Leya. Die Welt in mir.

Lölya. Eine innere Welt.
Ich komme aus einer einfachen, warmen und erstaunlich stillen Familie. Wir sind vier Kinder: zwei ältere Brüder, eine Schwester und ich, das jüngste. Mein Vater nennt mich immer wieder anders Olya, Olenka, Olyushka doch sein spezieller Kosename für mich ist Lölya. Er spricht ihn, als würfele er mich auf weiche Wellen, als sei in diesem Namen etwas Warmes, Sommerliches, völlig Heimisches. Ich bitte jeden, mich genau so zu nennen, wie Papa es tut.

Meine Eltern sind ganz gewöhnliche Menschen und gerade solche Menschen machen die Welt schön. Mama arbeitet als Verkäuferin im Laden, Papa ist Mechaniker. Sie leben schlicht, aber friedlich, behutsam, in einer stillen Partnerschaft, in der laute Worte fehlen, dafür aber viel beständige, stille Wärme herrscht.

Papa kommt nach Hause mit dem Geruch von Maschinenöl, von Straße und Wind. Er trägt immer ein paar Tüten bei sich: Gläser mit Hausgemachtem von Nachbarn, die nicht bezahlen können; Säcke mit Kartoffeln; Wassermelonen, die er gerade zu ungünstigen Zeiten nach Hause schleppte. Er ist jemand, der nicht an fremde Bitten vorbeigeht.

Die Ausgaben verwaltet Mama. Das ist ihr kleines Reich: Ordnung, Rechnung, Genauigkeit. Sie gibt nie zu viel aus, doch wenn es um Bildung, Bücher, Kurse geht, spendet sie ohne Zögern. Bei Papa spart sie, bei uns aber nicht. Jeden Freitag, fast wie ein Ritual, sitzt sie vor dem Fernseher, holt eine Schachtel mit Garn und beginnt zu flicken. Sie heilt all unsere Kleider, genauso geduldig, wie sie uns mit ihrer Ruhe und Aufmerksamkeit heilt.

Mama ist sanft, ruhig, leicht rundlich, mit schönen dichten Haaren, die sie zu einem festen Dutt bindet. Ich habe noch nie gehört, dass sie mit Papa streitet. Sie können stundenlang leise reden, als gehöre ein besonderer, nur ihnen verständlicher Kosmos dazu.
Papa spricht kurz und einfach zu uns:
Na, Kinder, alles klar?
Und er klopft uns der Reihe nach auf den Kopf. Er hebt mich hoch, wirft mich in die Luft, sodass ich für einen Augenblick die Welt von oben nach unten sehe. Das sind meine Lieblingsmomente. Ich glaube, unsere Familie ist ideal, so wie in den Büchern, in denen alles richtig ist.

In der Schule bin ich das Gegenteil: laut, farbenfroh, emotional. Gedichte fallen mir leicht, Texte noch leichter. Bis zur fünften Klasse weiß ich, dass ich auf die Bühne will, ins Theater gehen möchte. Als ich das Mama erzähle, verschüttet sie fast ihren Tee. Papa lacht:
Was, Lölya? Dann probiers doch!

Ich gehe meinen Weg lerne, trete auf, arbeite bei Festen, schreibe Texte, Glückwünsche, MiniSzenen Und eines Tages beschließe ich, ein kleines, ganz simples Buch über ein Mädchen zu schreiben, das sich selbst sucht. Ich zweifle bis zum Schluss, ob ich das Manuskript überhaupt jemandem zeigen soll. Ich schreibe nachts, heimlich, zwischen den anderen Dingen. Es ist zu persönlich, zu kein Buch.

Ich zeige es nur einer Freundin. Sie liest es und sagt plötzlich:
Ich möchte dein Buch jedem schenken, der zu meinem Geburtstag kommt

Ich denke, ich habe mich verschrieben.
Welches Buch? Was meinst du? Das sind doch Entwürfe

Meine Freundin neigt den Kopf, lächelt sanft:
Lölya, du schenkst mir seit Jahren deine Freundschaft, deine Seele. Dieses Jahr will ich dein Buch allen geben, als Dank. Ich kann es mir leisten.

