Ich hab meinen Mann nie wirklich geliebt.
Und wie lange habt ihr dann zusammengewohnt?
Ach, das ist egal Wir haben uns 1971 das JaWort gegeben, das reicht doch.
Wie kommt das, dass du ihn nicht geliebt hast, nach all den Jahren?
Zwei einander kaum bekannte Frauen saßen auf einer Bank neben einem Grab auf dem Friedhof in Leipzig. Beide arbeiteten hier als Grabhüterinnen, hatten sich zufällig beim Aufräumen der Gräber unterhalten.
Mann?, fragte die eine und nickte zu einem Foto auf einem Grabstein, das eine Frau im grauen Hut zeigte.
Ja, Mann. Das war vor Ich kann mich nicht daran gewöhnen, ich sehne mich, mir fehlt die Kraft. Ich ging immer wieder hin Ich liebte ihn sehr, fuhr die andere leise fort und zog die Enden ihres schwarzen Kopftuchs zusammen.
Ein Schweigen folgte, dann seufzte die Erstgenannte und sagte:
Ich hab meinen Mann nie geliebt.
Die Gesprächspartnerin drehte den Kopf, neugierig:
Wie lange habt ihr zusammengelebt?
Nun ja man kann sagen, wir haben 1971 geheiratet.
Und warum sagst du, du hast ihn nicht geliebt, nach so vielen Jahren?
Aus Trotz. Ich wollte ihn nicht, mir gefiel ein junger Bursche, aber er sprang zu seiner Freundin, also dachte ich, ich heirate doch schnell jemand anderen. Dann kam Jürgen ein bisschen einfältig, ein wenig kauzig, mit kahlen Stellen und spitzen Ohren. Der Anzug saß ihm wie ein zu großer Sattel auf einer Kuh. Er lächelte immer, ließ mich nicht los Ich war selbst schuld.
Und dann?
Wir zogen zu seinen Eltern, die waren genauso kleinlich wie er. Ich war voller Leben, hatte volle Lippen, lange Haare, eine üppige Figur, aber er passte einfach nicht zu mir. Jeden Morgen schnürte mich Jürgens Mutter die Schuhe zu, ich schimpfte, befehligte die andern, weil ich mich selbst bemitleidete. Wer würde schon eine Schwiegertochter wie mich mögen?
Jürgen schlug vor: Lass uns zur Bahn fahren, ein bisschen Geld verdienen, aus den Eltern ausziehen. Ich dachte nur: Wohin? Der Wind wehte mir im Kopf.
Kurz darauf wurden wir in ein Arbeitskollektiv genommen, das für den Bau der OstseeBahn nach Sibirien abfahren sollte. Zuerst nach Hamburg, dann weiter nach Ostpreußen und schließlich nach den fernen Amur-Regionen. Die Frauen wurden in einen Waggon gesteckt, die Männer in einen anderen. Jürgen blieb ohne Verpflegung zurück, ich hatte nur meine Tasche, und der Durchgang zwischen den Waggons war versiegelt.
Ich freundete mich sofort mit den anderen Frauen an, wir lachten, teilten das Essen, das die Mütter für die Reise gebacken hatten. An einer Station kam Jürgen zu uns, bat um Essen, mir wurds peinlich. Ich sagte, wir hätten nichts mehr, doch er bemerkte mein Unbehagen und beruhigte mich: Alles gut, wir haben genug. Und er lief zurück zu seinem Waggon. Ich fand ihn nicht vertrauenswürdig, er war zurückhaltend, schüchtern, würde keinen Fremden ein Stück Brot abnehmen. Nach ein paar Minuten vergaß ich ihn ganz.
Als wir an unserem Ziel ankamen, wurden wir in einem Barackenlager untergebracht 35 Frauen und Mädchen in einem Raum, die Männer in einem anderen. Man versprach uns später eigene Familienzimmer, doch ich war bereits müde vom ganzen Gerede. Ich vermied Jürgen, tat so, als wäre ich immer beschäftigt, immer in Eile. Die anderen Frauen warfen mir immer wieder vor, ich würde meinen Mann vernachlässigen.
