Du musst mir verzeihen und mir helfen, sagt die Mutter, die gerade überfordert wirkt.
Was denn jetzt?, fragt Anneliese, während sie sich leicht zurücklehnt.
Ich habe niemanden mehr, zu dem ich gehen kann!, wirft die Mutter, Klara Schmitt, verzweifelt.
Also soll ich dir helfen, weil du in einer ausweglosen Situation bist?, erwidert Anneliese mit einem halbherzigen Lächeln.
Natürlich!, schreit Klara. Du bist doch meine Tochter!
Hm, das klingt interessant, aber auch zweifelhaft, murmelt Anneliese und streckt den Hals. Das Argument ist mager.
Hör doch endlich auf! Du weißt doch, in welcher Lage ich bin! Ich schaffe das nicht allein!, hebt Klara die Stimme. Du bist verpflichtet, mir zu helfen! Ich habe sonst niemanden mehr!
Anneliese denkt nach. Das klingt nach einer bekannten Rede. Wo hab ich das schon gehört?, tut sie, als ob sie tief nachdenken würde. Ach ja, ich erinnere mich! Das war genau vor drei Jahren, als ich zu dir kam.
Damals habe ich nicht gesagt, du musst mir helfen, weil du meine Mutter bist, sondern ich habe um einen Gefallen gebeten.
Und zwar nicht um Geld oder eine Wohnung, sondern nur darum, dass Günther Petersen meinem Mann eine Stelle gibt.
Was hast du damals gesagt?
Klara senkt den Blick. Ich erinnere mich nicht mehr.
Ich aber schon! Du hast gesagt, das sei ein persönliches Problem meines Mannes, er könne keine Arbeit finden!
Und du willst dich nicht für DIESEN Mann abmühen!, sagt Anneliese scharf.
Aber er hat doch dann eine Arbeit gefunden!, krümmt Klara die Lippen.
Ja, das hat er, bestätigt Anneliese. Er ist ein guter Ehemann und ein wunderbarer Vater! Trotzdem hat er ein halbes Jahr als Staplerfahrer gearbeitet, nur um uns zu versorgen, bis er in seinem Beruf eine ordentliche Stelle findet.
Wäre Günther Petersen damals von uns kontaktiert worden, hätte Klaus sofort bei ihm anfangen können, anstatt ein halbes Jahr zu warten, bis die Stelle frei wurde!
Hast du meinen Bekannten gestört?, ruft Klara empört. Wie kannst du das wagen?
Ich nicht, dein Günther hat die Anzeige geschaltet, und Klaus hat sich sofort beworben!, erklärt Anneliese. Wenn du mir geholfen hättest, wäre ich dir dankbar gewesen.
Aber ich will nicht! Und ich muss es nicht!, lächelt Anneliese verächtlich.
Du bist wütend auf deine Mutter? Auf die heiligste Person in deinem Leben? Das ist unvorstellbar!
Unvorstellbar ist, wenn die Mutter ihrer Tochter nicht hilft, obwohl es ihr nichts kostet!, erwidert Anneliese. Und das Heiligste, das hast du völlig verfälscht.
Du warst nie die heiligste Person in meinem Leben! Oder willst du darüber streiten?
Anneliese blickt klug zu ihrer Mutter.
Ich will nicht streiten, ich brauche Hilfe!
Nicht von mir!, winkt Anneliese ab.
Wenn du mir nicht helfen willst, dann hilf wenigstens deinem Bruder!, fließt Klara ein Tränen. Er braucht ebenfalls Unterstützung.
Ach, Bruder!, lacht Anneliese. Denkt das wirklich etwas?
Ich weiß, du magst mich nicht, weil ich Klaus nicht geholfen habe, aber Vladik hat dir nie etwas angetan! Und er braucht jetzt wirklich Hilfe.
Ich tue alles für ihn, aber ich schaffe das allein nicht. Ich bitte nicht für mich, sondern für Vladik.