Ihre Worte verwirren mich. Zwei Tage lang überlege ich, dass das nicht geht, dass das nicht ernst ist. Doch sie hat bereits einen Gestalter, einen Drucker gefunden und besteht darauf:
Lass es erscheinen. Ich weiß, es wird allen gefallen.

Und so geschieht es. Das Buch fliegt sofort, weil es ehrlich, lebendig, ohne künstlichen Schnickschnack ist. Die Menschen erkennen sich darin, ihre Ängste, Hoffnungen, die unausgesprochene Wahrheit. Es wird zum Geschenk.

Dann will ich etwas Tieferes schreiben über die Familie, die Wurzeln, die Menschen, dank denen ich bin. Diese Entscheidung öffnet eine Tür, auf die ich völlig unvorbereitet bin.

Ich muss mit den Eltern reden, etwas aus ihrer Vergangenheit erfahren, Daten, Geschichten klären. Ich rufe Mama an. Sie spricht stockend:
Dein Vater ist nicht da, er ist er ist weg aus beruflichen Gründen.

Ich bin überrascht, denn sonst weiß Mama immer, wo Papa ist. Ich rufe Papa an er meldet sich sofort, fröhlich:
Hallo Lölya! Ich bin bei meiner Oma, repariere den Zaun.

Warum hat Mama das nicht gesagt? Auf dem Weg dorthin spüre ich, dass in ihrer Stimme mehr ist als nur eine Pause.

Als ich ins Haus komme, steht Mama in der Küche. Leise sagt sie:
Wir haben uns getrennt, das passiert manchmal

Papa und Mama, die ich immer als Ideal in mir getragen habe. Ich kann kaum atmen oder denken. Meine Geschwister wussten es längst, sagten aber nichts, weil ich gerade ein Kind bekommen hatte. Wir wollten dich schützen.

Beschützen? Vor der eigenen Familie? Ich fahre zu Papa, fordere Erklärungen. Er schweigt, blickt eher zu Boden als zu mir. Auch Mama schweigt. Einmal bricht sie aus:
Und warum dachtest du, wir seien glücklich, Lölya? Du warst klein, hast vieles nicht gesehen. Wochenlang haben wir nicht geredet. Er kann nicht lieben, er hat es nie gekonnt.
Mama, warum sagst du das?
Er hat es mir gesagt.

Etwas in mir zerbricht. Ich antworte nicht mehr auf Papas Anrufe, denke nicht mehr an das Buch, finde mich selbst nicht mehr.

Als meine Freundin vorschlägt, nach Indien zu reisen, glaube ich zunächst nicht:
Jetzt? Wohin? Ich kann nicht

Am Abend erzähle ich meinem Mann davon, er lächelt und sagt ruhig:
Fahr. Du brauchst diese Reise.

Ich will widersprechen, er unterbricht sanft und bestimmt:
Lölya, fahr. Wir schaffen das.

Und ich fahre. Das Retreat leitet eine bemerkenswerte Frau, Jana Friedlich. Sie bittet, genau so genannt zu werden. Ihr spiritueller Lehrer gab ihr diesen Namen nach langer Praxis in einem Kloster. Jana bedeutet Gnade, Friedlich bedeutet Frieden. Sie strahlt eine tiefe innere Klarheit aus, als hätte sie ihre Natur bereits längst entschlüsselt. Sie ist hell, nicht naiv, sondern wirklich klar. Sie sagt nie nein, niemals. Das ist keine Unterwerfung, sondern pure Akzeptanz.

Wir fahren zum Kloster St. Martin, das die Einheimischen liebevoll Mäusekloster nennen, weil dort Hunderte heiliger Mäuse leben die Seelen der Ahnen. Sie werden gefüttert, beschützt, verehrt. Wir Mädchen erschrecken, doch Jana kniet nieder, füttert sie mit einem Korn aus der Hand und flüstert:
Leben erscheint nicht immer in der Form, die wir erwarten. Aber Leben ist überall.

