Eines Morgens erwacht die alte Gretel Schneider, ihr silbergraues Haar zittert, die Hände beben. Sie ist schon betagt, doch ihr Geist ist noch klar. Jeden Tag, bevor sie die Sonne begrüßt, tritt sie in ihren Garten, wendet sich dem aufgehenden Licht zu und dankt dem Himmel für ein weiteres Tagestück auf Erden für Schmerz und Freude, für Leid und Heilung.
Dann kocht sie einen Kräutertee, setzt sich auf die Bank vor dem Fenster und wartet. Vor ihrem Haus, das am Rand einer kleinen bayerischen Straße steht, geht ein Mann vorbei. Sorge liegt schwer auf seinen Schultern, ein unsichtbarer Stein drückt sein Herz. Er hält am Zaun, blickt zu Gretel, die mit zitternder Hand eine Tasse hält. Sie lächelt ihm zu und winkt ihn herein.
Der Mann nimmt den heißen Tee, fühlt, wie Wärme sein Inneres durchdringt. Gretel nickt zufrieden und beginnt zu arbeiten.
Eines Tages wirst du erwachen und merken, dass die Welt nie wieder dieselbe ist. Was gestern noch wertvoll war, verliert heute jede Bedeutung, sagt Gretel, während sie trockene Kräuter sortiert. Im Jetzt existiert nur das, was du fühlst und siehst.
Der Mann senkt den Kopf, lächelt traurig und spricht:
Wie gern würde ich all den Reichtum der Erde opfern, um das Gestern zurückzuholen. Ich wünschte, das Heute käme nie mit seiner neuen Wertigkeit. Das, was ich mehr liebte als das Leben selbst, liegt im gestrigen Tag.
Meine Frau und ich hatten keine Kinder, weil sie keine bekommen konnte. Ich liebte sie allein dafür, dass sie an meiner Seite war. Unser Leben war erfüllt vom gegenseitigen Liebesbekenntnis.
Dann kam unser kleiner Fritz. Anfangs war er tollpatschig, machte Pfützen im Flur und heulte nachts an unser Bett, bis meine Frau ihn zu uns brachte. Mit wedelndem Schwanz leckte er ihr Gesicht, rollte sich zu uns zusammen und schlief zwischen uns.
Fritz wurde zu unserem Kind. Er wuchs vor unseren Augen, liebte uns bedingungslos und trauerte, wenn wir lange fort waren.
Wenn wir reisten, fuhr er mit uns; schließlich ist er unser Kind und muss immer bei uns sein.
Eines Tages erreichten sie den herrlichen Chiemsee. Das Wasser glitzerte, der Himmel war blau, und ringsum war Stille. Der Mann stellte das Zelt auf, entzündete ein Feuer, pumpte ein Ruderboot auf und fuhr zur Mitte, um zu fischen. Die Frau und Fritz blieben am Ufer und spielten. Meine liebste Menschen!
Plötzlich hörte er das Aufheulen eines Motors nicht, das Krachen eines Aufpralls überhörte er. Fritz lauter Bellruf schien nur ein Spiel zu sein so bellte er immer, wenn etwas Aufregendes passierte. Erst als das schreiende Rufen seiner Frau an ihm vorbeiging, begriff er das Unglück.
Er strebte mit aller Kraft zum Ufer, doch er kam zu spät. Die leblosen Körper seiner Frau lagen neben dem Auto, Fritz lag daneben, sein Blick voller Verzweiflung, Blut floss aus einer Bauchwunde. Er rettete den Hund, doch Fritz hielt nur ein halbes Jahr durch. Wie der Mann liebte er seine Mutter, seine Frau. Ohne sie war sein Dasein sinnlos.
Und ohne sie war auch sein eigenes Leben leer. Ihr redet davon, dass das Gestern nichts mehr wert ist, sagte Gretel, während ihre Finger weiter die Kräuter durchgingen. Sie sog seine Worte auf, ließ sie los, reinigte sie von der Bitterkeit des Verlustes. Als sie das Haus verließ, hielt sie einen kleinen Fläschchen mit trüber Flüssigkeit in der Hand.
Nichts geschieht im Leben eines Menschen ohne Grund. Manches stärkt uns, manches schwächt uns, doch beides lehrt uns etwas. Unsere Aufgabe ist, die richtigen Lehren zu ziehen. Dein Kummer ist gewaltig, ich kann dich nicht heilen, aber ich sage dir: Lebe im Hier und Jetzt. Du weißt nicht, was morgen wertvoll sein wird, weil das Morgen erst zum Heute wird.
Sie reichte ihm das Fläschchen. Nimm diese Tropfen, gib sie abends in deinen Tee, dann werden deine Träume ruhiger.
Der Mann steckte das Fläschchen in seine Tasche und ging zur Torpförtnerseite. Gretel ließ sich auf die Bank fallen und sah ihm nach, den Kopf schüttelnd. Kaum hatte er das Haus verlassen, erblickte er am Wegesrand einen kleinen, tollpatschigen Hund, der an Fritz erinnerte. Eine Träne lief über seine Wange, der Hund leckte sie ab und kuschelte sich an seine Brust.
Eines Tages wirst du erwachen und erkennen, dass die Welt nie wieder dieselbe ist. Was gestern noch kostbar war, verliert heute seine Bedeutung, flüsterte Gretel leise, während sie die trockenen Kräuter weiter sortierte.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Das Leben ist ein ständiger Wandel; wahre Beständigkeit finden wir nur im bewussten Annehmen des gegenwärtigen Moments.





