Phase der Verwandlung: Ein Neues Kapitel Beginnt

**Die Zeit der Wandlung**
Sabine ging erschöpft und leer nach Hause. In der einen Hand hielt sie ihre Handtasche, in der anderen eine Tüte mit Einkäufen vom Weg. Ihre Beine zitterten. Sie wünschte sich, sich einfach auf den Boden zu setzen und nichts mehr zu tun. Doch zu Hause wartete Tim. Ihr Sohn. Der einzige Sinn ihres Lebens. Ohne ihn hätte sie längst diesen sinnlosen Dasein beendet.
Manche werden mit einem silbernen Löffel im Mund geboren alles gelingt ihnen mühelos. Andere, wie Sabine, scheinen für ewiges Leid bestimmt. In der zehnten Klasse, auf der Geburtstagsfeier einer Freundin, traf sie einen Jungen, zwei Jahre älter. Er wirkte wie ein Erwachsener, stark, ohne Grenzen. Sie verliebte sich und verlor den Verstand.
Sabine war nicht schön, aber hübsch und anziehend, wie junge Mädchen in ihrem Alter es oft sind. Ihre grauen Augen strahlten Offenheit, ihr braunes Haar fiel glatt herab, ihre Lippen waren wohlgeformt, ihre Figur schlank mit sanften Rundungen an den richtigen Stellen.
Im Januar wurde ihre Mutter mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Die Wohnung stand Sabine und ihrem Freund zur Verfügung. Damals passierte, was unerfahrenen Mädchen mit siebzehn oft widerfährt. Sie gab den Versprechungen und den leichten Liebesschwüren nach.
Als Sabine merkte, dass sie schwanger war, rannte sie sofort zu ihrem Freund.
Was habe ich damit zu tun? Was für ein Vater soll ich sein? Sieh mich an. Such dir einen anderen Dummen, sagte er und verschwand so schnell aus ihrem Leben, wie er aufgetaucht war.
Und jetzt? Mit wem sollte sie sprechen, ihr Leid teilen? Die Zeit verging, und Sabine konnte sich nicht überwinden, es ihrer Mutter zu sagen.
Der Frühling kam, und es war Zeit, die leichten Kleider herauszuholen. Sabine stand vor dem Spiegel und versuchte, ihre Jeans über die breiter gewordene Taille zu schließen. Ihr Shirt passte nicht mehr über die Brust.
Du hast aber zugenommen, hörte sie die Stimme ihrer Mutter hinter sich. Sabine zuckte zusammen. Lass mal sehen Die Mutter drehte sie zu sich, seufzte und griff sich an den Hals.
Von wem? Wie weit bist du? Warum hast du geschwiegen?
Die Mutter schrie, demütigte sie und rannte hinter Sabine her, die schluchzend mit einem Handtuch in der Hand weglief. Später saßen sie auf dem Sofa, umarmt, und weinten gemeinsam. Für eine Abtreibung war es zu spät.
Sabine bestand ihr Abitur, aber ein Studium war nicht mehr drin. Ende September brachte sie einen süßen Jungen zur Welt, in dessen Zügen sie die Spuren ihres leichtfertigen, verantwortungslosen Liebhabers erkannte.
Als der Junge älter wurde, half ihre Mutter, ihm einen Job in der Hausverwaltung zu besorgen. Die Arbeit gefiel Sabine nicht. Die Mieter beschwerten sich ständig, verlangten Dinge, drohten. Es fiel ihr schwer, Schritt zu halten. Abends putzte sie zusätzlich Büros und Flure voller Schuhspuren. Ihr Sohn wuchs, brauchte Kleidung, der Kindergarten musste bezahlt werden.
Tim war ein ruhiger Junge, der seiner Mutter und Großmutter keine Probleme machte. Sabine verzichtete auf alles, nur damit er keine Liebe, Zuwendung oder Spielsachen entbehren musste.
Als er in die Schule kam, wurde ihre Mutter schwer krank und starb acht Monate später. Sabine nahm einen weiteren Job an die Reinigung eines Büros in der Nähe. Böden zu wischen war keine große Sache, aber nach einer Renovierung mussten auch Fenster geputzt werden. Sie kam völlig erschöpft nach Hause.
Dann kam Tim in die Pubertät. Er wurde störrisch und verschlossen. Er antwortete nicht auf Fragen über die Schule, war oft wütend. Sabine spürte, dass sie ihn im Auge behalten musste. Er konnte in Schwierigkeiten geraten. Aber sie kam spät nach Hause, hatte kaum Kraft für ein einfaches Abendessen und die Frage, wie sein Tag gewesen war.
In letzter Zeit bemerkte Sabine Kratzer in Tims Gesicht und blaue Flecken an seinen Armen. Er winkte ab und sagte, er sei im Sportunterricht hingefallen
Und dann sah sie ihn mit einem Mädchen. Es wäre in Ordnung gewesen, aber sie sah seltsam aus. Ein schwarzes Shirt, drei Nummern zu groß, weite Hosen, rot gefärbte Haare und ein Nasenring. Vielleicht war sie ein nettes Mädchen, vielleicht nur eine Mode. Aber nicht alle Mädchen schienen so.
