand leicht Anschluss zu Menschen. Anke hingegen war schüchtern und zurückhaltend. Lis hatte ständig Verehrer, wechselte sie wie Handschuhe und suchte immer den vielversprechenden, der ihr gerecht werden könnte. Sie wollte einen wohlhabenden Mann, der sie bequem versorgen würde, damit sie nie wieder arbeiten müsste.
Anke wusste, dass sie keinen reichen Partner finden würde und musste sich auf sich selbst verlassen. Während Lis auf Dates und Kosmetikmessen ging, saß Anke in der Bibliothek. Sie war ein typisches blaues Tüllchen: unauffällige Kleidung, schulterlanges Haar im niedrigen Pferdeschwanz, keine Kosmetik, blaue Augen hinter dicken Hornbrillen. Ihren Kommilitonen war ein Rätsel, warum die Schönste der Gruppe und die Streberin einer waren.
Anke, Männer lieben das Aussehen. Lass uns etwas Schönes für dich auswählen, Haare blond färben, Augenbrauen dunkler machen dann bist du die Attraktion.
Nein, sie lieben das Aussehen der Schönen. Menschen wie ich werden übersehen. Ich kann mich nicht auf mein Äußeres verlassen, nur auf meinen Verstand. Deshalb lerne ich und arbeite später.
Lis zuckte nur mit den Schultern und setzte ihr DatingSpiel fort, doch es brachte keinen Erfolg. Anke konzentrierte sich ausschließlich aufs Studium und erwartete nichts vom Schicksal bis es ihr plötzlich zulächelte.
In der UBahn half ihr Andreas, einen Stapel Bücher zu tragen. Sie kamen ins Gespräch. Er war im letzten Semester seines Wirtschaftsstudiums, sein Vater hatte ihm bereits eine Stelle im Bundesministerium abgesichert eine unspektakuläre, aber vielversprechende Position. Sie tauschten Telefonnummern aus, verabredeten sich am Wochenende, gingen ins Kino und zu einem seltenen Café, denn als Studenten fehlte das Geld.
Lis betrachtete die neue Beziehung skeptisch. Andreas hat keine Perspektive, meinte sie.
Warum machst du das? Er ist ein Student, wird sein ganzes Leben im Ministerium sitzen, Akten von einem Schreibtisch zum anderen schieben. Ihr spart für eine Wohnung, einen Urlaub, ein Auto langweilig.
Das ist ein ruhiges, gutes Leben mit dem Menschen, den man liebt. Du willst nur Partys und einen Prinzen mit einer Million Euro in der Tasche.
Lis arbeitete bereits in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt, ein fast rein männliches Umfeld, und fuhr täglich dorthin in engen Kostümen mit riskantem Ausschnitt und hohen Absätzen. Nach einer Weile begann sie mit dem Leiter einer Abteilung zu sehen, fühlte sich, als hätte sie das Glück gepackt. Er fuhr einen teuren Wagen, wohnte in einer schönen Gegend, trug eine Luxusuhr ein Traummann.
Währenddessen heirateten Anke und Andreas. Was Lis als eintöniges, langweiliges Leben bezeichnete, war für die beiden Glück. Anke arbeitete als Juristin, Andreas vergrub sich zuerst im Ministerium. Die Arbeit war zunächst monoton, doch später stieg seine Karriere, er verließ den öffentlichen Dienst, gründete ein eigenes Unternehmen und wurde der vielversprechende Mann, nach dem Lis ihr ganzes Leben gesucht hatte.
Nach ein paar Jahren ging Anke in Elternzeit und brachte innerhalb weniger Jahre zwei Söhne zur Welt. Sie versank im FamilienAlltag, kümmerte sich ausschließlich um die Kinder. Andreas wollte nicht, dass sie arbeitet Zu Hause gibt es viel zu tun, die Kinder brauchen ihre Mutter. Ihre wenigen ehemaligen Studienfreundinnen waren längst Vergangenheit, nur Lis blieb an ihrer Seite. Sie half Anke nicht bei den Kindern, weil sie selbst keine hatte und von Mutterschaft nichts verstand, dafür aber alles über Shopping, Kosmetik und neue Restaurants wusste. Lis zog Anke aus dem Alltag heraus, ging mit ihr Kaffee trinken und Kuchen essen. Sie selbst hatte keinen Mann, keine Kinder, Zeit für Shopping, Kosmetikerinnen, Freundinnen und Sport.
