Die sehnsüchtig erwartete Enkelin

Katrin Müller ließ sich nicht vom Telefon abhalten und rief ihren Sohn immer wieder an, der gerade zum nächsten Seetransport aufgebrochen war. Doch keinerlei Verbindung kam zustande.

Ach, was hast du diesmal angerichtet, mein Junge! keuchte sie, während sie die vertraute Nummer erneut wählte. Ruf du an keine Stimme kommt, solange du nicht im nächsten Hafen bist. Und das kann noch dauern.

Zwei Nächte hintereinander lag Katrin wach. Was hatte ihr Sohn wieder einmal über den Kasten gebracht?

* * *

Die Geschichte begann vor einigen Jahren, als Markus noch nicht auf langen Übersee­fahrten unterwegs war. Er war bereits ein Mann, doch mit den Frauen lief es nie. Immer schien etwas nicht zu passen zu eigenartig, wie er es selbst ausdrückte. Katrin sah mit schwerem Herzen zu, wie eine nach der anderen seine Beziehungen zu angeblich anständigen, hübschen jungen Frauen zerbrachen.

Du hast einen unerträglichen Charakter! schimpfte sie. Nichts ist dir recht! Welche Frau könnte deinen Ansprüchen genügen?

Ich verstehe deine Vorwürfe nicht, Mutter. Dir ist egal, wer meine zukünftige Frau ist, solange sie dich mag, erwiderte er.

Natürlich nicht! Mir ist wichtig, dass sie dich liebt und anständig ist!

Markus schwieg, und diese Stille ließ Katrin innerlich aufkochen. Wie konnte ihr eigener Sohn, den sie einst in den Arm genommen hatte, ihr jetzt über den Kopf hinwegreden?

Und was war mit Anneliese? platzte sie heraus.

Ich habe es schon gesagt.

Gut… Anneliese war ein Fehlgriff, doch Katrin wollte nicht klein beigeben. Vielleicht war sie dir untreu, aber ich verstehe immer noch nicht

Mutter, wir sollten das nicht weiter diskutieren. Anneliese ist nicht die Richtige für mein Leben.

Und Katharina?

Auch nicht.

Und Elisabeth? Sie war freundlich, häuslich, immer hilfsbereit.

Stimmt, sie war nett. Aber sie liebte mich nie.

Und du selbst?

Vielleicht habe ich sie auch nicht geliebt.

Und dann Darina?

Mutter!

Was, Mutter? Du kannst niemanden zufrieden stellen! Du bist doch ein richtiger Herzensbrecher! Solltest du nicht endlich sesshaft werden, eine Familie gründen und Kinder bekommen?

Lass uns dieses sinnlose Gerede beenden! platzte schließlich Markus aus.

Katrin dachte, ihr Sohn sei wie sein Vater: pedantisch und stur.

Die Jahre vergingen, die Frauen wechselten, doch Katrins Wunsch, endlich Enkelkinder zu sehen, blieb unerfüllt. Dann wechselte Markus die Branche: ein alter Schulfreund bot ihm einen Job auf Handels­schiffen an, und er nahm das Angebot an. Katrin versuchte vergeblich, ihn vom Einstieg abzubringen.

Mutter, das ist eine super Gelegenheit! Weißt du, wie viel man da verdient? Wir könnten alles haben.

Was nützt mir dein Geld, wenn du ständig auf See bist und ich dich nicht sehe? Du solltest doch endlich eine Familie gründen!

Eine Familie muss man ja auch finanzieren! Und wenn die Kinder erst mal groß sind, kann ich nicht mehr einfach wegschippern.

Markus verdiente tatsächlich gut. Nach der ersten Fahrt ließ er die Wohnung renovieren, nach der zweiten eröffnete er ein Konto und schenkte seiner Mutter eine ECKarte.

Damit du nie etwas brauchst.

Ich brauche nichts! Nur keine Enkel mehr, und die Zeit rinnt ich bin schon alt!

Alt? Du hast noch Jahre bis zur Rente! spottete Markus.

