„Ich ziehe bei dir ein, während ich meine Wohnung vermiete – so fordert es meine Freundin!“

Ich wohne bei dir und vermiete meine Wohnung, verlangte Katrin, das Lächeln kaum zu verbergen.

Ich bleibe ein paar Monate bei dir das ist für uns beide einfacher. Und ich vermiete meine Wohnung, damit das erste Gehalt plus Überstunden schneller ankommt.

An diesem Moment dachte sich Liselotte kaum, dass Menschen so dreist sein können. Die beiden Frauen verkörperten das Sprichwort Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sage, wer du bist nur, dass es hier nicht immer zutraf.

Man könnte fast sagen, das Gesetz Gegensätze ziehen sich an hätte hier sein schönstes Beispiel gefunden, denn äußere und innere Unterschiede waren bei den beiden fast unmöglich zu übersehen.

Während sie aufwuchsen, staunten Eltern und Bekannte: Wie finden sie immer das passende Gesprächsthema? Wie vergeht die Zeit miteinander nie langweilig?

Katrin war das lebenslustige Modekind, das schon im Kindergarten die Augen vom anderen Geschlecht auf die Knie schickte. Liselotte hingegen war die typische Streberin, deren Schüchternheit sie dazu brachte, lieber mit Gesten als mit Worten zu kommunizieren.

Wie sie es schafften, nicht nur Freundinnen, sondern echte Verbündete zu werden, blieb ein Rätsel, das niemand lösen konnte.

Doch diese Freundschaft hatte Vorteile. Durch Liselottes Hilfe hüpfte Katrin von Klasse zu Klasse, ohne je aus der Gruppe herauszustechen. Und niemand wagte es, die beliebte Liselotte zu beleidigen im Gegenteil, man lud sie zu jeder Runde ein, in der Glauben war, dass ihr guter Umgang mit Katrin irgendwann auch ihnen etwas einbrachte.

Nach der neunten Klasse verließ Katrin die Schule und fand eine Anstellung als Maler- und Gipsergeselle bei einer Baufirma in Hamburg. Es war kaum ein Studium, denn kurz nach dem elften Schuljahr erhielt Liselotte von ihrer Freundin eine Einladung zur Hochzeit.

Der wichtigste Abschluss für ein Mädchen ist es, gut zu heiraten, kicherte Katrin, während sie die Geschichte ihrer Begegnung mit Alexander erzählte.

Liselotte beneidete sie nicht. Im Gegenteil, sie freute sich für ihre Freundin. Warum sollte man eifersüchtig sein, wenn jemand sein Ziel erreicht? Sie selbst schaute kaum auf Männer, war nicht an einer Beziehung interessiert und wollte ihr Leben selbst in die Hand nehmen, nicht das eines wechselhaften Partners.

Während Katrin die Grundlagen des ehelichen Lebens lernte, verschlang Liselotte das Wissen an der Hochschule für Hotel- und Gastronomiemanagement in München. Kinder wollte sie nicht, die Ehe ebenfalls nicht, also konzentrierte sie sich erst auf das Studium, dann auf die Arbeit.

Mit dreißig hatte Liselotte eine solide Karriere aufgebaut und war rechte Hand des Direktors des größten, glanzvollen Hotels der Stadt geworden. Auch Katrin schien als Ehefrau und Mutter gefestigt.

Dann kam ein trüber Herbstabend, der alles veränderte.

Nass, rutschig, dunkel das Passt nicht zusammen, wenn man bei Nacht in schwarzer Kleidung die Straße überquert, ganz ohne Zebrastreifen. Der Fahrer bremste, doch es war zu spät. Leander kam ums Leben, eine Stunde nach der Notaufnahme, und ließ Katrin als Witwe und die kleine Viktoria als Waise zurück.

Von diesem Moment an lief alles für Katrin schief. Zuerst halfen Eltern und Freunde, doch nach einem Jahr schwanden Trost und Unterstützung. Stattdessen hörte Liselotte immer wieder die Frage: Wann gehst du wieder arbeiten? vor allem von den Eltern.

Im Sommer, mit Tränen im Gesicht, klopfte Katrin an Liselottes Tür, setzte sich an die Küche und erzählte bei einer heißen Tasse Tee, dass ihre Eltern ihr den Platz im Haus verweigerten, weil sie angeblich nicht mehr für die Enkelin sorgen könne.

