Liselotte, 12. Oktober 2025
Ich stand im Garten, die kleinen, filigranen Rechen in den Händen, und meine Finger öffneten sich wie von selbst vor Erstaunen. Das hölzerne Werkzeug klapperte leise auf die spröde, rissige Erde. Ich hatte nicht einmal Zeit zu flüstern, als hinter meinem Rücken ein unvermittelt schneidender Ton erklang. Er klang wie das Knarren einer alten Tanne, doch zugleich trug er eine unverrückbare Gewissheit in sich, die mir einen eisigen Schauer den Rücken hinunterlief.
Auf deinem Beet wächst nichts, mein Schatz, weil ein Geist dich besucht, sagte eine unbekannte alte Frau, streng aber mit einem Anflug von Mitleid, während sie Liselotte mit ihren, vom Zahn der Zeit ausgeblichenen, jedoch eindringlich klaren Augen musterte.
Langsam, fast mechanisch, drehte ich mich um und sah zum ersten Mal den Abschnitt Erde vor meinem neuen, begehrten Haus. Ein unerklärliches, melancholisches Ziehen erfasste mein Herz. Tag für Tag hatte ich es übersehen, doch nun begriff ich das Grauen des Geschehens. Direkt vor dem kunstvoll geschnitzten Lattenzaun, mit dem ich so stolz war, lag ein toter, verbrannter Fleck Erde kein Grashalm, kein Kraut, kein Lebenszeichen. Hinter dem Haus, in den liebevoll gepflegten Beeten und Blumenrabatten, erblühten Rosen, sich nach der Sonne streckende Kapuzinerkresse und grüne Johannisbeeren. Der Kontrast war erschreckend und unnatürlich. Ich versuchte, die Erde zu beleben düngte, lockerte, goss mit Tränen fast schon verzweifelter Verzweiflung, doch alles blieb vergebens.
Während ich völlig in meine gärtnerischen Qualen versunken war, bemerkte ich kaum, wie die schmale, weit offene Gartentür von einer knochigen, von den Jahren gebeugten, aber nicht gebrochenen Gestalt betreten wurde.
Du hättest noch ein Ballkleid anziehen können, um so schön im schwarzen Erdreich zu wühlen, sagte die alte Frau mit einer kaum hörbaren, aber nicht bösartigen Ironie, während sie Liselottes Kleidung betrachtete: ein teurer, perfekt sitzender rosa Top und passende Funktionshosen aus HighTechStoff.
Instinktiv strich ich mir die verirrte, rötliche Strähne vom Kopf. Ein leichtes Erröten breitete sich auf meinem Gesicht aus.
Das das ist doch Arbeitsschutz, Oma. Für den Garten. Atmungsaktiv, stammelte ich, doch meine Stimme klang schwach. Und die Nachbarn unser neues, feines Wohnviertel erwartet immer gepflegte Auftritte alles sauber, ordentlich hier hat noch nie jemand gewohnt, alles ist neu
Die alte Frau hörte nicht mehr zu. Sie drehte sich um, stützte sich auf ihren selbstgebauten, knüppelförmigen Stab und verschwand langsam im Sommerstaub hinter der nächsten Wegbiegung. Ich blieb allein zurück, das Ticken meines eigenen Herzens dröhnte wie ein lautes Echo in der Stille.
Wie kann das sein?, dachte ich fieberhaft, zog die Gartenhandschuhe aus und prüfte gedankenverloren meinen makellosen ManiküreLook. Wie kommt ein Geist in mein neues, helles Heim? Wer ist er? Was will er?
Glücklicherweise hatte ich vor dem Umzug, fast schon einer Flucht aus dem Lärm Berlins in die Ruhe des Vororts, einen ManiküreKurs abgeschlossen. Jetzt bleiben meine Hände immer perfekt, dachte ich bitter ironisch, doch der Garten soll genauso funktionieren alles soll wachsen, blühen und ohne Gespenster gedeihen.
Meinem Mann, dem stets beschäftigten Dieter, erzählte ich nichts von der seltsamen Besucherin. Ich fürchtete seine pragmatische, rationalsarkastische Miene. Doch das Bild der alten Frau kehrte immer wieder zurück, wurde zu einem beharrlichen Gedanken. Keine noch so teuren, modernen Dünger, keine Ratschläge aus dem Internet oder von erfahrenen NachbarnGärtnern halfen. Das Stück Erde vor dem Haus blieb kahl, verdorrt, wie ein Grabstein.
