Alles gut, Maren. Und Heike hat sich gut benommen. Wir haben uns ein wenig die Haare geschnitten. Ja, Häschen?
Mama ihr da was? spannte Maren die Stimme, drückte das Telefon fester an die Ohren.
Wir haben die Schönheit draufgepackt. Komm rüber, dann siehst dus, kicherte Waltraude Romann, und Maren hörte ein kurzes Piepen am anderen Ende.
Ein mulmiges Gefühl schnürte Maren die Brust. Sie griff nach den Autoschlüsseln, sprang in den Wagen und fuhr zur Mutter.
Heike ein außergewöhnliches Kind. Schon bei ihrer Geburt war klar, dass sie ein kleiner Engel war. Hellblondes, lockiges Haar umrahmte ihr zartes Gesicht, und ihre riesigen blauen Augen funkelten wie Morgenlicht. Schon im Ultraschall hatte die Ärztin die Locken entdeckt. Maren lachte, weil sie nicht glauben wollte, dass das Baby wirklich Locken haben könnte. Und als ihr im Kreißsaal das kleine Wesen präsentiert wurde, sah sie nicht nur Locken, sondern bereits eine kunstvoll gestylte Frisur.
Heike wuchs ohne Murren, gab ihrer Mutter von Anfang an die Möglichkeit, auszuschlafen. In der Nacht schlief sie fest, und das Stillen war nie nötig. Maren staunte, wenn ihre Freundin ihr von der Erschöpfung mit ihrem neugeborenen Sohn erzählte, der Tag und Nacht verwechselte, kaum schlief und nur dann schlief, wenn er auf den Armen seiner Mutter schaukelte. Sobald die Mutter mit ihm im Sessel Platz nahm, erwachte das Kind sofort und weinte das ständige Wiegen dauerte rund um die Uhr. Wenig essen, wenig schlafen
Bei Maren und Heike war das genau umgekehrt: beide schliefen gut, ihr Mann Klaus ging erholt zur Arbeit. Die Milchproduktion lief reichlich, und Heike hatte einen unersättlichen Appetit. So verging das erste Jahr im Rhythmus von Schlaf und Nahrung.
Dann kam das zweite Jahr. Heike begann zu laufen. Es wurde schwieriger, aber auch interessanter. Alle Schranktüren mussten fest vernagelt, Griffleisten mit speziellen Beschlägen gesichert, die Ecken von Möbeln eingewickelt werden, damit das kleine Mädchen nicht dagegen stieß. In dieser Phase schaffte Maren alles allein, ohne fremde Hilfe. Die Großmütter beider Seiten kamen zu Besuch, spielten mit Heike, brachten Geschenke, doch Maren brachte die Tochter erst zu ihrer Mutter, als Heike anderthalb Jahre alt war auf Drängen der Großmutter, die immer wieder bat, ihr Enkelkind zu sehen.
Waltraude Romann war pensioniert, ihr ganzes Berufsleben hatte sie im Kindergarten verbracht zuerst als Erzieherin, später als Köchin. Mit Kindern umgehen, das kannte sie in- und auswendig, doch Maren war misstrauisch und traute ihrer Tochter niemandem.
Waltraude setzte zu einer Beschwerde an:
Was soll das heißen? Du vertraust deiner Mutter nicht! Ich bin doch nicht fremd! Was kann denn passieren? Heike ist ein gesundes Mädchen, keine Allergien, keine Krankheiten also nichts, was uns Sorgen machen könnte. Warum bringst du sie mir nicht für einen Tag? Dann könntest du dich entspannen und ein bisschen shoppen gehen.
Mama! Ich bin nicht müde. Heike sitzt im Kinderwagen, und ich schlendere damit ganz problemlos durch die Läden.
Aber das ist ja nur im Supermarkt, für die Lebensmittel. Und du wolltest dir doch eine neue Jacke kaufen! Das schaffst du nicht, wenn du mit Heike und dem Kinderwagen unterwegs bist. Lass die Jacke erst bei mir, dann fährst du hin.
Der Gedanke an die Jacke war der entscheidende Anstoß. Maren wollte tatsächlich eine neue Jacke, aber das Einkaufen alleine schien ihr leichter, weil das Auto bereitstand.
Sie packte einen Haufen Sachen, von denen sie dachte, dass ihr Heike für einen halben Tag alles benötigen könnte, schrieb eine Liste mit wertvollen Anweisungen und brachte die Tochter zu Waltraude.
Hier, ein Zettel liegt in der Tasche. Darauf steht, wann du sie zum Schlafen hinlegen sollst, welchen Brei du geben musst. Der Brei liegt hier. Mama, schau nur, wenn sie ihr kleines Pony verliert, weint sie sehr und schläft nicht mehr. Sie isst dabei. Du gibst ihr einen Löffel einen für Heike, einen für das Pony, als würde das Pony auch essen. Und sie frisst alles mit Genuss. Und da ist noch ein Buch, das wir oft zusammen lesen. Ich zeige darauf, und Heike drückt mit dem Finger auf die Bilder, da spielt Musik und
Maren! schnitt Waltraude ihr das Wort ab. Was soll das! Ich weiß doch, wie man mit Kindern umgeht! Alles wird gut, mach dir keine Sorgen. Sie ist kein Baby mehr, schon anderthalb.
