**Tagebucheintrag: Ein schmerzhafter Anruf**
*9. Oktober*
Die Nachbarin ist mir näher als du. Das waren die letzten Worte meiner Mutter, bevor sie auflegte. Ich stand in der Küche unserer Münchner Wohnung, das Handy noch in der Hand, als wäre es plötzlich zu einer Schlange geworden. Eigentlich hatte ich nur anrufen wollen, um ihr von meiner Beförderung zu erzählen. Doch dann kam das.
Was ist passiert?, fragte mein Mann Markus, als er die Küche betrat. Du siehst blass aus.
Mama meinte, die Nachbarin sei ihr näher als ich. Langsam stellte ich das Telefon auf den Tisch. Einfach so.
Vielleicht habt ihr euch gestritten?
Nein! Ich erzählte ihr von der Beförderung, und sie erwiderte nur: Lena, du bist mit deinen Angelegenheiten beschäftigt, während Frau Hoffmann mir jeden Tag hilft. Sie geht für mich einkaufen, holt meine Medikamente. Sie ist mir mittlerweile näher als du.
Markus runzelte die Stirn und setzte sich mir gegenüber.
Hör mal, vielleicht geht es ihr gesundheitlich nicht gut? Kopfschmerzen oder so?
Ach was!, fuhr ich auf. Sie ist völlig klar im Kopf. Sie wollte mich verletzen. Und weißt du, worum es eigentlich ging? Ich lud sie ein, im Sommer zu uns nach Bayern zu kommen, ein Ferienhaus zu mieten. Doch sie: Wozu brauche ich euer Ferienhaus, wenn ich hier Frau Hoffmann habe? Wir arbeiten zusammen im Garten.
Ich verstummte, dann lachte ich bitter.
Und dabei habe ich ihr jede Woche Geld geschickt. Hundert Euro. Falls du etwas brauchst, sagte ich immer. Dachte, es würde ihr helfen.
Hör auf damit, sagte Markus entschieden. Wenn die Nachbarin näher ist, soll sie sich kümmern.
Markus! Sie ist meine Mutter.
Deine Mutter, die dich gerade gedemütigt hat? Lena, wach auf! So redet keine liebevolle Mutter mit ihrer Tochter.
Ich ging zum Fenster. Im Hof spielten Kinder, ihr Lachen klang von unten herauf, doch irgendwie fern und fremd.
Frau Hoffmann war tatsächlich eine gute Nachbarin. Sie wohnte nebenan, Witwe, ihre Kinder lebten irgendwo in Sachsen und besuchten sie nur einmal im Jahr. Ich erinnerte mich an sie aus meiner Kindheit damals schien sie streng, maulte uns an, wenn wir im Treppenhaus lärmten. Und jetzt war sie meiner Mutter näher als die eigene Tochter.
Das Telefon klingelte. Ich sah auf den Bildschirm Mama.
Nimm nicht ab, sagte Markus.
Aber was, wenn etwas passiert ist?
Dann soll deine nahe Nachbarin anrufen.
Doch ich hob trotzdem ab.
Hallo?
Lena, warum hast du aufgelegt? Wir waren doch mitten im Gespräch.
Mama, du hast aufgelegt. Nach deinem Satz über die Nachbarin.
Ach, das Ihre Stimme klang gereizt. Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Frau Hoffmann ist hier, hilft mir täglich. Und du? Als mein Blutdruck hochging, wer hat den Notarzt gerufen? Sie. Wo warst du?
Mama, ich war auf Arbeit! Ich wusste nichts davon! Du hast nicht angerufen!
Wozu anrufen, wenn du doch nicht kommst? Deine Arbeit ist ja wichtiger.
Tränen stiegen mir in die Augen. In ihrer Stimme lag eine alte Verbitterung, die ich längst vergessen glaubte.
Mama, soll ich morgen kommen? Ich nehme mir frei.
Brauchst du nicht! Frau Hoffmann begleitet mich zum Arzt. Du würdest eh nur am Handy hängen oder Arbeit vorschützen.
Es traf mich wie ein Schlag.
Gut, Mama. Wie du willst.
Ach ja, fügte sie sachlich hinzu, schick mir kein Geld mehr. Frau Hoffmann sagt, es ist falsch, wenn Kinder ihr Gewissen mit Geld beruhigen. Ich komme allein zurecht.
Ich schwieg. Im Hintergrund hörte ich Gemurmel, dann ihre Stimme, aber nicht mehr zu mir:
Frau Hoffmann, was ist das für eine Medizin? Für den Magen? Danke, du bist ein Engel
Ich habe aufgelegt, flüsterte ich und beendete den Anruf.
Markus legte mir die Hand auf die Schulter.
Sie weiß vielleicht selbst nicht, was sie sagt. Vielleicht stimmt etwas nicht.
