Jeder stolpert, doch nicht jeder richtet sich wieder auf

Ach, weißt du, alle stolpern, aber nicht alle richten sich wieder auf.

“Sabine, wo findest du so einen Mann? Sich scheiden lassen kannst du immer noch. Eine verheiratete Frau ist immer begehrt. Die ganze Verantwortung liegt beim Mann, und ein ‘freier’ Mann hat alle Freiheiten, keine Verpflichtungen nutz die dusselige Geliebte ruhig aus. Bleibst du allein, interessiert sich keiner mehr für dich. Vor allem hast du noch Timo. Er braucht seinen leiblichen Vater, keinen fremden Onkel. Keine Logik in deinem Verhalten.” Ich versuchte wirklich, meine Jugendfreundin zur Vernunft zu bringen.

Doch ich redete gegen eine Wand. Sabine hatte ihre Entscheidung längst getroffen.

Das Leben stellt uns oft vor Entscheidungen. Es gibt immer zwei Wege den richtigen und jeden anderen. Aber wer öffnet die richtigen Türen und schließt die falschen? Manchmal will man selbst die besten Argumente nicht hören. Wir lernen aus unseren eigenen Fehlern. Die Erfahrung früherer Generationen? Brauchen wir nicht. Später heulen wir, bereuen alles und versinken in Depressionen.

Ich habe zwei Freundinnen: Sabine und Heike. Wir kennen uns seit Kindertagen. Sabine ist meine Nachbarsfreundin, Heike meine Schulfreundin. Wir wissen alles voneinander, was enge Menschen wissen können.

Wir drei sind total verschieden, deshalb bin ich mit Sabine und Heike jeweils einzeln befreundet. Einmal versuchte ich, sie zusammenzubringen, aber naja. Meine Freundinnen sind wie zwei verschiedene Pole.

“Wie kannst du dich mit dieser aufgebrezelten Puppe unterhalten? Worüber redet man mit ihr? Nur Klamotten und verheiratete Männer im Kopf!”, flüsterte Sabine nach dem Treffen mit Heike.

“Deine Freundin trägt ein Dekolleté bis zum Bauchnabel. Eine liederliche Frau, ganz klar. Ihre Augen suchen nur Opfer mit dicker Brieftasche. Dieses Lächeln ist nicht echt. Alles nur Show. Und die misslungene Schönheits-OP fällt sofort auf.” Sabine musterte Heike kritisch.

Das erste Treffen war auch das letzte. Der Mädelsabend war ruiniert. Einen zweiten Versuch unternahm ich nicht.

In all den Jahren gab es alles: Streit, Missverständnisse, Versöhnungen, wochenlanges Schweigen

Jetzt sind wir alle um die vierzig. Sabine hat einen Sohn, Heike eine Tochter.

Sabine ist schon lange von Max geschieden. Dabei begann alles so romantisch.

Sie lernte ihren zukünftigen Mann in einem Café kennen. Damals war Max verheiratet und hatte eine Tochter. Sabine ist zweifellos hübsch und außergewöhnlich. Männer drehen sich oft nach ihr um. Sie ist auffällig, unvergesslich. Sie hat die Kunstschule besucht, näht sich exklusive Kleidung. Ihre Outfits sind oft provokant freizügig. Sabine träumte immer von einem eigenen Business, einer starken Familie, einem liebevollen Mann.

Und all das hatte sie bis es wie Schnee in der Sonne verschwand. Und vor allem: Sabine selbst trug dazu bei. Sie bevorzugte es, bei Gelb loszurennen, statt auf Grün zu warten.

Max ließ sich ohne Zögern für sie scheiden. Sie feierten eine große Hochzeit. Dann kam der Alltag. Max vergötterte Sabine. Er war achtzehn Jahre älter und behandelte sie wie eine geliebte Tochter. Nannte sie “Mäuschen”. “Mäuschen, willst du nach Paris? Kein Problem! Ein neues Auto? Klar! Eine Nähmaschine mit allem Schnickschnack? Hier! Lippenkorrektur beim Schönheitschirurg? Bezahlt!”

Jeder Wunsch wurde erfüllt. Natürlich war Max kein Engel (Engel leben nicht auf der Erde). Er hatte auch Forderungen: Warum kein Abendessen, warum unaufgeräumt, warum nicht gebügelt? Sabine küsste ihn leidenschaftlich, und er schwieg. Machte sich Rührei, saugte Staub, bügelte selbst…

Sabine war Max dritte Frau. Vielleicht hatte er deshalb Angst, sie zu verlieren, und übersah ihre Fehler.