Katrin lebte von ihrer bescheidenen Anstellung in einer örtlichen Apotheke. Das Geld war genug für die kleinen Bedürfnisse, und sie dachte: Lass das Geld auf der Karte liegen, Markus wird eh nie nachsehen.

Jahre später kam Markus nach kurzen Trips heim, traf sich mit Freunden, trank Bier, feierte bis spät und sah sich mit verschiedenen Frauen, die er seiner Mutter nicht vorstellte. Auf ihre Vorwürfe reagierte er kühl:

Du machst dir nur Sorgen, weil ich nicht heirate. Ich will nicht heiraten, Mutter.

Katrin fühlte sich verletzt, weil ihr Sohn sie als zu gutgläubig bezeichnete:

Du denkst zu gut von den Menschen, Mutter! Du hast nie die wahren Gesichter meiner Freundinnen erkannt.

Diese Worte nagten an ihr, bis sie ihn eines Abends mit einer jungen Frau sah. Sie ging ohne Scheu auf das Paar zu, errötete bis zur Röte, doch die Mutter musste sich vorstellen.

Milena, eine schlanke, lockige Frau mit einem freundlichen Lächeln, gefiel Katrin sofort. Sie vergaß alle Groll.

Vielleicht hatte er ja wirklich Pech. Vielleicht hat er jemanden so Schönes gefunden.

Die Beziehung zwischen Markus und Milena hielt das ganze Urlaubsintervall. Milena kam mehrmals zu Besuch, war belesen, unterhielt sich gut. Doch als Markus für eine weitere Fahrt abreiste, verschwand Milena plötzlich.

Wir sehen uns nicht mehr. Du sollst keinen Kontakt zu ihr haben, sagte er kurz und fuhr davon.

Katrin grübelte wochenlang, fand jedoch keine Antworten.

* * *

Ein Jahr verging. Markus tauchte gelegentlich heim, doch wenn Katrin nach Milena fragte, blieb er kalt und knapp.

Mutter, das ist meine private Sache. Du sollst dich nicht einmischen.

Katrin stand kurz davor zu weinen.

Wie kannst du das, Mark? Ich sorge mich um dich!

Hör auf! Ich sage es noch einmal: Kein Kontakt zu Milena! Und hör auf, mich zu kritisieren!

Kurz darauf ging Markus wieder zur See, und Katrin lebte weiter mit ihrem Alltag.

Eines Tages betrat in der Apotheke eine Kundin den Laden, um Babynahrung zu kaufen. Es war Milena. Sie senkte schüchtern den Blick, richtete den Hut einer kleinen, im Kinderwagen sitzenden Tochter.

Milena! Ich habe gar nichts von dir erfahren, Markus hat einfach alles verschwiegen.

Milena sah traurig.

So ist es Lass es sein.

Katrin spürte, wie ihr Herz raste.

Sag mir, was zwischen euch passiert ist. Mein Sohn ist doch nicht gerade freundlich.

Egal Ich halte keinen Groll. Lass uns gehen, ich muss noch einkaufen.

Komm doch zu mir! Ich arbeite hier, wir können reden.

In der nächsten Schicht kam Milena wieder, kaufte Babynahrung, und Katrin lockerte das Gespräch. Milena gestand, dass sie schwanger von Markus sei, er jedoch kein Kind wollte er sei ständig auf See, wolle keine feste Beziehung. Und dann sei er verschwunden.

Er ist wohl wieder auf einem Schiff. sagte Milena.

Katrin fiel fast auf die Knie vor dem Kinderwagen.

Ist das meine Enkelin?

Sie heißt Anja.

Anja

Katrin war fassungslos. Sie erfuhr, dass Milena kaum Geld habe, in einer kleinen Wohnung wohne und mit dem Kind kaum über die Runden komme. Sie überlegte, zu ihren Eltern zurückzukehren, doch der Gedanke, ihre Enkelin müsse in eine andere Stadt ziehen, ließ ihr das Herz schwer werden.

Zieh zu mir, Milena, mit Anja! Das ist meine Enkelin, ich helfe dir, finde einen Job und wir teilen das Geld, das Markus schickt.

Was würde Markus dazu sagen?

