Sie hat ihren eigenen Sohn verklagt und aus der Wohnung geworfen
Gisela wurde vom lauten Krachen geweckt. Schon wieder. Irgendetwas flog, prallte ab, zerbrach. Der Wecker zeigte halb sieben. Sonntag, verdammt. Der einzige Tag, an dem sie wenigstens bis acht hätte schlafen können.
*Mama!*, brüllte Moritz aus der Küche. *Wo ist mein Glas? Du hast schon wieder alles umgeräumt!*
Zweiundfünfzig Jahre alt. Widerwillig kroch sie aus dem Bett und schlüpfte in ihren Bademantel. Im Spiegel das Gesicht einer erschöpften Frau sie wusste nicht mehr, wann sie zuletzt ruhig geschlafen hatte. Graues Haar mit nachgewachsenen Ansätzen, dunkle Schatten unter den Augen. Wann war sie nur so alt geworden?
*Bin schon da, bin schon da*, murmelte sie und trottete in die Küche.
Moritz stand mitten im Chaos. Auf dem Boden: Scherben von einem Frühstücksteller, vermutlich der, den er gerade im Glas-Suchfieber schleuderte. Fünfundzwanzig Jahre, ein Meter achtzig, breite Schultern und benahm sich wie ein verwöhntes Kindergartenkind.
*Hier ist dein Glas*, seufzte Gisela und fischte ein blaues Glas aus dem Schrank. Darauf stand *Bester Sohn*.
Vor sieben Jahren gekauft. Damals glaubte sie noch, er würde sich beruhigen, arbeiten gehen, ein bisschen erwachsener werden. Heute erschien ihr die Aufschrift wie Hohn.
*Und warum hast du das da reingestellt? Ich hab dir schon tausend Mal gesagt: Mein Glas steht immer auf dem Tisch!*
*Moritz, ich hab gestern Abend gespült *
*Nicht Moritzchen! Moritz! Wie oft soll ichs noch sagen?!*
Er riss ihr das Glas aus der Hand, goss kalten Tee aus einer Kanne ein. Gisela blickte zu den Scherben und dachte: Wieder aufräumen. Wieder einen neuen Teller kaufen. Wieder durchhalten.
*Mama, was ist passiert?*, in der Tür stand Annemarie. Zierlich, in einem alten Pyjama, eigentlich neunzehn, sah immer noch wie sechzehn aus. Sie wollte Grundschullehrerin werden, träumte von lachenden Kindern. Wenn sie durchhielt. In so einem Haus.
*Nichts, Liebling. Nur ein Teller kaputt.*
*Ja, klar der ist wohl von allein gesprungen*, höhnte Moritz. *Geradezu geflogen!*
Annemarie griff routiniert Besen und Schaufel. Wie jeden Morgen, als wären kaputte Teller ein Ritual.
*Nicht anfassen!*, fauchte Moritz. *Hab ich dich gebeten, das zu machen?*
*Wer dann?*, fragte Annemarie leise.
*Geht dich nichts an!*
Gisela setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf in die Hände. Wie lange noch? Wie viel Chaos, wie viel Geschrei kann ein Mensch eigentlich aushalten?
Vor zehn Jahren war ihr Mann Dieter gestorben. Herzinfarkt. Oder: Vielleicht hatte er einfach genug vom Leben in dieser verrückten Welt. Damals war Moritz noch auf der Berufsschule. Ein halbes Jahr später: abgebrochen. *Taugt nix!*, hatte er gesagt. Arbeit im Baumarkt zwei Wochen, dann war der Chef ein *Blödmann*. Auf ´ner Baustelle auch Katastrophe. Die Kollegen *Trottel*. In der Waschanlage der Chef ein *Drecksack*. Immer so weiter. Anfangs hatte Gisela noch Hoffnung. Dann bat sie ihn. Dann flehte sie. Schließlich akzeptierte sie einfach. Büroklammern, Bleistifte, Mut alles aufgebraucht.
Moritz wurde immer unausstehlicher. Für alle, für das Glück, für seine Mutter am meisten. Sie war schuld, dass er ein Versager war. Sie hatte ihn falsch erzogen. Sie musste ihn bemuttern, füttern, anziehen.
*Mama, was gibts zum Frühstück?* Moritz ließ sich auf den Stuhl plumpsen.
*Omelett, Haferbrei*
*Schon wieder Haferbrei!*, stöhnte er. *Kauf mal was Vernünftiges!*
*Moritz, ich hab gestern Müsli gekauft. Du hasts in zwei Tagen weggefuttert.*
*Dann kauf mehr!*
*Wovon denn? Mein Gehalt kommt erst in ner Woche.*
*Klingt nach einem Problem von dir!*
Gisela öffnete den Kühlschrank. Ein halber Quark, drei Eier, ein paar Scheiben Brot. Sieben Tage bis zum Gehalt. Annemarie versuchte auch, was dazu zu verdienen verteilte am Wochenende Werbeprospekte. Zehn Euro am Tag. Reichte gerade für die Fahrkarte und Mensa-Essen.
*Ich kann Omelett machen*, schlug sie vor.
*Mit Schinken!*
*Haben wir nicht.*
*Dann nicht! Ich hab keinen Bock mehr auf so nen Fraß!*
Er stand auf und trat gegen den Stuhl, der mit lautem Krachen umkippte.
*Moritz, hör bitte auf,* sagte Annemarie leise.
*Du hast mir gar nichts zu sagen!*, keifte er. *Denkst wohl, du bist was Besseres mit deinem Abitur, was?*
*So mein ich das nicht *
*Doch, doch! Guckst immer, als wär ich der letzte Depp!*
*Moritz, beruhig dich!* Gisela stellte sich schützend zwischen die beiden.
*Und du hältst jetzt auch mal die Klappe! Ihr seid beide unerträglich! Ich wohne hier wie im Gefängnis in dieser elenden Bruchbude!*
*Niemand hält dich hier fest*, entfuhr es Gisela leise.
Moritz erstarrte. Drehte sich langsam zu ihr um.
*Was hast du gesagt?*
*Nichts. War nichts.*
*Hast du gesagt, ich soll abhauen? Willst du, dass ich gehe?!*
*Moritz…*
*Sag, willst du, dass ich ausziehe?!*
Gisela schwieg. Aber sie wünschte es sich. Mein Gott, wie sehr sie es sich wünschte! Einmal am Morgen aufwachen, ohne Geschrei. Nicht bei jedem Krach zusammenzucken. Nicht auf Zehenspitzen durchs eigene Zuhause schleichen.
*Du sagst nichts? Tja, dann weißt du: Ich bleibe! Die Wohnung gehört mir nämlich auch!*
*Steht aber auf meinen Namen*, sagte sie ruhig.
*Na und? Ich bin dein Sohn! Ich hab Rechte!*
*Und Pflichten,* erwiderte sie. *Du bist erwachsen, fünfundzwanzig Jahre*
Annemarie und Gisela saßen sich am Ende in den Armen, endlich ein paar Minuten Stille, die nur vom Pladdern des Hamburger Regens ans Fenster begleitet wurde und keinem Gebrüll mehr.



