Ich weigere mich, den Berg Geschirr für die Verwandten meines Mannes nach Mitternacht zu spülen, flüsterte ich, während die alten Kuckucksuhren im Flur ihr letztes Stöpseln gaben.
Lena, wo sind die kleinen Löffelbrote mit Kaviar? Die Gäste sitzen schon am Tisch, und unser Buffet ist kahl! Willst du mich vor den Schwiegereltern bloßstellen? rief Frau Hannelore Weber, die mit beiden Händen in die glänzenden Ärmel ihres seidenen Kleides gepresst stand, an der Küchentür.
Lena zog die klebrige Haarsträhne vom Stirnwall, fast das Blech mit französischem Rindfleisch aus den Händen fallend. Die Hitze aus dem Ofen streifte ihr Gesicht, übertönte für einen Moment den Duft von Mayonnaise und gekochtem Gemüse, der seit dem Morgen des 30. Dezembers an die Wände der Wohnung geklebt schien.
Frau Weber, der Kaviar liegt im Kühlschrank, ganz unten. Ich schaffe es nicht, das Fleisch brennt, sagte Lena, bemüht, gleichmäßig zu sprechen, obwohl ihr Inneres vor Anspannung zitterte. Vielleicht kann Anneliese helfen? Sie sitzt doch nur am Handy.
Anneliese ist müde, sie kam gerade erst von der Autobahn!, schaltete die Schwiegermutter ein, while sie demonstrativ in die Töpfe lugte. Und ihr Nagellack ist noch frisch, fast silbern für das neue Jahr. Und du, meine Liebe, hast die Aufgabe, den Tisch so zu decken, dass er platzt. Wir kamen von ganz außen in der Stadt, durch den Stau.
Aus dem Wohnzimmer dröhnte das Geräusch des Fernsehers, wo zum hundertsten Mal Janine Müller nach St. Petersburg flog, während das laute Lachen der Schwägerin Silke erklang. Auf dem Sofa saß Lenas Ehemann, Sebastian Kraus, und wechselte träge die Programme, während seine zwei lauten Zwillingsneffen von den Sesseln auf den Boden sprangen und ein leichtes Erdbeben auslösten.
Lena griff nach dem Kaviarglas. Ihre Hände zitterten verräterisch. Der ganze 31. Dezember war ein Nebel aus Schneiden, Kochen, Braten und Aufräumen. Sebastian versprach zu helfen, doch sobald seine Mutter, seine Schwester und deren Kinder ankamen, verwandelte er sich sofort in den Ehrengast seiner eigenen Wohnung.
Und ein bisschen mehr Öl, bitte, nicht sparen, kritzelte die Schwiegermutter über Sebastians Schulter. Letztes Mal war alles trocken. Und warum ist das Brot so dick? Man sollte ein Baguette holen. Man muss alles lernen Sebastian! Sieh dir den Salat Mimosa an, er ist zu blass, du hast die Eier wohl zu lange gekocht.
Sebastian trat ein, ein halb gegessener Mandarine in der Hand.
Mama, wieso das Aufhebens? Der Salat ist in Ordnung. Lena, beeil dich, die Kuckucksuhren schlagen gleich, und das alte Jahr ist noch nicht richtig verabschiedet. Ich habe Hunger.
Er schenkte seiner Frau nicht einmal einen Blick zu, während sie gleichzeitig Brot bestrich, das Fleisch im Auge behielt und versuchte, nicht auf die panische Katze zu treten, die unter den Schreien der Kinder umherflitzte.
Das Fest begann lautstark. Anneliese, Sebastians Schwester, ergriff sofort die Aufmerksamkeit und schwenkte die Arme, während sie erzählte, wie ihr Mann, leider wegen einer wichtigen Dienstreise, ihr ein neues iPhone geschenkt hatte. Die Zwillinge griffen die Wurststücke mit den Händen, ließen Krümel auf den frisch gewischten Teppich fallen und schütteten Saft auf das neue Tischtuch.
Ach, das macht nichts, das sind ja Kinder, winkte Frau Weber ab, während Lena nach einer Serviette griff, um den Kirschsaftfleck zu entfernen. Waschen wir das später. Hauptsache, sie haben Spaß. Anneliese, nimm dir die Pilze, die aus dem Supermarkt kommen, sie sollen ja essbar sein. Und du, Lena, hast die Gurken wohl zu stark gesalzen.
Lena saß halb auf einem Stuhl, halb im Leerezustand der Erschöpfung. Der Blick auf den Essensberg, den sie zwei Tage für das Geschenk an ihre Chefin zubereitet hatte, ließ sie den Geschmack nicht mehr wahrnehmen.