Sabine versuchte, mit Tim zu reden, doch er runzelte wie immer die Stirn und schloss sich in seinem Zimmer ein. Was sollte sie tun? Sie dachte, sie müsse seine erste Liebe überstehen wie eine Krankheit. Verbote und Streit würden nichts ändern. Doch ihr Herz blutete. Den ganzen Tag war er allein zu Hause. Würde er ihren Fehler wiederholen oder etwas Schlimmeres?
Auf dem Heimweg versuchte sie, durch das junge Laub das Licht in den Fenstern ihrer Wohnung zu erspähen. Die dunklen Scheiben ließen keinen Zweifel Tim war nicht da.
Sabine stieg schwer die Treppe hinauf, den Kopf gesenkt wie ein müdes Zugpferd. Der Griff der Tüte schnitt in ihre Finger, als wolle sie ihn wegwerfen. Gerade als sie sich an die Wand lehnte, sauste Jan, Tims Freund, an ihr vorbei wie ein Wirbelwind.
Jan?!, rief sie. Was rennst du wie verrückt?
Der Junge lief noch ein paar Schritte, bevor er stehenblieb. Er zögerte, sprang dann zwei Stufen auf einmal zurück.
Tante Sabine, keuchte Jan. Ich dachte Tim ist nicht zu Hause. Dann ist er bei ihnen
Sag schon, was ist passiert? Wo ist Tim? Mit wem?!, fragte Sabine aufgeregt.
Ich Ich habe sie reden gehört Tanja, seine Freundin, hat ihn und andere Jungs überredet, vom Dach des Neubaus zu springen, um ihr seine Liebe zu beweisen, und sie wollten es filmen fürs Internet, platzte Jan heraus. Aber ich glaub, ich hab sie gesehen, ich versuch, ihn aufzuhalten! Und schon war er die Treppe hinuntergerast und ließ Sabine mit einem Herz voller Angst zurück doch auch mit der Hoffnung, dass die beiden Jugendlichen die Kraft finden würden, einander zu beschützen und zu lernen, dass wahre Liebe keine verrückten Opfer verlangt, sondern Verständnis und Geduld.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Phase der Verwandlung: Ein Neues Kapitel Beginnt
Konnte nicht lieben – Mädchen, gesteht mal ehrlich, wer von euch ist Lilia? – fragte die junge Frau mit einem verschmitzten Blick und musterte mich und meine Freundin neugierig. – Ich bin Lilia. Und warum? – entgegnete ich irritiert. – Hier, Lilia. Ein Brief von Wladimir. – Die Fremde zog einen zerknitterten Umschlag aus der Tasche ihres Arbeitskittels und reichte ihn mir. – Von Wladimir? Wo ist er denn selbst? – wunderte ich mich. – Er wurde in ein Wohnheim für Erwachsene verlegt. Er hat auf dich gewartet, Lilia, wie auf den ersten Sonnenstrahl nach einem langen Winter. Er hat mir den Brief zum Lesen gegeben, damit ich die Fehler kontrolliere. Wladimir wollte sich vor dir nicht blamieren. Nun muss ich weiter, gleich gibt es Mittagessen. Ich arbeite hier als Erzieherin. – Sie warf mir einen tadelnden Blick zu, seufzte und verschwand. …Damals schlenderten meine Freundin und ich während der Sommerferien zufällig auf das Gelände eines fremden Hauses. Wir waren sechzehn, genossen die freien Tage und suchten Abenteuer. Svetlana und ich ließen uns auf eine bequeme Bank nieder, plauderten und lachten. Plötzlich kamen zwei junge Männer auf uns zu. – Hallo Mädels! Langweilt ihr euch? Dürfen wir uns vorstellen? – sagte einer und reichte mir die Hand, – Wladimir. Ich erwiderte: – Lilia. Das ist meine Freundin Svetlana. Und wie heißt dein schweigsamer Freund? – Leonid, – entgegnete der Zweite leise. Die Jungs wirkten sehr brav und etwas altmodisch. Wladimir musterte uns streng: – Mädels, warum tragt ihr so kurze Röcke? Svetlana, dein Ausschnitt ist aber ziemlich gewagt. – Na, Jungs, dann schaut doch einfach nicht hin. Sonst „wandern“ eure Blicke noch in unterschiedliche Richtungen, – scherzten wir. – Schwer, nicht hinzuschauen. Schließlich sind wir Männer. Raucht ihr etwa auch? – fragte Wladimir weiter neugierig. – Natürlich – aber wir inhalieren nicht, – lachten wir. Erst jetzt bemerkten wir, dass mit den Beinen der beiden etwas nicht stimmte. Wladimir bewegte sich schwerfällig, Leonid hinkte auf einem Bein. – Seid ihr hier zur Behandlung? – fragte ich. – Ja. Motorradunfall bei mir. Leonid