Ich soll sofort einen Job finden, schrie sie. Ich war ein paar Mal beim Vorstellungsgespräch, aber entweder die Bedingungen waren unmenschlich oder man wurde sofort abgewiesen.

Was erwartest du denn? Du hast weder Ausbildung noch Erfahrung, und das Kind ist erst acht.

Arbeitgeber meiden solche Bewerber, und wenn sie doch einen Job anbieten, dann aus Verzweiflung, weil es keinen besseren Kandidaten gibt.

Ja, klar, schnaufte Katrin. Ich bin ja kein Mensch, mit mir kann man alles machen.

Liselotte, die immer noch an die Freundschaft glaubte, bot ihr an: Komm zu uns, arbeite als Servicekraft. Nach ein paar Jahren kannst du vielleicht Aufsichtsführerin werden.

Der Raum wurde still.

Servicekraft, ja?, stammelte Katrin, jedes Wort zersplittert. Also soll ich wie ein kleines Mädchen mit Tabletts zwischen den Tischen hinlaufen.

Wähle deine Worte, ich war früher selbst Servicekraft, schnappte Liselotte. Und unter den Jungen, die du so nennst, gibt es durchaus normale Menschen achte also auf deinen Ton.

Katrin stand auf, verließ den Tisch und zog sich demonstrativ an.

Ein Teil von ihr erinnerte sich an das Kindheitsmuster, bei dem sie sofort wegging, sobald etwas nicht passte, und dann eifrig zurückkehrte, um die Wogen zu glätten egal wer Schuld war. Dieses Mal traf ihr Kommentar Liselotte jedoch zu hart, sodass eine Entschuldigung nicht sofort folgte.

Katrin rief zuerst an, doch das Gespräch begann nicht mit einer Entschuldigung, wie Liselotte dachte. In ihrem inneren Bild verlief das Gespräch etwa so: Katrin, etwas unbeholfen, sagte etwas Unbedachtes, die Situation war angespannt, und Liselotte würde es übersehen.

Doch Katrin fragte konkret, ob das Angebot noch stand. Liselotte, die eine spitze Bemerkung zurückhalten musste, bestätigte es.

Die Einarbeitung dauert höchstens drei Tage, dann kannst du anfangen. In den ersten Wochen bekommst du keine schwierigen Bestellungen, aber das Geld reicht, um über die Runden zu kommen.

Vielleicht würden die Eltern, sahen sie, dass ihre Tochter aktiv etwas unternimmt, ihre Wut in Nachsicht umwandeln und wenigstens ein bisschen helfen.

Du lernst das Menü, triffst das Team, und vielleicht wirst du in ein paar Jahren Aufsicht führen.

Genau darüber wollte ich reden. Ihr habt gute Positionen, aber du gibst mir die schlechteste.

Katrin, ich kann keine Aufsichtsperson ernennen, die nie in unserem Bereich gearbeitet hat, keine Ausbildung hat und

Und was? Ich bin deine Freundin, du könntest mir wenigstens einen warmen Platz finden.

Dann nimm mich als Aufsicht.

Ach ja, der Arbeitsweg ist ziemlich weit. Ich würde bei dir einziehen, das wäre für uns beide einfacher.

Ich vermiete meine Wohnung, damit ich zu Beginn mehr Gehalt habe.

Liselotte hätte nie geglaubt, dass Menschen so dreist sein können. Und selbst jetzt erwartete sie, dass Katrin irgendwann rufen würde: Ein Aprilscherz, was?, obwohl draußen bereits November war.

Katrin jedoch war fest entschlossen, dass Liselotte ihr die Stelle besorgt, die sie sich wünschte.

Die rosaroten Brillen zerbrachen an diesem Tag, und Katrin musste akzeptieren, dass sie weder einen anständigen Lohn noch die Unterstützung ihrer Freundin mehr hatte.

In ihren Augen zählte nun ein unaufzählbares Heer von Verrätern, die in der Not weggelaufen waren doch das war nicht der Moment, in dem die Not eintrat, sondern ein Moment, in dem die Freundschaft endgültig zerbrach.

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Homy
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„Ich ziehe bei dir ein, während ich meine Wohnung vermiete – so fordert es meine Freundin!“
Im Kreißsaal wurde ihr gesagt, das Kind habe nicht überlebt; Jahre später erfuhr sie, dass ihr Sohn bei der Familie des leiblichen Vaters ist.