Lasst uns auf unseren Sebastian anstoßen!, rief die Schwiegermutter, das Glas mit Sekt erhoben. Wie ein Held, Versorger, Familienernährer! Goldener Mann!
Sebastian lächelte breit, breitete die Schultern, und Lena spürte, wie fast ein Schluck vom Kirschsaft fast zu ersticken drohte. Der Versorger, der seit einem halben Jahr in Teilzeit arbeitete und über das harte Schicksal klagte, während Lena zusätzliche Freelance-Projekte annahm, um die Hypothek für die Wohnung zu tilgen. Sie schwieg, drückte das Glas fester.
Die Zeit schlich zu Mitternacht. Der Präsident hielt seine Ansprache, die Kuckucksuhren schlugen zwölf, und die Geschenke wurden überreicht.
Lena zog schöne Päckchen hervor. Für Frau Weber ein teures AntiAlterSet, das sie schon vor einem Monat angedeutet hatte. Für Anneliese ein Gutschein für ein ParfümerieGeschäft. Für die Zwillinge teure Bausätze, die fast so viel kostet wie ein Flugzeugflügel. Für Sebastian neue kabellose Kopfhörer.
Oh, danke, blätterte Frau Weber halb achtlos durch das Paket. Eine Creme? Na gut, für die Fersen. Dann wandte sie sich an Lena. Und wir haben auch ein Geschenk für dich, Liebes.
Silke, die Schwägerin, reichte Lena ein kleines durchsichtiges Täschchen. Darin lagen zwei Küchenhandschuhe mit Schweinegesichtern und ein Set Spülschwämme.
Damit du in der Küche mehr Spaß hast!, lachte Anneliese. Das Jahr des Schweins, oder? Egal, alles nützlich im Haushalt.
Danke, murmelte Lena, ein Schwall Ärger stieg ihr in den Hals. Nicht wegen des Werts, sondern wegen der demonstrativen Haltung: Dein Platz ist die Küche, hier bekommst du das Werkzeug.
Nach ein bis zwei Stunden erreichte die Feier ihren Höhepunkt. Der Tisch verwandelte sich in ein Schlachtfeld: schmutzige Teller türmten sich, Salatschüsseln halb leer und vermischt, Hühnerknochen, Mandarinenhäute und BonbonPapier lagen überall. Die Kinder schliefen bereits im Gästezimmer, das unbemerkt das Hauptbett der Eltern eingenommen hatte. Die Erwachsenen versammelten sich auf dem Sofa, um Blaues Licht zu sehen.
Lena begann, das schmutzige Geschirr zu stapeln, eine Platte nach der anderen in die Spüle zu tragen. Der Berg wuchs. Fettige Backbleche, Töpfe voller eingetrockneten Pürees, Gläser mit Lippenstiftspuren.
Frau Weber gähnte breit.
Was für ein gemütlicher Abend. Sebastian, bring noch einen Tee, bitte mit Zitrone. Und den Kuchen, wo ist er?
Lena blieb mit einer schmutzigen Gabel erstarrt.
Der Wasserkocher ist gerade erst aufgekocht, flüsterte sie. Könnt ihr selbst einschenken? Ich räume das Geschirr ein.
Lena!, schrillte die Schwiegermutter, ihr Ton wie Metall. Willst du den Gästen das Selberbedienen befehlen? Wir sind Gäste oder im Selbstbedienungsrestaurant? Unhöflich!
Sebastian, ohne den Bildschirm zu verlassen, brummte: Lena, mach bitte schnell den Tee für Mama, das ist doch klar.
Lena goss Tee ein, schnitt den Kuchen an, verteile Stücke. Anneliese aß ein Stück, bat um Nachschlag, dann klagte sie, dass die Creme zu fettig sei und ihr übel mache.
Um zwei Uhr morgens begannen die Gäste zu gähnen.
Genug, es ist Zeit zum Schlafen, erklärte Frau Weber, streckte sich. Anneliese mit den Kindern ins Schlafzimmer, wir legen uns hier aufs Sofa, es lässt sich ausbreiten. Und du, Lena vielleicht legst du deine Liegematte in die Küche? Oder den Sessel im Flur?
Mein Bett ist im Schlafzimmer, erinnerte Lena.
Da sind Kinder! Willst du die wecken?, protestierte die Schwägerin. Du musst doch sauber machen, bis zum Morgengrauen.
Die Schwiegermutter nickte zustimmend, blickte auf das Chaos.
Genau. Lena, räum alles schnell weg. Spül das Geschirr, wisch den Tisch, den Boden, alles klebrig. Dann bereite das Frühstück für zehn Uhr vor, Pfannkuchen, denn Anneliese liebt Pfannkuchen.