Er hat keine Ahnung, was er getan hat! Wir müssen das wieder gutmachen.

Katrin schlug vor, die Wohnung auf Anjas Namen umzuschreiben, damit sie rechtlich abgesichert sei. Milena stimmte zögerlich zu, doch der Notar verlangte, dass Markus zuerst aus dem Mietvertrag aussteigt.

Kurz darauf verschwand Milena erneut, ohne Vorwarnung. Katrin konfrontierte sie:

Wo bist du? Willst du wirklich ausziehen?

Milena stammelte: Ich muss Geld vors Voraus erhalten Der Chef sagt, bis die Aufgabe erledigt ist, bekomme ich nichts.

Katrin sah, wie Milena ein großes Taschenpaket unter dem Bett verstaute.

Wohin willst du? Willst du die Wohnung wirklich kündigen?

Ich muss weg, Markus kommt zurück.

Ich lass dich nicht mit Anja allein!

Die Tage vergingen, und die Erwartung von Markus’ Rückkehr wuchs. Am Morgen seines Eintreffens schlich Katrin leise ins Schlafzimmer, um Milena und Anja zu sehen. Milena war nicht da, nur Anja schlief friedlich unter der Decke.

Wo ist sie nur? dachte Katrin, während sie in die Küche eilte, um das Frühstück vorzubereiten.

Ein plötzliches Klopfen an der Tür ließ das Herz der Mutter rasen.

Markus trat ein, trat schwer auf den Türschwellen, sah die kleine Anja im Arm seiner Mutter und starrte verwirrt.

Was ist das hier? Was habe ich verpasst?

Katrin erwiderte mit fester Stimme: Deine Enkelin, Anja! Das ist das, was passiert ist.

Markus blickte ungläubig.

Ich habe Geschwister, aber keine Enkelin?

Katrin schrie laut: Hör auf, das ist kein Scherz! Milena hat mir alles erzählt! Du hast mich verachtet!

Markus verteidigte sich: Ich habe dich gebeten, keinen Kontakt zu ihr zu haben. Was hat das mit diesem Kind zu tun?

Katrin ließ keine Sekunde zu. Du bist zu vertrauensselig, Mutter! Sie wollte nur das Geld, das du ihr gibst.

Ein heftiger Wortwechsel folgte, bis Mark schließlich einräumte, dass er die Wahrheit prüfen wolle. Sie beschlossen, einen DNATest zu machen.

Katrin jubelte: Wir holen das sofort.

Als der Test kam, zeigte er, dass Markus nicht der Vater war. Trotzdem hatte Katrin die Kleine ins Herz geschlossen und weigerte sich, sie gehen zu lassen. Gemeinsam mit Markus beschlossen sie, Anja wie das eigene Kind zu erziehen.

Milena war längst verschwunden, ihre Elternrechte wurden gerichtlich entzogen, und das Sorgerecht musste monatelang gekämpft werden. Markus bekam das Sorgerecht verwehrt, während Katrin wieder in die Apotheke zurückkehrte, um ihr Einkommen zu sichern, und Anja in den örtlichen Kindergarten kam.

Ein Jahr später kehrte Markus von einer langen Fahrt zurück, diesmal mit einer Frau an seiner Seite.

Darf ich vorstellen, Mutter, das ist Sonja. Wir werden jetzt zusammenleben.

Katrin war zunächst sprachlos, wischte sich eine Träne vom Gesicht und lächelte, während Sonja höflich die Hand schüttelte.

Es ist schön, Sie kennenzulernen, Frau Müller. Ich habe viel von Ihnen gehört und bewundere, wie Sie sich um Anja gekümmert haben.

Wir werden Anja gemeinsam großziehen, und ich bin sicher, dass wir ihr ein gutes Leben bieten.

Katrin strahlte vor Glück, schob den Esstisch heran und rief: Kommt rein, wir haben ein Festmahl vorbereitet! Endlich sind wir eine Familie.