Anke und Andreas lebten in einem großen, schönen Haus am Stadtrand, während Lis in einer Einzimmerwohnung am Rande von Köln wohnte, die sie dank früherer Verehrer vor ein paar Jahren gekauft hatte. Lis war Rechtsberaterin in einem Bauunternehmen, ihr Einkommen reichte jedoch nicht für all ihre Wünsche. Immer wieder lieh Anke Lis Geld, das Lis versprach zurückzuzahlen, aber oft vergaß sie es und Anke erinnerte sie nicht. Wie soll man einer besten Freundin Geld zurückfordern?
Manchmal sagte Anke zu Andreas, dass sie über eine Rückkehr ins Berufsleben nachdenken sollte. Die Jungen waren schon groß, die Aufgaben wurden weniger. Doch Andreas weigerte sich, dass Anke wieder arbeitet. Es gab genug Geld, das ganze Haus hielt dank seiner fleißigen, geduldigen Frau. Kinder waren versorgt, das Essen war heiß, die Hemden sauber. In all den Jahren war Anke von der geliebten Ehefrau zur bequemen Ehefrau geworden. Wenn sie das Thema Arbeit ansprach, wurde er wütend und nervös.
Wie kannst du dich mit ihr anfreunden, Anke? Sie ist leichtfertig, hat keine Familie, keine Kinder. Sie springt durchs Leben wie eine Libelle und verwirrt dich.
Sie ist meine Freundin. Wir kennen uns seit der Schule. Wir sind zwar unterschiedlich, aber sie ist mein engster Mensch. Sie versteht mich.
Ihr seid zu verschieden. Sie wirkt negativ auf dich. Du solltest lieber mit den Jungs im Park spielen, als in Cafés ihrer Geschichten über neue Verehrer zu lauschen.
Anke ließ diese Worte an sich vorbeiziehen und hielt an ihrer Freundschaft fest. Lis zuckte nur mit den Schultern und riet, das Gesagte zu ignorieren.
Andreas: Männer, das ist es: Entweder sie tun, was ich sage, oder gar nichts. Er ließ Anke nicht allein, hielt sie vom Kochen und Braten ab. Willst du nicht mit mir Sport machen?
Anke zog ihren übergroßen Hoodie fester, der ihren Bauch und die Hüften verbarg.
Ehrlich, du hast ein paar Kilo zu viel, Anke. Wir werden nicht jünger, unser Körper verschlechtert sich.
Warum? Andreas liebt mich so, wie ich bin. Ich gehe nicht zur Arbeit, bringe die Jungs zur Schule und zu den Trainingseinheiten. Mein Körper ist in Ordnung.
Für dein Wohlbefinden! Denk darüber nach.
Eines Herbsttages, sonnig und warm, gingen die Freundinnen shoppen. Lis probierte ein Kleid in der Umkleidekabine, Anke saß daneben auf einem Stuhl.
Ich habe schon etwas ausgesucht. Lass uns auch dir etwas Passendes finden, damit du Andreas überraschen kannst.
Warum?
Wann hast du das letzte Mal ein schönes Kleid gekauft?
Lange her. Und meine Größe ist hier nicht vertreten, ich habe zugenommen.
Erfindere nichts. Hier gibt es alles.
Schließlich fanden sie ein schwarzes Kleid, das Anke perfekt stand und kleine Makel ihrer Figur verbarg. Zum ersten Mal seit Jahren sah Anke ihr Spiegelbild mit Bewunderung und einem Anflug von weiblichem Stolz. Sie ging mit erhobenem Kopf nach Hause, wollte es sofort Andreas zeigen und das lange Schweigen seiner Komplimente beenden.
Andreas, schau. Wie gefällt es dir?
Nach dem Abendessen saß er auf dem Sofa und schrieb Nachrichten. Anke trat aus dem Bad, das Kleid tragend, und stellte sich neben ihn. Sie fühlte sich unsicher Jeans, Pullover und lange Hausgewänder waren ihr vertrauter.
Andreas legte das Telefon beiseite und blickte sie scharf an.
Was soll das sein?
Mein neues Kleid. Wir haben es heute mit Lis gekauft. Gefällt es?
Nein. Es ist zu freizügig und steht dir nicht. Deine Hüften wirken noch größer.
Anke schwieg.
Ich habe dir doch gesagt, dass Lis dir nichts Gutes beibringt. Wie konntest du so etwas kaufen?
Sie senkte den Kopf und blieb stumm.