Erstens, du forderst, nicht bittest!, bemerkt Anneliese. Zweitens habe ich zu Vladik keinerlei warme Gefühle, und das liegt an dir!
***
Vor der Geburt ihres Bruders war Anneliese das Lieblingskind ihrer Eltern. Alles war für sie reserviert: Liebe, Aufmerksamkeit, Süßigkeiten und jedes Wunschgeschenk.
Als jedoch ihr kleiner Bruder Lukas geboren wurde, verfiel sie zum Ausgestoßenen. Ohne Übertreibungen: Sie verlor sämtliche Zuneigung und wurde zur Last.
Sie war erst neun, als Lukas das Licht der Welt erblickte allerdings nicht von ihrer Mutter, sondern von einem unbekannten Liebhaber. Der Vater, Rolf, stellte sofort die Frage:
Wessen Kind ist das?
Die Mutter, nicht bereit zu lügen, antwortete selbstgefällig:
Von meinem Geliebten! Nicht von einem erbärmlichen Typen wie dir!
Rolf reichte die Scheidung ein, die jedoch abgelehnt wurde, weil Lukas noch kein Jahr alt war. Daraufhin klagte Rolf um Vaterschaft und ließ prüfen, ob Anneliese seine Tochter sei. Das Ergebnis: Sie war es nicht.
Rolf verlangte die Löschung aus den Geburtsurkunden von Anneliese und Lukas, um Unterhaltsansprüche zu verhindern. Im Scheidungsverfahren wurde ihm jedoch erneut verwehrt, bis Lukas ein Jahr alt ist.
Er packte seine Sachen und sagte:
Wir sehen uns in einem Jahr dann können wir die Scheidung endgültig regeln.
So bleibt Anneliese bei ihrer Mutter und dem kleinen Bruder. Mit neun Jahren erkennt sie, dass Lukas mehr Pflege braucht als sie selbst. Doch Klara schenkt ihr kaum noch Aufmerksamkeit.
Der Alltag wird für Anneliese zum Prinzip des Restes: Wenn Geld übrig bleibt, kann sie etwas kaufen; wenn noch Essen im Topf ist, darf sie davon naschen. Ohne die netten Nachbarn wäre ihr das alles unmöglich gewesen.
Durch die wechselnden Liebhaber ihrer Mutter bekommt Anneliese gelegentlich kleine Geschenke: ein Spielzeug, ein Leckerbissen oder ein Kleidungsstück.
Als sie zur Pubertät gelangt, erwidert sie der Mutter das, was sie selbst von ihr erfahren hat: wenig Respekt, kaum Zuneigung. Sie spuckt ihr nicht ins Gesicht, aber ein respektloses Verhalten ist logisch.
Wie sie trotz schlechter Einflüsse nicht völlig den Anschluss verliert, bleibt ein Rätsel vielleicht hat Nachbarin Tante Olga sie ein wenig gerettet.
Nach der neunten Klasse tritt Anneliese in eine Fachschule ein, bekommt ein Wohnheim und kehrt nie wieder nach Hause zurück. Der Kontakt zu ihrer Mutter bleibt sporadisch, meist zu Feiertagen, während Klara selten nach ihrem Befinden fragt.
Anneliese lebt von ihrem Stipendium, arbeitet nebenbei und überlebt praktisch. Klara hingegen investiert jeden Euro in ihren Sohn Klaus.
Als Anneliese heiratet, lädt sie weder Bruder noch Mutter ein. Klara erfährt von der Hochzeit erst, als Tante Olga damit prahlt, dass sie auf Annelieses Hochzeit getanzt hat.
Der neue Ehemann, Klaus, ist freundlich, aufmerksam und fürsorglich. Anneliese schwebt vor Glück. Er hat jedoch eine Schwäche: Keine Durchsetzungskraft. Er wäre ein erfolgreicher Juwelen-Polierer, könnte ein eigenes Unternehmen führen, entscheidet sich aber für einen Job im öffentlichen Dienst.