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Homy
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Die sehnsüchtig erwartete Enkelin
Nichts, liebe Mutter! Du hast doch dein eigenes Haus – dort wohnst du! Komm bitte nicht mehr vorbei, es sei denn, wir laden dich ein. Meine Mutter lebt in einem kleinen, gemütlichen Dorf am Flussufer. Direkt hinter dem Grundstück beginnt ein Waldstreifen, und zur Saison kann man dort beeindruckende Mengen Beeren und Pilze sammeln. Schon als Kind bin ich mit einem Korb über die vertrauten Lichtungen gelaufen und habe die Nähe zur Natur genossen. Geheiratet habe ich einen Klassenkameraden, dessen Eltern gleich gegenüber von meiner Mutter wohnen, aber ihr Grundstück hat keinen Zugang zum Fluss und zum Wald. Deshalb bleiben wir, wenn wir aus der Stadt kommen, meist bei meiner Mutter. In letzter Zeit hat meine Mutter sich sehr verändert – ob wegen des Alters oder aus Eifersucht auf meinen Mann, unsere Urlaube endeten oft mit Streit. Es wurde immer schwieriger, alles friedlich zu lösen. Als wir einmal bei den Eltern meines Mannes übernachteten, schaffte es meine Mutter sogar, sich mit ihrer Schwiegermutter zu streiten – um absolute Kleinigkeiten. Die Schwiegermutter war so aufgebracht, schrie so laut, dass die ganze Straße davon hörte, wie sie sich gegenseitig alte Vorwürfe machten. Einen Monat später, nachdem sich alle wieder beruhigt hatten, kamen mein Mann und ich auf die gute Idee, ein eigenes Haus zu bauen – damit niemand auf den anderen böse ist, wir einen Ort für Besuche haben und uns wirklich zu Hause fühlen können. Die Frage des Grundstücks war lange ungeklärt, aber schließlich hat es irgendwie geklappt. Mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter halfen begeistert bei der Bauarbeit. Mein Schwiegervater war ständig auf unserer Baustelle präsent. Nur meine Mutter machte Probleme. Sie kam vorbei, gab Ratschläge, kritisierte, was schon gemacht war – kurzum: Auch hier ließ sie uns keine Ruhe. So bauten wir das Haus. Es war eine Tortur. Ein Jahr später war das Haus fertig. Wir hofften auf Ruhe – doch die blieb aus! Die Mutter hörte nicht auf mit ihren Besuchen, nannte uns egoistisch, meinte nun, sie käme gar nicht mehr auf Hilfe. Dabei berücksichtigte sie nicht, dass mein Mann stets alle Arbeiten auf ihrem Grundstück erledigte – Rasen mähen, Dach reparieren usw. Eines Tages sagte meine Mutter: „Warum kommt ihr überhaupt her? Sitzt doch in der Stadt, und wenn ihr hier seid, protzt ihr mit eurem Wohlstand.“ Das war die letzte Tropfen Geduld für meinen Mann. Ganz ruhig ging er auf die Schwiegermutter zu, aber in seiner Ruhe lag etwas, das meine Mutter bis zur Tür zurückweichen ließ: „Was ist los, Schwiegersohn?“ „Nichts, liebe Mutter! Du hast doch dein eigenes Haus, dort wohnst du! Komm bitte nicht mehr – außer wir laden dich ein. Gönn uns wenigstens ab und zu ein freies Wochenende. Wenn du Hilfe brauchst, ruf uns an, und wenn’s mal brennt, sind wir sofort da!“ „Wovon redest du? Was für ein Brand?!“ Bei diesen Worten ging meine Mutter beinahe lachend zur Tür. Mühsam hielt ich mein Lachen zurück, als ich sah, wie sie sich umschaute und zum Tor eilte. Mein Mann hob die Hände: „Na, entschuldige, vielleicht war das mit dem Feuer etwas überspitzt…“ „Nein, genau richtig!“ Und wir haben noch lange gemeinsam gelacht, in Erinnerung an Mamas Gesichtsausdruck. Seitdem ist es ruhig bei uns. Die Mutter kommt nicht mehr zu Besuch, nimmt die Hilfe meines Mannes an, spricht aber nur noch per Ja-nein-Prinzip mit uns. Wahrscheinlich denkt sie immer noch an diesen Brand…