Jeder hätte so gehandelt

13. Dezember 2025

Ich habe heute wieder erlebt, wie das Leben einem einen Streich spielt, wenn man gerade versucht, alles im Griff zu haben.

Heute Morgen, kurz nach dem Aufstehen seit einem Jahr gelingt es mir, ohne Wecker um Punkt sechs Uhr zu erwachen ging ich wie gewohnt zur Arbeit. Der letzte Schritt vom Treppenhaus zur Straße war immer noch ein kleiner Trost: kein Gedränge an der Bushaltestelle, kein Zwang, in die überfüllte Linie 100 zu schlüpfen. Stattdessen schlenderte ich gemächlich durch die Fußgängerzone von Berlin, die noch vom leichten Dunst des Winters umhüllt war.

Plötzlich hörte ich ein kaum hörbares Klingeln, das sich mühsam über das städtische Lärmgeräusch hinwegsetzte. Mein Blick fiel auf ein altes Tastenhandy, das an der Haltestelle auf dem Beton lag ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, das man heute nur noch bei Rentnern oder technikfernen Menschen sieht.

Ich bückte mich, hob das Gerät auf und sah sofort den Schriftzug LIEBSTE OMA auf dem kleinen Display. Noch bevor ich reagieren konnte, wechselte das Symbol zu einem verpassten Anruf. Kaum drei Sekunden später vibrierte das Telefon erneut. Ich drückte den grünen Knopf und hielt das Gerät ans Ohr.

Sascha, warum meldest du dich nicht? Ist alles in Ordnung? Eine aufgeregte Frauenstimme drang zu mir, deren Name mir völlig unbekannt war.

Ich blickte mich hastig um, suchte nach Kameras oder versteckten Beobachtern doch niemand war zu sehen. Wer ist das überhaupt? dachte ich. Ein Streich?

Die Stimme fuhr fort: Ich bin Hannelore Braun. Ich wollte meinem Enkel anrufen, aber ich habe wohl die falsche Nummer gewählt. Entschuldigen Sie bitte. Ihre Stimme wurde leiser, fast erstickt von schwerem Atem.

Ich versuchte, ihr zu erklären, dass ich das Telefon gerade erst gefunden hatte und dass ich ihr gern helfen würde, das Gerät zurückzugeben, doch sie ließ einfach auflegen.

Kurz darauf klingelte das Handy erneut. Sascha? Hier muss ein Fehler passiert sein, wiederholte Hannelore, kaum lauter. Ich erklärte ihr, dass ich das Telefon am Straßenrand gefunden hatte vielleicht hat Ihr Enkel es dort verloren und fragte, ob ich es persönlich übergeben könnte.

Sie erzählte mir, dass sie gerade auf ihrem Schrebergarten außerhalb von Berlin sei, weil sie die elektrische Herdplatte vergessen hatte. Und dann: Mein Kätzchen ist in den Brunnen gefallen.

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich stellte mir die hilflose alte Dame vor, die allein auf dem Land steht, während ihr Kätzchen im tiefen, trockenen Brunnen zappelt. Ich beschloss, ihr zu helfen, obwohl ich noch einen wichtigen Bericht fertigstellen musste und später ein Meeting mit meinem Chef, Herrn Igor Schneider, hatte.

Ich rief Hannelore die Adresse ihres Schrebergartens, doch das Telefon war fast leer. Gerade als ich das Gerät aus der Tasche drücken wollte, fuhr ein schwarzer Firmenwagen vor dem Bürogebäude vorbei, und Herr Schneider, ein stattlicher Mann um die sechzig, stieg aus.

Sascha, du stehst hier und schaust nur rum? Komm, wir haben noch Arbeit, sagte er mit einem Lächeln, das zugleich streng und ermutigend war.

Ich nickte, aber mein Kopf war bei Hannelore und ihrem Kätzchen. Ich verließ das Gebäude, suchte ein Taxi vergeblich und sprang kurzerhand in den Wagen von Herrn Schneider. Könntest du mich zu meinem Schrebergarten fahren? Es ist dringend, bat ich.

Er war zunächst überrascht, stimmte dann aber zu und fuhr mit mir hinaus. Die Fahrt dauerte über eine halbe Stunde, während ich überlegte, wie ich das Kätzchen aus dem Brunnen retten könnte.

Am Ziel angekommen, rief ich laut: Hannelore! Hannelore! und hörte ein schwaches Hier! von der Gartentür. Sie kam hervor, das Gesicht von Sorgenfalten durchzogen.

Gemeinsam gingen wir zum trockenen Steinbrunnen, dessen alte Steinwände etwa vier Meter tief waren. Darin miaute ein ängstliches Kätzchen, das seine Pfoten an die nassen Seiten drückte. Hannelore hatte leider keine Leiter, aber im Schuppen fanden wir ein dickes Hanfseil.

Ich befestigte ein Ende am stabilen Pfosten des Schuppens, ließ das andere locker in den Brunnen hinab. Das Seil war lang genug, um das Tier sicher hochzuziehen. Hannelore hielt das Seil fest, während ich vorsichtig hinabstieg, um das Kätzchen zu packen. Es zitterte, doch nach ein paar beruhigenden Worten ließ es sich von mir fangen.

Während wir es nach oben zogen, hörte ich plötzlich ein leises Stöhnen das Kätzchen war schwanger! Es war klar, dass bald Kätzchen geboren würden. Hannelore holte schnell eine alte Pappschachtel aus dem Schuppen, legte das Kätzchen hinein und band das Seil fest.

Als ich mich wieder nach oben zog, rutschte das Seil ein Stück, und ich verlor fast das Gleichgewicht. Hannelore rief erschrocken: Sascha, bist du okay? Ich grinste, atmete tief durch und sagte: Noch lebe ich, danke.

Oben angekommen, half Hannelore, die Box vorsichtig zum Rand zu tragen. Das Kätzchen schien bereits ein wenig zu entspannen, doch das nächste große Problem stand bevor: Wie würden wir die neugeborenen Kätzchen versorgen?

Kurz darauf tauchte Herr Schneider, der uns beobachtet hatte, auf. Na, hast du das Kätzchen gerettet?, fragte er mit einem Augenzwinkern. Ich erklärte ihm die Situation, und er bot sofort seine Hilfe an: Er würde ein Taxi rufen, damit wir das Kätzchen und die bald geborenen Jungen ins Tierheim bringen konnten.

Zurück im Büro erklärte ich Herrn Schneider, warum ich zu spät kam. Er hörte geduldig zu, seufzte dann aber: Du hast heute gezeigt, dass du nicht nur ein guter Fachmann, sondern auch ein Mensch mit Herz bist. Das zählt mehr als jede Statistik.

Der Tag endete, und ich schrieb diese Zeilen, um mir selbst zu vergegenwärtigen, was wirklich wichtig ist. Man kann keinen Bericht schneller schreiben als das Herz, das für andere schlägt.

**Persönliche Erkenntnis:** Wenn man die Chance bekommt, einem Menschen in Not zu helfen, sollte man sie ergreifen selbst wenn das bedeutet, die eigenen Pläne zu verschieben. Das wahre Maß an Erfolg liegt nicht im Erreichen von Zielen, sondern im Mitgefühl, das wir zeigen.

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Homy
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