Doch, sie weiß es, erwiderte ich. Ich bin ihr einfach fremd geworden. Als ich studierte, sagte sie schon: Wozu brauchst du einen Abschluss? Heirate, gründe eine Familie. Und als ich Karriere machte: Du vernachlässigst uns.
Aber du hast doch jede Woche angerufen!
Ja. Und jedes Mal hörte ich, wie enttäuscht sie von mir ist. Dass ich zu selten komme, die falschen Geschenke bringe, zu wenig Zeit mit den Enkeln verbringe. Und jetzt gibt es Frau Hoffmann.
Ich strich mir müde über das Gesicht.
Weißt du, was am meisten wehtut? Ich wollte sie wirklich zu uns holen. Nicht nur für den Urlaub für immer. Ihr ein Zimmer einrichten. Doch sie die Nachbarin ist ihr näher.
Meine Zwillinge, der zehnjährige Tim und die kleine Lisa, stürmten herein, ihre Schultaschen klapperten.
Mama, wann fahren wir zu Oma?, fragte Lisa. Du hast es für die Ferien versprochen.
Ich zögerte mit der Antwort.
Ich weiß nicht, Schatz. Vielleicht diesmal nicht.
Warum?, fragte Tim. Und die Geschenke?
Sie hatten für Oma ein Fotoalbum gebastelt, Zeichnungen gesammelt, Lisa hatte sogar ein Taschentuch im Handarbeitsunterricht bestickt. Alles lag in einer schönen Schachtel bereit.
Später, murmelte ich.
Mama, bist du krank?, fragte Lisa und musterte mich besorgt. Deine Augen sind rot.
Nein, nur müde.
Markus führte die Kinder ins Zimmer und erklärte ihnen leise etwas von Omas schlechter Laune und später.
Abends, als die Kinder schliefen, blätterte ich in alten Fotoalben. Da waren wir auf Omas Balkon in Nürnberg Mama noch jung, lachend, mich im Arm. Oder beim Plätzchenbacken, ich acht Jahre alt, voller Mehl, aber glücklich. Und mein Abiball Mama stolz neben mir, ihrer Tochter mit Auszeichnung.
Wann hatte sich alles geändert? Nach Papas Tod? Oder früher?
Er starb vor fünf Jahren, und seitdem war Mama anders. Verschlossen, verletzend. Ich dachte, die Trauer würde vergehen. Doch sie wurde nur fremder.
Was denkst du?, fragte Markus.
Dass ich wohl wirklich eine schlechte Tochter bin.
Unsinn! Du rufst an, schickst Geld, besuchst sie. Was will sie mehr?
Nähe. Dass ich immer da bin. Wie Frau Hoffmann.
Und dein Leben? Die Kinder? Unsere Familie?
Ich zuckte mit den Schultern.
Das zählt nicht. Nur die Entfernung.
Das Telefon klingelte erneut. Diesmal eine unbekannte Nummer.
Hallo?
Guten Abend, hier ist Frau Hoffmann, Ihre Nachbarin. Sind Sie Lena?
Ja.
Sie müssen kommen. Mit Ihrer Mutter stimmt etwas nicht. Seit Ihrem Anruf weint sie ununterbrochen. Ich weiß nicht mehr weiter.
Mein Mund wurde trocken.
Was was ist passiert?
Sie sagt immer nur: Ich habe meine Lena verletzt. Ich habe Tee gemacht, aber sie hört nicht auf. Sie fürchtet, Sie würden nie wieder mit ihr sprechen.
Sagen Sie ihr, ich komme morgen. Ganz sicher.
Danke. Ich dachte schon, ich müsste den Arzt rufen.
Nach dem Gespräch saß ich lange da.
Fährst du?, fragte Markus.
Ja. Ich nehme die Kinder mit. Vielleicht kann sie einfach nicht sagen, dass sie mich vermisst.
Und wenn sie wieder von der Nachbarin anfängt?
Das wird sie nicht. Frau Hoffmann ist nett, aber sie ist nicht Familie. Ich bin ihre Tochter. Das bleibt so egal, was sie sagt.
Am nächsten Morgen fuhr ich nach Nürnberg. Im Zug schwärmten Tim und Lisa von ihren Geschenken, während ich aus dem Fenster starrte. Manchmal sagen Menschen nicht, was sie wirklich fühlen.
Mama öffnete die Tür, verweint, mit rotgeränderten Augen. Als sie mich sah, umarmte sie mich lange.
Verzeih mir, Lena. Diese alte Frau redet Unsinn. Ich wollte nicht
Alles gut, Mama. Ich strich ihr über das graue Haar. Ich bin da. Wir alle.
Frau Hoffmann, die in ihrer Tür stand, lächelte leise und ging zurück in ihre Wohnung. Sie wusste: Nachbarn sind gut aber Familie ist wichtiger.