Sie verabschiedeten sich. Sebastian küsste seine Mutter auf die Wange, wünschte seiner Schwester eine gute Nacht und, während er an Lenas Seite vorbeiging, klopfte er ihr auf die Schulter: Komm, Schatz, lass dich nicht aufhalten. Mach das schnell, morgen wird ein harter Tag, zur Tante Nadine fahren.
Die Tür zum Wohnzimmer schlug, das Licht im Flur flackerte. Lena blieb allein.
Nur das Summen des Kühlschranks und das Tropfen des Wasserhahns durchbrachen die Stille. Die Spüle war bis zum Rand gefüllt. Auf der Arbeitsplatte standen Türme aus fettigen Tellern, das Kochfeld glänzte von altem Fett. Unter den Füßen knackten zerbrochene Christbaumschmuckstücke, die die Zwillinge zertrümmert hatten.
Lena sah auf ihre Hände. Der Nagellack, den sie gestern Abend noch aufgelegt hatte, löste sich bereits. Ihre Beine brummten, als wollten sie heulen.
Räume schnell auf, dröhnte eine innere Stimme. Backe Pfannkuchen, flüsterte eine andere. Spüle das Geschirr.
Sie stellte sich vor, wie das Wasser laufen würde, wie sie die endlosen Teller schrubbte, den Duft des Spülmittels und fremder Essensreste einatmete, wie sie das anhaftende Buchweizenuddel abkratzte, dann den Boden wischte, den Teig für Pfannkuchen knetete. Schlaf würde sie nie finden.
Ein leises Klicken erklang tief in ihr. Wie ein gerissener Faden, an dem ihr Engelshochmut hing.
Lena drehte das Wasser ab, trocknete die Hände mit einem Geschirrtuch, ließ die Schürze vom Haken fallen und hängte sie an die Stange.
Sie ging zur Küchenmitte, betrachtete das Schlachtfeld. Auf dem Tisch lagen halbleere Flaschen, verblasste Aufschnittscheiben, schmutzige Servietten.
Nein, sagte sie laut.
Sie nahm ihre Lieblingsjacke vom Stuhl, warf sie über die Schultern, löschte das Licht, ließ den Berg Geschirr in dunkler Umarmung zurück und schlurfte zum Flur.
Aus dem Wohnzimmer dröhnte das Schnarchen der Schwiegermutter, aus dem Schlafzimmer das Keuchen der Kinder und Anneliese. Sebastian schlief offenbar an einer Ecke.
Lena holte aus dem Schrank eine warme Decke, ein Kissen vom obersten Regal, und trat auf den verglasten Balkon. Dort stand ein altes, aber bequemes Sessel, ein guter Heizkörper. Sie stellte ihn auf volle Stufe, schloss die Balkontür, wickelte sich in die Decke und ließ zum ersten Mal seit zwei Tagen die Augen zufallen, spürte, wie ihr Körper entspannte.
Der Morgen des ersten Januar begann nicht mit Pfannkuchenduft, sondern mit dem lauten Aufschrei von Frau Weber.
Was zur Hölle!
Lena öffnete die Augen. Die Sonne schien durch das frostige Muster im Fenster. Auf dem Balkon war es warm. Auf dem Handy zeigte die Uhr 11Uhr, sie hatte fast neun Stunden geschlafen ein Luxus, den sie nie gekannt hatte.
Die Balkontür schwang, und ein zerzauster Sebastian in Unterhose und T-Shirt stolperte herein.
Lena, warum bist du hier? Mama schreit, stammelte er, als er ihr ruhiges Gesicht sah. Hast du hier geschlafen?
Ja, gähnte Lena, streckte die steifen Gliedmaßen, Frohes Neues, Sebastian.
Welches Neue? In der Küche Du hast doch gar nichts weggeräumt!
Lena schlang die Decke wie ein königliches Gewand um die Schultern und ging zu ihrem Mann.
Die Küche sah genau so aus, wie sie sie verlassen hatte. Im Tageslicht wirkte der Geschirrsberg noch bedrohlicher, das Aroma abgestandener Speisen schwer und unangenehm.
In der Mitte stand Frau Weber, die sich an die Brust fasste, und Anneliese mit verzerrtem Gesicht.
Was was erlaubst du dir?, zischte die Schwiegermutter, sah sie an. Wir wollten nur einen Tee, und hier ein Schweinestall! Wo ist das Frühstück? Wo die sauberen Tassen?
