DER LETZTE ANKERplatz

LETZTES ZUFLUCHTSORT

Helga Schmidt brachte ihre Tochter Lena spät und allein zur Welt. Es war Ende der achtziger Jahre, das Viertel Prenzlauer Berg war ein tristes PlattenbauLabyrinth, das kaum mehr Neugier als stumpfe Resignation weckte.

Sie lebten zusammen in einer kleinen Etagenwohnung. Helga behandelte Lena wie ihr persönliches Eigentum, ein kostbares Stück, das sie wie einen alten Fernseher unter einer samtigen Decke verborgen hielt ein kleines Bühnenstück hinter dem Vorhang.

Lena absolvierte die Realschule, schloss das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der HumboldtUniversität ab ein Wunsch ihrer Mutter, der ihr nie gefiel und wurde Lehrerin am Berufsbildungszentrum für Handel. Die Schüler mochten sie nicht, und sie fürchtete sie: laut, ungestüm, ungehorsam.

Nach dem Unterricht kehrte sie heim, aß mit ihrer Mutter zu Abend und setzte sich dann vor den alten Röhrenfernseher. Helga wechselte zwischen der kleinen Bühne und Lenas zarten Fingern, die eifrig mit Stricknadeln einen klaren Musterlauf erledigten, während sie leise die Maschen zählte.

Kommt eine Satire oder ComedySendung, lacht Helga laut und neckt ihre Tochter, als wolle sie das einsame Leben, das sie ihr auferlegt hatte, ein wenig ausgleichen.

Lenas Freundinnen waren Hannelore, eine ehemalige Klassenkameradin, und Marlies, die Nachbarin. Sie trafen sich höchstens bis zehn Uhr abends, sonst würde Helga die Nase rümpfen. Als die Freundinnen ihre eigenen Liebesbeziehungen fanden, wurden die Treffen seltener und kürzer. Lena selbst hatte keinen Freund, aber sie war heimlich verliebt. Sein Name war Klaus Weber, in der Schule scherzten die anderen Bonaparte über seine eigenartige Mütze, die an ein Dreieck erinnerte.

Klaus wohnte nicht weit entfernt und hatte offenbar ebenfalls eine Freundin. Lena fragte sich, was zu tun sei, wenn ihr heimlicher Schwarm ihr nie Beachtung schenkte. Das Aussehen des Jungen war gewöhnlich, wie Helga oft sagte, die Schüchternheit, die er zeigte, passte nicht zu einem wilden Mädchen der Oberstufe.

Ihr ganzes Leben, seit der UniZeit, war weniger ein Abenteuer als eine triste Odyssee.

Zum 20. Geburtstag organisierte Helga ein festliches Mittagessen und gestattete Lena, Freundinnen einzuladen jedoch ohne Jungen. Die jungen Frauen kamen geschmückt, fröhlich, mit Blumen und Geschenken. Das Essen war jedoch fade, gefüllt mit Helgas Anekdoten aus ihrer Jugend. Auf dem Tisch standen Salate, schwer von Mayonnaise, die wie neugierige Erbsen blickten. In einer kristallenen Karaffe glitzerte trockener Weißwein, und dazu kam ein Pilzbraten.

Die Mädchen aßen, verließen rasch das Haus, ohne auf den misslungenen Honigkuchen zu warten. Beim Tee mit dem Kuchen saßen sie zu zweit, Lena schluckte Tränen, zog sich an und sagte ihrer Mutter, sie wolle spazieren gehen. Die Feier hatte ihr nicht gefallen.

Sie ging zu Klaus Wohnung, hoffte ihn zu finden, aber er war nicht da. Die Nachbarinnen auf der Bank erklärten, er sei für ein paar Monate in den Süden gefahren, um Geld zu verdienen. Das war das Ende ihres Kreises der Einsamkeit doch das Schicksal hatte noch ein Blatt zu spielen.

Ein plötzlicher Regen prasselte, sie beschleunigte ihren Schritt, ein Auto hielt abrupt. Die Tür öffnete sich, und ein unbekannter Mann bot ihr eine Mitfahrt an.

Er hieß Michael Berger. Er erfuhr, dass es Lenas Geburtstag war, fuhr sie zu einem kleinen Café und lud sie auf einen Kaffee ein.

Alles wäre harmlos gewesen, wäre Michael nicht ein wortreicher, verheirateter Mann gewesen seine Frau war auf Dienstreise, und er fühlte sich einsam. Nach einem Glas Sekt und einem Stück Torte lud er Lena in seine Wohnung ein.

Sie hätte aus Stolz und Scham heraus abgelehnt, doch das knurrende Geräusch ihrer Mutter im Hinterzimmer und die kalten Hände des kaum Bekannten drängten sie, das Angebot anzunehmen.