Sie haben ein gutes, harmonisches Leben, bis das Unternehmen, in dem Klaus arbeitet, plötzlich schließt und viele Menschen, darunter er, arbeitslos werden. Klaus plant, mehrere tausend Kilometer zu pendeln, um dort wo ein ähnlicher Betrieb ist, zu arbeiten.
Dann erinnert sich Anneliese an Günther Petersen, den ehemaligen Liebhaber ihrer Mutter, der eine Juwelierwerkstatt besitzt. Sie hat Angst, ihn direkt zu fragen, weil er sie vielleicht nicht mehr kennt, ihre Mutter aber schon.
Sie bittet Klara, Klaus bei Günther zu empfehlen. Klara lehnt sofort ab, doch Anneliese drängt weiter: Kinder, keine anderen Anlaufstellen.
Klaus arbeitet als Staplerfahrer, bleibt aber in der Stadt. Er erzählt, Günther habe ständig Stellen frei, aber er schicke Leute mit krummen Händen sofort weg. Zwei ihrer Bekannten arbeiten dort bereits und bleiben nicht lange.
Nach einem halben Jahr schafft Klaus den Sprung zurück in die Juwelierbranche, behält seine Fähigkeiten und bekommt viele Lobeshymnen. Das Glück kehrt zurück in die Familie, während das Haus von Klara immer düsterer wirkt.
Lukas, den die Mutter immer verwöhnt hat, glaubt, er habe Sonderrechte, und wählt einen falschen Weg. Er gerät in kriminelle Machenschaften, wird vom Staat zehn Jahre unter Aufsicht gestellt. Die Mutter bezahlt alles, bekommt keinen Kredit, niemand will ihr Geld leihen.
Sie will die Schulden aus ihrem Gehalt tilgen, muss aber auch Pakete an Klaus schicken und für ihn die Gunst der Nachbarn sichern Geld fehlt.
Sie wendet sich an ihre Tochter:
Du hast keine Wahl! Ich habe dich geboren, aufgezogen, du bist seine Schwester! Du bist die Einzige, die helfen kann!
Er wird dort sterben, wenn wir ihm nicht helfen!, schreit Klara verzweifelt. Wir sind die einzigen Verwandten, wir dürfen ihn nicht im Stich lassen!
Und was habe ich damit zu tun? Ich habe ihn nicht zur Kriminalität gezwungen! Er hat sich selbst entschieden!, erwidert Anneliese. Ich fühle kein Mitleid. Normale Menschen arbeiten, gründen Firmen, verdienen ihr Geld.
Vladik wollte leichtes Geld, aber für leichtes Geld zahlt man teuer! Ich will ihn nicht weiter finanzieren! Wir verdienen unser Geld selbst!
Tochter, hilf mir, ich schaffe das nicht allein!, fällt Klara zu Boden.
Ich helfe dir nicht! Du hast das verdient, was du bekommst. Hättest du Lukas nicht verwöhnt, wäre er kein Verbrecher.
Wenn du wenigstens ein bisschen für mich da wärst, würde ich es noch einmal überdenken!, sagt Klara hoffnungsvoll, doch Anneliese schüttelt den Kopf. Keinesfalls! Kein einziger Cent!
Klara erhebt sich, Tränen trocknen sofort, ihr Blick verfinstert sich, die Stimme wird kalt:
Er wird zurückkommen! Und er wird mit dir abrechnen!
Ich schulde ihm nichts!, besteht Anneliese. Wie du!
Ich glaube nicht, dass er das so sieht!, zischt Klara, voller Rachsucht. Morgen schreibe ich ihm einen Brief, in dem ich beschreibe, wie du ihm die Hilfe verweigert hast.
Warte! Lebe und fürchte dich! Lukas wird zurückkommen!