Ich wollte den Garten mit Leib und Seele pflegen. Ich absolvierte OnlineKurse, kaufte hübsche Magazine, ließ mich inspirieren. Ich liebte es, den Boden zu fühlen, seinen Duft einzuatmen, die zarten Sprösslinge zu pflegen. Und es funktionierte die ersten Erfolge zeigten sich. Nur dieses verfluchte Stück Erde direkt vor dem Eingangsportal wehrte sich, als wäre es von unsichtbarer Mauer umschlossen.
Vielleicht muss ich doch einen teuren Fachmann für Landschaftsgestaltung und Bodenkunde beauftragen, überlegte ich traurig, während ich aus dem Fenster das schwarze Fleckchen meines Schandflecks beobachtete. Doch wenn dieser flüchtige Gast wirklich existiert, kann selbst ein Experte kaum helfen.
Einige Tage vergingen. Ich sah ein weiteres detailliertes Video eines erfahrenen Gärtners, legte das Handy beiseite. Die Nacht draußen war still und sternenlos. Dieter schlief bereits fest, schnarchte im Takt seiner GeschäftsGedanken, und ich sollte eigentlich schlafen, doch der Schlaf wich mir.
Pfui, wie stickig, flüsterte ich und warf die Seidendecke beiseite, trat zur gläsernen Balkontür.
Langsam öffnete ich sie und trat hinaus ins kühle Nachtgewölbe. Die Luft war frisch und süß. Vom zweiten Stock aus war das unheilvolle Beet kaum zu erkennen, verdeckt vom Dachsims Schatten. Trotzdem zwang mich ein plötzlicher Impuls, über das kühle Geländer zu lehnen, um das dunkle Stück Erde zu betrachten.
Da sah ich es.
Im bleichen Licht des schiefen Mondes, der durch zerrissene Wolken lugte, schritt eine unbekannte Gestalt über den aufgebrochenen, doch toten Boden. Es war ein Mann, dem Rücken zu mir gewandt. Seine Bewegungen waren seltsam verlangsamt, als kämpfte er gegen eine unsichtbare Masse. Er stolperte, setzte sich auf die Knie, stand wieder auf, stupste mit der Spitze eines abgetragenen, alten Schuhs den Boden, tastete mit langen, bleichen Fingern nach etwas.
Mein Herz erstarrte, dann schlug es so heftig, dass ich zitterte. Ich starrte in die Dunkelheit, wollte jedes Detail erfassen. Je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde mir, dass etwas nicht stimmte. Er war halb durchscheinend, das Mondlicht drang schwach durch seine dünnen Gestalten, gekleidet in einen altmodischen Frack. Seine Bewegungen waren nicht nur langsam, sie waren unnatürlich, ohne irdische Schwerkraft klar kein lebendiger Mensch.
Schwindel überkam mich, Panik kroch wie eine klebrige Welle in meine Schläfen. Ich war kurz davor, vom Balkongeländer zu stürzen, als er sich plötzlich umdrehte.
Er blickte mich an. Sein Gesicht war leblos, aus bleichem Marmor gemeißelt, mit buschigen, altmodischen Schnurrbärten und streng zurückgekämmten Haaren. Die Augen hohl, tiefschwarz.
Dann streckte er beide Hände nach vorne, als wolle er durch die Distanz hindurch zu mir greifen, mich mit eisigen Fingern ergreifen. Sein bleiches Antlitz kam immer näher, füllte den Raum. Ein leiser, erstickter Aufschrei verließ meine Lippen, ich stieß mich von den Geländern ab und stürzte zurück ins Schlafzimmer, auf den kalten Fußboden.
Die alte Frau zu finden fiel überraschend leicht. Ich war mir sicher, dass so jemand nicht in unserem sterilen, neuen Vorort wohnen konnte. Also suchte ich sie dort, wo das alte Dorf hinter der Brücke lag. Die Dorfbewohnerinnen auf der Bank beim Brunnen wussten sofort, wo die Geisterseherin wohnte.
Ich hielt mein gepflegtes Stadtauto vor einem verwitterten Häuschen mit abblätternden Fensterrahmen an. Das Tor hing an einer rostigen Scharnier, das kaum noch hielt; ich klopfte nicht.
Oma!, rief ich zaghaft, spähte durch den Spalt im Gartenzaun. Oma Gertrud? Ich bin Liselotte. Sie haben letzte Woche über meinen Garten und den Besucher gesprochen
Die Tür öffnete mit einem Quietschen, und die alte Frau trat hervor, musterte mich prüfend.