Die Tassen liegen in der Spüle, antwortete Lena ruhig, goss sich ein Glas gefiltertes Wasser ein. Schmutig.
Dann wasche sie!, kreischte Anneliese. Was hast du in der Nacht gemacht?
Geschlafen, wie ihr alle, sagte Lena.
Sie hat geschlafen!, schrie Frau Weber, die Luft stockte vor Empörung. Schau, Sebastian! Wir sind Gäste! Wir kommen zu dir nach Hause, und wir werden mit Dreck und Gestank empfangen! Bist du eine Gastgeberin oder was? Hast du überhaupt ein Gewissen?
Lena stellte das Glas behutsam auf den Tisch. Das Klirren ließ alle kurz verstummen.
Genau, sagte sie leise, aber bestimmt. Ihr seid zu mir gekommen, nicht in ein AllInclusiveHotel, nicht in ein Restaurant mit Service. Zu mir nach Hause. Ich habe zwei Tage gekocht, Produkte gekauft, den Tisch gedeckt, euch den ganzen Abend bedient.
Das ist deine Frauenpflicht!, brüllte Sebastian, unterstützt von seiner Mutter. Verspiele mich nicht! Nimm ein Tuch und räum sofort alles weg, die Kinder brauchen Essen!
Lena sah ihren Mann an. Zum ersten Mal in fünf Jahren sah sie nicht den liebenswürdigen Mann, mit dem sie im Park spazierte, sondern einen verängstigten, abhängigen Jungen, der bereit war, seine Frau zu demütigen, nur damit seine Mutter nicht schreit.
Nein, sagte Lena.
Was?, fragte Anneliese verwirrt.
Ich werde das nicht mehr reinigen. Und ich werde das Frühstück auch nicht mehr machen. Ich bin müde. Wenn ihr essen wollt, da ist der Kühlschrank, voller Lebensmittel. Wenn ihr saubere Teller wollt, hier ist die Spüle, hier ist Fairy, hier sind die Schwämme, die du, Anneliese, mir gestern so freundlich geschenkt hast. Jetzt probieren wir sie.
Ein klingender Augenblick folgte. Frau Weber öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch, der auf dem Eis liegt.
Wir wir sollen uns hier verziehen?, flüsterte sie dramatisch. Sohn, hörst du? Sie schneidet uns das Brot ab!
Lena, du übertreibst, versuchte Sebastian, sein Gesicht zu einer finsteren Maske zu formen. Mama ist Gast, Anneliese ist Gast. Und du
Ich bin die Besitzerin dieser Wohnung, schnitt Lena ihm ins Wort. Die Hypothek läuft auf meinen Namen, ich zahle sie. Du hast in den letzten drei Monaten nur die Nebenkosten halb bezahlt. Also, lasst uns entscheiden: Entweder ihr steht jetzt alle auf, nehmt die Tücher und macht die Küche sauber, oder der Abend ist vorbei.
Dann weg von hier!, kreischte Anneliese. Pack deine Sachen, Mama! Hier wird meine Fuß nicht mehr bleiben!
Warte, Anneliese, rief Sebastian.
Nichts warten!, rief Frau Weber plötzlich mit ungeahnter Energie. Packt die Kinder, wir fahren zu Tante Nadine, die wird uns aufnehmen! Und du, Sebastian, wenn du noch ein bisschen Respekt für deine Mutter hast, kommst du mit. Lass diese diese Schlange in ihrem Drecksloch!
Sebastian blickte verwirrt zwischen wütender Mutter und der wie ein Fels in der Brandung stehenden Lena hin und her.
Lena, bitte entschuldige dich, murmelte er. Wäscht du die Teller, was kostet das? Siehst du, was du angerichtet hast?
Ich habe niemanden zu irgendetwas gedrängt. Ich weigere mich nur, Bedienstete zu sein. Die Entscheidung liegt bei dir, Sebastian.
Der Umzug dauerte eine halbe Stunde. Währenddessen saß Lena still im Sessel, ein Buch in der Hand, während das Gepäck rumpelte, Kinder schrien und Flüche in den Flur flogen.
Wir gehen!, schrie Sebastian an der Tür. Und erwarte nicht, dass ich zurückkomme, bis du dich bei deiner Mutter entschuldigst!
Lege die Schlüssel auf den Nachttisch, sagte Lena, ohne das Buch aus der Hand zu legen.
Die Tür schlug zu, die Wände bebtenAls das letzte Echo der knarrenden Tür verhallte, löste sich der gewaltige Geschirrberg wie ein leiser Regen aus Porzellan auf den Boden und verwandelte das ganze Haus in ein stilles, funkelndes Meer aus Kristall.