Sabine bekam Timo. Max liebte den Sohn. Aber Sabine? Sie entflammte nicht für Timo. Sie verschwand oft, ließ den Kleinen bei Max oder der Schwiegermutter. Mit Sabines Aussehen war Versuchung ständig da. Als enge Freundin wusste ich von ihren Affären. Max ahnte es, schwieg. “Sie ist so viel jünger, vielleicht fehlt ihr Liebe”, dachte er.

Nach acht Jahren Ehe kam die Krise. Davon wird so viel geschrieben also gibt es sie wohl. Aber nicht alle Paare kommen unbeschadet durch.

Sabines Business lief gut. Sie stand finanziell sicher. Also beschloss sie, Max nicht mehr zu brauchen. Sie verließ ihn, nahm Timo mit, mietete eine Wohnung. “Ich hasse Max. Im Bett ist er eine Null. Ich hoffe, irgendeine Frau schnappt ihn sich, dann lässt er uns in Ruhe.”

Tja, wie man sagt: Eine Frau windet sich wie eine Schlange, bis sie ihr Ziel erreicht.

Timo wurde zum Zankapfel. Er liebte beide Eltern. Doch die Geschäftsfrau Sabine war immer beschäftigt, bei Max war es ruhiger und Oma war auch da. Timo zog zu Max.

Sabine merkte, dass sie zwischen Sohn und Arbeit zerrissen war, änderte aber nichts. Max rief ständig an, bettelte, manipulierte mit Timo. Sabine blieb hart: “Die Brücken sind verbrannt. Punkt.”

Sabine war jung, schön, frei. Dann tauchte ein neuer Mann auf eine Büroaffäre. Egal, dass er verheiratet war mit zwei Kindern. “Seine Frau soll besser aufpassen. Ich nutz ihn und geb ihn zurück. Wird schon nichts fehlen.”

Sie flogen nach Österreich, Spanien alles romantisch und schnell.

Nach einem halben Jahr gab sie den “Ehemann” zurück. Max rief weiter, bat um Vernunft. Sabine hatte genug. Dann lernte sie Daniel kennen gleichaltrig, ledig. Sie verliebten sich, er zog ein. Alles schien gut, bis klar wurde: Daniel trank gern und hatte Jobprobleme. “Sabine, lass mich dir im Business helfen?”

Sabine wachte auf: “Heike, ich glaub, ich hab nen schmarotzenden Säufer bei mir.”

“Jag ihn raus! Der hängt an dir wie eine Zecke am Hund!”, riet ich.

Dann rief eine ehemalige Klassenkameradin an: “Sabine, störts dich, wenn ich Max heirate? Ich bin so glücklich mit ihm!”

“Ich wünsche euch einen gemeinsamen Weg!”, antwortete Sabine kühl.

Und so blieb Sabine allein. Timo ist jetzt neunzehn, er ignoriert sie. Einmal nahm er ab: “Papas neue Frau hat mich erzogen. Kümmere dich um dein Business, Mama. Ruf nicht an.”

Heike dagegen überwand die Krise mit Weisheit.

Sie traf Viktor im Urlaub. Er war nur mit einem Kumpel dort trotz Ehe. Warum lassen Ehepartner sich allein in Versuchung reisen? Unvermeidlicher Streit vorprogrammiert.

Jedenfalls heiratete Heike. Die Urlaubsromanze wurde eine Hochzeit eine große! Zwei Feiern, weil Viktor aus einer anderen Stadt kam. Sie zog zu ihm. Wir sahen uns seltener, aber telefonierten oft.

Viktor liebte Heike, sie war seine Sonne. Er baute ein Haus, kaufte zwei Autos. Tochter Lena kam. Viktor erfüllte Wünsche, bevor sie ausgesprochen waren. Kleidung, Kosmetik nur das Teuerste.

Heike machte noch einen Abschluss, aber arbeiten musste sie nicht. Viktor sorgte für alles. Sie kümmerte sich um sich und Lena, besuchte selten ihre Heimatstadt.

Zuerst vermisste sie alles. Doch mit der Zeit fand sie neue Freunde, gewöhnte sich ein.

Doch nach sieben Jahren wollte sie die Scheidung. “Die Liebe ist tot.”