Ich stand oft am Fenster, wartete darauf, dass er vorbeikommt, doch das kalte Nass der Sibirischen Steppe ließ mich nur frieren. Schließlich beschloss ich, mich scheiden zu lassen. Wir hatten nie Kinder, höchstens ein Jahr zusammengelebt, und die Liebe war nie da. Ein paar Mal schlief ich aus Mitleid noch mit ihm in einem getrennten Barackenzimmer.
Dann kam Grigorij, ein großer, dunkelhaariger Kerl mit einer wilden Mähne. Wir arbeiteten zusammen, bauten Beton, lachten viel, die Verpflegung war gut tschechisches Bier, Orangen, Wurst, die wir zu Hause nie gekostet hatten. Es gab Konzerte, Tanzabende in der Offizierskasino.
Meine Freundinnen stellten mich Grigorij vor, er sah mich an und ich verknallte sofort. Jürgen versuchte, mich zu überreden, doch mein Herz schlug schon für Grigorij. Ich sagte: Ich will mich scheiden. Man gab uns ein eigenes Zimmer in der Baracke, die Wände waren dünn, aber ich ging nicht mehr zu Jürgen.
Grigorij und ich wurden ein Paar, ich erzählte ihm, dass Jürgen mich nie wirklich geliebt hatte, nur aus Pflichtgefühl. Er war eifersüchtig, aber dann kam Katrin, die Buchhalterin, und machte mir das Leben noch schwerer. Jürgen geriet in einen Streit mit Grigorij an einer Station, ich hörte, dass Jürgen ins Krankenhaus gebracht wurde.
Im Krankenhaus lag er, Gesicht blau und geschwollen, das Bein wie ein Eisenblock. Ich fragte: Warum hast du dich eingemischt?
Er stöhnte: Ich wollte nur für dich da sein
Ich fühlte Mitleid, obwohl ich nie wirklich geliebt hatte. Auf der Baustelle wurden wir später nach Sibirien versetzt, dann nach der Region Baikalsee. Jürgen, der Techniker, wurde Vorarbeiter für Hydrokraftwerke, fuhr von Ort zu Ort und brachte immer Geschenke mit Süßes, das er selbst nicht essen konnte, nur für mich.
Eines Tages im Krankenhaus sah ich ihn in einem alten Pyjama, ganz erschöpft, und er flüsterte: Geh nicht weg, ich will unser Kind. Ich antwortete nur: Warum? Er sagte: Weil ich dich liebe. Ich erwiderte: Wie du willst.
Wir zogen nach Sibirien, Jürgen war still, doch er bekam einen guten Job, weil er die Berufsschule für Maschinenbau abgeschlossen hatte. Er wurde Vorarbeiter, brachte immer etwas mit nach Hause.
Ein Jahr später bekam ich ein Kind, einen Jungen, den wir Max nannten, nach Jürgens Vater. Ich merkte, dass ich nichts mehr für Jürgen fühlte weder Liebe noch Hass. Die Kinder brauchten nur Unterstützung, und Jürgen half, putzte, reparierte, ließ mich schlafen.
Eines Tages beim Wäschewaschen musste ich das Becken teilen, und ein Kollege meinte: Der Chef, du waschst die Unterwäsche der Frauen. Jürgen meinte: Wasser ist eiskalt, aber das ist egal, Hauptsache die Frauen sind zufrieden. Ich war wütend, doch seine übertriebene Zuneigung wurde für mich immer nerviger.
Unser Sohn Max war jetzt 13, kam zur Polizeischule, und ich traf dort einen netten, unverheirateten Polizisten, der gut mit Max klar kam, aber Jürgen war zu schwach, um ihn zu bestrafen.
Jürgen ging schließlich zur Ausbildung nach Berlin, wir zogen nach München, bekamen eine schöne Wohnung. Dann schickte er mich nach Moskau zur Weiterbildung. Ich sagte: Geh nicht, bleib hier. Er fuhr doch. Ich fühlte, dass alles schief läuft.