Gott im Himmel Schon wieder schickst du dich an, wie zu einem Fest, flüsterte sie, während sie Liselottes schimmerndes Kleid und die hohen Sandalen musterte. Dann winkte sie mich herein. Komm rein, solange du hier bist! Nur bitte zerbrich nicht die Dielen mit deinen hohen Schuhen! Was willst du denn?
Als ich das Haus betrat, drückte sich mir ein Kloß im Hals zusammen.
Er er kommt wirklich. Er stampft dort, wo Sie sagten. Ich sah ihn letzte Nacht, stammelte ich. Wenn Sie solche Dinge sehen und keine Angst haben, haben Sie das sicher schon früher erlebt. Vielleicht wissen Sie, wie man ihn vertreibt? Meine Hände zitterten, mein ManiküreGlanz schimmerte im Halbdunkel.
Na, das hast du gut gesagt, Mädel, nickte Gertrud, ein nachdenklicher Ausdruck lag in ihren Augen. Willst du, dass ich ihn vertreibe?
Ich nickte hilflos und zog eine elegante Ledertasche hervor, aus der ich ein paar schwere Geldscheine zog.
Ich weiß nicht, wie viel das kostet. Ich bin nicht geizig, ehrlich! Wenn mehr nötig ist, gehe ich zum Geldautomaten und bringe mehr! Was verlangen Sie?
Gertrud sah das Geld an, dann Liselotte fest in die Augen. Ihr Blick wurde weicher.
Genug, sagte sie leise. Ich helfe dir. Setz dich, ich bereite gleich Sie senkte die Stimme. Entschuldige, ich habe keinen Tee mehr. Der Vorrat ist aus, und zum Laden sind drei Meilen
Ich setzte mich auf den kleinen, bemalten Hocker und musterte das Haus: ein verblasstes Tüll an einem einzigen Fenster, ein fehlendes Stück der alten Kommode, ein leerer Zuckerglasbehälter. Es war karg, leer, einsam.
Hol mir aus dem Kühlschrank eine Flasche, klar wie Wasser, rief Gertrud aus dem Nebenzimmer. Da habe ich einen Kräutertrank, den ich selbst gebraut habe. Bitter, aber stärkt dich.
Ich öffnete den klapprigen Kühlschrank. Neben einer halben Liter Flasche trüber Flüssigkeit lagen drei Eier, ein halber Liter Sauerkrautopf und ein ausgewrungenes Butterfass.
Ach du meine Güte Sie lebt in solcher Armut, und ich kam mit meinem teuren Auto und Seidenkleid, dachte ich mit schmerzlicher Ironie.
Gefunden?, hörte ich Gertruds Stimme.
Ja, Oma Gertrud, gleich!
Gertrud kam mit einem kleinen, fest zusammengebundenen Zeitungsstreifen, mit einer Schnur umwickelt.
Hier. Grabe das an deinem Stück Erde. Nicht zu tief, mit dem Spatenstiel. Nach drei Tagen wird dein ungebetener Gast verschwinden. Keine Sorge, es sind nur trockene Kräuterzweige, Waldbeeren alles zum Guten belegt. Probier den Trank, er tut gut.
Ich schluckte den bitteren, aber aromatischen Sud.
Sehr lecker, lächelte ich ehrlich, nahm das Päckchen entgegen. Danke! Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ich habe vor dem Umzug im Supermarkt ein Sonderangebot gesehen und gleich zwei Dinge gekauft, die ich jetzt nicht mehr brauche. Vielleicht kann ich Ihnen etwas geben?
Ich rannte aus dem Haus, kehrte in einer Minute zurück, schleppte eine schwere Papiertüte und begann, den Inhalt auf den Tisch zu legen, während ich ununterbrochen redete:
Sonnenblumenöl warum habe ich zwei genommen? Ich koche immer zu zweit, für Dieter. Tee ach, wir trinken immer grünen, nicht schwarzen Süßes ich liebe es, aber ich will abnehmen, zu Hause liegt doch genug Schokolade Magst du Kekse? Sie passen gut zu Tee! Pastillen habe ich aus einem Grund gekauft Fleisch oh mein Gott, die Tiefkühltruhe ist voll! Getreide brauner Reis, grüner Buchweizen. Nachdem Dieter Magenprobleme hat, habe ich einen Ernährungskurs besucht und kaufe jetzt nur noch Gesundes
Ich sortierte die Lebensmittel, legte sie ordentlich in die Tischecke, wagte kaum, Gertrud anzusehen. Es war mir peinlich, fürchtete, sie könnte meine Geste als Almosen sehen und verärgert reagieren.