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Homy
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Jeder stolpert, doch nicht jeder richtet sich wieder auf
Du bist nicht mehr meine Mutter Alexander war gerade dabei, in sein Auto zu steigen, um von der Arbeit nach Hause zu fahren, als plötzlich das Telefon klingelte. Die Nummer war unbekannt. Ohne große Lust drückte er auf den grünen Hörer. — Hallo. Wer ist da? — Ich bin’s… Hallo, antwortete eine fremde Frauenstimme. — Wer—*ich*? fragte Alexander misstrauisch. Stell dich bitte vor! Stille. Dann, kaum hörbar, die Stimme: — Ich bin’s… deine Mutter. Alexander erstarrte. Die Finger umklammerten das Lenkrad, das Herz schlug schneller. — Was soll das? Meine Mutter ist seit neunundzwanzig Jahren tot! — Nein… Ich bin Tatjana… Ich habe dich zur Welt gebracht. Alexander, ich bin es wirklich… Er legte auf. Sein Herz pochte heftig, die Hände waren schweißnass. Er spürte, wie jemand die Tür zu einer schrecklichen Vergangenheit geöffnet hatte, die er für immer begraben wollte. Nach ein paar Minuten klingelte das Telefon wieder. Dieselbe Nummer. — Ich will dich nicht hören, sagte er kalt. Ich habe keine Mutter mehr. Die Frau, die mich geboren hat, hat mich verlassen, als ich neun Jahre alt war. Seitdem bin ich Waise. — Bitte, nimm dir nur fünf Minuten Zeit. Ich flehe dich an… — Wofür? Damit ich noch eine Lüge höre? — Lass uns doch einfach einmal treffen. Nur ein Mal. Ich erkläre dir alles. Alexander wollte nicht. Aber er wusste, sie würde nicht aufgeben. Sie würde seine Adresse herausfinden, würde vor der Tür stehen, seine Frau stören, die Töchter erschrecken. Zwei Tage später trafen sie sich in einem kleinen Wäldchen am Rande von Kassel. Tatjana Iwanowna saß auf einer Bank, gebeugt, gealtert, und dennoch versuchte sie, die Spuren vergangener Schönheit zu bewahren. Die Hände zitterten ihr. — Hallo, Sascha… — Alexander, verbesserte er sie kühl. Sie hob den Blick—Verzweiflung in den Augen. — Ich weiß, ich habe Schuld… Aber ich hatte keine andere Wahl… Er schwieg. Vor seinem inneren Auge tauchten Kindheitserinnerungen auf—wie sie schrie, das Geschirr warf, abends ausging und ihn allein ließ. — Du hast mich bei Tante Doris gelassen. Und gesagt: „Ich komme in einem Monat wieder.“ Aber du bist mit irgendeinem Geschäftsmann nach Italien abgehauen. — Ich dachte, er würde uns beiden helfen… Aber er wollte dich nicht mitnehmen. Und ich… — Du hast dich für ihn entschieden. Nicht für mich. Sie schluchzte leise. — Ich habe niemand anderen. Mein Mann ist gestorben, seine Kinder haben mich rausgeworfen. Ich habe keinen Ort zum Leben. Nicht mal etwas zu essen. Ich bin vollkommen allein. — Dir tut es also leid um dich selbst? fragte er leise und senkte den Kopf ein wenig. Und mir mit neun—für wen hätte ich Mitleid haben sollen? — Vergib mir… Ich wusste nicht, wie ich dich um Verzeihung bitten sollte. Ich habe immer gehofft, du würdest von selbst kommen… — Nicht einmal eine Geburtstagskarte hast du mir geschickt. Nie. Schweigen. Dann flüsterte Tatjana: — Aber du bist trotzdem ein guter Mensch… Du bist gut geworden. — Ich bin dank der Menschen groß geworden, die du gehasst hast. Tante Doris. Meiner Frau. Meinen Freunden. Aber nicht dank dir. Sie streckte die Hand nach ihm aus, aber er wich zurück. — Ich verurteile dich nicht. Aber für mich bist du eine Fremde. Nicht einmal ein Feind. Einfach eine Leere. — Ich bin sterbenskrank… flüsterte sie. — Dann musst du Frieden schließen. Aber nicht mit mir. Er stand auf und ging, ohne zurückzublicken. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte er Erleichterung in seiner Brust. Die Vergangenheit hatte ihn endlich freigegeben. Und das Leben—ging weiter.