hat sich beim Sprung von einer Klippe verletzt, – sagte Wladimir wie auswendig gelernt. – Bald werden wir entlassen. Wir glaubten die „Legenden“ der Jungs. Damals ahnten wir nicht, dass Wladimir und Leonid von Kindheit an behindert waren und lange im Heim leben mussten. Für sie bedeuteten wir ein Stück Freiheit. Sie lebten und lernten in einem Heim, abgeschottet von der Außenwelt. Jeder hatte sich eine Ausrede für seine Behinderung zurechtgelegt: ein angeblicher Unfall, ein Sturz, eine Schlägerei … Wladimir und Leonid waren klug und belesen, mit einer Reife, die über ihr Alter hinausging. Svetlana und ich besuchten die beiden nun jede Woche. Einerseits taten sie uns leid, wir wollten ihnen Freude bereiten; anderseits konnte man von ihnen viel lernen. Unsere kurzen Treffen wurden zur Gewohnheit. Wladimir schenkte mir Blumen von der nächsten Rabatte, Leonid brachte jedes Mal Origami für Svetlana, das er selbst gebastelt hatte. Wir saßen dann zu viert auf der Bank: Wladimir neben mir, Leonid mit dem Rücken zu uns, stets Svetlana im Blick. Sie war verlegen, wurde rot, aber mochte die Gesellschaft des zurückhaltenden Leonid. Wir redeten über Gott und die Welt. Der warme Sommer verging im Flug. Es kam ein nasser Herbst, die Ferien waren vorbei und die Abschlussklasse begann. Wir vergaßen Wladimir und Leonid vollkommen. …Die Prüfungen, das letzte Klingeln, der Abschlussball waren geschafft. Mit Hoffnungen im Gepäck stand der Sommer bevor. Wir besuchten erneut das Heim, warteten dort vergebens stundenlang auf Wladimir und Leonid. Plötzlich kam eine junge Frau aus dem Haus und gab mir Wladimirs Brief. Ich öffnete den Umschlag: „Meine geliebte Lilia! Du bist mein duftender Blumenstrauß! Mein unerreichbarer Stern! Vielleicht hast du nicht gemerkt, wie ich mich augenblicklich in dich verliebt habe. Unsere Treffen waren für mich wie Atemluft, wie Leben. Seit einem halben Jahr sitze ich am Fenster und warte auf dich. Du hast mich vergessen. Wie schade! Unsere Wege trennen sich. Aber ich bin dir dankbar, denn ich habe echte Liebe kennengelernt. Ich erinnere mich an deine samtige Stimme, dein lockendes Lächeln, deine zarten Hände. Wie schlecht es mir ohne dich geht, Lilia! Dich noch einmal sehen zu dürfen! Ich möchte atmen, doch mir fehlt die Luft … Leonid und ich sind jetzt achtzehn. Bald werden wir in ein anderes Heim verlegt. Wir werden uns wohl kaum wiedersehen. Meine Seele ist in Fetzen! Hoffentlich werde ich irgendwann über dich hinwegkommen und gesund werden. Leb wohl, meine Schöne!“ Dein immerwährender Wladimir. Im Umschlag lag eine getrocknete Blume. Ich schämte mich sehr. Mein Herz krampfte, weil sich nichts mehr ändern ließ. Mir schossen die Worte durch den Kopf: „Wir sind verantwortlich für die, die wir zähmen.“ Ich hatte keine Ahnung, was für Gefühle in Wladimir brannten. Aber ich hätte sie nicht erwidern können. Zu Wladimir hatte ich nie große Gefühle, nur freundliche Zuneigung und Neugier auf kluge Gespräche – nicht mehr. Ja, ich habe ein wenig geflirtet, ihn geneckt – wohl unwissentlich das Feuer seiner Liebe geschürt. …Viele Jahre sind vergangen. Wladimirs Brief ist vergilbt, die Blume zu Staub geworden. Doch ich erinnere mich an unsere unschuldigen Treffen, die sorglosen Gespräche, das ausgelassene Lachen über seine Späße. Diese Geschichte hat eine Fortsetzung: Svetlana war tief berührt von Leonids Schicksal. Seine Eltern hatten ihn wegen seiner „Andersartigkeit“ verstoßen – ein Bein war von Geburt an viel kürzer. Svetlana machte ihren Abschluss als Pädagogin und arbeitet heute im Heim für Menschen mit Behinderung. Leonid ist ihr geliebter Ehemann. Sie haben zwei erwachsene Söhne. Wladimir hingegen, erzählte Leonid, lebte lange allein. Mit vierzig kam seine Mutter, sah den einsamen Sohn, brach in Tränen aus, entdeckte die alte Liebe neu und nahm ihn mit ins Dorf. Was dann geschah, verliert sich im Dunkel der Zeit …