Doch dann bemerkte ich, wie leise Tränen die Wangen der alten Frau hinunterliefen. Gertrud wischte sie mit einem Taschentuch.
Danke, Kind, flüsterte sie, fast wie das Rascheln von Blättern im Wind.
Das war nur das Geringste, atmete ich erleichtert, zuckte mit den Schultern. Ich werde den Garten retten! Und wenn Sie nichts dagegen haben, besuche ich Sie noch einmal. Ich bin sehr neugierig.
Ich vergrub das Bündel an der Stelle, die Gertrud benannt hatte. Der bleiche Mann mit den Schnurrbärten verschwand. Genau eine Woche später, wie Gertrud vorhergesagt hatte, brachen die ersten zaghaften Triebe aus dem ehemals toten Fleck Gänseblümchen und etwas Gras. Ich weinte vor Freude, denn das bedeutete: Die Erde lebte wieder.
Am selben Tag kroch Gertrud, gestützt auf einen Stock, zu einer alten, vernachlässigten Friedhofsgrube. Sie ging einen schmalen Pfad entlang, nickte einem unsichtbaren Bekannten zu, begrüßte alte Freunde. Schließlich blieb sie vor einem unscheinbaren, namenlosen Grab stehen. Auf dem verwitterten Stein war ein altes Foto zu erkennen: ein mürrischer Mann mit üppigen Schnurrbärten.
Danke, Peter Stefan, dass du mir geholfen hast, murmelte Gertrud, kniete nieder, zupfte trockenes Gras rundherum. Jetzt kannst du ruhen. Ich räume hier auf, damit alles sauber und schön ist. Leb wohl.
Zwei Wochen später klopfte ich erneut an Gertruds Tür. Sie öffnete und rief: Komm rein! Ich stellte meine schwer beladene Tasche ab.
Oma Gertrud, ich bin’s, Liselotte. Ich bin zu Besuch, wie versprochen.
Ach, du, du Ist dein nächtlicher Besucher endlich weg?
Ja, danke! Alles wächst!, begann ich begeistert, dann schämte ich mich und zeigte auf die Tasche. Ich habe noch ein paar Dinge von meinen DesignKursen übrig: Vorhänge, Handtücher, Decken, Geschirr Sie passen bestimmt zu Ihrem hübschen Landhaus. Darf ich das hier lassen?
Gertrud sah mich lange an, ihr Gesicht wurde immer trauriger und ernster. Schließlich setzte sie sich schwer auf den Hocker, legte ihre knochigen, von Arthritis gebeugten Hände in den Schoß.
Leg das hin, Mädel. Das reicht, sagte sie leise, die Stimme erschöpft und schuldbewusst. Du bist ein gutes Mädchen, Lina. Doch ich habe dich betrogen.
Ich erstarrte mit einer bunten Decke in den Händen.
Ich ich war heute Morgen im Schwimmbad, murmelte ich verwirrt und strich mir ans Ohr. Vielleicht habe ich das nicht richtig gehört.
Ich habe dich betrogen, wiederholte Gertrud, die Stimme bebte. Ich habe den Geist zu dir gebracht. Ich habe ihn eingeladen, weil ich dachte, ein kleiner Beitrag von dir würde mich über die Runden bringen. Ich bin alt, habe Hunger, friere, und niemand gibt mir einfach so Geld. Also habe ich den Peter Stefan an seinem Grab gebeten, zu dir zu kommen und das Land zu verfluchen, damit du meine Hilfe bekommst. Das Bündel war nur ein Vorwand, ein Stück Kräuter, um dich zu beruhigen. Es tut mir leid, Lina. Ich wollte nicht, dass du so leidest.
Ich stand stumm da, das Geräusch meiner eigenen Atmung füllte den Raum. Ich sah die gebeugte Gestalt der alten Frau, ihr Elend, ihre verzweifelte List, geboren aus Hunger und Einsamkeit. In mir kein Zorn, nur tiefe, allumfassende Mitleid.
Langsam kniete ich nieder, legte meine gepflegten Hände behutsam über Gertruds faltige, vom Leben gezeichnete Hände.
Ich habe dir doch gesagt, Oma das Wasser ist in mein Ohr gefallen, flüsterte ich sanft, Tränen liefen unbemerkt über meine Wangen. Lass uns die Vorhänge aufhängen, die Tischdecke auslegen. Wir schaffen das zusammen. Ich komme gern öfter zu Besuch.





