Ich bin keine Pflegerin
Anna, ich habe Neuigkeiten, und sie sind nicht gerade erfreulich, sagte Martin und legte den Löffel auf den Teller, während er zu Boden blickte. Mit Mutter steht es schlecht. Sie ist ja schon über achtzig. Sie kommt alleine nicht mehr zurecht. Sie braucht jetzt ständige Betreuung.
Davor hatte ich Angst seufzte Helene und trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab. Hast du denn mit Stefan gesprochen? Wahrscheinlich sollten wir eine Pflegerin suchen. Wir können diese Last unmöglich allein tragen.
Ich habe mit ihm gesprochen. Und wir haben entschieden: Eine Pflegerin ist teuer. Außerdem ist es beängstigend, eine Fremde ins Haus zu holen. Besser wäre es doch, wenn jemand aus der Familie sich kümmert. Familienangelegenheit eben.
Wir haben entschieden? Helene wurde angespannt. Ihr beide habt schon alles besprochen?
Ja. Und wir kamen zum Schluss, dass du am geeignetsten bist. Mutter kennt dich, vertraut dir. Eine Fremde würde sie nicht akzeptieren. Außerdem bist du zu Hause, du könntest kündigen und dich um sie kümmern.
Helenes Herz zog sich zusammen. Sie war Buchhalterin, kurz vor der Rente. Sollte sie ihren Beruf aufgeben? Ihre langjährige Betriebszugehörigkeit und die Rente verlieren?
Martin, ich muss nachdenken. Ich bin auch keine zwanzig mehr. Mir geht es ja selbst nicht blendend. Und ihr habt mich ja gar nicht gefragt. Ihr stellt mich einfach vor vollendete Tatsachen.
Helene, du weißt doch genau, ohne Mutter hätten wir diese Wohnung nie bekommen. Sie hat immer alles für uns getan, jetzt ist es an uns, dankbar zu sein. Stefan und ich werden helfen, du bist damit nicht allein.
Helene wusste genau, dass die beiden nur so viel helfen würden, wie es ihnen passte. Am Ende würde alles an ihr hängen bleiben. Aber sie widersprach nicht. Sie nahm einen Monat Urlaub vom Betrieb zur Pflege eines Familienmitglieds und stellte eine klare Bedingung:
Nur ein Monat, nicht mehr. Dann reden wir nochmal. Ich binde mich nicht unbegrenzt.
In Ordnung, verstanden. Dann holen wir Mutter zu uns ist einfacher. So musst du nicht ständig hin und her fahren.
Am nächsten Tag stand Brigitte Schulze, Martins Mutter, vor ihrer Wohnung in Dresden. Schwach, bewegte sie sich nur schwer. Sie brachten einen Rollstuhl, legten Decken aus, stellten Medikamente bereit, Schüsseln, Kissen. Im Haus lag ein Geruch von Alter und Desinfektionsmittel.
Martin begann sofort zu kommandieren:
Leg ihr ein Kissen in den Rücken. Die Suppe ist kalt, wärme sie auf. Und pass auf, dass sie alle Tabletten nimmt jetzt trägst du die Verantwortung!
Helene schwieg, sie machte alles. Aber sie war keine vierzig mehr. Ihr Rücken schmerzte, der Blutdruck schwankte, die Gelenke schonten nicht. Und die Schwiegermutter machte es ihr nicht leicht: Mal schüttete sie den Saft aus, mal versteckte sie Medikamente, klagte über Lärm.
Nach ein paar Tagen kamen Stefan und seine Frau, Katrin. Ohne die Jacken abzulegen, besichtigten sie die Wohnung wie in einem Museum. Sie kommentierten alles: Hier bekommt Mutter keine Luft, Hier zieht es zu sehr. Helene stand in der Ecke, wie ein Schatten.
Mama, wie geht es dir? Macht Helene dir Probleme? fragte Stefan.
Wer will denn so eine alte Frau noch? jammerte Brigitte Schulze. Sie schaut mich an wie ein Klotz am Bein. Keine Rouladen, keine Aufmerksamkeit. Alles macht sie widerwillig
Helene konnte es nicht länger ertragen.
Die Rouladen gibt es morgen. Heute habe ich Frikadellen und Suppe gekocht. Warum denn alles auf einmal?
Helene, mischte sich Katrin ein, du musst doch jeden Tag frisch kochen! Sie ist alt! Sie braucht besonders viel Fürsorge. Ist dir das zu schwer?
Katrin, ich koche, wasche, putze, wechsle Probier es doch selbst, dann kannst du reden. Wenn du an der Reihe bist, machst du es, wie du willst.
Aber ich arbeite! Das schaffe ich nicht. Und ich kann das gar nicht! stammelte Katrin, ganz plötzlich weniger überheblich.
Sie gingen so, wie sie gekommen waren ohne echte Hilfe.
Und Martin, trotz seiner Versprechen, ließ sich immer seltener blicken:
Anna, du bist doch eine Frau. Du schaffst das. Ich bin bei der Arbeit, völlig erschöpft. Außerdem war es hier immer so Schwiegertöchter kümmern sich um die Schwiegermütter. Niemand beschwert sich.
Helene schwieg. Sie zählte die Tage, bis sie wieder zur Arbeit konnte.
Nach drei Wochen kam Martin mit Neuigkeiten:
Ich habe mit Stefan gesprochen. Mutter macht ein Testament für die Wohnung. Du kündigst im Betrieb und kümmerst dich auf Dauer um sie. Das ist gerecht.
Was?! Helene wurde blass. Glaubst du ernsthaft, ich opfere mein Leben für ein paar Quadratmeter? Ich will keine Wohnung, wenn es mich meine Gesundheit kostet! Keine Jahre Pflege im Tausch gegen ein Erbe!
Denk an unseren Sohn! Wir könnten die Wohnung einmal verkaufen, das Geld teilen, Florian bekäme auch etwas.
Vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren. Aber was ist mit mir? Soll ich einfach von der Bildfläche verschwinden?
Martin schwieg, gekränkt.
Mir ist die Wohnung egal, Martin. Ich will leben. Ich will zurück ins Büro, morgens meinen Kaffee trinken, lesen und nicht zwischen Schüsseln hin und her hetzen. Du hast einen Bruder er soll auch mal Verantwortung übernehmen. Oder stellt doch endlich eine Pflegerin ein!
Alles dreht sich immer nur ums Geld! Dein Gehalt ist zudem auch nicht viel. Es wäre besser, du wärst zu Hause!
Nein! Meine Entscheidung steht fest! Helene sah ihm fest in die Augen. Macht, was ihr wollt. Aber ich pflege Brigitte Schulze nicht mehr.
Eine Woche später packte Helene ihre Sachen. Ruhig, ohne Streit. Sie mietete sich ein Zimmer zur Untermiete. Ihr Sohn Florian stand hinter ihr: Er versprach, sie finanziell zu unterstützen, regelmäßig anzurufen und zu besuchen.
Martin bemerkte rasch: Mutter braucht wirklich Pflege. Schnell fanden sie eine professionelle Pflegerin. Qualifiziert, mit Zeugnis.
Und Helene fühlte sich zum ersten Mal seit Jahren frei. Ohne Schuld. Ohne Verpflichtung. Einfach als Frau. Am Morgen nahm sie ihren Kaffee, sah die Sonne über Dresden aufgehen, und spürte, dass sie endlich für sich selbst lebte.