Sie genießt die Sonne, jedes Blatt, jedes Grashalm, den Schatten einer Palme, die unebene Wolkenlinie Sie lebt hier und jetzt nicht als Slogan, sondern als Atem. Ihre einfachen Sätze bewegen etwas tief in mir.

Am Abend nach der Meditation kehren wir zurück. Die Sonne geht tief, feucht, fast wie geschmolzenes Gold am Horizont. Jana schlägt vor, still auf dem Dach unseres Klosters zu sitzen. Alle gehen zurück in ihre Zimmer, ich bleibe. Der Sonnenuntergang lässt mich ein seltsames Ziehen spüren nicht Traurigkeit, nicht Einsamkeit, sondern etwas zwischen.

Jana sitzt neben mir, schaut schweigend in die Ferne. Sie stellt keine Fragen. Sie sitzt nur, damit ich ihre Präsenz fühle. Als ich schwer ausatme, wendet sie sich zu mir:
In deiner Stille liegt Spannung, Lölya, sagt sie. Du sitzt still, doch in dir weht ein Sturm.

Ich lächle:
Ich bin immer so, denke viel.

Nein, erwidert sie sanft. Heute denkst du nicht. Heute versteckst du dich.

Sie schaut mich ruhig an, ohne Druck, und fügt hinzu:
Manchmal schweigt ein Mensch nicht, weil er nicht reden will, sondern weil er Angst hat, seine eigene Wahrheit zu hören.

Ihre Worte treffen mich. Ich drehe mich weg, will nicht, dass sie meine zitternden Lippen sieht. Doch sie fährt fort, fast wie ein Gedankenleser:
Wenn eine Frau ihre Wahrheit verbirgt, verbirgt sie sie zuerst vor sich selbst. Das Herz weiß immer. Es schlägt jetzt ängstlich, wie ein Küken, das nach einem Versteck sucht.

Dann stellt sie die entscheidende Frage:
Woher kommt dieses Küken, Lölya? Woher diese Angst?

Sie sieht mir tief ins Herz, nicht in die Augen. Das ist Jana sie fragt nicht direkt, sie sieht. Sie führt mich zur Wahrheit durch ihr bloßes Dasein. Ich erzähle ihr alles. Sie hört lange zu, dann sagt sie:
Du liebst deine Eltern sehr und wolltest sie vor der Trennung retten. Doch Kinder retten Eltern nicht. Kinder lieben, lassen los. Du hast die Last übernommen, die nicht deine ist. Du kannst sie nicht tragen, und du musst es nicht.

Ich weine. Sie streichelt meine Hand und sagt:
Du bist eine Tochter, keine Richterin, kein Friedensstifter, kein Therapeut. Das ist das Wichtigste. Nimm diesen Platz zurück dann wird das Leben leichter.

Zum ersten Mal seit langem atme ich wirklich aus.

Zuhause rufe ich sofort Papa an:
Papa, bitte verzeih mir. Ich liebe dich. Hörst du? Ich liebe dich.

Stille. Dann ein Schluchzen.
Ich habe gewartet, Lölya ich habe auf deinen Anruf gewartet

Am Abend gehe ich zu Mama. Wir sitzen in der Küche, und Mama wirkt plötzlich wieder wie früher: hell, ein wenig verlegen, leicht komisch. Wir reden bis in die Nacht. Zum ersten Mal sehe ich sie nicht nur als Mama, sondern als Frau mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem Schmerz, ihren Entscheidungen, ihrer Freiheit. Das gibt mir Kraft.

Ein paar Tage später öffne ich den Laptop und beginne, ein neues Buch zu schreiben. Nicht über die perfekte Familie, sondern über das echte Leben. Über Liebe in ihren vielen Formen, über den Weg, der einfach ein Weg ist. Über Erinnerung, über Akzeptanz. Über das Licht, das nicht dort ist, wo alles richtig ist, sondern dort, wo alles ehrlich ist. Und ich weiß: Dieses Mal schreibe ich nicht als Mädchen, sondern als Frau als Lölya, die ihren eigenen inneren Frieden gefunden hat.

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Homy
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