Als sie gegen Mitternacht in einem fremden Sofa erwachte, umhüllt von einer kratzigen Decke, erstarrte ihr Herz. Nichts an diesem Abend passte in das Bild einer ehrbaren, jungen Frau. Michael saß in der Küche und trank Tee.

Sie sprang auf, er folgte ihr, entschuldigend, ohne Versprechen. Er versuchte einen freundschaftlichen Kuss, doch Lena schob ihn zurück und rannte nach Hause, verweigerte sogar die angebotene Mitfahrt.

Helga lag seitlich zur Wand gekrümmt. Lena pflegte sie die nächsten drei Tage, reichte ihr PfingstroseTinktur. Helga wirkte blass, ging nicht mehr zur Arbeit, nahm Krankengeld. Sie sprach kaum mit ihrer Tochter, weil das HerzattackenGefühl ihr Sorgen bereitete.

Wenig später rief eine Freundin von Helga zu einem Ausflug auf die Havel ein, um frische Luft zu schnappen und die Natur zu genießen. Helga kehrte lächelnd und geheilt zurück, das Leben schien wieder zu fließen.

Klaus kehrte nach Berlin zurück, als Lena bereits dreißig war, mit seiner Frau und zwei Kindern.

Lena hütete die leise Hoffnung, dass sie sich eines Tages wiedersehen würden, dass das Schicksal sie zusammenführen könnte bislang jedoch blieb das bloß ein Traum. Ihre Einsamkeit war zur Lebensweise geworden, und die Jahre zogen weiter.

Helga ging in den Ruhestand, fand einen Freund, Paul Ivers, einen grauen, kurzsichtigen Mann mit dicken Brillengläsern. Er begleitete sie regelmäßig im Tiergarten spazieren und fragte fast schon frech die fast vierzigjährige Lena:

Wo bleibt Ihr Traummann, meine Süße? Nehmen Sie nicht das Beispiel Ihrer Mutter.

Lena wollte antworten, hielt jedoch inne, um nicht unhöflich zu wirken. Paul kam immer wieder zu ihnen, bis Helga verstarb. Keine PfingstroseTinktur, kein Arzt konnte ihr mehr helfen; sie schwebte leise davon.

Sie bestatteten Helga gemeinsam mit Paul Ivers. Lena wurde von ihren Freundinnen gerettet, die ihre eigenen Familien und Ehen vernachlässigten, um bei ihr zu bleiben. Pauls Geist blieb spurlos, zeigte sich nicht mehr in Lenas Haus.

Eines späten Abends klingelte das Telefon. Ist das der alte Kerl? dachte Lena flüchtig. Doch an der Tür stand Klaus, mit besorgtem Blick, Falten um die Nase, die Sorgen verrieten.

Lena stand fassungslos da, Gesicht noch geschwollen von Tränen, Helgas Nachthemd, Hausschuhe, das Haar wie ein Rabenhorst.

Entschuldige, stammelte Klaus, Hannelore hat mir von deinem Verlust erzählt, ich wusste nichts.

Er führte sie in die Küche, während sie sich hastig in Sportkleidung umzog, das Aussehen zu verbergen. Ihr Gesicht zu retten, war zwecklos er müsse sie einfach ertragen.

Während sie sich umzog, fiel ihr ein: Sie hatte Hannelore kürzlich gestanden, dass sie seit der Schulzeit in Klaus, den Bonaparte, verliebt sei. Dummheit! Jetzt stand er hier, ein verheirateter Mann, nutzlos und unnötig.

Sie tranken schweigend Tee. Doch Klaus begann zu reden, erzählte von seiner nicht glücklichen Ehe, von Kindern, die die Mutter mehr lieben, und von seiner inneren Leere trotz äußerem Wohlstand.

Weißt du, sagte Lena leise, bevor sie ging, es wird schlecht für dich, wenn du bleibst.

Er verschwand.

Wie kommt Bonaparte auf die Insel der heiligen Helena? witzelte er halbherzig.

Jeder hat sein eigenes Ankerplatz im Leben, Klaus, erwiderte Lena.

Ein Jahr später war alles wie vorhergesagt. Klaus Sohn zog zum Studium in Hamburg, seine Frau ließ ihn und nahm die Tochter mit. Er kam zu Lena, müde, abgekämpft, und fragte:

Hast du noch ein freies Plätzchen?

Sie sah auf seine vergrauten Schläfen, die müden Augen, die zitternden Hände und sagte:

Freien.

Die Einsamkeit wich, löste sich in Nichts. Ihre Liebe bekam greifbare Formen, umhüllte Klaus mit Fürsorge, unerschöpfter Wärme und einer zarten, nur für ihn reservierten Zärtlichkeit.

Ob er sie liebte, fragte sie sich nicht mehr. Klar war nur: Glück entsteht dort, wo man liebt und die Liebe zu schätzen weiß. Klaus wusste das, und er machte Lena endlich glücklich.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: