Die Geschichte von Ljuba: Eine faszinierende Erzählung über Mut und Hoffnung

Lieber Tagebuch,

heute sitze ich im späten Abendsessel und erinnere mich an jene Zugfahrt, die vor fast zwanzig Jahren mein Leben in ein neues Licht tauchte. Es war ein kühler Novemberabend, und ich fuhr im Schlafwagen der Deutschen Bahn von Dresden nach Hamburg. Direkt unter dem Fenster, in der unteren Schlafkabine, saß meine kleine Schwester Liesl, kaum achtzehn Jahre alt, und starrte stumm nach draußen. Sie war auf dem Weg zu unserer Großmutter Katja, die in Hamburg am Hafenviertel wohnt. In dem Moment, als die letzte Umsteigestation hinter uns lag und die Zugfahrt noch drei Tage bis zur Endstation dauerte, überkam sie plötzlich eine unerwartete Angst: Was, wenn Großmutter Katja nicht mehr da wäre? Was, wenn das Haus leer stand? Beim hastigen Verlassen der elterlichen Wohnung hatte sie nie darüber nachgedacht.

1995. In ein paar Tagen würde Liesl sechs Jahre alt werden. Sie hatte sich einen wunderschönen Porzellanpuppen-Look mit einem weißen Rüschenkleid und funkelnden Perlen im Haar ausgemalt, den sie Lena nannte. Doch Mama Ursula sagte: Zu teuer für ein Kind, und du gehst bald in die Schule das ist nicht nötig. Liesl schluchzte leise, während Papa Heinrich und Mama sich in der Küche über Geld streiteten genauer über das Fehlen davon. Großmutter Katja saß am Fußende des Bettes, strich Liesl über den Kopf und seufzte schwer.

Am nächsten Tag brachte Liesl nach dem Kindergarten die große, rot geschmückte Schachtel von Oma mit nach Hause. Sie löste das Band, hob den Deckel und ihr Herz pochte wie ein Trommelwirbel, als ihr die blaue, treue Lenkopf-Puppe Lena entgegenblickte. Der Abend endete mit einem lauten Wortgefecht zwischen Mama und Oma, dann zwischen Mama und Papa alles wegen dieser Puppe. Trotzdem strahlte Liesl vor Glück.

Während die Landschaft am Fenster des Schlafwagens vorbeizog, erinnerte sich Liesl an jene unbeschwerte Kindheit und ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Die Angst verflog; sie wusste jetzt, dass Großmutter Katja lebt, in derselben Straße und im selben dreistöckigen Haus, dessen Adresse wir ihr einst aus der Küche herausgekichert hatten.

Liesl zog Mama schnalldran, drängte sie, schneller nach Hause zu gehen, damit die Puppe Lena endlich ihr Bettchen bekommt jede Puppe braucht ihr eigenes Bett, sagte Oma. Mama kniff Liesl die Hand fest, denn in letzter Zeit war sie ständig verärgert über Hein­richs geringe Einkünfte. Großmutter schrie laut: Ein richtiger Mann sorgt für seine Familie! Endlich standen wir vor dem Haus. Liesl flitzte zur Tür, klopfte mit der Faust und rief: Oma, ich bin da! Großmutter öffnete, umarmte sie und zerrte sie sofort ins Kinderzimmer.

Ich beobachtete weiter das Bild einer alten Holzkiste, aus der einst Oma ein Bettchen für die Puppe gemacht hatte, gefüllt mit Watte und Schaumstoff, das dann zu einem echten Matratzenstück wurde. Lie­sel lächelte, verzog dann jedoch das Gesicht: Komisch, wie klar ich mir Lena, ihr Bett und die schillernden Kleider vorstelle aber das Gesicht von Oma bleibt ein verschwommenes Licht. Sie erinnerte sich an Omas braune Zöpfe, die immer zu einem Knoten zusammengebunden waren, an den schlichten Goldring am linken Ringfinger und an den rubinroten Ring am rechten Mittelfinger, den Oma ihr einst versprochen hatte. Der Ring war immer zu groß für Liesls kleine Hände.

Ein plötzliches Rufen einer Mitreisenden riss mich aus der Erinnerung, und ich sprang auf die obere Ablage, um nichts zu verpassen.

Kurz darauf öffnete sich die Wohnungstür weit, und Fremde strömten herein, um bei dem leblosen Heinrich im Wohnzimmer zu trauern. Mama und Oma weinten um ihren Verlust, doch der Schock hüllte uns in eine schwere Stille. Nach dem Begräbnis redeten Mama und Oma kaum noch; Liesl glaubte, Mama sei für den Tod ihres Vaters verantwortlich.

Zwei schwere Koffer standen im Flur. Liesl und Mama verließen das Haus, die Tränen noch feucht. Oma weinte, als sie rief: Liesl, die Puppe ist vergessen! Sie rannte zurück, holte einen großen Beutel mit Lena, eingewickelt in eine Decke, und ein zweites Päckchen voller neuer Kleider. Das Gespräch zwischen Mama und Liesl eskalierte, bis Mama schnappte: Nimm den Beutel mit den Lebensmitteln! und warf den mit Lena gefüllten Beutel zurück. Liesl schrie laut und weinte.

Ich schicke dir Lena per Post, tröstete Oma schluchzend, schick mir die Adresse. Die Tür schlug zu, doch ein letztes Ich komme bald! hallte durch das Haus.

Ich wachte im Schlafwagen auf, wischte die Tränen ab und lauschte dem rhythmischen Rattern der Räder. Leise flüsterte ich: Oma, ich bin schon unterwegs. Ich verstand nun, dass Oma Katja die Puppe nicht aus Bosheit zurückgehalten hatte, sondern weil Mama uns nie die neue Adresse genannt hatte. Die Puppe war ein Geschenk der Schwiegermutter, und meine Kindheit war voller Missverständnisse, die zu Bitterkeit führten.

Ich schlich von der Ablage hinab, trat in den Gang, zog eine Zigarette und ließ die Gedanken an die letzten elf Jahre meiner Jugend durch mein Kopfkino wirbeln. Die ständige Kritik von Tante Gisela, die heimlich selbstgebrannten Schnaps verkaufte, und das endlose Saufgelage meiner Mutter trieben uns schließlich in ein Internat. Dort erlebte ich kaum etwas Positives. Nach dem Abschluss kehrte ich zu meiner alkoholkranken Mutter zurück, die immer wieder bettelte, dass sie für den Tod ihres Mannes verantwortlich sei. In einem letzten Aufbäumen forderte ich sie nach dem Ring und der Adresse von Oma.

Zwei Wochen zuvor besuchte mich im Traum Großmutter Katja und zeigte mir die vielen neuen Kleider, die sie für Lena genäht hatte. Ich erwachte mit einem Kloß im Hals, doch zugleich mit einem stillen Glück, das alte, vergessene Wärme zurückbrachte.

Heute, zehn Jahre später, habe ich meine Ausbildung zum Patissier abgeschlossen und arbeite in einer kleinen Bäckerei in Hamburg. Ich bin verheiratet und habe eine Tochter, die ich nach Oma Katja benannt habe. Oma ist wieder gesund genug, um mit meiner dreijährigen Enkelin, Katja, Mutter und Tochter zu spielen und die Puppe Lena zu betten auch wenn sie selbst nicht mehr nähen kann, hat sie in den letzten elf Jahren mehr Kleider für Lena geschaffen, als ich je zählen kann. Die Erinnerungen an meine Mutter habe ich aus meinem Herzen gelöscht, um den Schmerz der vergangenen elf Jahre nicht mehr zu tragen.

Ich habe gelernt, dass das Festhalten an Missverständnissen das Herz nur schwerer macht, während Vergebung und das Wiederaufleben alter Bindungen das Leben wieder hell erstrahlen lassen.

Dein
Johann

P.S.: Die wichtigste Lehre: Wer liebt, muss loslassen können, um das Glück wieder zu finden.

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Homy
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Ein dringender Vorfall: Bald kommen Gäste zu uns, und Sie müssen sofort woanders hingehen.