Später kam Sergej, ein Polizist, und sagte mir, ich solle mich scheiden, weil ich meinen Mann nicht liebe. Ich wurde still, wischte mir Tränen mit meinem schwarzen Kopftuch ab.
Und du?, fragte die Gesprächspartnerin. Ich sah sie an, und zwischen den Brauen lag ein tiefer Zug die Erinnerung war schwer.
Ich habe immer gedacht Jürgen schrieb mir noch heute Briefe, die ich bewahre. Keiner weiß das, aber ich behalte sie. Er schrieb, dass er mein Leben ruiniert hat, weil ich ihn nie geliebt habe, nur ertragen. Er sagte, er würde mir die Hälfte seines Gehalts schicken, damit ich über die Runden komme. Er wünschte mir Glück und Erfolg. Kein Vorwurf, kein Groll, nur Schmerz, den er für sich behielt.
Ein Blatt fiel vom Birnbaum, und die Frau im schwarzen Kopftuch wischte noch einmal die Tränen weg.
Warum weinst du?, fragte ich sie.
Weil das Leben manchmal einen Augenblick lang einen Tropfen rausholt.
Sie erzählte weiter, dass sie nachts nicht schlafen konnte, Max sich wehrte, und das alte Schreiben sie immer noch quälte. Eine ältere Kollegin sagte: Du solltest dir keinen Mann anlegen, du brauchst keinen Mann, um glücklich zu sein.
Eines Morgens dachte ich: Was tue ich hier? Ein Mann lebt sein ganzes Leben für mich, und ich Ich erinnerte mich an all die Momente, wie er mir half, wie er im Krankenhaus lag und mich hielt, wie er das Paket aus der Schneestürme brachte, das eigentlich nicht uns gehörte, und wie er trotz Kälte und Gefahr immer wieder zu mir zurückkam.
Ich erkannte, dass ich niemanden außer ihm wirklich brauche. Einen Brief zu schreiben? Er würde ihn ja nie verstehen. Ich habe Jahre lang versucht, ihm zu beweisen, dass ich nichts fühle.
Der Herbst kam, warm und goldig, und ich fuhr mit dem Zug nach Moskau, um ihn zu sehen. Der Zug fuhr langsam, ich dachte an sein Gesicht, sein kahles Haupt, seine spitzen Ohren, sein rundes Bäuchlein alles liebte ich. In der Mensa wurde mir gesagt, wo ich hinfahren soll. Ich ging zur UBahn, suchte ihn überall.
Sie ließen mich nicht ins Gebäude, ich wartete auf der Treppe, blickte nach oben, dann sah ich ihn mit seiner Aktentasche, einem kurzen Mantel und einer Mütze, er kam aus einer Gruppe, ich erstarrte vor Schreck.
Er ging vorbei, ich rief: Hey! Er blieb stehen, sah mich an, kaum zu glauben. Wir standen da, Blätter fielen wie im Herbst, die Freunde sahen uns verwirrt an. Er ließ seine Akten fallen, wir umarmten uns, konnten nichts sagen.
Ein Kommilitone rief: Das ist doch Liebe! Nach hundert Jahren treffen sie sich endlich!
Der Kopftuchträgerin war klar, dass die Geschichte zu Ende ging. Sie zeigte auf das Grab, wo ihr Gesprächspartner einst gearbeitet hatte, und sagte: Das war er, dein Mann.
Ist er noch am Leben?, fragte die andere.
Ja, er lebt, antwortete die Frau, Gott sei Dank! Er kam, um mich wieder abzuholen, und wir helfen der Tochter.
Ein etwas beleibter Mann in einer schwarzen Jacke kam dazu, grüßte freundlich: Müde, Jürgen? Hast du noch Tee? die Frau schüttelte den Staub von ihrer Schulter.
Sie gingen zusammen die gelbe Friedhofsallee entlang, vorbei an den Gräbern. Die Frau im grauen Hut drehte sich noch einmal zu ihrer Gesprächspartnerin um, winkte und sagte: Glück ist, zu lieben und geliebt zu werden.