Du solltest es nicht mehr tragen und dich von deiner leichtfertigen Freundin fernhalten. Bring das zurück, bevor es zu spät ist.
Seine Stimme klang kalt und verärgert, dann wandte er sich wieder dem Handy zu. Anke ging zurück ins Bad, ließ das Wasser laufen und weinte lange.
Am nächsten Morgen verlief alles wie gewohnt: Frühstück, die Kinder zur Schule bringen, das übliche Gespräch mit Andreas. Das gestrige Kleid wurde nicht mehr erwähnt. Anke dachte, Andreas habe recht.
Doch das war erst der Anfang. Immer häufiger entbrannten kleine Streitereien zwischen ihnen, Missverständnisse häuften sich. Anke klagte Lis an, dass Andreas distanziert sei und ihr im Weg stehe, erklärte aber jedes Mal, dass er an einem wichtigen Projekt arbeite. Andreas blieb länger im Amt, seine Sitzungen zogen sich bis spät in die Nacht, und er reiste sogar an Wochenenden. Seine Erklärungen klangen logisch, doch Anke hatte das Gefühl, er sei nicht mit dem Projekt, sondern mit einer anderen Frau beschäftigt. Sie teilte ihre Sorgen mit Lis, die darauf bestand, dass das unmöglich sei und Andreas nur sie liebe.
Wie in schlechten Serien entwickelte sich die Situation: Eines Tages sah Anke beim Spaziergang mit ihren Kindern im Stadtzentrum ein Restaurant mit großen Fenstern. Durch ein Fenster sah sie Lis und Andreas an einem Tisch, wie sie sich küssten, lachten und ihm leise etwas ins Ohr flüsterten. Das Paar wirkte glücklich. Anke konnte den Blick nicht abwenden.
Kurz darauf bemerkten Andreas und Lis sie ebenfalls. Sie starrten sie an, verließen aber das Restaurant nicht.
Anke erinnerte sich nicht mehr, wie sie ins Auto gestiegen, nach Hause gefahren oder wie lange sie auf dem dunklen Sofa gesessen hatte. Das Licht anzuschalten fiel ihr schwer, ihr wollte nichts mehr.
Andreas kam spät abends zurück. Anke saß unbewegt da. Er setzte sich ihr gegenüber und schwieg lange.
Wie lange geht das schon? fragte Anke schließlich.
Zwei Jahre. Anke, wir wollen heiraten.
Wunderbar, danke, dass du es sagst. Warum sie?
Sie ist schön, auffallend, versteht mich. Jeder Tag mit ihr ist ein Fest.
Und ich? Bin ich nicht mehr ein Fest für dich?
Ich bin müde von der endlosen Alltagsroutine, von deinem Aussehen, zu dem du geworden bist.
Ich habe Kinder geboren, trage das Haus, kümmere mich, damit es euch gut geht, doch ich bin ebenfalls erschöpft.
Du bist nicht die einzige Frau, die zu Hause bleibt, aber andere halten sich fit, achten auf ihr Äußeres. Schau dich im Spiegel an. Ich will neben mir eine gepflegte, schöne Frau sehen, mit der ich nicht schäme, in der Öffentlichkeit zu stehen.
Ist mir das peinlich?
Ja, Anke, das ist es. Ich will das nicht mehr. Ich überlasse dir das Haus und die Kinder, helfe euch, aber das langweilige Leben, das wir führen, ertrage ich nicht mehr.
Andreas verließ das Haus am nächsten Morgen. Lis rief Anke ein paar Tage später an. Anke hörte ihre Entschuldigungen und sagte nur:
Ja, Lis, du hattest recht Männer lieben das Aussehen, und mein Andreas war keine Ausnahme.
Andreas und Lis blieben nicht lange zusammen. Der Reiz, den er in ihr gesehen hatte, verflog schnell. Nach einigen Monaten sehnte er sich nach dem vertrauten Alltag zurück: das warme Essen, die gemeinsamen Fernsehabende, das gemütliche Frühstück am Samstag.
Anke jedoch, so sehr ihr das Herz auch schmerzte, würde doppelten Verrat nicht vergeben.
Am Ende erkannte sie, dass wahre Stärke nicht darin besteht, sich zu fügen oder zu verzeihen, sondern darin, sich selbst zu achten, eigene Wege zu gehen und das eigene Glück nicht von anderen abhängig zu machen. Die Lektion lautet: Liebe und Respekt zuerst zu sich selbst erst dann kann man echte Liebe für andere finden.