Waltraude nahm Heike auf den Arm, trug sie ins Wohnzimmer, setzte sie auf das Sofa und begann zu spielen:
Klatsch, klatsch Husch, flieg, setz dich auf den Kopf!
Heike strahlte, zeigte ihre kleinen, reisähnlichen Zähne.
Maren vergaß völlig, wie befreiend es war, sich vom Alltag abzulenken und einfach das Steuer zu ergreifen. Sie schlenderte vergnügt durch das Einkaufszentrum, ein seltenes Gefühl von Leichtigkeit erfüllte sie. Sie kaufte ein paar Kleidungsstücke, dann trat sie in ein Café, trank Kaffee mit einem Stück Torte, saß gemütlich da, ohne Eile. Anschließend fuhr sie weiter zu einem anderen Geschäft, wo sie endlich die ersehnte Jacke die, die sie sich in Euro ausgedacht hatte auswählte.
Sie dachte die ganze Zeit an Heike, schrieb ihrer Mutter SMS, doch Waltraude antwortete immer nur: Alles gut. Und schickte Fotos von Heike, die fröhlich spielte oder aß.
So verging der Tag. Klaus nickte zustimmend, als Maren ihm von ihrem freien Tag erzählte:
Genau richtig! Deine Mutter ist keine Fremde, und sie kann mit den Kindern umgehen. Lass sie mit ihrer Enkelin reden. Sie hat ja nur diese eine. Meine Mutter hat schon fünf Enkel, das macht keinen Unterschied, sagte er lachend. Und ihr reicht die Gesellschaft mit den Kleinen. Am Wochenende bleibt sie immer bei uns. Meine Brüder sind völlig verpeilt, sie kümmern sich nicht um die Mutter. Und deine warum zögerst du denn?
Bevor Maren zu ihrer Tochter fuhr, rief sie Waltraude an, um zu erfahren, wie es dort sei.
Waltraude hatte beschlossen, Heike die Haare zu schneiden.
Es war höchste Zeit für den ersten Haarschnitt. Sie hat ein bisschen zu viel Haar, das hängt ihr im Nacken. Und nach dem Schnitt sieht das Haar noch besser aus.
Mama! Maren schluchzte fast. Sie sah doch schon gut aus. Warum? Warum?
Weise Leute sagen das. Nach dem ersten Lebensjahr muss man die Haare schneiden! Sieh dir Leonie an, die ihren kleinen Erik kahl rasiert hat das war richtig. Als ich auf dem Land aufwuchs
Mama! Erik ist ein Junge! Und Heike Gott, zumindest hast du sie nicht kahl rasiert! Hast du wenigstens gefragt?
Waltraude presste die Lippen zusammen:
Was soll daran so schlimm sein? Ich verstehe nicht, warum das Aufsehen erregt. Ein kurzer Haarschnitt, das ist alles.
Plötzlich fing Heike an zu weinen, Maren hob sie sofort hoch, zog ihr sanft die Jacke über und versuchte, nicht auf den frisch geschnittenen Kopf zu schauen, denn Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie setzte Heike in den Autositz, griff nach der Tasche und verließ schweigend das Haus der Mutter.
Klaus wirkte überrascht, als er die Tochter sah. Er war gewohnt, dass Heike wie ein Weihnachtsengel aussah, doch jetzt wirkte sie eher wie ein Kind aus einem Waisenhaus. Er zuckte mit den Schultern, kratzte sich am Hinterkopf und sagte zu Maren:
Maren, mach dir nicht so einen Wirbel um die Haarpracht. Sie wird nachwachsen.
Ich werde ihr nie wieder ein Lächeln erlauben, sagte Maren, verschränkte die Arme und starrte ins Leere.
Habt ihr euch gestritten? fragte Klaus vorsichtig.
Wie soll ich das wissen? Sie hätte wenigstens fragen können! Jetzt fängt sie an, mir Aberglauben aufzuzählen: wachsende Monde, klare Tage! Ich dachte nicht, du bist so düster und abergläubisch
Waltraude saß zu Hause und telefonierte mit ihren Freundinnen. Sie erzählte, wie ungerecht ihre Tochter ihr gegenüber gehandelt habe, weil sie nur das Beste wollte. Sollte man sich über so einen Kleinkram streiten? Die Haare wachsen schnell! Und die Mutter zu beleidigen, das sei das Letzte.
Ach, Maren, ich habe dich schlecht erzogen undankbare, murmelte Waltraude, während sie die Nummer einer ihrer zahlreichen Freundinnen wählte, um von dem skandalösen Vorfall zu berichten.
Wie kann man das Kind nicht mehr zu uns bringen? Du musst doch vor Gericht gehen!, riet eine Freundin, die als Anwältin arbeitete, und verwies auf das Familienrecht, Artikel 67, das Recht auf Umgang mit dem Kind für Großeltern, Geschwister und andere Verwandte.
Wir sind doch Familie!, protestierte Waltraude.
Dann haltet durch, seufzte die Freundin. So geht es uns allen. Wir haben sie großgezogen, uns selbst entsagt, und sie





